(145) _Alfred Robitsek_ im Zentralblatt f. Ps.-A. II, 1911, p. 340.
»Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig -- zuletzt auch von
_Havelock Ellis_(146) -- vorgebrachter Einwand lautet, daß die
Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, aber
keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun die
psychoanalytische Forschung zwischen normalem und neurotischem
Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative
Unterschiede kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei
Gesunden und Kranken in gleicher Weise die verdrängten Komplexe wirksam
sind, die volle Identität der Mechanismen, wie der Symbolik. Ja die
unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine viel einfachere,
durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die neurotischer
Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden Zensur und der
hieraus resultierenden weitergehenden Traumentstellung häufig gequält,
dunkel und schwer zu deuten ist. Der in folgendem mitgeteilte Traum
diene zur Illustrierung dieser Tatsache. Er stammt von einem nicht
neurotischen Mädchen von eher prüdem und zurückhaltendem Wesen; im Laufe
des Gespräches erfahre ich, daß sie verlobt ist, daß sich aber der
Heirat Hindernisse entgegenstellen, die sie zu verzögern geeignet sind.
Sie erzählt mir spontan folgenden Traum:
»_I arrange the centre of a table with flowers for a birthday._« (Ich
richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen Geburtstag her.) Auf
Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem Heim gewesen (das sie
zurzeit nicht besitzt) und habe ein _Glücksgefühl_ empfunden.
(146) »The World of Dreams«, London 1911, p. 168.
»Die ›populäre‹ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich zu
übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche: der Tisch mit
dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und das Genitale;
sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie sich bereits mit
dem Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt; die Hochzeit liegt
also längst hinter ihr.
»Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ›the _centre_ of a table‹ ein
ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber natürlich
nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die Bedeutung
der Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu den einzelnen
Teilen des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im
Verlaufe der Analyse einem deutlichen Interesse an der Deutung und einer
Offenheit, die der Ernst des Gespräches ermöglichte. -- Auf meine Frage,
was für Blumen es gewesen seien, antwortete sie zunächst: ›_expensive
flowers; one has to pay for them_‹ (teuere Blumen, für die man zahlen
muß), dann, es seien ›_lilies of the valley, violets and pinks or
carnations_‹ gewesen (Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom Tale, Veilchen
und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort _Lilie_ in diesem Traume in
seiner populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine; sie
bestätigte diese Annahme, indem ihr zu ›_Lilie_‹ ›_purity_‹ (Reinheit)
einfiel. ›_Valley_‹ das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so
wird das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen
Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren
Jungfräulichkeit -- expensive flowers, one has to pay for them --
verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann ihren Wert zu
würdigen wissen werde. Die Bemerkung ›expensive flowers etc.‹ hat, wie
sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumensymbole eine andere
Bedeutung.
»Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ›_violets_‹ suchte ich
mir -- recht kühn, wie ich meinte -- mit einer unbewußten Beziehung zum
französischen ›_viol_‹ zu erklären. Zu meiner Überraschung assoziierte
die Träumerin ›_violate_‹, das englische Wort für vergewaltigen. Die
zufällige große Wortähnlichkeit von _violet_ und _violate_ -- in der
englischen Aussprache unterscheiden sie sich nur durch eine
Akzentverschiedenheit der letzten Silbe -- wird vom Traume benutzt, um
›durch die Blume‹ den Gedanken an die Gewaltsamkeit der Defloration
(auch dieses Wort benutzt die Blumensymbolik), vielleicht auch einen
masochistischen Zug des Mädchens zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes
Beispiel für die Wortbrücken, über welche die Wege zum Unbewußten
führen. Das ›one has to pay for them‹ bedeutet hier das Leiden, mit dem
sie das Weib- und Mutterwerden bezahlen muß.
»Bei ›_pinks_‹, die sie dann ›_carnations_‹ nennt, fällt mir die
Beziehung dieses Wortes zum ›Fleischlichen‹ auf. Ihr Einfall dazu
lautete aber ›_colour_‹ (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die
Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten _häufig und in großen
Mengen_ geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht sie plötzlich
spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei ihr nicht
›_colour_‹, sondern ›_incarnation_‹ (Fleischwerdung) eingefallen,
welches Wort ich erwartet hatte; übrigens ist auch ›colour‹ als Einfall
nicht entlegen, sondern durch die Bedeutung von _carnation_ --
_Fleischfarbe_, also durch den Komplex determiniert. Diese
Unaufrichtigkeit zeigt, daß der Widerstand an dieser Stelle am größten
war, entsprechend dem Umstand, daß die Symbolik hier am durchsichtigsten
ist, der Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei diesem phallischen
Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese Blumen häufige
Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppelbedeutung von
carnation ein weiterer Hinweis auf ihren phallischen Sinn im Traume. Der
Tagesanlaß des Blumengeschenkes wird benutzt, um den Gedanken von
sexuellem Geschenk und Gegengeschenk auszudrücken: sie schenkt ihre
Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein reiches Liebesleben. Auch hier
dürfte das ›expensive flowers, one has to pay for them‹ eine -- wohl
wirklich finanzielle -- Bedeutung haben. -- Die Blumensymbolik des
Traumes enthält also das jungfräulich-weibliche, das männliche Symbol
und die Beziehung auf die gewaltsame Defloration. Es sei darauf
hingewiesen, daß diese sexuelle Blumensymbolik, die ja auch sonst sehr
verbreitet ist, die menschlichen Sexualorgane durch die Blüten, die
Sexualorgane der Pflanzen symbolisiert; das Blumenschenken unter
Liebenden hat vielleicht überhaupt diese unbewußte Bedeutung.
»Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl die Geburt
eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, stellt ihn dar,
wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. Der latente
Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht warten, sondern
die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt brauchen; darauf
deutet ja auch das _violate_. So kommt auch die sadistische
Libidokomponente zum Ausdruck. --
»In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das ›I arrange etc.‹ eine
autoerotische, also infantile Bedeutung haben.
»Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer körperlichen
Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um so mehr wird die
Kostbarkeit des ›_centre_‹ (sie nennt es ein andermal ›_a centre piece
of flowers_‹), ihre Jungfräulichkeit hervorgehoben. Auch das Horizontale
des Tisches dürfte ein Element zum Symbol beitragen. -- Beachtenswert
ist die Konzentration des Traumes; nichts ist überflüssig, jedes Wort
ist ein Symbol.
»Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ›_I decorate the flowers
with green crinkled paper._‹ (Ich verziere die Blumen mit grünem,
gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei ›fancy paper‹
(Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen Blumentöpfe verkleide.
Sie sagt weiter: ›_to hide untidy things, whatever was to be seen, which
was not pretty to the eye; there is a gap, a little space in the
flowers._‹ Also: ›um unsaubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch
anzusehen sind; ein Spalt, ein kleiner Zwischenraum in den Blumen.‹
›_The paper looks like velvet or moss_‹ (›das Papier sieht wie Samt oder
Moos aus‹). Zu ›_decorate_‹ assoziiert sie ›_decorum_‹, wie ich es
erwartet hatte. Die grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu
›_hope_‹ (Hoffnung), wieder eine Beziehung zur Gravidität. -- In diesem
Teile des Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne,
sondern es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie
macht sich schön für ihn, gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie
sich schämt und die sie zu korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, Moos
sind ein deutlicher Hinweis, daß es sich um die crines pubis handelt.
»Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Denken des
Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der Sinnenliebe und ihren
Organen beschäftigen; sie wird ›für einen Geburtstag zugerichtet‹, d. h.
koitiert; die Furcht vor der Defloration, vielleicht auch das
lustbetonte Leiden kommen zum Ausdruck; sie gesteht sich ihre
körperlichen Mängel ein, überkompensiert diese durch Überschätzung des
Wertes ihrer Jungfräulichkeit. Ihre Scham entschuldigt die sich zeigende
Sinnlichkeit damit, daß diese ja das Kind zum Ziel hat. Auch materielle
Erwägungen, die der Liebenden fremd sind, finden ihren Ausdruck. Der
Affekt des einfachen Traumes -- das Glücksgefühl -- zeigt an, daß hier
starke Gefühlskomplexe ihre Befriedigung gefunden haben.«