In der Mitte von Camarínes erhebt sich der Ysarog (sprich Issaró),
zwischen den Meerbusen von San Miguél und Lagonóy. Während sein
östlicher Abhang fast das Meer erreicht, ist er gegen Westen durch
einen breiten Streifen fruchtbaren Schwemmlandes von der Bucht von
S. Miguél getrennt. Sein Umfang beträgt wenigstens 12 Leguas, seine
Höhe 1966 Meter. [173] An seiner Basis sehr flach, schwillt er allmälig
zu 16°, weiter oben zu 21° Neigung und wölbt sich, von Westen gesehn,
zu einer flachen, domförmigen Kuppe. Betrachtet man ihn aber von der
Ostseite, so gewahrt man ein durch eine grosse Schlucht zerrissenes
Ringgebirge. Auf Coello's Karte ist diese Schlucht irrthümlich als
von S. nach N. streichend dargestellt; ihre Richtung ist WO. Gerade
vor ihrer Oeffnung liegt, 1/2 Legua S. von Goa, das winzige Dörfchen
Rungus; nach welchem sie benannt wird. Die äusseren Seiten des Berges
und die Trümmer seines grossen Kraters sind mit undurchdringlichem Wald
bedeckt. Von seinen vulkanischen Ausbrüchen meldet die Ueberlieferung
nichts.
Die höheren Abhänge dienen einem kleinen Volksstamme zum Wohnsitz,
der in fast gänzlicher Abgeschlossenheit von den Bewohnern der
Ebene, seine Selbstständigkeit und die Sitten einer früheren Zeit
bewahrt hat. Gelegentlich mögen wohl einzelne Cimarronen (s. S. 106)
zugezogen sein, doch hatte sich kein solcher Fall in der Erinnerung
erhalten. Die Bewohner des Ysaróg werden gewöhnlich, wenn auch
missbräuchlich, Ygorroten genannt, dieser Name ist hier beibehalten,
da ihre Nationalität noch nicht genügend festgestellt ist. Sie selbst
sind überzeugt, dass ihre Vorfahren immer dort gehaust haben. Sie sind
es, die nach dem Urtheil der Pfarrer von Camarínes die Bicolsprache
am reinsten sprechen (s. S. 120). Ihre Sitten und Gebräuche sind in
vielen Punkten denen, welche die Spanier bei ihrer Ankunft vorfanden,
sehr ähnlich, andererseits erinnern sie vielfach an diejenigen,
welche noch heut bei den Dayaks in Borneo herrschen. [174] Diese
Umstände lassen vermuthen, dass sie der letzte Rest eines Stammes
seien, der seine Unabhängigkeit gegen die spanische Herrschaft und
wahrscheinlich auch gegen die kleinen Tyrannen behauptet hat, die
vor Ankunft der Europäer in der Ebene herrschten. Als Juan de Salcedo
seinen Siegeszug um das nördliche Luzon unternahm (s. unten), fand er
überall an den Flussmündungen seefahrende, unter vielen Häuptlingen
lebende Völkerschaften, die nach kurzem Kampf der höhern Mannszucht
und besseren Bewaffnung der Spanier erlagen oder sich freiwillig
der überlegneren Rasse unterwarfen; es gelang ihm aber nicht, die
unabhängigen Stämme im Innern zu besiegen. Noch heut giebt es solche
auf allen grösseren Inseln der Philippinen-Gruppe.
Aehnliche Zustände findet man vieler Orten im indischen Archipel:
die Handel und Seeraub treibenden Malayen besitzen das Gestade,
dort herrscht auch ihre Sprache; die Eingeborenen sind von ihnen
unterjocht oder in die Wälder gedrängt, deren Unzugänglichkeit ihnen
ein kümmerliches aber unabhängiges Leben sichert. [175]
Um den Widerstand der wilden Stämme zu brechen, verbot die spanische
Regierung ihren Unterthanen bei Strafe von 100 Schlägen und zwei
Jahr Zwangsarbeit, »Handel zu treiben und Umgang zu pflegen mit
den Heiden in den Bergen, die seiner katholischen Majestät keinen
Tribut zahlen; denn wenn diese ihr Gold, Wachs u. s. w. gegen andere
Bedürfnisse austauschen können, so werden sie sich nie bekehren.« [176]
Vielleicht hat gerade dies Gesetz dazu beigetragen, die Wilden, trotz
ihrer geringen Kopfzahl, Jahrhunderte lang vor gänzlicher Ausrottung
zu schützen; denn freier Verkehr zwischen einem Volke auf der Stufe
des Ackerbaus und einem, das hauptsächlich von der Jagd lebt, führt
häufig zur Vernichtung des letzteren.
Dennoch hat die Zahl der Ygorroten des Ysarog sehr abgenommen durch
Todtschlägereien zwischen den einzelnen Ranchos, und durch die
Raubzüge, welche bis vor Kurzem die Steuerbeamten alljährlich im
Interesse des Regierungsmonopols gegen die Tabakfelder der Ygorroten
unternahmen. Einzelne sind auch »pazifizirt« (zu Christenthum und
Tribut bekehrt worden), in welchem Falle sie sich in kleinen Weilern
mit zerstreuten Hütten niederlassen müssen, wo sie gelegentlich
vom Geistlichen des nächsten Ortes besucht werden können. Um ihnen
den Uebertritt zu erleichtern, werden von dergleichen neugewonnenen
Unterthanen eine Zeitlang geringere Steuern erhoben.
Ich hatte die Besteigung des Berges auf den Eintritt der trockenen
Jahreszeit verschoben, erfuhr aber in Naga, dass mein Wunsch dann
kaum ausführbar sein dürfte, weil um diese Zeit die schon erwähnten
Expeditionen gegen die Ranchos des Berges stattzufinden pflegen. Da
die Wilden nicht begreifen konnten, warum sie nicht auf ihrem eigenen
Felde eine ihnen zum Bedürfniss gewordene Pflanze bauen sollten,
so sahen sie in den Cuadrilleros nicht Beamte eines zivilisirten
Staates, sondern Räuber, gegen welche sie sich nach Kräften wehren
mussten, und das Auftreten dieser trug nicht wenig dazu bei, jene
in ihrem Irrthum zu bestärken; denn sie begnügten sich nicht die
Tabakpflanzungen zu zerstören; die Hütten wurden niedergebrannt,
die Fruchtbäume umgehauen, die Felder verwüstet. Solche Raubzüge
gingen nie ohne Blutvergiessen ab und arteten oft in einen kleinen
Krieg aus, der dann von den Bergbewohnern noch lange nachher, auch
gegen ganz unbetheiligte Personen, Indier und Europäer, fortgesetzt
wurde. Anfangs April sollte die diesjährige Expedition stattfinden;
die Ygorroten waren daher in grosser Aufregung und hatten einige Tage
vorher einen jungen wehrlosen Spanier in der Nähe von Mabotobóto, am
Fuss des Berges, ermordet, indem sie ihn mit einem vergifteten Pfeil
zu Boden streckten, und ihm dann noch 21 Wunden mit dem Waldmesser
beibrachten.
Glücklicher Weise traf bald darauf ein Gegenbefehl von Manila ein,
wo man sich allmälig von der Schädlichkeit solcher Gewaltmassregeln
überzeugt zu haben schien. Es war nicht zu zweifeln, dass diese
Nachricht sich schnell unter den Ranchos verbreiten würde und auf den
Rath des Kommandanten, dem sehr gegen seine Neigung die Führung des
Zuges zugefallen sein würde, zögerte ich nicht, die zu erwartende
günstige Stimmung für meine Zwecke zu benutzen. In der neuesten
Zeit hat die Regierung das verständige Mittel ergriffen, den Tabak,
den die Ygorroten freiwillig bauen, nach dem allgemeinen Satze zu
bezahlen und sie wo möglich zur Anlage neuer Felder zu ermuntern,
statt die vorhandenen zu zerstören.
Am nächsten Nachmittag ritt ich von Naga ab. Die Pueblos Mogaráo,
Canáman, Quipáyo und Calabánga folgen in diesem fruchtbaren Gebiet
so dicht auf einander, dass sie eine fast ununterbrochene Reihe
von Häusern mit Gärten bilden. Calabánga liegt 1/2 Legua vom Meer,
zwischen zwei Flussmündungen, deren südlichste 60' breit und tief
genug für grosse Lastboote ist. [177]
Um den Fuss des Ysaróg wendet sich die Strasse NO. dann O. Bald hören
die blühenden Hecken auf; es folgt eine grosse, kahle Ebene, aus der
sich zahlreiche flache Hügel erheben. Hügel und Ebene dienten damals
als Viehweiden: vom August bis Januar sind sie mit Reis bestellt. Nur
hin und wieder sieht man kleine Batatenfelder. Nach vier Stunden
erreichten wir das Dörfchen Maguíring (Manguirin), dessen Kirche,
ein dem Einsturz naher Schuppen, auf einem solchen kahlen Hügel
stand und an ihrer Verwahrlosung erkennen liess, dass der Priester
ein Eingeborener sei.
Dieser Hügel, wie alle übrigen, die ich untersuchte, bestand aus
Schutt vom Ysaróg, mehr oder weniger zersetzten hornblendereichen
Trachyttrümmern, deren Zwischenräume durch rothen Sand ausgefüllt
waren. Die Zahl der Flüsse, die der Ysarog in die Buchten von S. Miguél
und Lagonóy sendet, ist ausserordentlich gross: Auf der Strecke
hinter Maguíring zählte ich in 3/4 Stunden 5 ansehnliche, d. h. über
zwanzig Fuss breite Aestuarien, dann bis Góa noch 26, zusammen 31;
es sind aber mehr, da ich die kleinsten nicht aufzeichnete; und doch
beträgt die Entfernung zwischen Maguíring und Góa, in gerader Linie,
nicht über 3 Meilen. Dies lässt auf die enorme Menge von Wasserdampf
schliessen, mit welcher dieser mächtige Kondensator gespeist wird. Bei
keinem andern Berge ist mir diese Erscheinung in so auffallender
Weise entgegengetreten. Ein sehr bemerkenswerther Umstand ist die
Schnelligkeit, mit welcher die wasserreichen Bäche in Aestuarien
übergehn, die sie befähigen Lastboote, zuweilen selbst Schiffe zu
tragen, in einem Alter, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, wo ihre
auf die spärlichen Niederschläge in nördlichen Breiten angewiesenen
Verwandten kaum die Bedeutung eines Mühlbachs erlangt haben. Diese
Gewässer erscheinen der Breite nach als kleine Flüsse, ihrem Wesen
nach bestehn sie nur aus einem Bache bis zum Fuss des Berges und
einer Flussmündung in der Ebene; der Mittellauf fehlt ihnen.
Die Landschaft gleicht hier dem merkwürdigen, von Junghuhn
beschriebenen Hügelgebiete des Gelungúng [178] in ganz auffallender
Weise; doch ist der Ursprung dieser Anhöhen einigermaassen von dem
der javanischen verschieden, denn letztere verdanken ihre Entstehung
dem Ausbruch von 1822, und schon die grosse, ihnen zugekehrte Lücke
in der Kraterwand des Gelungúng zeigt deutlich, woher die Stoffe
zu ihrem Aufbau kamen; die grössere Kraterschlucht des Ysaróg ist
aber nach O. geöffnet und steht daher zu den zahllosen Hügeln im
Nordwesten des Berges in keiner Beziehung. Hinter Maguíring rücken sie
dichter zusammen, ihre Kuppen werden flacher, ihre Seiten steiler,
sie gehn allmälig in einen sanft geneigten Abhang über, zerrissen
von unzähligen Klüften, auf deren Boden eben so viele Bäche thätig
sind, die eckigen Umrisse dieser kleinen Inseln in jene abgerundeten
Hügel umzuformen. Der dritte Fluss hinter Maguíring ist bedeutender
als die früheren; am sechsten liegt eine grössere Visita, Borobód,
am zehnten die von Ragáy. Die Reisfelder haben mit dem Hügelland
aufgehört: auf dem durch tiefe Rinnen wohldränirten Abhange wachsen
nur wildes Rohr und einzelne Baumgruppen. An vielen Weilern vorüber,
deren Hütten so vereinzelt und versteckt liegen, dass man sie wohl
übersehn kann, gelangten wir um 5 Uhr nach Tagúnton, von wo eine, für
Büffelkarren fahrbare, zum Transport des in der Umgegend gewonnenen
Abaca's dienende Strasse nach Goa führt. In diesem Ort, den wir Abends
erreichten, miethete ich in Folge eines Ruhranfalles ein Häuschen,
in dem ich fast vier Wochen lag, da mir keine andre Heilmittel als
Hunger und Ruhe zur Verfügung standen.
Während dieser Zeit machte ich die Bekanntschaft einiger neu bekehrten
Ygorroten, und gewann ihr Vertrauen, ohne sie wäre es mir später
schwerlich gelungen den Berg zu ersteigen und ihre Stammesgenossen
ungefährdet in ihren Ranchos aufzusuchen. [179] Als ich endlich
Goa verlassen konnte, begleiteten mich meine Freunde zunächst nach
ihrer Niederlassung, wo ich leicht die nöthige Zahl Begleiter fand,
da ich schon vorher empfohlen war und erwartet wurde, um die für mich
gesammelten Thiere und Pflanzen in Empfang zu nehmen.
Am folgenden Morgen wurde die Besteigung begonnen. Schon bevor wir
den ersten Rancho erreichten, konnte ich mich überzeugen, welch
guter Ruf mir vorausging: der Hausherr kam uns entgegen, und führte
uns auf einem engen Pfade zu seiner Hütte, nachdem er die schräg aus
dem Boden ragenden, aber mit Reisig und Blättern geschickt verdeckten
Fusslanzen daraus entfernt hatte. [180] Eine mit Weben beschäftigte
Frau setzte auf meinen Wunsch ihre Arbeit fort. Der Webestuhl war von
der allereinfachsten Art, das obere Ende, der Kettenbaum, der in einem
Stück Bambus besteht, wird an zwei Bäumen oder Pfählen befestigt;
die Weberin sitzt auf dem Boden und hakt in die beiden eingekerbten
Enden einer schmalen Latte, welche die Stelle des Zeugbaums vertritt,
einen hölzernen Bügel, in dessen Wölbung ihr Rücken passt. Indem
sie die Füsse gegen zwei Pflöcke im Boden stemmt und den Rücken
krümmt, spannt sie vermittelst des Bügels das Zeug straff. Statt
des Weberschiffchens dient eine Netznadel, länger als die Breite
des Gewebes, die nur mit Ueberwindung bedeutender Reibung und nicht
immer ohne Kettenfäden zu zerreissen, durchgeschoben werden kann. Eine
messerartig zugeschärfte Latte aus hartem Holz (Caryota) vertritt das
Schlaggestell und wird nach jedesmaligem Anschlag auf die hohe Kante
gestellt. Dann wird der Kamm vorgeschoben, ein Faden durchgesteckt,
festgeschlagen und so fort. Das Gewebe bestand aus Abacáfäden, die
nicht gesponnen, sondern an einander geknüpft werden.
Die von mir betretenen Hütten verdienen keine besondere Beschreibung:
aus Palmenblättern und Bambus zusammengefügt, unterscheiden sie sich
nicht wesentlich von den Wohnungen armer Indier. In der Nähe waren
kleine Felder mit Bataten, Mais, Caladium und Zuckerrohr bepflanzt;
prachtvolle Baumfarne umgaben sie; einer der höchsten, den ich zu dem
Zwecke umhauen liess, maass: Stamm 9m 30, Krone 2m 12, Gesammtlänge
11m 42 (36' 38 Rh.).
Ein junger Bursche machte Musik auf einer Art Laute, Baringbau genannt;
sie bestand aus dem trocknen Schaft einer Scitaminee, die statt der
Sehne (Saite) durch eine dünne Ranke bogenförmig gespannt war. In
der Mitte des Bogens war eine halbe Kokosschale befestigt, die beim
Spielen gegen den Bauch gesetzt wird und als Resonanzboden dient. Die
Saite gab, mit einem Stäbchen geschlagen, einen angenehm summenden
Ton, (Lyra und Plectrum in einfachster Form). Einige begleiteten den
Musiker auf Maultrommeln aus Bambus, genau wie die der Mintras auf
der Malayischen Halbinsel. Ein Andrer spielte auf einer Guitarre,
die er zwar selbst, aber nach einem europäischen Muster gemacht
hatte. Ausser Bogen, Pfeilen und Kochtopf enthielt die Hütte kein
Geräth. Wer Kleider besass, trug sie am Leibe. Die Frauen fand ich so
dezent gekleidet wie christliche Indierinnen, sie trugen überdies ein
Waldmesser. Als ein Zeichen vollkommenen Vertrauens führte man mich
in die wohl verborgenen, durch Fusslanzen vertheidigten Tabakfelder,
die mir sorgfältig gepflegt schienen.
Was ich im Verkehr mit diesen Leuten bisher erfahren hatte und noch
erfuhr, fasse ich kurz zusammen: Sie wohnen auf den höheren Abhängen
des Berges, wohl nie unter 1500', jede Familie für sich. Wie viel
ihrer noch vorhanden sein mögen, ist schwer zu ermitteln, da unter
ihnen nur geringer Verkehr besteht. Auf dem zum Gebiete von Goa
gehörigen Theile des Berges wird ihre Anzahl auf etwa 50 Männer
und 20 Weiber mit Inbegriff der Kinder geschätzt. Vor 20 Jahren war
die Bevölkerung zahlreicher. Ihre Nahrung besteht ausser etwas Gabi
(Caladium), vorzüglich aus Bataten. Auch ein wenig Mais wird gebaut,
etwas Ubi (Dioscorea) und eine geringe Menge Zuckerrohr zum Kauen.
Zur Anlage eines Batatenfeldes wird ein Stück Wald gelichtet, der Boden
mit dem stumpfen Waldmesser gelockert, in diesen werden Knollen oder
Ableger gepflanzt. Schon nach 3 bis 4 Monaten beginnt die Ernte und
dauert ununterbrochen fort, da die auf dem Boden kriechende Pflanze
Wurzeln schlägt und Knollen bildet. Nach 2 Jahren hat aber der Ertrag
so abgenommen, dass man die alten Pflanzen ausreisst, um für neue,
aus den Ausläufern entstandene Ableger Platz zu machen. Das Feld wird
weder gewechselt oder mit andern Früchten bebaut, noch gedüngt. Ein
Stück Land, 50 Brazas lang, 30 breit, genügt für den Unterhalt
einer Familie. Nur in der nassen Jahreszeit versagt zuweilen diese
Hülfsquelle, dann wird Gabi genossen, das auf trocknem und feuchtem
Boden ziemlich gleich gut zu wachsen scheint, aber nicht so lohnend ist
wie Bataten. Die jungen Schösslinge des Gabi werden in Entfernungen von
einer Vara gepflanzt und dürfen, wenn man sie ausgiebig nutzen will,
nicht vor einem Jahre ausgebeutet werden. Jede Familie mag wöchentlich
ein oder zwei Wildschweine erlegen. Hirsche sind selten, doch erhielt
ich ein schönes Geweih; ihr Fell wird nicht benutzt. Zur Jagd dienen
Bogen mit Pfeilen und Lanzen (s. Zeichnung) theils giftfrei theils
vergiftet. Jeder Rancho hält Hunde, die hauptsächlich von Bataten
leben, auch Katzen um die Felder gegen Ratten zu schützen. Einiges
Geflügel ist ebenfalls vorhanden, aber keine Kampfhähne, die in den
Hütten der Indier fast nie fehlen. Hahnenkämpfe sind erst durch die
Spanier in die Philippinen eingeführt worden; die Ysarogbewohner sind
noch frei von dieser Leidenschaft.
Ihre geringen Bedürfnisse an Erzeugnissen einer fortgeschritteneren
Zivilisation erlangen sie durch den Verkauf der freiwilligen
Produkte ihrer Wälder, hauptsächlich Wachs und Harze: Pili [181],
Apnik, Dagiangan (eine Art Copal) und etwas Abacá. Wachs, das wegen
der Kirchenfeierlichkeiten sehr begehrt ist, wird mit 1/2 Dollar
das Katti bezahlt; die Harze gelten durchschnittlich 1/2 Realen die
Chinanta. Der Handel findet auf die Weise statt, dass ein Indier, der
mit den Ygorroten im Verkehr steht, mit diesen einen Lieferungsvertrag
schliesst; die Ygorroten sammeln die Produkte und bringen sie an
einen bestimmten Ort, wo die Indier sie aufnehmen, nachdem sie den
dafür bedungenen Preis niedergelegt haben.
Aerzte, Zauberer oder Leute, denen geheime Kräfte zugetraut werden,
kennt man nicht; jeder hilft sich selbst. Um über ihre religiösen
Ansichten in's Klare zu kommen, würde längerer Verkehr nöthig sein;
sie glauben an einen Gott, oder sagen es wenigstens, wenn sie von
Christen zudringlich befragt werden, auch haben sie dem Katholizismus
manche äusserliche Gebräuche aufs Gerathewohl entlehnt, die sie wie
Zauberformeln anwenden.
Jagd und schwere Arbeit ist Sache des Mannes wie in den Philippinen
allgemein. Die fast allen rohen Völkern eigene, aber auch noch bei
manchen Nationen Europa's (namentlich Basken, Walachen, Portugiesen)
bestehende Sitte, die Frau als Lastthier zu nützen, scheint in den
Philippinen schon zur Zeit der spanischen Entdeckung verschollen
gewesen zu sein; auch bei den Wilden des Ysarog verrichten die Weiber
nur leichte Arbeit und werden gut behandelt. Jede Familie erhält
ihre Greise und Arbeitsunfähigen. -- Als herrschende Krankheiten
wurden mir angegeben Kopfweh und Fieber, als Heilmittel: braun
gerösteter Reis, der gestossen mit Wasser zu Brei angerührt, genossen
wird. Bei starkem Kopfweh macht sich der Leidende Einschnitte in die
Stirn. Rührt die Krankheit davon her, dass jemand erhitzt zu viel
Wasser trank, so trinkt er grosse Mengen warmen Wassers, hatte er
aber in solchem Zustande zu viel Kokoswasser getrunken, so trinkt er
warmes Kokoswasser. Ihre Muskelkraft ist gering; mehr als 50 Pfund
Gewicht vermögen sie nicht eine grössere Strecke weit zu tragen.
Ausser Jagd und Feldbau beschränken sich ihre Gewerbe auf die
Anfertigung ziemlich roher Waffen, wozu sie das Eisen, falls solches
dazu erforderlich, von den Indiern kaufen, und auf die von den Frauen
verfertigten groben Gewebe und Flechtarbeiten. Jeder Familienvater
ist Herrscher in seinem Hause und erkennt über sich keine höhere
Gewalt an. In Fällen von Krieg mit benachbarten Stämmen, oder bei den
Raubzügen der Steuerbeamten, stellt sich der Tapferste an die Spitze,
die andern folgen ihm, so lange sie eben mögen; Wahl eines Anführers
findet nicht statt.
Sie sind meist friedliebend und ehrlich unter einander; doch stehlen
die Faulen zuweilen Feldfrüchte. Wird der Dieb ertappt, so straft
ihn der Bestohlene mit Rotangschlägen, ohne Rache dafür fürchten
zu müssen. Stirbt jemand, so ziehn die nächsten Verwandten aus, um
den Tod durch den Tod irgend eines Andern zu vergelten. Für einen
gestorbenen Mann soll eigentlich ein Mann, für eine Frau eine Frau,
für ein Kind ein Kind erschlagen werden, man pflegt aber das erste
sich zufällig darbietende Opfer zu tödten, ausser wenn es ein Freund
ist. In neuer Zeit soll dieser Brauch immer mehr in Verfall kommen,
da es Männern von einigem Ansehn häufiger als früher gelingt, den
Todesfall als ein unvermeidliches Geschick darzustellen, in welchem
Falle die Verwandten ihn nicht zu sühnen brauchen. Es gelingt dies
namentlich, wenn der Verstorbene eine gleichgültige Person war, stirbt
aber ein geliebtes Kind oder Weib, so wird gewöhnlich auch jetzt noch
Rache dafür genommen. Tödtet ein Mann eine Frau aus einem andern Hause,
so sucht der nächste Verwandte der Erschlagenen eine Frau aus dem Hause
des Mörders zu tödten; dem Mörder thut er nichts. Der Leichnam des als
Todtenopfer Erschlagenen wird nicht verscharrt, auch wird ihm nicht
der Kopf abgeschnitten. Die Familie des Erschlagenen sucht den Tod
am Mörder zu rächen; dies ist das ehrenvollste; ist der Mörder aber
zu stark, so wird zur Vergeltung irgend ein Schwächerer erschlagen,
daher vielleicht die geringe Verhältnisszahl der Frauen.
Vielweiberei ist gestattet, aber selbst die Tapfersten und
Geschicktesten haben fast nie mehr als eine Frau. Ein junger Mann,
der heirathen will, beauftragt seinen Vater mit dem Vater der
Braut den Preis zu verabreden, der in neuer Zeit sehr gestiegen
ist (durchschnittlich 10 Waldmesser zu 4 bis 6 r. und 10 bis
12 Doll. baar). Um eine so hohe Summe durch Verkauf von Wachs,
Harz und Abacá zu beschaffen, braucht der Bräutigam oft zwei
Jahre. Das Brautgeld geht theils an den Vater, theils an die nächsten
Verwandten. Jeder der Letzteren erhält einen gleichen Antheil. Sind
ihrer Viele, so bleibt fast nichts für den Vater übrig, der einen
grossen Schmaus zu geben hat, bei welcher Gelegenheit viel Palmenwein
getrunken wird.
Ein Mann, der gegen ein Mädchen Gewalt braucht, wird von deren Eltern
getödtet. Ist ihm das Mädchen zu Willen gewesen und der Vater erfährt
es, so verabredet er mit jenem einen Tag, an welchem er den Brautschatz
bringen soll; weigert er sich, so wird er von den Verwandten gefangen,
an einen Baum gebunden und mit Rohr gepeitscht. Ehebruch findet
fast nie statt; kommt er dennoch vor, so muss entweder die Frau
den Brautschatz zurückerstatten, wodurch sie frei wird, oder der
Verführer, dem die Frau dann folgt. Der Ehemann hat nicht das Recht,
sie zurückzuhalten, wenn er das Geld annimmt, wohl aber, wenn er
dasselbe ausschlägt. Der letzte Fall soll aber nie vorkommen, da sich
der Mann für dasselbe Geld eine neue Frau kaufen könne.
Nachmittags erreichten wir, 973 Meter über Uacloy, etwa 1134m
Meereshöhe, eine grosse Schlucht »Basira« zwischen hohen, steilen,
bewaldeten Wänden, sie streicht SO. -- NW., ihre Sohle hat 33° Neigung,
besteht aus einer nackten Felsbank und veranlasst nach jedem heftigen
Regen einen Wasserfall, da sie schroff abbricht. Hier wurde biwuakirt;
die Ygorroten bauten in der kürzesten Zeit eine Hütte und waren
ausgelassen munter. Bei Tagesanbruch zeigte das Thermometer 13,9° R.
Der Weg zum Gipfel ist sehr beschwerlich wegen des schlüpfrigen
Thonbodens und des zähen Pflanzengewirres, die letzten 500 Fuss
aber sind unerwartet bequem, denn die sehr steile Spitze ist mit
einem überaus dichten Wuchs von blätterarmen, knorrigen, bemoosten
Thibaudien, Rhododendren und andrem Krüppelholz bestanden, deren
zahlreiche starke Aeste in geringer Höhe über dem Boden und ihm
parallel verlaufend, ein enges sicheres Gitterwerk bilden, auf dem
man, wie auf einer schwach geneigten Leiter emporsteigt. Die Spitze,
die wir erreichten, ist der auf der Zeichnung sichtbare höchste Zacken
der hufeisenförmigen Bergwand, welche die grosse Schlucht von Rungus
im Norden begrenzt. Die Kuppe hat wohl kaum 50 Schritt Durchmesser,
sie ist so dicht mit Bäumen bestanden wie ich ähnliches nie gesehn:
wir hatten nicht Raum zum Stehn. Meine rüstigen Gastfreunde gingen
aber, obgleich ihnen die Arbeit einen Pfad durch den Wald zu schlagen,
grosse Mühe verursacht hatte, sogleich an's Werk, kappten Aeste und
baueten daraus auf den Wipfeln der abgestutzten Bäume eine Warte, von
wo aus ich eine weite Rundsicht und Gelegenheit zu Peilungen gehabt
haben würde, wäre nicht alles in dichten Nebel gehüllt gewesen. Nur
auf Augenblicke erschienen die nächsten Vulkane, die Bucht von
S. Miguel und einige Binnenseen. Gleich nach Sonnenuntergang zeigte
das Thermometer 12°5 R.
Auch am folgenden Morgen blieb es trübe, und als gegen 10 Uhr
die Wolken immer dichter wurden, traten wir den Rückweg an. Ich
wollte die Nacht in einem Rancho zubringen, um am nächsten Tage eine
Solfatara zu besuchen, die eine Tagereise weiter gelegen sein soll;
meine Begleiter waren aber von den Strapazen so angegriffen, dass
sie wenigstens einige Tage Rast verlangten.
Ausser Calamus bemerkte ich keine Palmen auf dem oberen Abhange,
Baumfarne sehr häufig, und eine ausserordentliche Fülle von
Orchideen. An einer Stelle waren alle Bäume in bequemer Höhe mit
blühenden Aërides behangen, man hätte sie mühelos zu tausenden sammeln
können, die schönste Pflanze war eine Medinella, von so weichem Gewebe,
dass es nicht möglich war sie einzulegen.
Eine Viertelstunde NO. von Uacloy sprudelt eine starke kohlensaure
Quelle (28° R.) aus dem Boden und setzt reichlich Kalksinter
ab. Brennende Fackeln verlöschten schnell, und ein mit einer
Zigarrenkiste zugedecktes Huhn starb in wenigen Minuten, beides zum
grössten Erstaunen der Ygorroten, denen diese Erscheinungen bisher
unbekannt geblieben waren.
Meine armen Gastfreunde, die mich nach Uacloy zurückbegleitet hatten,
fühlten sich auch noch am zweiten Rasttage so müde, dass sie zu
keiner Unternehmung tauglich waren. Mit nacktem Kopf und Oberleib
hockten sie sich in die glühende Sonne, um dem Körper die Wärme
wieder zuzuführen, die er durch das Biwuak auf dem Gipfel verloren
hatte; Wein aber mochten sie nicht trinken. Als ich sie endlich am
nächsten Tage verliess, waren wir so gute Freunde geworden, dass man
mir ein gezähmtes Wildschwein zum Geschenk aufnöthigen wollte. Ein
Trupp Männer und Frauen begleiteten mich, bis sie die Dächer von
Maguíring schimmern sahen, worauf sie nach herzlichem Abschiede in
ihre Wälder zurückkehrten.
Die aus Goa mitgenommenen Indier hatten sich bei der Expedition so
faul und mürrisch gezeigt, dass fast die ganze Arbeit einen Pfad
durch den Wald zu schlagen, den Ygorroten zugefallen war; selbst das
Trinkwasser hatten die indischen Träger aus Faulheit fortgeschüttet,
die Ygorroten mussten für unser Biwuak auf dem Gipfel aus ziemlicher
Entfernung frisches holen. Bei allen beschwerlichen Märschen bin ich
immer besser mit Cimarronen, als mit Indiern ausgekommen. Jene fand ich
gefällig, zuverlässig, thätig, ortskundig, während diese gewöhnlich
die entgegengesetzten Eigenschaften zeigten. Es wäre aber ungerecht
daraus auf das beiderseitige Wesen schliessen zu wollen; denn die
Wilden sind im Walde zu Hause, was sie thun, geschieht freiwillig, der
Fremde wird, wenn er ihr Vertrauen besitzt, als Gast behandelt. Die
Indier aber sind gezwungene Begleiter, Polistas, die selbst wenn
man ihnen höheren Tagelohn giebt, von ihrem Standpunkte aus ganz
richtig handeln, wenn sie so wenig als möglich thun. Es ist für sie
durchaus kein Vergnügen, ihr Dorf zu verlassen, um als Gepäckträger
oder Wegbahner anstrengende Märsche in unwegsame Gebiete zu machen,
und unter Entbehrungen im Freien zu kampiren. Für sie, mehr noch als
für den europäischen Bauer, ist Ruhe die angenehmste Erholung. Je
weniger Bequemlichkeit Jemand zu Haus geniesst, um so schwerer
verzichtet er darauf. In Europa kann man dieselbe Beobachtung machen.
Da die Ygorroten, um nicht das Monopol der Hacienda zu beeinträchtigen,
keine Kokospalmen zur Bereitung von Wein, Essig und Branntwein
haben durften, so überreichten sie mir eine Bittschrift, damit
ich ihnen diese Gunst erwirken möchte. Das Dokument ist von einem
indischen Schreiber so drollig konfus verfasst, dass ich es als Probe
philippinischen Kanzleistils mittheile [182]: Es hatte übrigens den
besten Erfolg, da den Bittstellern doppelt so viel bewilligt wurde
als sie erbaten.
Der SW. Monsun dauert in dieser Gegend (Gebiet von Goa) von April
bis Oktober. Der April ist sehr windstill (navegacion de señoras) am
beständigsten sind die SW.-Winde von Juni bis August, am trockensten
März, April, Mai. Der NO.-Monsun herrscht von Oktober bis Ende
Februar. März und Anfang April Wechselwinde, Oktober bis Dezember
ist die Zeit der Stürme: »San Francisco (4. Okt.) bringt schlechtes
Wetter«. Der Reis wird im September gepflanzt, im Februar geerntet.