DRITTES KAPITEL

MANILA. -- LEBEN IN DER STADT UND IN DEN VORSTÄDTEN. --

HAHNENKÄMPFE. -- TRACHTEN DER VERSCHIEDENEN KLASSEN.

Die eigentliche Stadt Manila, hauptsächlich von Spaniern, Kreolen

und zu ihnen in unmittelbarer Beziehung stehenden Einheimischen

und Chinesen bewohnt, [48] liegt, von Mauern und breiten Gräben

umschlossen, am linken, südlichen Ufer des Pásig, eine Seite dem Meere

zukehrend; ein heisser, öder Ort, voll Klöster, Stifter, Kasernen,

Regierungsgebäude. Rücksicht auf Sicherheit, nicht auf Annehmlichkeit,

war bei der Gründung maassgebend. Manila erinnert an spanische

Provinzialstädte und ist nach Goa die älteste Stadt in Indien. Die

Fremden wohnen auf der Nordseite des Flusses, in Binóndo, dem Sitz des

Gross- und Kleinhandels, oder in den freundlichen angrenzenden Dörfern,

die ein zusammenhängendes Ganze bilden. Die Gesammtbevölkerung wird,

wohl mit Uebertreibung, auf 200,000 geschätzt. Eine hübsche, alte,

steinerne Brücke von zehn Bogen, in neuer Zeit auch eine eiserne

Hängebrücke, verbinden die beiden Ufer des Flusses. [49]

Zwischen den Bewohnern von Manila und Binóndo findet sehr wenig Verkehr

statt. Das Leben in der eigentlichen Stadt soll nicht angenehm sein:

Stolz, Neid, Stellenjägerei, Kastenhass sind an der Tagesordnung; die

Spanier halten sich für besser als ihre Kreolen, welche wiederum jenen

vorwerfen, dass sie nur in die Kolonie kommen, um sich satt zu essen,

ebenso herrscht Hass und Neid zwischen Weissen und Mestizen. Aehnliche

Verhältnisse bestehn zwar in allen spanischen Kolonien und liegen im

Wesen der spanischen Kolonialpolitik, die immer bestrebt war, die

verschiedenen Rassen und Stände feindlich zu trennen, aus Furcht,

dass ihr Bündniss die Herrschaft des fernen Mutterlandes gefährde. [50]

In Manila aber werden diese Zustände durch den Umstand gesteigert,

dass die Klasse der durch grossen Grundbesitz an das Land gefesselten

Pflanzer bisher fast gänzlich fehlte. Erst jetzt scheint die

steigende Nachfrage nach den Landesprodukten allmälig einen

erfreulichen Umschwung in dieser Beziehung herbeizuführen. Wie

aber der einem Glücksspiel vergleichbare Naohandel, früher die

einzige Quelle des Reichthums, auf die spanische Bevölkerung

wirkte, schildert treffend Murillo Velarde (p. 272): »Die Spanier,

die hierher kommen, betrachten diese Inseln nicht wie eine Heimath,

sondern wie ein Wirthshaus. Heirathen sie, so geschieht es zufällig;

wo giebt es eine Familie, die Generationen überdauerte? .. Der Vater

sammelt Schätze, der Sohn vergeudet, der Enkel bettelt. Die grössten

Kapitalien sind nicht beständiger als die Wogen des Meeres, auf denen

sie sich gründen.«

Auch unter den Ausländern in Binóndo herrscht durchaus nicht so viel

Geselligkeit als in englischen oder holländischen Kolonien, und fast

kein Umgang mit den Spaniern, welche die Fremden beneiden und deren

im Lande gemachten Erwerb fast wie einen an ihnen, den Eigenthümern,

begangenen Raub betrachten. Dabei ist das Leben sehr theuer, theurer

als in Singapore und Batavia. Bei Vielen scheinen die Ausgaben in

grossem Missverhältniss zu ihrem amtlichen Gehalt zu stehn.

Die zum Theil sehr geräumigen Häuser sind düster und hässlich,

mit Rücksicht auf das Klima schlecht ventilirt; statt luftiger

Jalousien schwere Schiebefenster, welche das Licht nicht durch Glas,

sondern durch dünne Austerschalen (Placuna placenta L.) einlassen,

die kaum zwei Zoll im Geviert haben und in Gitterrahmen von zolldicken

Latten sitzen. Das Erdgeschoss ist verständiger Weise, der grossen

Feuchtigkeit wegen, meist unbewohnt, zu Magazinen, Stallungen,

Diensträumen benutzt.

Die anspruchslosen, in ihrer Art zweckmässigen Häuser von Brettern

oder Bambus und Palmenblättern stehn der Feuchtigkeit wegen auf

Pfählen, jedes für sich, der untere Raum gewöhnlich durch ein Gitter

eingefasst, dient als Stall oder Magazin; so war es schon zu Magellan's

Zeiten. Solche Häuser sind ausserordentlich leicht gebaut. Lapérouse

schätzt das Gesammtgewicht mancher mit vollständigem Mobiliar auf

weniger als 200 Pfund.

Fast sämmtliche Häuser, sogar die Hütten der Eingeborenen, haben eine

Azotea, d. h. einen nicht überdachten Raum in gleicher Flucht mit

der Wohnung, der die Stelle von Hof und Balkon vertritt. Die Spanier

scheinen diese hübsche Einrichtung den Mauren entlehnt zu haben; die

Eingeborenen kannten sie aber wohl schon vor Ankunft der Europäer,

denn Morga (Bl. 140) erwähnt bereits dergl. »Batalanes«. In den

Vorstädten ist fast jede Hütte von einem Gärtchen umgeben.

Das Trinkwasser ist mit Ausnahme des in Zisternen gesammelten, sehr

schlecht. Es wird etwas oberhalb der Stadt in flache Kähne geschöpft

und so den Haushaltungen zugeführt. Das Flusswasser ist oft ganz

grün von Conferven, häufig sieht man auch todte Hunde und Katzen

darin treiben, von grossen Pistien wie von Kopfsalat umgeben. In

der trocknen Jahreszeit werden die zahlreichen Kanäle der Vorstädte

stellenweis zu stagnirenden Kloaken, der Stadtgraben bietet bei jeder

Ebbe einen solchen Anblick.

An Gelegenheit zu Vergnügungen ist Manila sehr arm. Während meines

Aufenthalts bestand kein spanisches Theater; tagalische Schauspiele

(Uebersetzungen) wurden zuweilen aufgeführt. Es gab keinen Klub,

keine lesbaren Bücher. Nicht einmal Zeitungsnachrichten belebten die

matte Unterhaltung; denn nachdem die alle vierzehn Tage aus Hongkong

eintreffenden Nachrichten durch die Priesterzensur gesichtet, blieb

zur Speisung der Lokalblätter wenig übrig als Madrider und Pariser

Hofnachrichten. [51] Nur die mit bunter Pracht gefeierten Kirchenfeste

unterbrachen zuweilen die Einförmigkeit.

Das grösste Vergnügen der Eingebornen sind die Hahnenkämpfe, die

mit einer Leidenschaftlichkeit betrieben werden, welche jedem

Fremden sogleich auffallen muss. Fast alle Indier halten sich

Kampfhähne. Viele gehn nie aus, ohne ihren Liebling im Arm zu tragen;

sie zahlen zuweilen 50 Doll. und mehr dafür und überhäufen ihn mit

den zärtlichsten Liebkosungen. Man kann die Sucht für Hahnenkämpfe

wohl ein Nationallaster nennen, doch sollen sie erst durch die

Spanier oder die sie begleitenden Mexicaner eingeführt worden sein;

ebenso das in China zum Nationallaster gewordene Opiumrauchen durch

die Engländer. Wahrscheinlicher ist es wohl, dass die Malayen die

Sitte in's Land brachten. Im östlichen Theil der Philippinen müssen

zu Pigafetta's Zeiten Hahnenkämpfe unbekannt gewesen sein. Er sah

die ersten Kampfhähne in Paláuan: »Sie haben grosse Hähne, die sie

aus einer Art von Aberglauben nicht essen, sie halten sie aber, um

sie kämpfen zu lassen; es werden dabei Wetten gemacht, deren Ertrag

der Eigenthümer des Siegers erhält.« [52] [53]

Für Europäer ist das Schauspiel in hohem Grade widerwärtig: Der einen

Ring um den Kampfplatz bildende Zuschauerraum ist mit Eingeborenen

überfüllt, die aus allen Poren schwitzen, während ihre Gesichter von

hässlichen Leidenschaften auf's Höchste erregt sind. Die Hähne sind

je mit einem sehr scharfen, sichelförmigen, 3 Zoll langen Messer

bewaffnet, das tiefe Wunden reisst und immer den Tod des einen oder

beider Hähne durch grausame Verletzungen herbeiführt. Ein Hahn,

der aus Feigheit davonläuft, wird lebendig gerupft. Im Verhältniss

zu den Mitteln der Spieler werden unglaublich hohe Summen verwettet.

Dass diese Hahnenkämpfe für ein so sehr zu Müssiggang und

Liederlichkeit geneigtes, nur den Regungen des Augenblicks folgendes

Volk im höchsten Grade entsittlichend wirken, liegt auf der Hand. Der

Lockung, ohne Arbeit Geld zu gewinnen, vermögen sie schwer zu

widerstehn; Viele werden durch die Leidenschaft des Spieles zu

Wucherschulden, Unterschlagungen und Diebstahl verleitet, auch zu

Strassenraub: die Land- und Seeräuberbanden, von denen weiter unten,

sollen zum grossen Theil aus ruinirten Spielern bestehn. [54]

Alle Städte Hinterindiens übertrifft Manila durch angenehme

Frauengestalten, die seine Strassen beleben. Herr Mallat schildert

sie in glühenden Worten. Ein hübsches, phantasiereiches, in der

Lokalfarbe gehaltenes Bild des Strassenlebens findet man auch in den

sehr unterhaltenden Aventures d'un gentil'homme Breton. [55]

Wie viele der hübschesten »India's« von ganz reinem Blute sind, ist

freilich nicht zu ermitteln. Manche sind sehr weiss, nähern sich dem

europäischen Typus und unterscheiden sich dadurch merklich von ihren

Stammesgenossen in den abgelegeneren Provinzen.

Der unmittelbaren Umgebung Manila's fehlt es nicht an schönen Punkten,

ihr Besuch gehört aber nicht zum Ton, da Toilettenschau, nicht

Naturgenuss, Zweck des Spazierengehns ist. In der trockenen Jahreszeit

fahren Abends Alle, die es bezahlen können, auf staubigen Strassen nach

einem kürzlich angelegten Platz am Meer, von 1000 Fuss Breite, 200 Fuss

Länge, wo mehrere Mal in der Woche die recht gute Musik inländischer

Regimenter spielt, und gehen steif auf und ab. Die Spanier stecken alle

in Uniformen oder schwarzen Fracks. Wenn die Glocken zum Abendgebet

(Angelus) läuten, stehn Wagen, Reiter und Fussgänger plötzlich still,

Jedermann entblösst sein Haupt und scheint zu beten.

Derselbe Guvernör, der die Promenade angelegt, hatte auch einen

botanischen Garten geschaffen. Zwar waren die wenigen von ihm dahin

versetzten Pflanzen, auf dem morastigen Boden der vollen Sonnengluth

preisgegeben, schnell wieder zu Grunde gegangen, aber der Platz

war eingezäunt, in Felder getheilt, mit Unkraut bewachsen und hatte

wenigstens einen Namen erhalten, gegenwärtig soll er besser im Stande

sein. [56]

In der Umgegend von Manila sind die Kirchenfeste wohl des Besuchs der

Fremden werth, schon wegen der zahlreichen hübschen Indierinnen und

Mestizinnen, die sich Abends dort einfinden und in ihrem besten Putz

auf den festlich beleuchteten, mit Fahnen und Blumen geschmückten

Strassen spazieren gehn. Sie sind namentlich für den aus den

Malayenländern kommenden eine anmuthige Erscheinung. Die Indierin

ist sehr schön gewachsen, hat üppiges schwarzes Haar, grosse dunkle

Augen; der obere Theil des Körpers ist in inländische, oft kostbare

Stoffe von durchsichtiger Feinheit und tadelloser Weisse gehüllt,

und von der Hüfte abwärts in ein buntstreifiges, weitfaltiges Kleid

(Saya), dessen oberer Theil bis zum Knie durch ein dunkles Tuch,

Tapis, so fest zusammengehalten wird, dass die reichen, bunten Falten

der Saya daraus wie die Blumenblätter einer Granate hervorbrechen,

und die Mädchen nur ganz kurze Schritte machen können, was in

Verbindung mit den niedergeschlagenen Augen ihnen einen sehr sittsamen

Anstrich giebt. An den nackten Füssen tragen sie gestickte Pantoffeln

(Chinelas), so schmal, dass die kleine Zehe, die nicht Platz darin hat,

den Pantoffel von aussen festhalten muss. [57]

Aermere Indierinnen kleiden sich nur in eine Saya und ein sogenanntes

Hemd, so kurz, dass es oft nicht bis zu dieser hinabreicht; in den

östlichen Inseln tragen selbst erwachsene Mädchen und Frauen ausser

einem katholischen Amulet gewöhnlich nur diese zwei Kleidungsstücke,

die namentlich nach dem Bade, bis sie die Sonne wieder getrocknet hat,

fast durchsichtig sind.

Hut, Hose und darüber ein Hemd, beide aus grober Guinára, bilden die

Tracht der ärmeren Männer. Die Hemden der Reicheren sind mitunter

aus sehr theuren inländischen Geweben, von Ananas oder Bananenfasern

mit oder ohne seidene Streifen, auch ganz aus Jusi (chinesische

Floretseide), in welchem Falle sie nicht gewaschen und also nur

einmal getragen werden können. Der Hut, Salacót (ein Kugelsegment

aus inländischem Flechtwerk), dient als Regen- und Sonnenschirm, und

ist zuweilen bis zu beträchtlichem Werthe mit Silber beschlagen. Die

Principalia hat das Vorrecht, eine kurze Jacke über dem Hemde zu

tragen, und ist gewöhnlich auch an ihrer, zuweilen bis an's Drollige

streifenden Würde und ihrem vergilbten, in der Familie forterbenden

Zylinder-Hute kenntlich. Der einheimische Stutzer hat lackirte Schuhe

an den nackten Füssen, lange, enganliegende Hosen, schwarz oder

grellbunt gestreift; darüber ein gefaltetes, gestärktes Hemd von

europäischem Schnitt; auf dem Kopf einen zylindrischen Seidenhut,

in der Hand ein Stöckchen. Recht unanständig sieht es aus, wenn

bei Gala-Mahlzeiten die Dienerschaft in weissen gestärkten Hemden

über den Hosen erscheint, nie sind mir die Hässlichkeiten unserer

europäischen Kleidung mehr aufgefallen als in der Nachäffung durch

den Manila »Elegante«.

Die Mestizinnen kleiden sich wie die Indierinnen, aber ohne Tapis,

an Europäer verheirathete tragen auch Schuhe und Strümpfe. Manche

Mestizinnen sind von grosser Schönheit, ihr Gang hat aber gewöhnlich

etwas Schleppendes, von der Gewohnheit, den Pantoffel zu schleifen. In

der Regel sind sie klug, wirtschaftlich, zu Handelsgeschäften sehr

geschickt, in Unterhaltung aber oft unbeholfen und langweilig. Mangel

an Bildung allein ist wohl nicht die Ursache, denn eine Andalusierin

hat ausser der Doctrina christiana auch nichts gelernt, und ist doch

in ihrer Jugend eines der reizendsten Wesen. Der Grund liegt wohl

eher in der Zwitterstellung der Mestizin: von den weissen Frauen wird

sie hochmüthig zurückgestossen, während sie selbst ihre mütterlichen

Verwandten verläugnet. Ihrem Auftreten fehlt die Sicherheit, der

richtige Takt, den die Süd-Europäerin in allen Lebensverhältnissen

zeigt.

Die Mestizen, besonders die von Chinesen und Tagalinen, bilden den

reichsten, unternehmendsten Theil der einheimischen Bevölkerung;

sie kennen alle guten und schlechten Eigenschaften des Eingeborenen

und beuten sie rücksichtslos für ihre Zwecke aus.

Reisen in den Philippinen · 第 31 / 95 题