MANILA. -- LEBEN IN DER STADT UND IN DEN VORSTÄDTEN. --
HAHNENKÄMPFE. -- TRACHTEN DER VERSCHIEDENEN KLASSEN.
Die eigentliche Stadt Manila, hauptsächlich von Spaniern, Kreolen
und zu ihnen in unmittelbarer Beziehung stehenden Einheimischen
und Chinesen bewohnt, [48] liegt, von Mauern und breiten Gräben
umschlossen, am linken, südlichen Ufer des Pásig, eine Seite dem Meere
zukehrend; ein heisser, öder Ort, voll Klöster, Stifter, Kasernen,
Regierungsgebäude. Rücksicht auf Sicherheit, nicht auf Annehmlichkeit,
war bei der Gründung maassgebend. Manila erinnert an spanische
Provinzialstädte und ist nach Goa die älteste Stadt in Indien. Die
Fremden wohnen auf der Nordseite des Flusses, in Binóndo, dem Sitz des
Gross- und Kleinhandels, oder in den freundlichen angrenzenden Dörfern,
die ein zusammenhängendes Ganze bilden. Die Gesammtbevölkerung wird,
wohl mit Uebertreibung, auf 200,000 geschätzt. Eine hübsche, alte,
steinerne Brücke von zehn Bogen, in neuer Zeit auch eine eiserne
Hängebrücke, verbinden die beiden Ufer des Flusses. [49]
Zwischen den Bewohnern von Manila und Binóndo findet sehr wenig Verkehr
statt. Das Leben in der eigentlichen Stadt soll nicht angenehm sein:
Stolz, Neid, Stellenjägerei, Kastenhass sind an der Tagesordnung; die
Spanier halten sich für besser als ihre Kreolen, welche wiederum jenen
vorwerfen, dass sie nur in die Kolonie kommen, um sich satt zu essen,
ebenso herrscht Hass und Neid zwischen Weissen und Mestizen. Aehnliche
Verhältnisse bestehn zwar in allen spanischen Kolonien und liegen im
Wesen der spanischen Kolonialpolitik, die immer bestrebt war, die
verschiedenen Rassen und Stände feindlich zu trennen, aus Furcht,
dass ihr Bündniss die Herrschaft des fernen Mutterlandes gefährde. [50]
In Manila aber werden diese Zustände durch den Umstand gesteigert,
dass die Klasse der durch grossen Grundbesitz an das Land gefesselten
Pflanzer bisher fast gänzlich fehlte. Erst jetzt scheint die
steigende Nachfrage nach den Landesprodukten allmälig einen
erfreulichen Umschwung in dieser Beziehung herbeizuführen. Wie
aber der einem Glücksspiel vergleichbare Naohandel, früher die
einzige Quelle des Reichthums, auf die spanische Bevölkerung
wirkte, schildert treffend Murillo Velarde (p. 272): »Die Spanier,
die hierher kommen, betrachten diese Inseln nicht wie eine Heimath,
sondern wie ein Wirthshaus. Heirathen sie, so geschieht es zufällig;
wo giebt es eine Familie, die Generationen überdauerte? .. Der Vater
sammelt Schätze, der Sohn vergeudet, der Enkel bettelt. Die grössten
Kapitalien sind nicht beständiger als die Wogen des Meeres, auf denen
sie sich gründen.«
Auch unter den Ausländern in Binóndo herrscht durchaus nicht so viel
Geselligkeit als in englischen oder holländischen Kolonien, und fast
kein Umgang mit den Spaniern, welche die Fremden beneiden und deren
im Lande gemachten Erwerb fast wie einen an ihnen, den Eigenthümern,
begangenen Raub betrachten. Dabei ist das Leben sehr theuer, theurer
als in Singapore und Batavia. Bei Vielen scheinen die Ausgaben in
grossem Missverhältniss zu ihrem amtlichen Gehalt zu stehn.
Die zum Theil sehr geräumigen Häuser sind düster und hässlich,
mit Rücksicht auf das Klima schlecht ventilirt; statt luftiger
Jalousien schwere Schiebefenster, welche das Licht nicht durch Glas,
sondern durch dünne Austerschalen (Placuna placenta L.) einlassen,
die kaum zwei Zoll im Geviert haben und in Gitterrahmen von zolldicken
Latten sitzen. Das Erdgeschoss ist verständiger Weise, der grossen
Feuchtigkeit wegen, meist unbewohnt, zu Magazinen, Stallungen,
Diensträumen benutzt.
Die anspruchslosen, in ihrer Art zweckmässigen Häuser von Brettern
oder Bambus und Palmenblättern stehn der Feuchtigkeit wegen auf
Pfählen, jedes für sich, der untere Raum gewöhnlich durch ein Gitter
eingefasst, dient als Stall oder Magazin; so war es schon zu Magellan's
Zeiten. Solche Häuser sind ausserordentlich leicht gebaut. Lapérouse
schätzt das Gesammtgewicht mancher mit vollständigem Mobiliar auf
weniger als 200 Pfund.
Fast sämmtliche Häuser, sogar die Hütten der Eingeborenen, haben eine
Azotea, d. h. einen nicht überdachten Raum in gleicher Flucht mit
der Wohnung, der die Stelle von Hof und Balkon vertritt. Die Spanier
scheinen diese hübsche Einrichtung den Mauren entlehnt zu haben; die
Eingeborenen kannten sie aber wohl schon vor Ankunft der Europäer,
denn Morga (Bl. 140) erwähnt bereits dergl. »Batalanes«. In den
Vorstädten ist fast jede Hütte von einem Gärtchen umgeben.
Das Trinkwasser ist mit Ausnahme des in Zisternen gesammelten, sehr
schlecht. Es wird etwas oberhalb der Stadt in flache Kähne geschöpft
und so den Haushaltungen zugeführt. Das Flusswasser ist oft ganz
grün von Conferven, häufig sieht man auch todte Hunde und Katzen
darin treiben, von grossen Pistien wie von Kopfsalat umgeben. In
der trocknen Jahreszeit werden die zahlreichen Kanäle der Vorstädte
stellenweis zu stagnirenden Kloaken, der Stadtgraben bietet bei jeder
Ebbe einen solchen Anblick.
An Gelegenheit zu Vergnügungen ist Manila sehr arm. Während meines
Aufenthalts bestand kein spanisches Theater; tagalische Schauspiele
(Uebersetzungen) wurden zuweilen aufgeführt. Es gab keinen Klub,
keine lesbaren Bücher. Nicht einmal Zeitungsnachrichten belebten die
matte Unterhaltung; denn nachdem die alle vierzehn Tage aus Hongkong
eintreffenden Nachrichten durch die Priesterzensur gesichtet, blieb
zur Speisung der Lokalblätter wenig übrig als Madrider und Pariser
Hofnachrichten. [51] Nur die mit bunter Pracht gefeierten Kirchenfeste
unterbrachen zuweilen die Einförmigkeit.
Das grösste Vergnügen der Eingebornen sind die Hahnenkämpfe, die
mit einer Leidenschaftlichkeit betrieben werden, welche jedem
Fremden sogleich auffallen muss. Fast alle Indier halten sich
Kampfhähne. Viele gehn nie aus, ohne ihren Liebling im Arm zu tragen;
sie zahlen zuweilen 50 Doll. und mehr dafür und überhäufen ihn mit
den zärtlichsten Liebkosungen. Man kann die Sucht für Hahnenkämpfe
wohl ein Nationallaster nennen, doch sollen sie erst durch die
Spanier oder die sie begleitenden Mexicaner eingeführt worden sein;
ebenso das in China zum Nationallaster gewordene Opiumrauchen durch
die Engländer. Wahrscheinlicher ist es wohl, dass die Malayen die
Sitte in's Land brachten. Im östlichen Theil der Philippinen müssen
zu Pigafetta's Zeiten Hahnenkämpfe unbekannt gewesen sein. Er sah
die ersten Kampfhähne in Paláuan: »Sie haben grosse Hähne, die sie
aus einer Art von Aberglauben nicht essen, sie halten sie aber, um
sie kämpfen zu lassen; es werden dabei Wetten gemacht, deren Ertrag
der Eigenthümer des Siegers erhält.« [52] [53]
Für Europäer ist das Schauspiel in hohem Grade widerwärtig: Der einen
Ring um den Kampfplatz bildende Zuschauerraum ist mit Eingeborenen
überfüllt, die aus allen Poren schwitzen, während ihre Gesichter von
hässlichen Leidenschaften auf's Höchste erregt sind. Die Hähne sind
je mit einem sehr scharfen, sichelförmigen, 3 Zoll langen Messer
bewaffnet, das tiefe Wunden reisst und immer den Tod des einen oder
beider Hähne durch grausame Verletzungen herbeiführt. Ein Hahn,
der aus Feigheit davonläuft, wird lebendig gerupft. Im Verhältniss
zu den Mitteln der Spieler werden unglaublich hohe Summen verwettet.
Dass diese Hahnenkämpfe für ein so sehr zu Müssiggang und
Liederlichkeit geneigtes, nur den Regungen des Augenblicks folgendes
Volk im höchsten Grade entsittlichend wirken, liegt auf der Hand. Der
Lockung, ohne Arbeit Geld zu gewinnen, vermögen sie schwer zu
widerstehn; Viele werden durch die Leidenschaft des Spieles zu
Wucherschulden, Unterschlagungen und Diebstahl verleitet, auch zu
Strassenraub: die Land- und Seeräuberbanden, von denen weiter unten,
sollen zum grossen Theil aus ruinirten Spielern bestehn. [54]
Alle Städte Hinterindiens übertrifft Manila durch angenehme
Frauengestalten, die seine Strassen beleben. Herr Mallat schildert
sie in glühenden Worten. Ein hübsches, phantasiereiches, in der
Lokalfarbe gehaltenes Bild des Strassenlebens findet man auch in den
sehr unterhaltenden Aventures d'un gentil'homme Breton. [55]
Wie viele der hübschesten »India's« von ganz reinem Blute sind, ist
freilich nicht zu ermitteln. Manche sind sehr weiss, nähern sich dem
europäischen Typus und unterscheiden sich dadurch merklich von ihren
Stammesgenossen in den abgelegeneren Provinzen.
Der unmittelbaren Umgebung Manila's fehlt es nicht an schönen Punkten,
ihr Besuch gehört aber nicht zum Ton, da Toilettenschau, nicht
Naturgenuss, Zweck des Spazierengehns ist. In der trockenen Jahreszeit
fahren Abends Alle, die es bezahlen können, auf staubigen Strassen nach
einem kürzlich angelegten Platz am Meer, von 1000 Fuss Breite, 200 Fuss
Länge, wo mehrere Mal in der Woche die recht gute Musik inländischer
Regimenter spielt, und gehen steif auf und ab. Die Spanier stecken alle
in Uniformen oder schwarzen Fracks. Wenn die Glocken zum Abendgebet
(Angelus) läuten, stehn Wagen, Reiter und Fussgänger plötzlich still,
Jedermann entblösst sein Haupt und scheint zu beten.
Derselbe Guvernör, der die Promenade angelegt, hatte auch einen
botanischen Garten geschaffen. Zwar waren die wenigen von ihm dahin
versetzten Pflanzen, auf dem morastigen Boden der vollen Sonnengluth
preisgegeben, schnell wieder zu Grunde gegangen, aber der Platz
war eingezäunt, in Felder getheilt, mit Unkraut bewachsen und hatte
wenigstens einen Namen erhalten, gegenwärtig soll er besser im Stande
sein. [56]
In der Umgegend von Manila sind die Kirchenfeste wohl des Besuchs der
Fremden werth, schon wegen der zahlreichen hübschen Indierinnen und
Mestizinnen, die sich Abends dort einfinden und in ihrem besten Putz
auf den festlich beleuchteten, mit Fahnen und Blumen geschmückten
Strassen spazieren gehn. Sie sind namentlich für den aus den
Malayenländern kommenden eine anmuthige Erscheinung. Die Indierin
ist sehr schön gewachsen, hat üppiges schwarzes Haar, grosse dunkle
Augen; der obere Theil des Körpers ist in inländische, oft kostbare
Stoffe von durchsichtiger Feinheit und tadelloser Weisse gehüllt,
und von der Hüfte abwärts in ein buntstreifiges, weitfaltiges Kleid
(Saya), dessen oberer Theil bis zum Knie durch ein dunkles Tuch,
Tapis, so fest zusammengehalten wird, dass die reichen, bunten Falten
der Saya daraus wie die Blumenblätter einer Granate hervorbrechen,
und die Mädchen nur ganz kurze Schritte machen können, was in
Verbindung mit den niedergeschlagenen Augen ihnen einen sehr sittsamen
Anstrich giebt. An den nackten Füssen tragen sie gestickte Pantoffeln
(Chinelas), so schmal, dass die kleine Zehe, die nicht Platz darin hat,
den Pantoffel von aussen festhalten muss. [57]
Aermere Indierinnen kleiden sich nur in eine Saya und ein sogenanntes
Hemd, so kurz, dass es oft nicht bis zu dieser hinabreicht; in den
östlichen Inseln tragen selbst erwachsene Mädchen und Frauen ausser
einem katholischen Amulet gewöhnlich nur diese zwei Kleidungsstücke,
die namentlich nach dem Bade, bis sie die Sonne wieder getrocknet hat,
fast durchsichtig sind.
Hut, Hose und darüber ein Hemd, beide aus grober Guinára, bilden die
Tracht der ärmeren Männer. Die Hemden der Reicheren sind mitunter
aus sehr theuren inländischen Geweben, von Ananas oder Bananenfasern
mit oder ohne seidene Streifen, auch ganz aus Jusi (chinesische
Floretseide), in welchem Falle sie nicht gewaschen und also nur
einmal getragen werden können. Der Hut, Salacót (ein Kugelsegment
aus inländischem Flechtwerk), dient als Regen- und Sonnenschirm, und
ist zuweilen bis zu beträchtlichem Werthe mit Silber beschlagen. Die
Principalia hat das Vorrecht, eine kurze Jacke über dem Hemde zu
tragen, und ist gewöhnlich auch an ihrer, zuweilen bis an's Drollige
streifenden Würde und ihrem vergilbten, in der Familie forterbenden
Zylinder-Hute kenntlich. Der einheimische Stutzer hat lackirte Schuhe
an den nackten Füssen, lange, enganliegende Hosen, schwarz oder
grellbunt gestreift; darüber ein gefaltetes, gestärktes Hemd von
europäischem Schnitt; auf dem Kopf einen zylindrischen Seidenhut,
in der Hand ein Stöckchen. Recht unanständig sieht es aus, wenn
bei Gala-Mahlzeiten die Dienerschaft in weissen gestärkten Hemden
über den Hosen erscheint, nie sind mir die Hässlichkeiten unserer
europäischen Kleidung mehr aufgefallen als in der Nachäffung durch
den Manila »Elegante«.
Die Mestizinnen kleiden sich wie die Indierinnen, aber ohne Tapis,
an Europäer verheirathete tragen auch Schuhe und Strümpfe. Manche
Mestizinnen sind von grosser Schönheit, ihr Gang hat aber gewöhnlich
etwas Schleppendes, von der Gewohnheit, den Pantoffel zu schleifen. In
der Regel sind sie klug, wirtschaftlich, zu Handelsgeschäften sehr
geschickt, in Unterhaltung aber oft unbeholfen und langweilig. Mangel
an Bildung allein ist wohl nicht die Ursache, denn eine Andalusierin
hat ausser der Doctrina christiana auch nichts gelernt, und ist doch
in ihrer Jugend eines der reizendsten Wesen. Der Grund liegt wohl
eher in der Zwitterstellung der Mestizin: von den weissen Frauen wird
sie hochmüthig zurückgestossen, während sie selbst ihre mütterlichen
Verwandten verläugnet. Ihrem Auftreten fehlt die Sicherheit, der
richtige Takt, den die Süd-Europäerin in allen Lebensverhältnissen
zeigt.
Die Mestizen, besonders die von Chinesen und Tagalinen, bilden den
reichsten, unternehmendsten Theil der einheimischen Bevölkerung;
sie kennen alle guten und schlechten Eigenschaften des Eingeborenen
und beuten sie rücksichtslos für ihre Zwecke aus.