EINLEITENDE BEMERKUNGEN

MERIDIANDIFFERENZ.--HANDELSGEBIET DER PHILIPPINEN.--THEILUNG DER

ERDE.--ERSTER ANBLICK MANILA'S.--ERDBEBEN.

Wenn es in Madrid Mittag schlägt, so ist es in Manila, der Hauptstadt

der Philippinen, mehr als 8 Uhr Abends, genau 8h 18m 41s; d. h. Manila

liegt 124° 40' 15'' östl. von Madrid (7h 54m 35s von Paris. Conn. des

temps). Wenn früher aber Madrid Neujahr feierte, so war in Manila

erst Sylvester.

Da Magellan, der die Philippinen 1521, bei jener denkwürdigen ersten

Weltumsegelung entdeckte, sich in derselben Richtung um die Erde

bewegte, wie die Sonne in ihrem scheinbaren täglichen Lauf, so hatte er

für jeden Grad, den er weiter nach Westen vordrang, vier Minuten später

Mittag, und als er die Philippinen erreichte, betrug der Unterschied

fast 16 Stunden. Er scheint dies aber nicht bemerkt zu haben, denn

Elcano, der Führer des einzigen geretteten Schiffes, wusste nicht,

als er zum Meridian seiner Abfahrt zurückkehrte, dass er nach der

Schiffsrechnung einen Tag weniger zählen musste, als in dem Hafen, den

er durch fortgesetztes Westwärtsfahren wieder erreicht hatte. [1] [2]

In den Philippinen blieb jener Umstand gleichfalls unberücksichtigt;

deshalb war dort Sylvester, wenn in der übrigen Welt Neujahr begonnen

hatte, und so ging es fort bis Ende 1844, wo man sich, nach eingeholter

Genehmigung des Erzbischofs, entschloss, den Sylvestertag einmal

gänzlich zu überspringen. [3] Seitdem liegen die Philippinen nicht

mehr im fernsten Westen, sondern im fernen Osten, und sind ihrem

Mutterlande um 8 Stunden voraus. Ihr eigentliches Handelsgebiet ist

aber unser ferner Westen; von dort her wurden sie kolonisirt, und

Jahrhunderte lang, bis 1811, hatten sie fast keinen andern Verkehr

mit Europa als mittelbar, durch die jährliche Reise der Nao zwischen

Manila und Acapulco. Nun aber, wo endlich die östlichen Gestade des

stillen Meeres sich bevölkern und mit beispielloser Schnelligkeit

ihrer grossen Zukunft entgegen gehen, werden die Philippinen nicht

länger in ihrer bisherigen Abgeschlossenheit verharren können; denn

für die Westküste Amerika's liegt wohl keine tropische Kolonie Asiens

so günstig; auch für Australien kann ihnen nur in einigen Beziehungen

Niederländisch-Indien den Rang streitig machen. Auf den Handel mit

China dagegen, dessen Stapelplatz anfänglich Manila war, so wie mit

den westlicher, den atlantischen Häfen näher gelegenen Ländern Asiens,

unserm fernen Osten, wird es wohl immer mehr verzichten müssen. [4]

Wenn sich die hier angedeuteten Verhältnisse verwirklichen, so würden

die Philippinen oder wenigstens ihr Handelsgebiet schliesslich doch

in den Bereich der westlichen Erdhälfte fallen, in welche sie die

berühmten spanischen Geographen zu Badajóz verwiesen.

Nach der Bulle Alexanders VI., vom 4. Mai 1493, [5] welche die Erde

durch einen Meridian in zwei Hälften theilte, sollten die auf seiner

östlichen Seite zu entdeckenden heidnischen Länder den Portugiesen, die

auf der westlichen den Spaniern gehören. Die Philippinen konnten daher

von Letzteren nur unter der Voraussetzung in Besitz genommen werden,

dass sie auf der westlichen Hälfte lägen. Die Demarkazionslinie sollte

vom Nord- zum Südpol, 100 Leguas gen Abend und Mittag aller sogenannten

Azoren und Capverdischen Inseln verlaufen. Durch einen am 7. Juni

1494 zwischen Spanien und Portugal zu Tordesillas geschlossenen,

1506 von Julius II. bestätigten Vertrag wurde sie 370 Leguas West

der Capverdischen Inseln gezogen.

Von den damals in Spanien und Portugal gebräuchlichen Leguas wurden 17

1/2 auf einen Grad des Aequators gerechnet, im Parallel der Capverden

betrugen 370 Leguas 21° 55'; nimmt man dazu die Längendifferenz

zwischen der Westspitze dieser Inselgruppe und Cadix = 18° 48', so

erhält man 40° 43' W. und 139° 17' O. von Cadix (rund 47° W. 133°

O. Gr.) als die Grenzen der spanischen Erdhälfte. Aber die zur

damaligen Zeit vorhandenen Mittel waren für solche Ortsbestimmungen

völlig unzureichend.

Die Breite wurde mit unvollkommenen Astrolabien oder hölzernen

Quadranten gemessen und nach sehr mangelhaften Tafeln berechnet;

die Abweichung der Magnetnadel war so gut wie unbekannt, ebenso das

Log. [6] Für brauchbare Längenbestimmungen waren weder die Methoden

noch die Instrumente erfunden. Unter solchen Umständen bewiesen 1524 zu

Badajóz die Spanier den protestirenden Portugiesen, dass die östliche

Grenzlinie die Gangesmündung schnitte, und sprachen sich dadurch den

Besitz der Gewürzinseln zu.

In Wirklichkeit müsste die östliche Grenzlinie 46 1/2° weiter östlich

fallen; d. h. so weit wie von Berlin bis an die Küste von Labrador

oder den kleinen Altai, da im Parallel von Calcutta 46 1/2° = 2575

See-M. Albo's Tagebuch giebt die Längendifferenz der östlichsten

Inseln des Archipels von Cap Fermoso (Magellan's Strasse) auf 106°

30' an, während sie 159° 25' beträgt.

Die durch die Unsicherheit der östlichen Grenzlinie veranlassten

Streitigkeiten zwischen den Spaniern und Portugiesen, welche letztere

früher nach den Gewürzinseln gekommen waren, wurden 1529 durch einen

Vergleich beigelegt, indem Carl V. alle seine angemaassten Anrechte auf

die Molukken für die Summe von 350,000 Dukaten an Portugal abtrat. Die

Philippinen hatten damals keinen Werth.

Von Hongkong nach Manila sind 650 Seemeilen, fast genau S.O., die in

3 bis 4 Tagen von dem Dampfschiff zurückgelegt werden, welches alle

14 Tage die Post-Verbindung zwischen der Kolonie und der übrigen Welt

herstellt. [7]

Ohne diesen kleinen Dampfer würde man in Hongkong, in dessen Hafen

sich die Schiffe aller Nationen drängen, kaum vermuthen können, dass in

so grosser Nähe ein Inselstaat liegt, der durch glückliche Gliederung

und Fruchtbarkeit mehr als irgend ein andrer begünstigt scheint.

Obgleich die Philippinen Spanien gehören, so findet doch zwischen

beiden Ländern fast kein Handel statt. Die Verbindung mit dem

Mutterlande war früher der Art, dass die Ankunft eines Schiffes mit

der spanischen Post durch Tedeum und Glockenläuten für die Vollbringung

einer so gewaltigen Reise gefeiert wurde. Bis Portugal an Spanien fiel,

war den Philippinen der Weg um Afrika verschlossen. Wie es mit der

Ueberlandreise stand, zeigt der Umstand, dass zwei Augustiner, die

1603 dem Könige eine wichtige Botschaft bringen sollten, und daher

den kürzeren Weg über Goa, die Türkei und Italien gewählt hatten,

Madrid erst nach drei Jahren erreichten. [8]

Die bisher den Kaufleuten durch hohe Differenzialzölle aufgezwungene

spanische Flagge beförderte, trotz des Schutzzolles für nationale

Produkte, fast nur ausländische Waaren nach der Kolonie und die

Erzeugnisse der letzteren nach fremden Häfen. Der Verkehr mit Spanien

beschränkte sich auf den Transport von Beamten und Geistlichen und

deren gewohnten Lebensbedürfnissen, namentlich Nahrungsmitteln,

Wein, andren Flüssigkeiten (Caldos) und, einige französische Romane

ausgenommen, entsetzlich geistlosen Büchern: Geschichten von Heiligen

und Aehnlichem.

Die Bay von Manila ist gross genug um alle Flotten Europa's

aufzunehmen; sie gilt für eine der schönsten der Welt. Der Anblick

des Landes entspricht aber, wenn man, wie der Verfasser, gegen Ende

der trocknen Jahreszeit ankommt, durchaus nicht den begeisterten

Schilderungen mancher Reisenden. Das kreisrunde, fünf Provinzen

begrenzende Wasserbecken von fast 120 Seemeilen Umfang ist in der

Gegend Manila's von flachen Ufern umgeben, hinter welchen sich ein eben

so flaches Gestadeland ausbreitet. Die karge Vegetation war von der

Sonne verdorrt, nur einige Bambusbüsche und Arecapalmen, in der Ferne

die blauen Berge von San Mateo unterbrachen die Einförmigkeit. Zur

Regenzeit, wenn unzählige, die Ebene durchschneidende Kanäle aus

ihren Ufern treten, bilden sich grosse zusammenhängende Wasserbecken,

bald darauf verwandelt sich Alles in ein üppig grünendes Reisfeld.

Manila liegt zu beiden Seiten des Pásig. Die eigentliche Stadt von

Mauern und Wällen umschlossen, mit niedrigen Ziegeldächern und einigen

Thürmen, sah 1859 vom Meere aus einer alterthümlichen europäischen

Festung ähnlich. Vier Jahre später wurde sie durch ein Erdbeben zum

grössten Theil zerstört.

Am 3. Juni 1863, als ganz Manila mit den Vorbereitungen zum

Frohnleichnamsfeste beschäftigt war, bebte nach einem Tage drückender

Hitze um 7 Uhr und 31 Minuten Abends plötzlich die Erde, die festesten

Gebäude bewegten sich, die Mauern barsten, die Balken brachen; das

furchtbare Geräusch dauerte eine halbe Minute. Dieser Zeitraum war

hinreichend, um die ganze Stadt in ein Ruinenfeld zu verwandeln,

und hunderte von Einwohnern lebendig zu begraben. Nach einem mir

mitgetheilten Briefe des General-Guvernörs wurden der Palast, die

Kathedrale, die Kasernen und alle öffentlichen Gebäude Manila's völlig

zertrümmert; die wenigen stehen gebliebenen Privathäuser drohten

einzustürzen. Spätere Berichte geben 400 Todte, 2000 Verwundete an

und schätzen den Verlust auf 8 Millionen Doll. 46 öffentliche und

570 Privat-Gebäude waren eingestürzt, 28 öffentliche und 528 private

waren dem Umsturz nahe, alle stehen gebliebenen Häuser mehr oder

weniger beschädigt.

Um dieselbe Zeit fand in Cavite, dem Kriegshafen der Philippinen,

ein 40 Sekunden anhaltendes Erdbeben statt, das viele Gebäude umwarf.

Drei Jahre nach diesem Ereignisse findet der Herzog von Alençon

(Luçon et Mindanao, Paris 1870 S. 38) noch überall dessen Spuren. Drei

Seiten des Hauptplatzes der Stadt, auf denen sich früher der Palast,

die Kathedrale, das Stadthaus erhoben, lagen da als Schutthaufen

mit Gesträuch bewachsen. Alle grossen öffentlichen Gebäude waren

»vorläufig« durch Holzbauten ersetzt, man dachte aber nicht daran,

etwas Bleibendes zu schaffen.

Manila ist sehr häufigen Erdbeben ausgesetzt; am verhängnissvollsten

die von 1601, 1610 (30. Nov.), 1645 (30. Nov.), 1658 (20. Aug.), 1675,

1699, 1796, 1824, 1852, 1863. -- 1645 kamen 600 Personen um [9], nach

Andern sogar 3000, [10] die unter den Trümmern ihrer Häuser begraben

wurden. Von allen öffentlichen Gebäuden blieben nur das Kloster,

die Kirche der Augustiner und die der Jesuiten stehen.

Kleine Erdstösse, welche plötzlich alle Hängelampen in Schwingung

versetzen, finden sehr oft statt und bleiben gewöhnlich unbeachtet. Die

Häuser sind mit Rücksicht auf diesen Umstand nur einstöckig, und der

lockere, vulkanische Tuff, aus dem sie gebaut, mag zur Milderung der

Stösse beitragen. Höchst unzweckmässig aber erscheinen unter solchen

Verhältnissen die schweren Ziegeldächer. Auch in den Provinzen sind

Erdstösse sehr häufig, richten aber, weil die Häuser nur aus Brettern

oder Bambus und Palmenblättern bestehn, gewöhnlich so wenig Schaden

an, dass sie gar nicht erwähnt werden.

Herr Alexis Perrey giebt in den Mém. de l'Acad. de Dijon 1860

ein mit grossem Fleiss aus der ihm zugänglichen Literatur

zusammengestelltes Verzeichniss von Erdbeben, welche die

Philippinen und besonders Manila heimgesucht haben. Selbst

über die bedeutenderen sind die Nachrichten sehr spärlich, die

Daten oft schwankend. Von unerheblicheren sind nur einige wenige

angeführt, die von zufällig anwesenden wissenschaftlichen Männern

verzeichnet wurden.

Ein sehr heftiges fand nach Aduarte (I. 141) 1610 statt. Ich

lasse die Uebersetzung der betreffenden Stelle abgekürzt folgen,

da ich es sonst nirgends erwähnt finde:

Ende November dieses Jahres (1610) am St. Andreas-Tage fand in

diesen Inseln, von Manila bis an das äusserste Ende der Provinz

Neu-Segóvia (das ganze nördliche Luzon), eine Entfernung von 200

Leguas, ein so furchtbares Erdbeben statt, wie man es nie erlebt

hatte; es that grossen Schaden im ganzen Lande, in der Provinz

Ilocos begrub es Palmbäume und liess nur die Blattkronen über der

Erde, Berge wurden durch die Gewalt des Erdbebens gegen einander

geschoben, viele Gebäude zerstört und Menschen getödtet. Am

meisten aber wüthete es in Neu-Segóvia, wo es Berge öffnete,

und neue Wasserbecken aufthat; die Erde spie grosse Haufen

Sand aus und schwankte der Art, dass die Leute, da sie nicht

aufrecht stehen konnten, sich auf die Erde setzten und am Boden

festbanden als wären sie in einem Schiff auf stürmischer See. In

dem von den Mendayas bewohnten Höhenzuge stürzte ein Berg ein,

zertrümmerte dabei ein Dorf und erschlug die Bewohner. Ein grosses

Stück Land am Fluss versank, so dass jetzt da, wo früher Hügel

meist von ansehnlicher Höhe gestanden, die Oberfläche fast dem

Wasserspiegel gleich ist. Im Flussbett war die Bewegung so stark,

dass sich Wellen erhoben wie im Meer oder als ob das Wasser von

fürchterlichem Winde gepeitscht würde. Die steinernen Gebäude

litten den meisten Schaden, unsere Kirche und Convento stürzten

ein ....

Reisen in den Philippinen · 第 29 / 95 题