Im Anfange war es wüst und leer in der Haide. Der Adler führte über Tage
das große Wort, und bei Nacht hatte es der Uhu; Bär und Wolf waren
Herren im Lande und hatten Macht über jegliches Getier.
Kein Mensch wehrte es ihnen, denn die paar armseligen Wilden, die dort
vom Jagen und Fischen lebten, waren froh, wenn sie das Leben hatten und
gingen den Untieren liebendgern aus der Kehr.
Da kamen eines Abends andere Menschen zugereist, die blanke Gesichter
und gelbes Haar hatten; mit Pferd und Wagen, Kind und Kegel kamen sie
an, und mit Hunden und Federvieh.
Es gefiel ihnen gut in der Haide, denn sie kamen daher, wo das Eis noch
bis in den Mai auf den Pümpen stand und im Oktober schon wieder Schnee
fiel.
Ein jeder suchte sich einen Platz und baute sich darauf ein breites Haus
mit spitzem Dach, das mit Reet und Plaggen gedeckt war und am Giebel ein
paar bunte Pferdeköpfe aus Holz aufwies.
Jeglicher Hof lag für sich. Ganz zu hinderst in der Haide wohnte
Reineke; sein Nachbar war Hingst; auf ihn folgte Marten, darauf Hennig,
hinterher Hors, und dann Bock und Bolle und Otte und Katz und Duw und
Specht und Petz und Ul und wie sie alle hießen, und zuletzt Wulf, ein
langer Mann mit lustigen Augen und einer hellen Stimme, der sich da
angebaut hatte, wo das Bruch anfing.
Der Wulfshof hatte das beste Weideland von allen Höfen, aber der Bauer
hatte auch am meisten mit den Wölfen und Bären zu tun und mit den
schwarzbraunen Leuten, die hinten im Bruche lebten. Doch das war ihm
gerade recht und seinen Jungens nicht minder; je bunter es herging, um
so lieber war es ihnen, und so wurden es Kerle, wie die Bäume, mit
Händen, wie Bärenpfoten; aber dennoch konnte sie ein jeder gern leiden,
dieweil sie so grall in die Welt sahen und allewege lachten.
Das kam ihnen und ihren Kindern und Kindeskindern auch gut zupasse, denn
es ging zuzeiten wild genug her in der Haide; fremde Völker zogen durch,
und die Haidbauern mußten mächtig aufpassen, daß sie nicht umgerannt
wurden. Aber es waren ihrer von Jahrhundert zu Jahrhundert in Ödringen,
wie das Dorf hieß, immer mehr geworden; sie hielten stand, schmissen die
Feinde zurück oder bargen die Weibsleute, die Kinder und das Vieh in der
Wallburg im Bruche und setzten den Fremden durch Überfallen und Ablauern
solange zu, bis sie sich wieder dünne machten.
Die Männer vom Wulfshofe waren dabei immer vorneweg. Manch einer von
ihnen blieb mit einem Pfeile im Halse oder einem Speere in der Brust
dabei liegen, aber es blieb immer noch einer übrig, der den Namen am
Leben hielt.
Mittlerweile nahmen sie immer mehr Land unter den Pflug und machten das
Bruch zu Wiesenland und Weide; zehn Gebäude zählte der Hof, der wie eine
Burg hinter Wall und Graben in seinem Eichbusche lag, und in dem großen
Hause war kein Mangel an Waffen und Geräten aller Art.
In dem Flett standen neben dem Herde ein Dutzend schwerer silberner
Teller auf dem Bört an der Feuerwand. Als die Bergbauern ihre Boten
schickten und die Haidbauern baten, ihnen beizustehen, die Römer aus dem
Land zu jagen, war auch ein Sohn vom Wulfshofe mit ausgezogen. Als er
schon ein alter Mann war, lachte er noch, wenn er darauf zu sprechen
kam, wie Varus mitsamt seinen Leuten vor die Hunde ging.
»Junge,« sagte der alte Mann, »das war ein Spaß! Was haben wir die
krummen Hunde geweift! So Stücker zwanzig habe ich allein vor den Brägen
geschlagen, daß es nur so ballerte, denn sie hatten alle Kappen aus
Blech auf. Na, und denn habe ich zum Andenken die blanken Kümpe
mitgebracht. Machen sie sich da nicht fein?«
Mit den Römern waren die Bauern bald fertig geworden, aber dann kam der
Franke, und der war zähe wie Aalleder. Holte er sich heute auch eine
Jacke voll Schläge, morgen war er wieder da. Ein Wulf war dabei gewesen,
als Weking das fränkische Heer am Süntel zu rohem Mett hackte, aber zwei
von den Wulfsbauern waren auch unter den Männern, die Karl an der
Halsbeeke bei der großen Fähre wie Vieh abschlachten ließ. Als darauf
alles, was ein Messer halten konnte, ihm an den Hals sprang, waren auch
drei Wulfs dabei; sie waren nicht zurückgekommen.
Schließlich aber sagten die Haidjer sich: »Gegen ein Fuder Mist kann
einer allein nicht anstinken.« So zahlten sie denn Zins, sagten dem Wode
und der Frigge ab, ließen sich taufen und wurden mit der Zeit ganz
ordentliche Christen, vorzüglich, als einer von ihnen, der nach der
Väter Brauch den alten Göttern einen Schimmel auf dem Hingstberge
geschlachtet hatte, dafür unter das Beil mußte.
Ganz zahm wurden sie nach außen hin und sie ließen sich sogar einen
fränkischen Ritter vor die Nase setzen. Aber von innen blieben sie die
Alten; wenn im heiligen römischen Reiche einmal wieder alles koppheister
ging, dann kamen sie vor Tau und Tag über die Haide geritten, steckten
die Burg an allen vier Ecken an und schlugen alles, was einen Bart
hatte, vor den Kopf.
Das half ihnen auf die Dauer aber doch nichts; die fremden Herren nahmen
ihnen mit Gewalt und List ein Recht nach dem andern, und schließlich
wurden sie alle zinspflichtige Lehnsmänner bis auf den Wulfsbauern; denn
der hatte einen Freibrief als Sattelmeier, weil ein Wulf einmal den
Herzog Billung vor seinen Feinden gerettet hatte. Wenn sich nun auch
heute das Kloster und morgen der Ritter alle Mühe gab, den Wulfshof
anzumeiern, die Wulfsbauern wußten sich davor zu wahren.
Sie hatten ja auch sonst ihre liebe Not, denn bald war Krieg im Lande,
bald rührten sich die Raubritter. Wenn der Bauer pflügte, hatte er
währenddem den Speer und die Armbrust bei seiner Jacke liegen, und mehr
als einmal fing er mit seinen Leuten ein paar Schnapphähne ab und
brachte sie über die Seite. Da das aber einmal so war, so machte er sich
weiter keine Gedanken darüber; seine Augen blieben hell und das Lachen
verlernte er auch nicht.
Als die Bauern die neue Lehre annahmen und dem Pater aufsagten, mußte
der Wulfsbauer zu ihm gehen und ihm das klarmachen, weil der Pater ein
guter alter Mann war und die Bauern glaubten, kein anderer könne ihm die
Sache so gelinde beibringen, wie Harm Wulf, dessen Hauptredensart es
war: »Es ist alles man ein Übergang«, und dabei schlug er den Wolf in
der Kuhle tot und lachte dazu.
Hinterher kamen ja wohl einmal Zeiten, daß auch der Wulfsbauer eine
krause Stirn und dunkle Augen kriegte und nicht mehr so laut lachte. Das
war Anno 1519, als Hans Magerkohl, der Bischoff von Hildesheim, sich mit
dem Braunschweiger Herzog kämmte und die Bauern dabei Haare lassen
mußten. In Burgdorf krähte der rote Hahn lauthals und ein Wulf, der dort
in eine Ackerbürgerstelle hineingeheiratet hatte, kam mit dem weißen
Stocke wieder nach dem Wulfshofe und starb bald vor Herzeleid, denn die
braunschweigischen Kriegsvölker hatten seine junge Frau zuschanden
gemacht.
Ein Trupp von dem Gesindel kam auch bis vor den Wulfshof; aber da es nur
bei zwanzig waren, fanden sie nicht wieder zurück; der Bauer schlug sie
mit seinen Söhnen und Knechten tot, fuhr sie in das Bruch und rodete sie
bei.
Auch sein Sohn verlernte später auf einige Zeit das Lachen, denn als man
den neunten Juli des Jahres 1553 schrieb, kam es auf dem Vogelherde bei
Sievershausen zu dem großen Treffen zwischen dem Braunschweiger und dem
Sachsen auf der einen und dem Kalenberger und dem Brandenburger auf der
anderen Seite.
Schrecklich ging es vor und nach der Schlacht in der Haide zu; doch der
Wulfsbauer hatte beizeiten Wind gekriegt und die Frauensleute, die
Kinder und das Vieh und alles, was Geldeswert hatte, im Bruche geborgen;
er selber aber und seine Leute hatten sich mit den anderen Bauern
zusammengetan, und wo sie einen Haufen Fußvolk oder Reiter trafen, denen
ging es schlecht. Über zweihundert von ihnen schossen und schlugen die
Bauern tot. Wenn sie sie eingruben, lachte der Wulfsbauer und sagte:
»Man soll alle Arbeit mit Freuden tun, vorzüglich, wenn sie sich lohnt«;
damit meinte er dann die Waffen und das bare Geld, das die Kriegsleute
bei sich hatten.
Wenn es auch noch so hart herging, ihre grallen Augen und ihr helles
Lachen verloren die Wulfsbauern so leicht nicht; es mußte schon sehr
schlimm kommen, daß es anders mit ihnen wurde.
Das tat es denn auch. Es gingen im Jahre 1623 allerlei Gerüchte von
einem Kriege um, den der Kaiser mit den Böhmen wegen der neuen Lehre
führte und der immer weiter fraß. Zudem hatte es sehr viele wunderliche
Zeichen gegeben. Es waren Rosen gewachsen, aus denen wieder Rosen kamen,
das Brot hatte geblutet, auf den Koppelwegen lagen Sternschnuppen, drei
Tage hintereinander im Juli kamen Unmassen von Schillebolden über die
Haide geflogen und hinterher ebensoviele Buttervögel; es gab mehr
Mißgeburten beim Vieh, denn je zuvor, die Mäuse heckten unmäßig, Pest-
und Sterbevögel ließen sich sehen, am Himmel zeigten sich feurige Männer
und ein Stern, der wie ein Schwert aussah, fiel herunter.
Daraus sagten manche Leute Krieg, Hunger, Brand und Pest an. Es dauerte
auch nicht lange, daß ein großes Sterben anging, vorzüglich in den
Städten, wo die Menschen eng aufeinandersaßen und allerlei fremdes Volk
zusammenkam. Um den Herrgott wieder um gut Wetter zu bitten, zogen ganze
Haufen von halbnackten Männern und Weibern mit Ketten um den Hälsen
hinter einem Kreuze her, heulten und schrien wie unklug, schlugen sich
mit Stricken die Rücken, daß das Blut nur so spritzte, und sangen zum
Gotterbarmen.
Als Harm Wulf, der Anerbe vom Wulfshofe, Torf nach der Stadt fuhr, war
er einem solchen Zuge begegnet und sehr falsch geworden, denn er hatte
junge Pferde vor dem Wagen, und die wollten mit Gewalt vom Wege, als die
verrückten Völker angebrüllt kamen.
Hinterher mußte er aber darüber lachen; es hatte zu albern ausgesehen,
wie sie alle auf einmal die Arme in die Luft schmissen und lossangen:
»Hui halt' auf eure Hände, daß Gott dies Sterben wende, hui streckt aus
eure Arme, daß Gott sich eur' erbarme!«
»Was für ein dummerhaftiges Lied!« dachte er und pfiff das
Brummelbeerlied.