Und Guste wehmütig: „Ich auch nicht.“

Diederich überhörte dies, er stellte fest, daß man sich in einem der

kleinen Salons hinter dem Büfett befand. Eilends erreichte er die

Spiegelgalerie und verlor sich unauffällig in der Menge, die soeben aus

dem Saal quoll. Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der

heimlichen Gräfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte.

Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Bürgermeisters, alle

hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren

einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. „Sie sind

schuld, Herr Assessor, daß es so gekommen ist! Schließlich war sie doch

Ihre leibliche Schwester.“ – „Pardon, meine Damen!“ Und Jadassohn

verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der gräflichen

Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:

„Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen.“

Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und

Jadassohn, der vergeblich krähte, was denn los sei, ward von Diederich

unter den Arm genommen. Diederich, das süße Pochen der Rache im Herzen,

führte ihn eben dorthin, wo die Regierungspräsidentin unter lebhafter

Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze

verabschiedete. Kaum aber daß sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach

den Rücken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht

mehr weiter. „Was ist denn?“ fragte er heuchlerisch. „Ach ja, die

Präsidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht

Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr.“

Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse

hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der

Jadassohn sein Leben geweiht hatte? „Ich sage es ja“, äußerte er nur, ganz

leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hören ... Dann kam

er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. „Sie können lachen, mein

Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht,

nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister.“

„Na, na“, sagte Diederich. Er setzte hinzu: „Das ganze Gesicht brauchen

Sie nicht einmal: bloß die Ohren.“

„Wollen Sie sie mir verkaufen?“ fragte Jadassohn und sah ihn an, daß

Diederich erschrak. „Kann man das?“ fragte er unsicher. Jadassohn ging

schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. „Sie sind doch Spezialist

für Ohren, Herr Doktor ...“

Heuteufel erklärte ihm, daß tatsächlich, wenn auch bisher nur in Paris,

Operationen ausgeführt würden, durch die man Ohren auf die Hälfte ihres

Umfanges herunterbringe. „Wozu gleich das Ganze weg?“ sagte Heuteufel.

„Die Hälfte können Sie ruhig behalten.“ Jadassohn hatte seine Haltung

zurück. „Großartiger Witz! Erzähl’ ich bei Gericht. Sie Gauner!“ Und er

klopfte Heuteufel auf den Bauch.

Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball

umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall

begrüßt und berichteten von ihren Eindrücken auf der Bühne. „Tee – Kaffee:

Gott, war das aufregend!“ sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm

Glückwünsche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn

eingehängt, Emmis Arm dagegen mußte er gewaltsam festhalten. Sie zischte:

„Laß die Komödie“; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Grüßen: „Du

hast zwar bloß die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt

mal was vorstellst. Sieh Magda an!“ Denn Magda schmiegte sich gefällig an

ihn, sie schien bereit, das Glück der einigen Familie so lange spazieren

zu führen, als er es irgend wünschte. „Kleine,“ sagte er mit zärtlicher

Achtung, „du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch.“

Er gab ihr sogar Schmeicheleien. „Du siehst heute süß aus. Für Kienast

bist du fast zu schade.“ Als dann noch die Regierungspräsidentin, schon im

Fortgehen, ihnen gnädig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg

nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausgeräumt; hinter der

Palmengruppe ward eine Polonäse angestimmt. Diederich machte seine

korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz,

triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der führte. So zogen sie an

Guste Daimchen vorüber, die saß. Sie saß neben dem verwachsenen Fräulein

Kühnchen und sah ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr Anblick

berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der

Vogtei.

„Die arme Guste!“ sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. „Ja ja, das

kommt davon.“

„Aber eigentlich“ – und Magda blinzelte von unten, „woher kommt es denn?“

„Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so.“

„Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten.“

„Das darf ich nicht. Man muß wissen, was man sich selbst schuldet.“

Dann verließ er sogleich den Saal. Soeben holte der junge Sprezius, der

jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene

Fräulein Kühnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf ihren

Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch

die Seitenzimmer, wo ältere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase

von Käthchen Zillich, die er hinter einer Tür mit einem Schauspieler

überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort saß an einem Tischchen Wolfgang

Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Mütter, die um den Saal herum

warteten.

„Sehr talentvoll“, sagte Diederich. „Haben Sie auch schon Ihr Fräulein

Braut porträtiert?“

„In der Beziehung interessiert sie mich nicht,“ erwiderte Buck, so

phlegmatisch, daß Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste

im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben würden.

„Mit Ihnen weiß man überhaupt nicht“, sagte er enttäuscht.

„Mit Ihnen weiß man immer“, sagte Buck. „Damals vor Gericht, während Ihres

großen Monologes, hätte ich Sie zeichnen mögen.“

„Ihr Plädoyer hat mir genügt; es war ein Versuch, wenn auch

glücklicherweise ein mißlungener, meine Person und mein Wirken vor der

breitesten Öffentlichkeit in Mißkredit zu bringen und verächtlich zu

machen!“

Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. „Mir scheint, Sie sind

beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt.“ Er bewegte den Kopf und

lächelte, grüblerisch und entzückt. „Wollen wir nicht ’ne Flasche Sekt

zusammen trinken?“ fragte er.

Diederich meinte: „Ob ich nun gerade mit Ihnen –.“ Aber er gab nach. „Das

Gericht hat durch sein Urteil festgestellt, daß Ihre Vorwürfe sich nicht

allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Männer richteten.

Damit sehe ich die Sache als erledigt an.“

„Dann also Heidsieck?“ fragte Buck. Er nötigte Diederich, mit ihm

anzustoßen. „Das werden Sie doch zugeben, bester Heßling, so eingehend wie

ich, hat sich mit Ihnen überhaupt noch niemand beschäftigt ... Jetzt kann

ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als

meine eigene. Später, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen

nachgespielt.“

„Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Überzeugung. Freilich, für Sie

ist der repräsentative Typus von heute der Schauspieler.“

„Das sagte ich mit Beziehung auf – einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel

näher ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die

Waschfrau zu verteidigen hätte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen

haben soll, vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!“

„Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Überzeugungen!“

„Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie würden mir also

das Theater anraten?“ fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund

geöffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich errötete,

denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte träumerisch:

„Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und Kohl mir überkochen, und es ist

doch ein so gutes Gericht.“ Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von

rückwärts die Hände auf die Augen und fragte: „Wer ist das?“ – „Da ist er

ja,“ sagte Buck und gab ihr einen Klaps.

„Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?“ fragte

Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen Stuhl zu holen; aber in

Wirklichkeit wäre er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in

Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete geläufiger als sonst.

„Ihr paßt eigentlich großartig zueinander, bloß daß ihr so förmlich tut.“

Buck sagte: „Das ist die gegenseitige Achtung.“ Diederich stutzte, und

dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte.

„Eigentlich – sooft ich mich von Ihrem Herrn Bräutigam trenne, hab’ ich

Wut auf ihn; beim nächsten Wiedersehen aber freu’ ich mich.“ Er richtete

sich auf. „Wenn ich nämlich noch kein national gesinnter Mann wäre, würde

er mich dazu machen.“

„Und wenn ich es wäre,“ sagte Buck, weich lächelnd, „würde er es mir

abgewöhnen. Das ist der Reiz.“

Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte

hinunter.

„Jetzt sag’ ich dir was, Wolfgang. Wetten, daß du umfällst?“

„Herr Rose, Ihren Hennessy!“ rief Buck. Während er Kognak mit Sekt

mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade

sehr laut war, flüsterte er beschwörend: „Sie werden doch keine Dummheiten

machen?“ Sie lachte wegwerfend. „Doktor Heßling hat Angst! Er findet die

Geschichte zu gemein, ich finde sie bloß ulkig.“ Und laut lachend: „Was

sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und

infolgedessen sollen wir: du verstehst?“

Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. „Wenn schon.“

Da lachte Guste nicht mehr.

„Wieso, wenn schon?“

„Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muß es bei ihnen wohl alle

Tage vorkommen, tut also nichts.“

„Redensarten machen den Kohl nicht fett“, entschied Guste. Diederich

glaubte sich denn doch verwahren zu müssen.

„Überall können Fehltritte vorkommen. Aber über die Meinung seiner

Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg.“

Guste bemerkte: „Er glaubt immer, er ist zu gut für diese Welt.“ Und

Diederich: „Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, muß dran

glauben.“ Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung:

„Doktor Heßling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab’ den

Beweis, daß ich es weiß, von Meta Harnisch, weil sie schließlich hat

müssen den Mund auftun. Er war überhaupt der einzige, der mich hat

verteidigt. Er an deiner Stelle täte sich die Leute kaufen, die sich

unterstehen und verklatschen mich!“

Diederich bestätigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und

spiegelte sich darin. Plötzlich ließ er es los.

„Wer sagt euch denn, daß ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen

würde – einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so

ziemlich gleich dumm und gemein sind?“ Dabei kniff er die Augen zu. Guste

hob die nackten Schultern.

„So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie

wollen ... Der Dümmere ist der Klügere“, schloß sie herausfordernd, und

Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal

wie irrsinnig waren. Die Fäuste bewegte er mit krampfigem Zittern um

seinen Hals her. „Wenn ich aber –“ er war plötzlich ganz heiser – „wenn

ich den einen am Kragen hätte, von dem ich wüßte, er zettelt alles an, er

faßt in seiner Person zusammen, was an allen häßlich und schlecht ist: ihn

am Kragen hätte, der das Gesamtbild wäre alles Unmenschlichen, alles

Untermenschlichen –.“ Diederich, weiß wie sein Frackhemd, drückte sich

seitwärts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurück. Guste schrie

auf, sie stob panikartig nach der Wand. „Es ist der Kognak!“ rief

Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll

des gräßlichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er

zwinkerte, er glänzte heiter.

„An die Mischung bin ich leider gewöhnt“, erklärte er.

„Es ist nur, damit ihr seht, wir können auch das.“

Diederich setzte sich polternd wieder hin. „Sie sind doch nur ein

Komödiant“, sagte er entrüstet.

„Finden Sie?“ fragte Buck und glänzte noch heller. Guste rümpfte die Nase.

„Na dann amüsiert euch weiter“, äußerte sie und wollte gehen. Aber der

Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor

Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, daß er mit dem Fräulein Braut den

Kotillon tanze. Er sprach äußerst höflich, beschwichtigend gewissermaßen.

Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon

Fritzsches Arm genommen.

Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. „Ja

ja,“ dachte Diederich, „erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn

begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise

gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst

nichts machen, weil sonst der Skandal noch größer wird, weil nämlich

unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ...“

Aufschreckend sagte Buck: „Wissen Sie, daß ich erst jetzt rechte Lust

bekomme, Fräulein Daimchen zu ehelichen? Ich hielt die Sache für – nicht

sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine

Pikanterie daraus.“

Diederich war starr über diese Wirkung. „Wenn Sie finden“, brachte er

hervor.

„Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, führen doch hier die

vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb.

Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Straße.“

„Wir werden ihm Sporen anlegen“, verhieß Diederich.

„Prost!“

„Prost! Aber _meine_ Sporen“ – Diederich blitzte. „Ihre Skepsis und Ihre

schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemäß. Mit“ – er blies durch die Nase –

„mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat“ – ein

Faustschlag auf den Tisch – „hat die Zukunft!“

Buck darauf mit verzeihendem Lächeln: „Die Zukunft? Das ist eben die

Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren.

Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr

Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein.“

„Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als daß Sie das Heiligste in

den Schmutz ziehen!“

„Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Außerhalb der

Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag

sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.

Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel und Haß der

Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus geht es nicht.“

„Wir leben in einer harten Zeit“, bestätigte Diederich ernst.

„Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt, daß die Menschen,

deren Dasein in den Dreißigjährigen Krieg fiel, an die Unabänderlichkeit

ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin überzeugt,

daß die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für überwindbar

gehalten worden ist, sonst hätten sie nicht die Revolution gemacht. Wo

ist, in den Räumen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten können,

die Zeit, die sich in Permanenz erklärt und aufgetrumpft hätte vor der

Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschränktheit. Die jeden nicht ganz in ihr

Befangenen abergläubisch bemäkelt hätte. Nicht national gesinnt sein

erregt bei euch noch mehr Grauen als Haß! Aber die vaterlandslosen

Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?“

Diederich verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn

Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und

innig. „Bemühen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den

Wänden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf

Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!“ Über die

Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. „Ihr Freunde der Menschheit und

jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der düsteren Selbstsucht

eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter

uns noch erwarten euch einige!“

Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, daß er weinte. Übrigens

bekam er sogleich eine schlaue Miene. „Ihr aber, Zeitgenossen, wißt wohl

nicht, was der alte Bürgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen

und Schäferinnen rosig lächelt, als Schleife über der Brust trägt? Die

Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind die euren? Es ist aber die

französische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes,

sondern der allgemeinen Morgenröte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es

war, wie ihr sagen würdet, streng korrekt. Prost!“

Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt und spähte

umher, ob niemand höre. „Sie sind ja besoffen,“ murmelte er; und um die

Situation zu retten, rief er: „Herr Rose! Noch eine Flasche!“ Darauf

setzte er sich achtunggebietend zurecht.

„Sie scheinen nicht daran zu denken, daß seitdem ein Bismarck da war!“

„Nicht nur einer“, sagte Buck. „Von allen Seiten ist Europa in diesen

nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu

vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem

Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren

lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr über ihn

hinaus sein solltet, hängt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn

euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen

habt, daß ein großer Mann da ist, hat er schon aufgehört, groß zu sein.“

„Sie werden ihn kennenlernen!“ verhieß Diederich. „Blut und Eisen bleibt

die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!“ Der Kopf schwoll ihm rot an bei

diesen Glaubenssätzen. Aber auch Buck regte sich auf.

„Die Macht! Die Macht läßt sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie

eine aufgespießte Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede!

Spielt euch die Komödie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde

draußen und im Innern! Taten, glücklicherweise, sind euch nicht erlaubt!“

„Nicht erlaubt?“ Diederich blies, als sollte Feuer kommen. „Seine Majestät

hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und

zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ...“

„Denn wo der deutsche Aar –!“ rief Buck, mit jähem Schwung; und noch

wilder: „Nicht Parlamentsbeschlüsse! Die einzige Säule ist das Heer!“

Diederich gab ihm nichts nach. „Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor

dem äußeren und inneren Feind zu schützen!“

„Einer hochverräterischen Schar zu wehren!“ schrie Buck.

„Eine Rotte von Menschen –“

Der Untertan · 第 21 / 32 题