Er ist der große Wanderer und wir sind die kleinen. —

Er steigt aus der Ewigkeit herab in die Unendlichkeit; wir wandern aus

der Unendlichkeit empor in die Ewigkeit.

Wer die Grenzscheide überschritten hat, der ist ein Glied in einer

Kette geworden, — einer Kette, gebildet aus unsichtbaren Händen, die

einander niemehr loslassen bis ans Ende der Tage; er gehört hinfort

einer Gemeinschaft an, in der jeder einzelne eine nur für ihn allein

bestimmte Mission hat. —

Nicht sind auch nur zwei in ihr, die da einander gleich wären, so wie

schon unter den Menschentieren der Erde nicht zwei sind, die dasselbe

Schicksal hätten.

Der Geist dieser Gemeinschaft durchdringt unsere ganze Erde; er ist ihr

jederzeit allgegenwärtig, er ist der Lebensgeist im großen

Holunderbaum.

Aus ihm sind die Religionen aller Zeiten und Völker entsprossen; sie

wandeln sich, er aber wandelt sich nie.

Wer ein Wipfel geworden ist und die Wurzel ‚Ur‘ bewußt in sich trägt,

der tritt bewußt in diese Gemeinschaft ein durch das Erleben des

Mysteriums, das da heißt:

‚Die Lösung mit Leichnam und Schwert.‘

Tausende und Abertausende sind einst im alten China dieses

geheimnisvollen Vorganges teilhaftig geworden, doch nur spärliche

Berichte sind bis auf unsere Zeit gekommen.

Höre von solchen:

Es sind da gewisse Umwandlungen, genannt Schi-Kiai, das ist die Lösung

der Leichname, und andere genannt: Kieu-Kiai, das ist die Lösung der

Schwerter. — Die Lösung der Leichname ist der Zustand, in dem die

Gestalt des Verstorbenen unsichtbar wird und dieser selbst zu dem Range

eines Unsterblichen gelangt.

In manchen Fällen verliert der Leib bloß das Gewicht oder behält das

Aussehen eines Lebenden. Bei der Lösung der Schwerter bleibt im Sarge

an der Stelle des Leichnams ein Schwert zurück.

Diese sind die gefeiten Waffen, bestimmt für die Zeit des letzten

großen Kampfes.

Beide Lösungen sind eine Kunst, die die vorgeschrittenen Männer des

Weges den begünstigten Jüngeren mitteilen.

Die Überlieferung aus dem oberen Buche des Schwertes sagt:

Bei der Weise der Lösung der Leichname geschieht es, daß man stirbt und

wieder zum Leben kommt. Es geschieht, daß das Haupt abgehauen ist und

von einer Seite zum Vorschein kommt. Es geschieht, daß die Gestalt

vorhanden ist, aber daß die Knochen fehlen.

Die Höchsten unter den Gelösten nehmen in Empfang, aber sie handeln

nicht; die übrigen lösen sich am hellen Tage mit den Leichnamen. Sie

bringen es dahin, daß sie fliegende Unsterbliche werden. Wenn sie

wollen, können sie am hellen Tage auf trockenem Boden versinken.

Einer von diesen war ein Eingeborener von Hooi-nan und hieß

Tung-Tschung-khiu. In seiner Jugend übte er das Einatmen der geistigen

Luft und läuterte dadurch seine Gestalt. Er wurde ungerechterweise

beschuldigt und in dem Gefängnis gebunden. Sein Leichnam löste sich und

verschwand.

Lieu-ping-hu hat keinen Namen und keinen Jünglingsnamen. Gegen das Ende

der Zeiten von Han war er Ältester von Ping-hu in Kieu-Kiang. Er übte

die Kunst eines Arztes und kam bei den Krankheiten und Kümmernissen der

Menschen zu Hilfe, als ob es seine eigene Krankheit wäre. Auf einer

Wanderung begegnete er dem unsterblichen Menschen Tscheu-tsching-schi,

der ihm den Weg des verborgenen Daseins enthüllte.

Der weiße Dominikaner · 第 16 / 32 题