So lange ich denken kann, behaupten die Leute in der Stadt, ich hieße
Taubenschlag.
Wenn ich als kleiner Junge mit einer langen Stange, an deren Spitze ein
Docht brannte, in der Abenddämmerung von Haus zu Haus trabte und die
Laternen anzündete, marschierten die Kinder der Gasse vor mir her,
klatschten im Takt in die Hände und sangen:
Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag,
Trarara Taubenschlag.
Ich ärgerte mich nicht darüber, wenn ich auch selbst nie mitsang.
Später griffen die Erwachsenen den Namen auf und redeten mich mit ihm
an, wenn sie etwas von mir wollten.
Anders steht es mit dem Namen Christopher. Er hing mir, auf einen
Zettel geschrieben, am Halse, als man mich als Säugling, nackt, eines
Morgens vor der Türe der Marienkirche liegen fand.
Den Zettel wird wohl meine Mutter geschrieben haben, als sie mich
damals ausgesetzt.
Es ist das einzige, was sie mir mitgegeben hat. Darum habe ich von je
den Namen Christopher als etwas Heiliges empfunden. Er hat sich mir in
den Körper geprägt, und ich habe ihn wie einen Taufschein — ausgestellt
im Reiche des Ewigen —, wie ein Dokument, das niemand rauben kann,
durchs Leben getragen. Beständig wuchs und wuchs er wie ein Keim aus
der Finsternis empor, bis er als der wieder erschien, der er von
Anbeginn an gewesen, sich mit mir verschmolz und mich geleitete in die
Welt der Unverweslichkeit. So, wie da geschrieben steht: es wird gesät
verweslich und wird auferstehen unverweslich.
Jesus wurde als erwachsener Mensch bei vollem Bewußtsein dessen, was
geschah, getauft: der Name, der sein Ich war, senkte sich auf die Erde
herab; die Heutigen werden als Säuglinge getauft; wie könnte es sein,
daß sie erfassen, was sich mit ihnen begeben hat! Sie irren durchs
Leben dem Grabe zu wie Schwaden, die der Windhauch in den Sumpf
zurücktreibt; ihre Leiber verfaulen und an dem, der aufersteht — ihr
Name — haben sie kein Teil.
Ich aber weiß, soweit ein Mensch von sich sagen darf, er wisse, daß ich
Christopher heiße.
In der Stadt geht die Sage, ein Dominikanermönch, Raimund de
Pennaforte, habe die Marienkirche gebaut aus Gaben, die ihm aus aller
Herren Länder unbekannte Spender zugesandt.
Über dem Altar steht die Inschrift: „Flos florum — so werde ich
offenbar nach dreihundert Jahren.“
Sie haben ein farbiges Brett darübergenagelt, aber es fällt immer
wieder herab. Jedes Jahr am selben Marientag.
Es heißt, in gewissen Nächten am Neumond, wenn es so finster ist, daß
man die Hand nicht vor Augen sieht, werfe die Kirche einen weißen
Schatten auf den schwarzen Marktplatz. Das sei die Gestalt des weißen
Dominikaners Pennaforte.
Wenn wir Kinder des Findel- und Waisenhauses zwölf Jahre alt wurden,
mußten wir zum erstenmal zur Beichte gehen.
„Warum warst du nicht beichten?“ herrschte mich am nächsten Morgen der
Kaplan an.
„Ich war beichten, Hochwürden!“
„Du lügst!“
Da erzählte ich, was sich begeben hatte: „Ich stand in der Kirche und
wartete, daß man rufe, da winkte mir eine Hand, und als ich an die
Beichtzelle trat, saß ein weißer Mönch darin und fragte mich dreimal,
wie ich heiße. Beim erstenmal wußte ich es nicht, beim zweitenmal wußte
ich es wohl, aber ich hatte es vergessen, ehe ich es aussprechen
konnte; beim drittenmal trat mir kalter Schweiß auf die Stirn, und
meine Zunge war lahm, ich konnte nicht reden, aber jemand in meiner
Brust schrie: ‚Christopher!‘ — — Der weiße Mönch hat es wohl hören
müssen, denn er schrieb den Namen in ein Buch und deutete darauf und
hat gesagt: ‚So bist du hinfort eingetragen in das Buch des Lebens.‘
Dann hat er mich gesegnet und hat gesagt: ‚Ich vergebe dir deine Sünden
— die vergangenen und die zukünftigen‘.“
Bei meinen letzten Worten, die ich ganz leise gesprochen hatte, damit
keiner meiner Kameraden sie hören sollte, denn ich fürchtete mich, trat
der Kaplan wie in wildem Entsetzen einen Schritt zurück und schlug das
Kreuz.
Noch in derselben Nacht geschah es zum erstenmal, daß ich auf
unbegreifliche Weise das Haus verließ, ohne daß ich mir hätte erklären
können, wie ich wieder heimgekommen bin.
Ich hatte mich entkleidet niedergelegt und erwachte des Morgens im
Bette völlig angezogen und mit staubigen Stiefeln. In der Tasche hatte
ich Bergblumen, die ich wohl auf den Höhen gepflückt haben mußte.
So ging es später noch oft, bis die Vorsteher des Waisenhauses dahinter
kamen und mich schlugen, weil ich nie sagen konnte, wo ich gewesen war.
Eines Tages wurde ich ins Kloster zum Kaplan gerufen. Er stand mit dem
alten Herrn, der mich später an Kindes Statt annahm, mitten in der
Stube, und ich erriet, daß sie über mein Wandern gesprochen hatten.
„Dein Körper ist noch zu unreif. Er darf nicht mitgehen. Ich werde dich
anbinden“, sagte der alte Herr, als er, mich an der Hand führend und
bei jedem Satz seltsam nach Luft schnappend, seinem Hause zuschritt.
Mir bebte das Herz vor Angst, denn ich begriff nicht, was er meinte.
An der mit großen Nägeln verzierten eisernen Haustüre des alten Herrn
stand in Metall gehämmert: Bartholomäus Freiherr von Jöcher,
ehrenamtlich bestallter Laternenanzünder.
Ich verstand nicht, wieso ein Adliger ein Laternenanzünder sein könne;
mir war, als ich es las, als falle all das kümmerliche Wissen, das sie
mir in der Schule beigebracht, wie Papierfetzen von mir ab, so sehr
zweifelte ich in jenem Augenblick daran, ich sei überhaupt fähig, klar
zu denken.
Später erfuhr ich, daß des Barons erster Ahnherr ein schlichter
Laternenanzünder gewesen war, den man geadelt hatte wegen etwas, das
ich nicht weiß. Seitdem zeigt das Wappen derer von Jöcher neben anderen
Emblemen eine Öllampe, eine Hand und einen Stab und die Barone beziehen
von Geschlecht zu Geschlecht alljährlich eine kleine Rente von der
Stadt, gleichgültig, ob sie ihr Amt, die Laternen in den Straßen
anzuzünden, ausüben oder nicht.
Schon tags darauf mußte ich auf das Geheiß des Barons das Amt antreten.
„Deine Hand soll lernen, was später dein Geist fortführen wird“, sagte
er. „Es sei ein Beruf noch so gering, geadelt wird er, wenn dereinst
der Geist ihn übernehmen kann. Eine Arbeit, die die Seele zu erben sich
weigert, ist nicht wert, daß der Leib sie vollbringt.“
Ich sah den alten Herrn an und schwieg, denn ich verstand damals noch
nicht, was er meinte.
„Oder möchtest du lieber ein Kaufmann werden?“ setzte er mit
freundlichem Spott hinzu.
„Soll ich früh morgens die Laternen wieder auslöschen?“ fragte ich
schüchtern.
Der Baron streichelte mir die Wange: „Freilich, wenn die Sonne kommt,
brauchen die Menschen kein anderes Licht.“
Zuweilen, wenn der Baron mit mir sprach, hatte er eine merkwürdig
verstohlene Art mich anzublicken; in seinen Augen schien die stumme
Frage zu liegen: „Verstehst du endlich?“ oder wollte er damit sagen:
„Ich bin voll Unruhe, du könntest erraten haben?“
In solchen Fällen fühlte ich oft ein heißes Brennen in meiner Brust,
als gäbe jene Stimme, die damals bei meiner Beichte vor dem weißen
Mönch den Namen Christopher geschrien hatte, eine mir unhörbare
Antwort.
Der Baron war verunstaltet durch einen ungeheuren Kropf an der linken
Seite, so daß der Kragen seines Rockes bis zur Schulter aufgeschnitten
sein mußte, um den Hals an der Bewegung nicht zu hindern.
Nachts, wenn der Rock über den Lehnstuhl gehängt war und aussah wie der
Rumpf eines Geköpften, flößte er mir oft ein unbeschreibliches Grauen
ein; ich konnte mich davon nur befreien, wenn ich mir vorstellte, welch
überaus liebenswürdiger Einfluß im Leben von dem Baron ausging. Trotz
seinem Gebreste und dem beinahe lächerlichen Anblick, den es bot, wenn
der graue Bart wie ein gesträubter Besen vom Kropf abstand, hatte mein
Pflegevater etwas ungemein Feines und Zartes an sich, etwas hilflos
Kindliches, ein Niemand-verletzen-können, das noch gehoben wurde, wenn
er sich zuweilen drohend gab und einen durch die scharfen Brenngläser
seines altmodischen Nasenkneifers streng anblickte.
In solchen Momenten kam er mir immer vor wie eine große Elster, die
sich dicht vor einen hinpflanzt, als wolle sie einen zum Kampfe
herausfordern, derweilen ihr Auge, wachsam bis zum äußersten, kaum die
Angst verhehlen kann: „Du wirst dich doch nicht etwa unterstehen, mich
fangen zu wollen!?“
Das Haus derer von Jöcher, in dem ich so viele Jahre leben sollte, war
eines der ältesten in der Stadt; es hatte viele Stockwerke, in denen
die Vorfahren des Barons gehaust — immer ein Geschlecht ein Geschoß
höher als das vorhergegangene, als sei ihre Sehnsucht, dem Himmel näher
zu sein, immer größer geworden.
Ich kann mich nicht entsinnen, daß der Baron diese alten Räume, deren
Gassenfenster blind und grau geworden waren, jemals betreten hätte; er
wohnte mit mir in den paar schmucklosen, weiß getünchten Zimmern dicht
unter dem flachen Dach.
Anderswo wachsen die Bäume auf der Erde und die Menschen schreiten
darunter hin; bei uns wächst ein Holunderbaum mit weißen, duftenden
Dolden hoch oben in einem großen verrosteten Eisenkessel, der, einst
zur Regentraufe bestimmt gewesen, eine mit verfaultem, angewehtem Laub
und Schutterde gefüllte Röhre hinab aufs Pflaster sendet.
Tief unten strömt ein breiter, wellenloser, von Gebirgswasser grauer
Fluß dicht an den uralten, rosa-, ockergelb- und hellblaufarbigen, aus
kahlen Fenstern blickenden Häusern hin, auf denen die Dächer sitzen wie
moosgrüne Hüte ohne Krempen. Als ein Kreis umströmt er die Stadt, die
darin liegt, inselgleich, von einer Wasserschlinge gefangen; er kommt
von Süden, wendet sich nach Westen, kehrt wieder zum Süden zurück, dort
nur mehr durch eine schmale Landzunge, auf der unser Haus als letztes
steht, getrennt von der Stelle, wo er die Stadt zu umarmen begann, — um
hinter einem grünen Hügel dem Blick zu entschwinden.
Über die braune, mit mannshohen Planken eingefaßte Holzbrücke — der
Boden aus rohen rindigen Stämmen, die beben, wenn der Ochsenwagen
darüberfährt — kann man hinübergelangen ans andere, ans bewaldete Ufer,
wo Sandbrüche ins Wasser abfallen. Von unserem Dach aus sieht man über
sie hinweg weit ins Wiesenland hinein, in dessen dunstiger Ferne die
Berge wie Wolken schweben und die Wolken wie Berge auf der Erde lasten.
Mitten aus der Stadt ragt ein burgartiges, langgestrecktes Gebäude auf,
zu nichts mehr gut oder schlimm, als die stechende Glut der Herbstsonne
aufzufangen mit feuerglimmenden lidlosen Fenstern.
In dem Eierpflaster des immer menschenleeren Marktplatzes, darauf die
großen Schirme der Händler in Haufen umgestürzter Körbe wie vergessenes
Riesenspielzeug stehen, wächst Gras zwischen den Ritzen der Steine.
Bisweilen an Sonntagen, wenn die Hitze die Mauern des barocken
Rathauses heiß sengt, dringen die gedämpften Klänge einer Blechmusik,
getragen vom kühlen Lufthauch, aus der Erde herauf, — werden lauter,
das Tor der Gastschenke „zur Post, genannt beim Fletzinger“ gähnt
plötzlich, ein Hochzeitszug marschiert gemessen zur Kirche in alter
bunter Tracht, Burschen mit farbigen Bändern schwingen feierlich
Kränze, voran ein Trupp Kinder, weit an der Spitze flink wie ein Wiesel
trotz seiner Krücken ein winziger, zehnjähriger, vor Fröhlichkeit
halbtoller Krüppel, als gehe nur ihn allein die Freude des Festes an,
während alle andern unter dem Ernste der Feier stehen.
Als ich an jenem ersten Abend um einzuschlafen bereits im Bette lag,
ging die Türe auf und wiederum packte mich eine unbestimmte Angst, denn
der Baron trat zu mir und ich glaubte, er wolle mich anbinden, wie er
gedroht hatte.
Aber er sagte nur: „Ich will dich beten lehren; — sie alle wissen nicht
wie man betet. Man betet nicht mit Worten, man betet mit den Händen.
Wer mit Worten betet, der bettelt. Man bettelt nicht. Der Geist weiß
schon, was dir nötig ist. Wenn sich die Handflächen berühren, ist das
Linke im Menschen durch das Rechte zur Kette geschlossen.
So ist der Leib fest gebunden und aus den Fingerspitzen, die nach oben
stehen, steigt frei eine Flamme auf. — Das ist das Geheimnis des
Betens, von dem in keiner Schrift geschrieben steht.“
In dieser Nacht wanderte ich das erstemal, ohne daß ich am nächsten
Morgen mit staubigen Stiefeln und angekleidet im Bette erwacht wäre.
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