„Herr X oder Herr Y hat einen Roman geschrieben“ — was heißt das?
Nun, sehr einfach: „Er hat mit Hilfe seiner Phantasie Personen
geschildert, die in Wirklichkeit nicht existieren, hat ihnen Erlebnisse
angedichtet und sie miteinander verwoben.“ — So ungefähr lautet,
weitläufig gefaßt, das allgemeine Urteil.
Was Phantasie ist, glaubt jedermann zu wissen, daß es aber höchst
merkwürdige Kategorien der Einbildungskraft gibt, ahnen nur sehr
wenige.
Was soll man sagen, wenn zum Beispiel die Hand, dieses scheinbar so
willfährige Werkzeug des Gehirns, sich plötzlich weigert, den Namen des
Helden der Geschichte niederzuschreiben, den man sich ausgedacht hat,
und statt seiner hartnäckig einen andern wählt?
Muß man da nicht unwillkürlich stutzig werden und sich fragen:
„Schaffe“ ich tatsächlich oder — ist meine Einbildungskraft am Ende nur
eine Art magischer Empfangsapparat? Etwa das, was auf dem Gebiete der
drahtlosen Telegraphie eine Antenne genannt wird?
Es hat Fälle gegeben, daß Menschen nachts im Schlaf aufstanden und
schriftliche Arbeiten, die sie abends, übermüdet von den Anstrengungen
des Tages, unfertig hatten liegen lassen, vollendeten und Aufgaben
besser lösten, als sie es im Wachsein vermutlich imstande gewesen
wären.
Dergleichen liebt man mit den Worten zu erklären: „Das für gewöhnlich
schlummernde Unterbewußtsein ist zu Hilfe gekommen.“
Geschieht so etwas in Lourdes, so heißt es: „Die Mutter Gottes hat
geholfen.“
Wer weiß, vielleicht sind Unterbewußtsein und die Mutter Gottes ein und
dasselbe.
Nicht, als ob die Mutter Gottes nur das Unterbewußtsein wäre, nein, das
Unterbewußtsein ist die „Mutter“ — „Gottes“.
In dem vorliegenden Roman spielt ein gewisser Christopher Taubenschlag
die Rolle eines lebenden Menschen.
Ob er jemals gelebt hat, gelang mir nicht ausfindig zu machen; meiner
Phantasie ist er sicherlich nicht entsprungen, das glaube ich fest; ich
sage das rund heraus, auf die Gefahr hin, daß man mich für jemand
halten wird, der sich interessant machen will.
Genau zu schildern, auf welche Weise das Buch zustande kam, liegt hier
kein Anlaß vor; es genügt, daß ich nur in Streiflichtern knapp
skizziere, was sich begeben hat.
Man möge entschuldigen, daß dabei in einigen Sätzen von mir selbst die
Rede ist, ein Übelstand, der sich leider nicht vermeiden läßt.
Ich hatte den Roman in allen Umrissen fertig im Kopfe und begann ihn
niederzuschreiben, da bemerkte ich — später erst, beim Durchlesen der
Niederschrift! —, daß sich der Name „Taubenschlag“, ohne daß es mir
sogleich bewußt geworden wäre, eingeschlichen hatte.
Doch nicht genug damit: Sätze, die ich mir vorgenommen hatte, zu Papier
zu bringen, änderten sich unter der Feder und drückten etwas ganz
anderes aus, als ich sagen wollte; es entspann sich ein Kampf zwischen
mir und dem unsichtbaren „Christopher Taubenschlag“, in dem dieser
schließlich die Oberhand behielt.
Ich hatte geplant, eine kleine Stadt zu schildern, die in meinem
Gedächtnis lebt: es wurde ein völlig anderes Bild daraus, ein Bild, das
heute schärfer vor mir steht als jenes wirklich erlebte.
Es blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als dem Einfluß, der
sich Christopher Taubenschlag nennt, seinen Willen zu lassen, ihm,
sozusagen, meine Hand zur Niederschrift zu leihen und alles das aus dem
Buche zu streichen, was meinen eigenen Einfällen entstammte.
Setzen wir den Fall: Jener Christopher Taubenschlag sei ein
unsichtbares Wesen, das auf rätselhafte Weise imstande ist, einen
Menschen bei klarem Bewußtsein zu beeindrucken und nach seinem Willen
zu lenken, so stellt sich die Frage ein: warum hat er mich denn
benutzt, um seine Lebensgeschichte und den Gang seiner geistigen
Entwicklung zu schildern?
Aus Eitelkeit? — Oder damit ein „Roman“ zustande kommt?
Möge jeder sich selbst die Antwort geben.
Meine eigene Ansicht will ich für mich behalten.
Vielleicht steht mein Fall bald nicht mehr vereinzelt da; vielleicht
ergreift jener „Christopher Taubenschlag“ morgen die Hand eines andern.
Was heute ungewöhnlich erscheint, kann morgen alltäglich sein!
Vielleicht ist die alte und doch ewig neue Erkenntnis auf dem Wege:
„Jedwede Tat, die hier geschieht,
Geschieht nach dem Naturgesetz;
Ich bin der Täter dieser Tat —
Ist selbstgefälliges Geschwätz.“
Und die Figur des Christopher Taubenschlag ist nur ihr Vorbote, ist ein
Symbol, ist die als Persönlichkeit sich geberdende Maske einer
gestaltlosen Kraft?
Für die Siebengescheiten, die da so überaus stolz sind auf ihr
„Hausherrentum“, mag freilich der Gedanke widerwärtig sein, daß der
Mensch nur eine Marionette ist.
Als ich von ähnlichen Empfindungen erfaßt, eines Tages mitten im
Schreiben war, kam mir plötzlich der Gedanke: Ist dieser Christopher
Taubenschlag vielleicht so etwas wie ein von mir abgespaltenes Ich?
Eine vorübergehende, zu selbständigem Leben erwachte, in mir unbewußt
gezeugte und geborene Phantasiegestalt, wie es bei Leuten vorkommen
soll, die zeitweilig Erscheinungen zu sehen glauben und sich mit ihnen
sogar unterhalten?
Als hätte jener Unsichtbare in meinem Gehirn gelesen, unterbrach er
sofort den Lauf der Erzählung und streute, meine schreibende Hand
benützend, wie in Parenthese die sonderbare Antwort ein:
„Sind Sie“ — (es klang mir wie Spott, daß er mich ‚Sie‘ und nicht ‚Du‘
nannte) — „Sind Sie, wie alle Menschen, die sich gleich Ihnen
einbilden, Einzelwesen zu sein, vielleicht etwas anderes als eine
‚Ichabspaltung‘? — Abspaltung jenes großen Ichs, das man Gott nennt?“
Ich habe seitdem oft und viel über den Sinn dieses merkwürdigen Satzes
nachgedacht, denn ich hoffte in ihm den Schlüssel zu dem Rätsel, das
Christopher Taubenschlags Daseinsbedingungen für mich umgibt, zu
finden. Einmal glaubte ich bei meinen Grübeleien bereits ein gewisses
Licht entdeckt zu haben, da verwirrte mich ein ähnlicher „Zuruf“. Er
lautete:
„Jeder Mensch ist ein Taubenschlag, aber nicht jeder ist ein
Christopher. Die meisten Christen bilden es sich nur ein. Bei einem
echten Christen fliegen die weißen Tauben aus und ein.“
Von da an gab ich die Hoffnung auf, dem Geheimnis auf die Spur zu
kommen, und verwarf gleichzeitig jede Spekulation, ich könnte am Ende —
die antike Theorie, der Mensch verkörpere sich mehrmals auf Erden,
vorausgesetzt — einst jener Christopher Taubenschlag in einem früheren
Leben gewesen sein!
Am liebsten wäre mir, ich dürfte glauben: jenes Etwas, das mir die Hand
führte, ist eine ewige, freie, in sich selbst ruhende und von jeglicher
Gestaltung und Form erlöste Kraft; aber, wenn ich des Morgens nach
traumlosem Schlafe erwache, sehe ich zuweilen zwischen Augapfel und Lid
das Bild eines alten, weißhaarigen, bartlosen Mannes, hochgewachsen und
jugendlich schlank, wie eine Erinnerung der Nacht vor mir, und der
Eindruck erfüllt mich für den Tag mit dem nicht loszuwerdenden Gefühl:
das muß Christopher Taubenschlag sein.
Oft hat sich mir dabei der merkwürdige Gedanke zugesellt: Er lebt
jenseits von Zeit und Raum und tritt das Erbe deines Lebens an, wenn
der Tod nach dir die Hand ausstreckt.
Doch wozu solche Erwägungen, die Fremde nichts angehen!
Ich bringe nunmehr die Kundgebungen Christopher Taubenschlags, so wie
sie erfolgten, in der oft abgerissenen Form, ohne etwas hinzuzufügen
oder wegzulassen.
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