Jago (bei Seite.)

O, izt seyd ihr noch wolgestimmt; aber ich will den Wirbel legen,

der diese Musik macht, so wahr ich ehrlich bin!

Othello.

Kommt, wir wollen in's Schloß. Nun, meine Freunde, der Krieg ist

geendigt, eh er angefangen hat; die Türken sind ertrunken. Wie

leben unsre alten Bekannten auf dieser Insel?--Mein liebstes Herz,

ihr werdet in Cypern sehr geliebt werden; ich habe viele

Freundschaft hier empfangen--O meine Liebe, ich merke daß ich mich

vergesse; das Uebermaaß meiner Freude macht mich schwärmen.--Ich

bitte dich, guter Jago, geh an die Rhede und laß meine Kisten

auspaken; und den Schiffs-Patron bring' in die Citadelle zu mir; er

ist ein geschikter Mann, dessen Verdiensten eine vorzügliche

Achtung gebührt. Kommt, Desdemona, noch einmal willkommen in

Cypern!

(Othello und Desdemona gehen ab.)

Siebende Scene.

(Jago und Rodrigo bleiben.)

Jago (zu einigen Bedienten.)

Geht ihr dem Hafen zu, ich werde in einem Augenblik folgen--(zu

Rodrigo.)

Komm näher, wenn du ein tapfrer Mann bist; (und man sagt doch, daß

die Liebe auch den feigesten Seelen eine gewisse Stärke und

Erhabenheit gebe, die ihnen sonst nicht natürlich ist)--Horch mir

zu; der Lieutenant commandirt diese Nacht auf der Hauptwache.

Zuerst muß ich dir sagen, daß diese Desdemona geradezu in ihn

verliebt ist.

Rodrigo.

In ihn? Wie, das ist nicht möglich.

Jago.

Leg deine Finger auf den Mund und laß dir sagen, was du zu wissen

brauchst. Bedenk einmal mit was für einer Heftigkeit sie anfangs

den Mohren liebte, bloß weil er aufschnitt, und ihr romanhafte

Lügen vorsagte. Meynst du, sein Pralen werde machen, daß sie ihn

immer liebe? Sey nicht so einfältig, und bilde dir solche Dinge

ein. Ihr Auge muß doch auch eine Nahrung haben. Und was ein

Vergnügen kan sie davon haben, wenn sie den Teufel ansieht? Wenn

die Entzükungen des Liebes-Spiels das Blut ermattet haben, so

braucht es Reizungen, Schönheiten, Sympathie im Alter, zärtliche

Empfindungen, was weiß ich's, kurz lauter Eigenschaften, die der

Mohr nicht hat, um es wieder anzuflammen. Nun aber kan's nicht

fehlen, der Abgang dieser Erfordernisse und Uebereinstimmungen wird

ihre jugendliche Zärtlichkeit gar bald empören; sie wird finden,

daß sie sich betrogen hat; sie wird des Mohren erst satt, dann

überdrüssig werden, dann einen Ekel vor ihm bekommen, und ihn

endlich gar verabscheuen, die Natur selbst wird sie das lehren und

sie zu einer andern Wahl nöthigen. Nun, Herr, dieses vorausgesezt,

(wie es dann eine ausgemachte Sonnenklare Sache ist,) wer darf sich

dieses Glük mit beßrer Hoffnung versprechen als Cassio? Der

geschmeidigste Schurke von der Welt; der nicht mehr Gewissen oder

Tugend hat, als der Wohlstand und die Klugheit erfordern, um unterm

Schuz der äusserlichen Form eines bescheidnen und wohlgesitteten

Betragens seine geheimen Ausschweiffungen und Leichtfertigkeiten

desto sichrer auszuüben; ein glatter, abgeteilter Schurke, ein

Gelegenheits-Hascher, ein Gleißner, der sich das Ansehen von

Tugenden geben kan, die er nie gehabt hat; ein verteufelter Schurke!

Und dann kommt noch in Betrachtung, daß der Schurke hübsch, jung,

und mit allen den Erfordernissen begabt ist, worauf Thorheit und

unreiffe Jugend am meisten sehen. Ein schwernöthischer

ausgemachter Schurke! Und das Weibsbild kennt ihn schon besser,

als du dir einbildest.

Rodrigo.

Das kan ich unmöglich von ihr glauben; sie ist von einer so

tugendhaften Gemüthsart--

Jago.

Tugendhafter Pfifferling! Der Wein den sie trinkt ist aus Trauben

gemacht. Wenn sie tugendhaft gewesen wäre, so würde sie sich nicht

in den Mohren verliebt haben: Tugendhafter Quark! Hast du dann

nicht gesehen wie sie mit seiner Hand auf- und abschaukelte? Hast

du nicht darauf Acht gegeben?

Rodrigo.

Ja, das that ich; aber das war nur Höflichkeit.

Jago.

Leichtfertigkeit war's, bey meiner Seele! Eine geheime Andeutung,

ein stillschweigender Prologus zu einem Lustspiel, wo man keine

Zuschauer verlangt. Sie kamen einander ja mit ihren Lippen so nah,

daß ihr Athem sich vermischen und zusammenfliessen mußte. Das ist

ein vertrakter Gedanke, Rodrigo! Wenn solche Vertraulichkeiten den

Weg bahnen, so darf man sich darauf verlassen, daß die Haupt-Action

bald nachkommen wird--Fy, Henker!--Aber, laßt euch nur von mir

rathen, Herr. Ich hab' euch von Venedig mitgebracht. Zieht mit

auf die Wache diese Nacht, ich will euch dazu commandieren. Cassio

kennt euch nicht; und ich will nicht weit von euch seyn. Seht daß

ihr dann eine Gelegenheit findet, ihn aufzubringen; redet zu laut,

oder haltet euch über seine Art zu commandieren auf, oder thut

sonst was das ihn ärgern kan, wie es Zeit und Umstände an die Hand

geben werden.

Rodrigo.

Gut.

Jago.

Er ist jäh, und in einem Augenblik aufgebracht; es kan leicht

begegnen, daß er euch einen Schlag giebt. Reizt ihn dazu; dann das

würde mir einen vortrefflichen Anlaß geben, die Cyprier in eine

solche Empörung gegen ihn zu sezen, daß nichts als seine Entfernung

sie besänftigen soll. Dadurch kommt ihr desto bälder zu euerm Zwek;

denn wenn Cassio einmal aus dem Weg ist, so will ich für das

übrige schon Mittel finden, und ihr sollt glüklich werden.

Rodrigo.

Ich verstehe mich zu allem, wenn ihr's dahin bringen könnt.

Jago.

Dafür steh ich dir. Laß dich vor der Citadelle wieder antreffen;

ich muß nur einen kleinen Gang machen, um sein Gepäke ans Land zu

holen. Lebt wohl indessen.

Rodrigo.

Adieu.

(Er geht ab.)

Achte Scene.

Jago (allein.)

Daß Cassio sie liebt, das glaub ich, und daß sie ihn wieder liebt,

das läßt sich wenigstens glauben. Was den Mohren betrift, so muß

ich gestehen, ob ich ihn gleich nicht leiden kan, daß er von einer

gesezten, liebreichen und edeln Gemüths-Art ist; und ich zweifle

gar nicht daran, daß er gegen Desdemona ein recht zärtlicher Ehmann

seyn wird. Nun lieb ich sie auch, nicht eben aus Antrieb einer

sonderlichen Lust zu ihr, (ob ich gleich vielleicht für eben so

grosse Sünden in des Teufels Schuldbuch stehe,) sondern mehr um an

dem üppigen Mohren Rache zu üben, den ich im Verdacht habe, daß er

meinem Weibe zu nah' gekommen seyn möchte; ein Gedanke, der mir wie

mineralisches Gift an meinem Inwendigen nagt, und mir keine Ruhe

lassen wird, bis ich quitt mit ihm bin, Weib um Weib: Oder wenn mir

auch das fehlschlüge, so muß mir der Mohr wenigstens in eine so

starke Eifersucht gesezt werden, daß die Vernunft selbst ihm nichts

dagegen helfen soll. Und wenn dieser arme Venetianische Brak, den

ich bloß um seines guten Jagens willen liebe, unserm Michael Cassio

nur recht zu Leibe geht, so wollen wir ihn bald bey der Hüfte

kriegen, und ihn dem Mohren auf eine Art empfehlen, die ihre

Würkung thun soll; und der Mohr soll mir noch danken, und mich noch

dafür lieben und belohnen, daß ich ihn fein sauber zu einem Esel

mache, und ihn aus dem stolzen Frieden seiner Seele bis zur

Tollheit herausbetrüge. Das alles ligt hier--aber noch verworren;

Spizbüberey läßt ihr ganzes Gesicht nicht eher sehen, bis sie

vollbracht ist.

(Geht ab.)

Neunte Scene.

(Die Strasse.)

(Ein Herold tritt auf.)

Herold.

Es ist Othello's, unsers edeln und tapfern Ober-Befehlhabers, Wille

und Belieben, daß auf die zuverlässig eingelauffene Nachricht von

dem gänzlichen Untergang der Türkischen Flotte, jedermann seine

Freude öffentlich, durch Tänze, Freuden-Feuer, und alle die Spiele

und Lustbarkeiten, wozu einen jeden seine Neigung treiben mag, an

den Tag geben möge--Zumal, da noch über diese glükliche Zeitung,

sein Vermählungs-Fest ein Gegenstand der allgemeinen Freude ist.

Alle seine Vorraths-Kammern sind aufgeschlossen, und es ist jedem

erlaubt von dieser fünften Stunde an, bis die Gloke eilfe

geschlagen haben wird, zu schmausen und sich zu erlustigen, wie es

ihm beliebt. Dieses sollte, nach seinem Befehl, durch öffentlichen

Ausruf bekannt gemacht werden. Heil der Insel Cypern, und unserm

edeln General!

(Othello, Desdemona, Cassio, und Gefolge treten auf.)

Othello.

Mein lieber Cassio, seht diese Nacht zur Wache; wir wollen nicht

vergessen, in unsern Lustbarkeiten nie über das Ziel der

Anständigkeit und Mässigung hinauszuschweiffen.

Cassio.

Jago hat schon Befehl auf die Nacht; ich will aber nichts

destoweniger selbst ein Aug' auf alles haben.

Othello.

Jago ist ein ehrlicher Mensch--Gute Nacht, Cassio. Morgen, so früh

als euch gelegen ist, laßt mich eine Unterredung mit euch haben--

(Zu Desdemona.)

Komm, meine theure Liebe--Wenn der Kauf geschehen ist, so folgt die

Nuzniessung;--Gute Nacht.

(Othello und Desdemona gehen ab.)

(Jago zu Cassio.)

Cassio.

Willkommen Jago, wir müssen zur Wache.

Jago.

Izt noch nicht, Lieutenant, es ist noch nicht zehn Uhr. Unser

General hat uns seiner Desdemona zu lieb so früh entlassen, und wir

können ihn nicht deßwegen tadeln--es ist seine erste Nacht, und sie

ist ein Lekerbissen für einen Jupiter.

Cassio.

Sie ist eine vortreffliche Dame.

Jago.

Und sie liebt das Spiel, ich stehe für sie.

Cassio.

In der That, sie ist ein reizendes Geschöpf.

Jago.

Was sie für ein paar Augen hat! Es ist, als ob sie einen

auffordern--

Cassio.

Sehr anziehende Augen, und doch, wie mich däucht, vollkommen

sittsam.

Jago.

Und wenn sie redt, ist nicht der blosse Ton ihrer Stimme ein Signal

zur Liebe?

Cassio.

Sie ist, in der That, die Vollkommenheit selbst.

Jago.

Gut, viel Glüks zu ihrer Hochzeit-Nacht! Kommt, Lieutenant, ich

habe eine Flasche Wein, und es sind ein paar brave junge Cyprier

draussen, die gerne eins auf Othello's Gesundheit mit uns trinken

möchten.

Cassio.

Diese Nacht kan's nicht seyn, Jago; ich habe ein armes unglükliches

Gehirn zum Trinken. Ich möchte wol wünschen, daß man eine andre

Manier, einander seinen guten Willen zu bezeugen, erfinden möchte

als Gesundheittrinken.

Jago.

Oh, es sind gute Freunde; nur ein Gläschen; ich will für euch

trinken.

Cassio.

Ich habe diesen Abend nicht mehr als einen Bechervoll getrunken,

der noch dazu mit Wasser gemischt war, und ihr seht, was für

Veränderungen er schon hier gemacht. Es ist ein Unglük für mich,

daß ich so wenig ertragen kan, aber ich darf es nicht wagen, mehr

zu thun.

Jago.

Wie, Mann? Die heutige Nacht ist dazu bestimmt, daß man sich

lustig mache, und die jungen Herren würden sich durch unsre

Weigerung beleidigt finden.

Cassio.

Wo sind sie?

Jago.

Hier, vor der Thür; ich bitte euch, ruft sie herein.

(Cassio geht ab.)

Jago (allein.)

Wenn ich ihm, über das was er schon getrunken hat, nur noch einen

Becher voll beybringen kan, so wird er so händelsüchtig seyn, und

sich so unnüz machen wie meiner jungen Fräulein Hund--Nun hat mein

ehrlicher Rodrigo, dem die Liebe nun vollends die unrechte Seite

herausgekehrt hat, diese Nacht auch manchen Stuzer auf Desdemonens

Gesundheit ausgeleert, und izt wird er mit auf die Wache ziehen.

Drey junge Cyprier, frische rüstige Bursche, die Herz und Ehre

haben, hab ich gleichfalls mit vollen Bechern zugedekt, und sie

sind auch von der Wache. Unter dieser Schaar von Betrunknen kan es

mir also nicht schwer fallen, unsern Cassio zu einem Exceß zu

bringen, wodurch er diese Insulaner vor die Köpfe stößt--Aber da

kommen sie ja schon. Wenn der Erfolg meinem Entwurf antwortet, so

segelt mein Boot mit Wind und Fluth davon.

Zehnte Scene.

(Cassio, Montano, und drey junge Cyprier.)

Cassio.

Beym Himmel, sie haben mir schon einen Tips angehängt.

Montano.

Einen sehr kleinen, in der That: ihr habt nicht über eine Maaß

getrunken, so wahr ich ein Soldat bin.

Jago.

Wein her, Wein her! (er fängt an zu singen)

he! Wein her, ihr Jungens!

Cassio.

Beym Himmel, das war ein hübsches Lied.

Jago.

Das lernt ich in England, wo sie, in der That, mächtige Zecher sind.

Euer Dähne, euer Deutscher, euer schmerbauchichter Holländer--he!

zu trinken! sind nichts gegen meinen Engländer.

Cassio.

So ist euer Engländer ein so grosser Trinker?

Jago.

Ob er's ist? Ich sag euch, er trinkt euch eure Dänen zu Boden,

ohne daß ihr's ihm anseht. Er braucht nicht zu schwizen, um über

euern Deutschen Meister zu werden; und euern Holländer bringt er

zum Speyen, eh die nächste Flasche gefüllt werden kan.

Cassio.

Auf die Gesundheit unsers Generals!

Montano.

Da bin ich auch dabey, Lieutenant, ich will euch Bescheid thun.

Jago.

O das liebe England!

(König Stephan war ein braver Pair etc.)

(Er singt.)

Mehr Wein her, he!

Cassio.

Ha, das Lied ist noch schöner als das vorige.

Jago.

Wollt ihr's noch einmal hören?

Cassio.

Nein, wahrhaftig, und hielte den für einen Mann der seines Plazes

nicht würdig wäre, der solche Dinge thun wollte--Gut--Der Himmel

ist über uns alle; und es ist nun schon einmal so, daß die einen

selig werden, und die andern nicht selig werden.

Jago.

Das ist wahr, Herr Lieutenant.

Cassio.

Was mich betrift, (ohne unserm General, oder sonst einem Mann von

Stande zu nah zu treten,) so hoff' ich, selig zu werden.

Jago.

Und ich auch, Lieutenant.

Cassio.

Schon gut, aber, mit eurer Erlaubniß, nicht vor mir. Der

Lieutenant muß vor dem Fähndrich selig werden. Sagt mir nichts

mehr hievon!--Wir wollen von unsern Geschäften reden--Vergieb uns

unsre Schulden!--Meine Herren, wir wollen zu unsern Geschäften

sehen. Bildet euch nicht ein, ihr Herren, daß ich betrunken sey:

Das ist mein Fähndrich; das ist meine rechte Hand, und das ist

meine linke. Ich bin noch nicht betrunken, ich kan noch ziemlich

aufrecht stehen, und ich rede noch gut genug.

Alle.

Vortreflich gut.

Cassio.

Nun, recht gut also; so müßt ihr also nicht denken, daß ich

betrunken sey.

(Er geht ab.)

Eilfte Scene.

Montano.

Auf die Platte-Forme, meine Herren; kommt, wir wollen die Wache

besezen.

Jago.

Ihr seht diesen Burschen, der voraus gegangen ist; er ist ein guter

Soldat, werth zunächst an Cäsarn zu stehen, und unter ihm Befehle

zu geben. Aber ihr seht auch sein Laster;--es ist schade für ihn--

er hat Stunden, wo dieses einzige Gebrechen alle seine Tugenden

unbrauchbar macht--ich fürchte nur, das Vertrauen, das Othello in

den Mann sezt, mag in irgend einem solchen unglüklichen Augenblik

das Verderben dieser Insel seyn.

Montano.

Ist er denn oft so?

Jago.

Es ist jedesmal der Prologus zu seinem Schlaf. Er würde euch

zweymal vier und zwanzig Stunden an einem Weg wachen, wenn Bacchus

seine Wiege nicht rüttelte.

Montano.

Es wäre gut, wenn dem General eine Vorstellung hierüber gemacht

würde; vielleicht weiß er's nicht; oder sein gutes Gemüth ist von

den Verdiensten, die an Cassio in die Augen leuchten, so

eingenommen, daß er ihm seine Untugenden übersieht; ist's nicht so?

(Rodrigo zu den Vorigen.)

Jago.

Was macht ihr hier, Rodrigo? Ich bitte euch, seht wo der

Lieutenant ist, geht.

(Rodrigo geht ab.)

Montano.

Und es ist in der That recht zu bedauren, daß der Mohr einen so

wichtigen Plaz, die Vertretung seiner eignen Person, einem Mann

anvertrauen soll, der mit einem so eingewurzelten Gebrechen

behaftet ist; es wäre die That eines ehrlichen Mannes, wenn man dem

Mohren das sagen würde.

Jago.

Der möcht' ich nicht seyn, und wenn ich diese ganze Insel damit zu

gewinnen wüßte; ich liebe den Cassio, und wollte alles in der Welt

thun, ihn von diesem Uebel zu heilen. Horcht, was für ein Lerm ist

das?

(Man schreyt hinter der Scene: Helft, helft!)

(Cassio verfolgt den Rodrigo auf den Schau-Plaz.)

Cassio.

Du Raker! du Lumpenhund!

Montano.

Was habt ihr, Lieutenant?

Cassio.

Ein Schurke soll mich meine Schuldigkeit lehren! Ich will den

Schurken in eine Kürbis-Flasche hineinprügeln.

Rodrigo.

Mich prügeln--

Cassio.

Rüppelst du dich noch, Lumpenkerl?

Montano (der ihn zurükhält.)

Haltet ein, guter Lieutenant; ich bitte euch, mein Herr, haltet ein.

Cassio.

Laßt mich gehen, Herr, oder ihr kriegt eins auf die Ohren.

Montano.

Kommt, kommt, ihr seyd ein betrunkener Mann.

Cassio.

Betrunken?--

(Er zieht den Degen gegen Montano, welcher sich zur Wehr sezt.)

Jago (zu Rodrigo leise.)

Weg, sag ich, hinaus, und schlagt Lermen.

(Rodrigo geht.)

Nein, guter Lieutenant--Ums Himmels willen, meine Herren--Helft!

he!--Lieutenant--meine Herren--Montano--helft, ihr Herren! das ist

mir eine feine Wache, in der That!--Nu ja, wer hat den Einfall gar

die Sturmgloke zu läuten?--Zum Teufel, halt! die ganze Stadt wird

in Bewegung kommen. Fy, fy, Lieutenant! halt, sag ich! Ihr

verliehrt eure Ehre auf eine unwiederbringliche Art.

Zwölfte Scene.

(Othello, mit seinem Gefolge zu den Vorigen.)

Othello.

Was giebt es hier?

Montano.

Ich blute stark, ich bin verwundet, doch nicht tödtlich.

Othello.

Halt, so lieb euch euer Leben ist.

Jago.

Halt, he, Lieutenant--Herr--Montano--meine Herren--Habt ihr denn

allen Verstand verlohren? Wißt ihr nicht mehr, wer, und vor wem

ihr seyd? Der General redt mit euch--Halt, sag ich--schämt euch

doch wenigstens, und haltet ein--

Othello.

Wie, was soll das seyn, he! Wer ist der Urheber von diesem Unfug?

Sind wir zu Türken geworden? Und thun uns selbst was der Himmel

den Ottomannen verboten hat? Aus Schaam wenigstens vor diesen

Ungläubigen, macht diesem barbarischen Gefecht ein Ende; der erste

von euch, der sich noch rührt, ist auf der Stelle des Todes! Heißt

diese Gloke schweigen, sie schrekt diese Insel aus ihrer Ruhe auf.

Was war denn der Anlas zu diesem Handel? Ehrlicher Jago, dein

blasses Gesicht sagt mir, daß du bekümmert bist--Sprich, wer machte

den Anfang? Sage die Wahrheit, so lieb ich dir bin!

Jago.

Ich weiß es nicht; wir waren alle gute Freunde, nur eben, nur noch

vor einem Augenblik auf der Hauptwache beisammen, so freundlich wie

Braut und Bräutigam, wenn sie zu Bette gehen wollen--und dann, in

einem Augenblik (nicht anders als ob irgend ein aufgehender Planet

den Leuten die Vernunft genommen hätte) sind sie mit ihren Degen

heraus, und gehen einander auf Leib und Leben. Ich kan nicht sagen,

was der Anlas zu diesem unsinnigen Zwist war; aber ich wollte, ich

hätte in irgend einer rühmlichen Action diese Beine verlohren, die

mich zu einem Theil davon geführt haben.

Othello.

Wie kommt es, Cassio, daß ihr euch so vergessen habt?

Cassio.

Ich bitte euch, entschuldigt mich, ich kan nicht reden.

Othello.

Würdiger Montano, ihr seyd sonst ein gesitteter Mann: die Welt legt

euch den Charakter eines gesezten und sittsamen Jünglings bey, und

die Weisesten sprechen euern Namen mit Hochachtung aus. Was für

ein Anlas konnte euch dahin bringen, euern Ruhm so leichtsinnig zu

verschleudern, und die gute Meynung der Welt um den Namen eines

Nacht-Schwärmers hinzugeben? Antwortet mir auf das!

Montano.

Würdiger Othello, ich bin gefährlich verwundet: Euer Officier, Jago,

kan mir eine Mühe ersparen, die mir izt einige Ungelegenheit

verursachen würde; er weiß alles, was ich euch sagen könnte; und

ich wißte auch nicht was ich diese Nacht über Unrechtes gesagt oder

gethan hätte, es wäre denn, daß Selbstvertheidigung, wenn wir

gewaltsam angefallen werden, eine Sünde seyn sollte.

Othello.

Nun, beym Himmel, mein Blut fangt an über meine Vernunft Meister zu

werden--Reizt mich nicht, sag ich euch, oder wenn ich nur diesen

Arm hebe, so soll der Beste von euch unter meinem Zorn zu Boden

sinken. Laßt mich wissen, wie dieser schändliche Tumult sich anhub;

wer der Anfänger war; und derjenige, welcher schuldig befunden

wird, hat einen Freund an mir verlohren, und wenn er mein Zwillings-

Bruder wäre--Wie? in einer mit Krieg bedräuten Stadt, deren

Einwohner noch mit Schreken angefüllt sind, sich von der Furcht

eines feindlichen Ueberfalls noch nicht erholt haben, um Privat-

Händeln willen einen Lerm anfangen? Und das bey Nacht, und auf der

Hauptwache, die der Schirm der allgemeinen Sicherheit seyn soll?

Es ist etwas ungeheures! Rede, Jago, wer war der Anfänger?

Montano.

Wenn du aus Partheylichkeit, Freundschaft oder vermeynter Pflicht

mehr oder weniger sagst als wahr ist, so bist du kein Soldat.

Jago.

Rühret mich an keinem so empfindlichen Theil an: Ich wollte mir

lieber diese Zunge aus dem Mund reissen lassen, als daß ich meinem

Freund Cassio zum Schaden reden wollte: jedoch hoff' ich es könne

ihm keinen Schaden thun, wenn ich die Wahrheit sage. So verhält

sich die Sache, General: Montano und ich waren in einem Gespräch

begriffen, als ein Bursche hereinzulauffen kam, der aus vollem Hals

um Hülfe schrie, und Cassio mit blossem Degen hinter ihm her,

vermuthlich um ihn abzustraffen. Hierüber gieng dieser Herr auf

den Cassio zu, und bat ihn sich zufrieden zu geben, ich selbst aber

lief dem schreienden Kerl nach, aus Furcht, sein Geschrey möchte

(wie es auch würklich begegnet ist,) die Stadt in Unruh sezen;

allein, da er schneller auf den Beinen war, so verlohr' ich ihn

gleich aus dem Gesicht, kehrte also wieder zurük, um so mehr als

ich das Klingeln und Fallen von blossen Degen und den Cassio

gewaltig fluchen hörte, welches ich vor dieser Nacht niemals hätte

von ihm sagen können. Wie ich nun zurük kam, so fand ich sie im

hizigsten Gefecht begriffen, kurz, in den nemlichen Umständen,

worinn ihr selbst sie auseinander gebracht habt. Mehr kan ich von

diesem Handel nicht sagen. Aber Menschen sind Menschen; die besten

vergessen sich zuweilen; und wenn ihm auch Cassio ein wenig zuviel

gethan hat, wie denn Leute in der Wuth oft ihre liebsten Freunde

schlagen, so glaub ich doch gewiß, daß Cassio von dem Burschen, der

entlaufen ist, irgend eine grobe Beleidigung, die nicht zu dulden

war, empfangen haben muß.

Othello.

Ich sehe, Jago, daß dein gutes Gemüth und deine Liebe zu Cassio

seine Schuld zu verkleinern sucht. Cassio, ich liebe dich, aber du

bist mein Officier nicht mehr--(Desdemona, mit Gefolge, zu den

Vorigen.) Seht, ist nicht meine liebste Desdemona aufgestanden--ich

will dich zu einem Exempel machen.

Desdemona.

Was ist hier zu thun?

Othello.

Es ist alles in seiner Ordnung. Komm zu Bette, meine Liebe--Mein

Herr, ich will selbst der Arzt für eure Wunden seyn--Führt ihn nach

Hause. Jago, laß dir die Beruhigung der Stadt angelegen seyn--Komm,

Desdemona; es ist einer von den Zufällen des Soldaten-Lebens, oft

vom süssesten Schlummer durch kriegrisches Getümmel aufgewekt zu

werden.

(Sie gehen ab.)

Dreyzehnte Scene.

(Jago und Cassio bleiben.)

Jago.

Wie, seyd ihr verwundet, Lieutenant?

Cassio.

So, daß mir alle Wundärzte der Welt nicht helfen können.

Jago.

Das verhüte der Himmel!

Cassio.

O Guter Name! Guter Name! Ich habe meinen guten Namen verlohren;

ich habe mein unsterbliches Theil verlohren, was mir übrig

geblieben, ist ein blosses Thier. Meinen guten Namen, Jago, meinen

guten Namen!--

Jago.

So wahr ich ein Bidermann bin, ich dachte, ihr hättet irgend eine

tieffe Wunde in den Leib bekommen; das hätte mehr zu bedeuten als

ein guter Name--Diese Schimäre, die so oft ohne Verdienste gewonnen,

und ohne Verschuldung verlohren wird. Ihr habt nichts verlohren,

als in so fern ihr euch einbildet, daß ihr was verlohren habt. Wie,

Mann--man kan Mittel finden, den General wieder zu gewinnen. Ihr

seyd nur noch mündlich cassiert, eine Straffe, worinn mehr Politik

als böser Willen ist; gerade so, als wenn einer seinen unschuldigen

Hund schlüge, um einen übermüthigen Löwen zu erschreken. Gebt ihm

gute Worte, so ist er wieder euer.

Cassio.

Ich wollte lieber selbst um meine Verwerfung bitten, als einen so

rechtschaffnen General mit einem so schlechten, so versoffenen, so

unbedachtsamen Officier betrügen. Besoffen? und plappern wie ein

Papagay? und Händel anfangen? großpralen? fluchen? und dummes

Zeug mit seinem eignen Schatten reden? O du unbändiger Geist des

Weins, wenn du noch keinen Namen hast, woran man dich kennen kan,

so laß dich Teufel heissen.

Jago.

Wer war der Kerl, den ihr mit dem Degen verfolgtet? was hatte er

euch gethan?

Cassio.

Das weiß ich nicht.

Jago.

Ists möglich?

Cassio.

Ich erinnere mich eines verworrenen Klumpens von Sachen, aber

nichts deutlich: Eines Handels, aber nicht warum. O daß ein Mann

einen Feind zu seinem Mund einlassen soll, damit er ihm seine

Vernunft wegstehlen könne! daß wir fähig sind, mit lauter Freude,

Lust, Scherz und Wohlleben uns in Bestien zu verwandeln!

Jago.

Nun, gebt euch zufrieden, ihr seyd wieder ganz wohl: Wie habt ihr

euch sobald wieder erholt?

Cassio.

Der Teufel der Trunkenheit hat dem Teufel des Zorns Plaz gemacht;

eine Unvollkommenheit zeigt mir eine andre--o wie herzlich veracht'

ich mich selber!

Jago.

Kommt, ihr seyd ein allzustrenger Moralist. In Betrachtung der

Zeit, des Orts und der gegenwärtigen Umstände dieses Lands möcht'

ich selbst von Herzen wünschen, es wäre nicht begegnet; aber da es

nun einmal so ist wie es ist, so ergebt euch darein, und denkt

darauf, wie ihr's wieder gut machen wollt.

Cassio.

Gesezt, ich geh, und bitt' ihn wieder um meine Stelle, so wird er

mir sagen, ich sey ein Trunkenbold--Hätte ich so viele Mäuler als

die Hydra, eine solche Antwort würde sie mir alle stopfen. Izt ein

vernünftiger Mensch seyn, bald darauf ein Narr, und dann plözlich

gar ein Vieh--Ein jedes Glas das man zuviel trinkt ist verflucht,

und das Ingrediens davon ist ein Teufel.

Jago.

Kommt, kommt, guter Wein ist ein guter (Spiritus familiaris,) wenn

man mit ihm umzugehen weiß: Keine Declamationen mehr dagegen!--Mein

lieber Lieutenant, ich hoffe doch, ihr glaubt, daß ich euer Freund

bin.

Cassio.

Ihr habt mir Proben davon gegeben, mein Herr--Ich, betrunken!--

Jago.

Das ist etwas, das euch und einem jeden andern ehrlichen Mann in

der Welt einmal begegnen kan--Ich will euch sagen, was ihr thun

solltet. Unsers Generals Frau ist izt der General. Ich kan mich

dieses Ausdruks bedienen, weil er sich ganz und gar der Beschauung,

Betrachtung und Beherzigung ihrer Vollkommenheiten und Schönheiten

gewiedmet und überlassen zu haben scheint. Macht ihr ein

freymüthiges Geständniß euers Fehlers, und laßt nicht ab, bis sie

euch verspricht euch wieder zu euerm Plaz zu helfen. Sie ist von

einer so großmüthigen, so gütigen, so menschenfreundlichen Gemüths-

Art, daß sie es für einen Mangel an Güte hielte, nicht noch mehr zu

thun als man von ihr begehrt. Bittet sie, dieses zerbrochne Band

zwischen euch und ihrem Manne wieder zusammen zu löthen--und ich

will alles was ich habe gegen eine Steknadel sezen, eure

Freundschaft wird stärker werden als sie je gewesen ist.

Cassio.

Euer Rath ist gut.

Jago.

Er ist wenigstens gut gemeynt, und kommt aus einem aufrichtigen und

freundschaftlichen Herzen.

Cassio.

Davon bin ich überzeuget; ich will es nicht länger als bis morgen

früh anstehen lassen, die tugendhafte Desdemona um ihr Vorwort zu

bitten; ich bin gänzlich verlohren, wenn ich auf eine so

schimpfliche Art von hier gejagt werde.

Jago.

Ihr habt recht; gute Nacht, Lieutenant; ich muß zur Wache sehen.

Cassio.

Gute Nacht, redlicher Jago--

(Er geht ab.)

Vierzehnte Scene.

Jago (allein.)

Und wo ist nun der, welcher sagen kan, ich spiele die Rolle eines

Spizbuben? Da der Rath, den ich ihm gebe, gut, ehrlich, von dem

wahrscheinlichsten Erfolg, ja in der That der gerade Weg ist, den

Mohren wieder zu gewinnen. Denn es ist etwas sehr leichtes die

gutherzige Desdemona zu bewegen, daß sie irgend eine erlaubte Bitte

begünstige; sie ist von einer so überfliessend-wohlthätigen Natur

wie die alles umfassenden Elemente. Und dann ist für sie wiederum

nichts leichters als den Mohren zu gewinnen, wär' es auch seinem

Taufbund zu entsagen, so gänzlich ist seine Seele in ihrer Liebe

verstrikt; sie kan mit ihm anfangen was sie will, machen, wieder

vernichten, wie es ihrem Eigensinn nur belieben mag, den Gott mit

seiner Schwäche zu spielen. Bin ich denn also ein Spizbube, dem

Cassio einen Weg zu rathen, der ihn so gerade zu seinem Besten

führt? Beym Abgott der Hölle! wenn Teufel ihre schwärzeste Sünden

ausüben wollen, so täuschen sie uns zuvor in himmlischen Gestalten--

So mach' ichs würklich auch. Denn indeß daß dieser ehrliche Thor

sich Desdemonen zu Füssen wirft, um sein Glük wieder herzustellen,

und sie alle ihre Macht über den Mohren zu Cassio's Vortheil

anwendet; ich will ihm den giftigen Argwohn in die Ohren blasen,

daß sie ihn nur zu Büssung ihrer Lust so gerne bey sich zu behalten

wünsche; und je eyfriger sie sich bemühen wird, ihm Gutes zu thun,

je mehr wird sie ihren Credit in den Augen des Mohren verliehren.

So will ich ihre Tugend in Pech verwandeln, und aus ihrer Güte

selbst ein Nez machen, worinn sie alle gefangen werden sollen. Wo

kommt ihr her, Rodrigo?

Fünfzehnte Scene.

(Rodrigo zu Jago.)

Rodrigo.

Ich lauffe hier mit der Jagd, nicht wie ein Hund der jagt, sondern

nur, wie einer der schreyen hilft. Mein Geld ist beynah

aufgebraucht; heute Nachts bin ich ganz unvergleichlich abgeprügelt

worden; und ich denke, das Ende vom Liede wird seyn, daß ich so

viel Erfahrung für meine Mühe habe; und so werd' ich mit einem

leeren Beutel und einem Bißchen mehr Wiz wieder nach Venedig zurük

kehren--

Jago.

Was für elende Leute sind doch die, so keine Geduld haben können!

Wenn heilt jemals eine Wunde anderst als nach und nach--Du weißst

doch, daß wir nicht zaubern können, sondern daß alles was wir thun,

natürlich zugehen muß; und die Natur will ihre Zeit haben. Wo

fehlt es dann, laßt sehen? Cassio hat dich geprügelt, und du hast

für ein paar arme Schläge diesen Cassio cassiert--Was reiff werden

soll, muß erst blühen. Gedulde dich noch ein wenig: Es ist

würklich schon Tag. Vergnügen und Arbeit machen, daß uns die

Stunden kurz scheinen. Entfern' dich; geh, wohin du angewiesen

bist; geh, sag ich--du sollst bald mehr von mir hören--Nun, so geh

doch--

(Rodrigo geht.)

Nun sind zwey Dinge zu thun; mein Weib muß für den Cassio zur

Desdemonen gehen, und das will ich bald veranstaltet haben; ich muß

indeß den Mohren auf die Seite nehmen, und ihn nicht eher wieder

erscheinen lassen, als gerade wenn er den Cassio bey seiner Frauen

überraschen kan--ja, so muß es gehen--und das Eisen soll

geschmiedet werden, weil es noch warm ist.

(Er geht ab.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.

(Vor Othello's Pallast.)

(Cassio, mit Musicanten, tritt auf.)

Cassio.

Meine Herren, hier spielt eins, (ich will eure Mühe vergelten,)

etwas das nicht zu lange währt, und dann wünscht dem General einen

guten Morgen.

(Die Musik fängt an; Hans Wurst kommt aus dem Hause heraus.)

Hans Wurst.

Wie, ihr Herren, sind eure Instrumente in Neapel gewesen, daß sie

so durch die Nase reden?--Hier ist Geld für euch; eure Musik

gefällt dem General so wol, daß er wünscht, ihr möchtet ihm den

Gefallen thun, und nicht gar zu laut damit seyn.

Musicant.

Gut, Herr, wir wollen's leiser machen.

Hans Wurst.

Wenn ihr eine Musik habt, die man nicht hört, so macht immer fort:

Aber was man heißt, Musik zu hören, davon ist der General kein

sonderlicher Liebhaber.

Musicant.

Eine Musik, die man nicht hört?--Wir können eine solche, Herr.

Hans Wurst.

So stekt eure Pfeiffen wieder in euern Sak, und zieht ab. Geht,

zerfließt in Luft, fort.

(Die Musicanten gehen ab.)

Cassio.

Hörst du, guter Freund?

Hans Wurst.

Mit beyden Ohren.

Cassio.

Hier ist ein kleines Goldstük für dich; wenn die Kammer-Frau der

Generalin auf ist, so sag' ihr, es sey ein gewisser Cassio da, der

sich die Erlaubniß ausbitte, ein paar Worte mit ihr zu reden.

Willt du?

Hans Wurst.

Sie ist auf, Herr; wenn sie mir in den Wurf kommt, so will ich

nicht ermangeln, es ihr zu notificieren.

(Er geht.)

Cassio.

Thu das, guter Freund--Da kommt Jago eben recht.

Jago. (zu ihm.)

Ihr seyd also nicht zu Bette gegangen?

Cassio.

Nein, gewiß nicht; der Tag brach ja schon an, eh wir schieden. Ich

bin so frey gewesen, und habe eure Frau hieher bitten lassen; ich

will sie ersuchen, sie möchte mir Zutritt bey Desdemona verschaffen.

Jago.

Ich will sie augenbliklich hieher schiken, und indeß ein Mittel

ausfindig machen, um den Mohren auf die Seite zu bringen, damit ihr

ungehindert mit Desdemonen sprechen könnt.

(Er geht ab.)

Cassio.

Ich dank euch gehorsamst davor--In meinem Leben hab' ich keinen

gutherzigern und ehrlichern Florentiner gesehen! (Aemilia zu

Cassio.)

Aemilia.

Guten Morgen, Herr Lieutenant. Es ist mir leid, daß ihr Verdruß

gehabt habt; aber ich hoffe, es wird alles wieder gut werden. Der

General und seine Gemahlin reden mit einander davon, und sie nimmt

eure Parthey sehr lebhaft. Der Mohr hält ihr entgegen, derjenige,

den ihr verwundet hättet, sey ein Mann von grossem Namen in Cypern,

und von einer ansehnlichen Familie; er könne aus politischen

Ursachen nicht anders, als euch von sich entfernen. Jedoch

versichert er zu gleicher Zeit, er liebe euch, und habe keine andre

Fürbitter nöthig, um euch wieder bey ihm in Gunst zu sezen, als

seine eigne Zuneigung.

Cassio.

Ich bitte euch dem ungeachtet, wenn ihr anders glaubt daß es

schiklich sey, und wenn es sich thun läßt, mir Gelegenheit zu

verschaffen, daß ich ein paar Worte mit Desdemonen allein sprechen

könnte.

Aemilia.

Ich bitte euch, kommt herein; ich will euch an einen Ort führen, wo

ihr Gelegenheit haben sollt, ihr alles zu sagen was ihr auf dem

Herzen habt.

Cassio.

Ich bin euch sehr dafür verbunden.

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.

(Othello, Jago, und etliche Cyprische Edelleute.)

Othello.

Diese Briefe, Jago, gieb dem Schiffs-Patron, und bitte ihn, dem

Senat meine Schuldigkeit zu bezeugen. Ich will indessen einen Gang

in die Vestungs-Werker thun, mache, daß du dort wieder zu mir

kommst.

Jago.

Ich werde nicht ermangeln, gnädiger Herr.

Othello.

Wollen wir gehen, meine Herren, und die Vestung besehen?

Edelleute.

Wir werden die Ehre haben, Eu. Gnaden zu begleiten.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.

(Verwandelt sich in das Zimmer im Pallast.)

(Desdemona, Cassio, und Aemilia.)

Desdemona.

Sey versichert, mein guter Cassio, ich will alle meine Vermögenheit

zu deinem Besten anwenden.

Aemilia.

Thut es, liebste Madam; ich weiß, es bekümmert meinen Mann, als ob

es seine eigne Sache wäre.

Desdemona.

Ich glaub' es, er ist ein guter Mensch; zweifelt nicht, Cassio, ich

will meinen Herrn und euch wieder zu so guten Freunden machen, als

ihr gewesen seyd.

Cassio.

Meine großmüthigste Gebieterin, was auch aus Cassio werden mag, so

wird er nie was anders als euer getreuer Diener seyn.

Desdemona.

Ich weiß es; ich danke euch; ihr liebet meinen Gemahl; ihr kennt

ihn schon lange; und seyd vollkommen versichert, er wird in dieser

Entfernung von euch nicht weiter gehen, als er durch politische

Ursachen sich genöthigt sehen wird.

Cassio.

Sehr wohl, Gnädige Frau; aber diese politische Freundschaft kan so

lange währen, und indeß mit einer so leichten und wäßrichten

Nahrung unterhalten werden, daß, indem ich abwesend bin, und ein

andrer meine Stelle inne hat, mein General meiner Ergebenheit und

meiner Dienste endlich gänzlich vergessen wird.

Desdemona.

Macht euch keine solche Gedanken; hier in Aemiliens Gegenwart

verbürg' ich mich selbst für deine Stelle. Versichre dich, wenn

ich meine Freundschaft verspreche, so darf man sich darauf

verlassen, daß ich ihre Pflichten bis auf den äussersten Punkt

erfüllen werde. Mein Gemahl soll keine Ruhe haben, bis er sich

ergeben wird; er soll Tag und Nacht nichts anders hören, ich will

ihn bis in sein Bette damit verfolgen, und er soll nichts sagen

noch thun können, wovon ich nicht den Anlas nehme, ihn an Cassio's

Gesuch zu erinnern; sey also ruhig, Cassio; deine Sachwalterin soll

eher das Leben lassen, ehe sie deine Sache aufgeben soll.

Vierte Scene.

(Othello und Jago treten von der Seite, in einiger Entfernung auf.)

Aemilia.

Gnädige Frau, dort kommt euer Gemahl.

Cassio.

So will ich meinen Abschied nehmen, Gnädige Frau.

Desdemona.

Warum dann? Bleibt da, und hört mich reden.

Cassio.

Izt nicht, Gnädige Frau; ich bin so übel aufgeräumt, daß ich meiner

Sache keinen guten Schwung geben würde.

(Cassio geht ab.)

Desdemona.

Gut, nach euerm Belieben.

Jago (leise.)

Ha! Das gefällt mir nicht zum Besten--

Othello (zu Jago.)

Was sagst du?

Jago.

Nichts, Gnädiger Herr; oder wenn--ich weiß selbst nicht was.

Othello.

Gieng nicht diesen Augenblick Cassio von meiner Frauen weg?

Jago.

Cassio, Gnädiger Herr?--Nein, versichert, ich kan mir nicht

vorstellen, daß er sich, sobald er euch kommen sieht, so eilfertig

davon schleichen würde, als ob er kein gutes Gewissen hätte.

Othello.

Ich glaube nicht anders als er war's.

Desdemona.

Wie steht's, mein Gemahl? Ich sprach eben izt mit einem

Supplicanten, einem Mann, den eure Ungnade sehr unglüklich macht.

Othello.

Und wer ist dieser Mann?

Desdemona.

Wer sollt es seyn als euer Lieutenant, Cassio? Liebster Gemahl,

wenn ich nur das mindeste Vermögen über euer Herz habe, so söhnt

euch auf der Stelle wieder mit ihm aus. Wenn er nicht ein Mann ist,

der euch aufrichtig liebt, und der aus blosser Uebereilung und

nicht mit Vorsaz gefehlt hat, so versteh ich nichts davon was ein

ehrliches Gesicht ist.

Othello.

War er's, der nur eben weggieng?

Desdemona.

Und so niedergeschlagen, daß er meinem mitleidigen Herzen einen

Theil seines Kummers zurükgelassen hat. Ich bitte euch, mein Schaz,

laßt ihn zurükruffen.

Othello.

Noch nicht, liebste Desdemona, ein andermal.

Desdemona.

Aber doch bald?

Othello.

Bald genug, mein Herz, für dich.

Desdemona.

Heute, Abends, zum Nacht-Essen?

Othello.

Das nicht.

Desdemona.

Also doch morgen auf den Mittag?

Othello.

Ich esse morgen mit einigen Officiers in der Citadelle zu Mittag.

Desdemona.

Nun, also doch Morgen Nachts, oder Dienstag Morgens oder Nachts,

oder Mittwoch Morgens, ich bitte dich, bestimme die Zeit; aber laß

es nicht länger als drey Tage seyn; bey meiner Treue, er ist

bußfertig; und doch ist sein Verbrechen, nach der gemeinen Art

davon zu urtheilen und bey Seite gesezt, daß in Kriegszeiten von

einem Officier das beste Exempel gefordert wird, eine kleine

Uebereilung, die kaum einen Privat-Verweis verdient--Wenn soll er

kommen? Sag mir's, Othello! Mich nimmt in der Seele Wunder, was

ihr mich bitten könntet, das ich euch abschlagen würde, oder wobey

ich so verdrieslich dastühnde! Wie? Michael Cassio!--Der eurer

Liebe zu mir so gute Dienste leistete; der so oft, wenn ich nicht

sehr vortheilhaft von euch sprach, eure Parthey nahm--und ich soll

soviel Mühe haben, ihn wieder bey euch in Gunst zu sezen? Glaubt

mir auf mein Wort, ich wollte wohl mehr--

Othello.

Ich bitte dich, laß es genug seyn; er kan kommen, wenn er will; ich

will dir nichts abschlagen.

Desdemona.

Wie, das ist keine Gefälligkeit, die ich für mich bitte; es ist als

ob ich euch bitte eure Kleider zu tragen oder von einer gesunden

Speise zu essen, oder euch warm zu halten; kurz, als ob ich bey

euch darum anhielte, daß ihr euch selbst etwas zu gut thun möchtet.

Nein, wenn ich eine Bitte habe, wodurch ich eure Liebe in der That

auf die Probe zu stellen gedenke, so soll es etwas schweres und

grosses seyn, etwas das Herz erfordert, um bewilliget zu werden.

Othello.

Ich werde dir nichts abschlagen, und alles was ich mir dagegen von

dir ausbitte, ist, daß du mich izt ein wenig allein lassen wollest.

Desdemona.

Sollt' ich euch's abschlagen? Nein; lebt wohl, mein Gemahl.

Othello.

Lebe wohl, meine Desdemona, ich will gleich folgen.

Desdemona.

Aemilia, komm; seyd wie es euch eure Laune eingiebt, ihr mögt seyn

wie ihr wollt, so bin ich gehorsam.

(Sie gehen ab.)

Fünfte Scene.

(Othello und Jago bleiben.)

Othello.

Anmuthsvolle Spizbübin!--Verderben erhasche meine Seele, wenn ich

dich nicht liebe--und wenn ich dich nicht mehr liebe, so ist die

Welt wieder zum Chaos worden.

Jago.

Mein Gebietender Herr--

Othello.

Was willt du sagen, Jago?

Jago.

Wie ihr euch um eure Gemahlin bewarbet, wußte Michael Cassio etwas

von eurer Liebe?

Othello.

Allerdings, vom Anfang bis zum Ende: Warum fragst du?

Jago.

Bloß zu meiner eignen Befriedigung; es hat gar nichts böses zu

bedeuten.

Othello.

Warum zu deiner eignen Befriedigung?

Jago.

Ich glaubte nicht, daß er etwas davon gewußt habe.

Othello.

Oh, ja, das hat er, und er war oft die Mittels-Person zwischen uns

beyden.

Jago.

In der That!

Othello.

In der That? Ja, in der That! Siehst du was hierinn? Ist er

nicht ein rechtschaffner Mann?

Jago.

Rechtschaffen, Gnädiger Herr?

Othello.

Rechtschaffen? Ja, rechtschaffen!

Jago.

Gnädiger Herr, so viel ich weiß.

Othello.

Was denkst du?

Jago.

Denken, Gnädiger Herr!

Othello.

Denken, Gnädiger Herr!--Wie, beym Himmel! Was meynst du damit, daß

du mir immer nachhallest, gleich als ob irgend ein Ungeheuer, zu

gräßlich um gezeigt zu werden, in deinen Gedanken verborgen läge?

Du meynst etwas damit; vor einer kleinen Weile hört' ich dich sagen,

(das gefalle dir nicht)--wie Cassio von meinem Weibe weggieng.

Was gefiel dir nicht?--Und wie ich dir sagte, er sey während dem

ganzen Lauf meiner Bewerbung um Desdemona mein Vertrauter gewesen,

riefst du, (in der That?) und zogst deine Augbraunen auf eine Art

zusammen, als ob du in selbem Augenblik irgend einem scheußlichen

Gedanken in deinem Gehirn den Ausgang versperren wolltest: Wenn du

mein Freund bist, so sage mir was du denkst.

Jago.

Gnädiger Herr, ihr wißt, daß ich euer Freund bin.

Othello.

Ich denke, du bist's: Und weil ich weiß, daß du ein gutherziger,

ehrlicher Mann bist, und deine Worte wiegst, eh du ihnen Athem

giebst, so schreken mich diese Pausen an dir; denn wenn es an einem

falschen unredlichen Spizbuben ein Kunstgriff oder auch oft bloß

ein angewöhntes Wesen ist, das nichts zu bedeuten hat; so ist es

hingegen an einem rechtschaffnen Mann ein Zeichen, daß er sich Mühe

giebt etwas in seinem Herzen zurück zu halten, dessen Entdekung

schlimme Folgen habe könnte.

Jago.

Was Michael Cassio betrift, so darf ich schwören, daß ich ihn für

einen ehrlichen Mann halte.

Othello.

Dafür halt' ich ihn auch.

Jago.

Die Leute sollten seyn, was sie scheinen; oder die es nicht sind,

von denen wäre zu wünschen, daß sie auch so aussähen, wie Schelmen.

Othello.

Es ist wahr, die Leute sollten seyn, was sie scheinen.

Jago.

Nun, ich denke also, Cassio ist ein ehrlicher Mann.

Othello.

Nein, du willt mehr damit sagen; ich bitte dich, rede mit mir, wie

mit deiner eignen Seele, und gieb deinem ärgsten Gedanken auch den

ärgsten Ausdruk.

Jago.

Mein liebster General, verschonet mich. Ob ich euch gleich einen

vollkommnen Gehorsam schuldig bin, so bin ich doch dazu nicht

verbunden, worinn alle Sclaven frey sind--euch meine Gedanken zu

sagen--Wie? gesezt, sie seyen einmal falsch, schändlich; wo ist

der Pallast, in den sich nicht zuweilen garstige Dinge eindrängen?

Wer hat ein so reines Herz, das nicht manchmal unziemliche

Vorstellungen sich unter seine guten Gedanken einmischen sollten?

Othello.

Du bist ein Verräther an deinem Freund, Jago, wenn du glaubst, er

werde betrogen, und ihm doch nicht entdekest was du denkst.

Jago.

Ich denke, daß ich mich vielleicht in meiner Muthmassung betrüge;

(wie ich dann bekennen muß, daß es ein unglüklicher Fehler meines

Temperaments ist, zum Mißtrauen geneigt zu seyn, und mir eine Sache

manchmal schlimmer einzubilden als sie ist,) ich bitte euch also,

Gnädiger Herr, euch selbst aus den ungefehren und unsichern

Bemerkungen eines Menschen, den sein Argwohn so leicht betrügen kan,

keine Ursachen zur Unruhe zu ziehen: Es wäre nicht gut für euch,

und nicht ehrlich und vernünftig an mir, wenn ich euch meine

Gedanken wollte wissen lassen.

Othello.

Was meynst du damit?

Jago.

Der gute Name, mein liebster gnädiger Herr, ist bey Manns- und

Weibsleuten ein Kleinod das ihnen so theuer seyn soll als ihre

Seele. Wer mir mein Geld stiehlt, stiehlt Quark; es ist etwas und

ist nichts; es war mein, nun ists sein, und ist schon ein Sclave

von Tausenden gewesen; aber wer mir meinen guten Namen nimmt,

beraubt mich eines Schazes, der ihn nicht reicher und mich in der

That arm macht.

Othello.

Ich will wissen, was du denkst--

Jago.

Ihr könntet das nicht, wenn ihr gleich mein Herz in eurer Hand

hättet; und sollt es nicht, so lang es in meiner Verwahrung ist.

Othello.

Ha!

Jago.

Oh, Gnädiger Herr, nehmt euch vor der Eifersucht in Acht; sie ist

ein grün-äugiges Ungeheuer, das sich toller Weise von demjenigen

nährt was es am meisten verabscheut. Mancher betrogne Ehemann ist

seines Schiksals gewiß, ohne desto unglüklicher zu seyn, weil ihm

seine Ungetreue gleichgültig ist--Aber, o was für unselige Minuten

zählt derjenige über, der vor Liebe schmachtet und doch zweifelt;

der argwöhnet, und nur desto heftiger liebt!

Othello.

Ein elender Zustand, beym Himmel!

Jago.

Arm und zufrieden, ist reich und reich genug; aber ein

unermeßlicher Reichthum ist so arm als der Winter für denjenigen,

der immer besorgt, es werde ihm ausgehen. Gütiger Himmel! bewahre

alle menschlichen Herzen vor Eifersucht!

Othello.

Wie? Was meynst du damit? Denkst du, ich wollte jemals mein Leben

in Eifersucht zubringen? Die Monds-Veränderungen unverwandt mit

argwöhnischen Augen begleiten? Nein, einmal zweifeln heißt bey mir

entschlossen seyn. Tausche mich gegen eine Ziege aus, wenn ich

jemals fähig bin meine Seele so mißgeschaffnen Gespenstern einer

kranken Phantasie Preiß zu geben, als du dir einbildest. Das kan

mich nicht eifersüchtig machen, wenn jemand sagt, mein Weib ist

schön, ißt mit gutem Appetit, liebt Gesellschaft, ist munter,

gesprächig, singt, spielt und tanzt gut; an einer tugendhaften

Person werden diese Dinge selbst zu Tugenden. Eben so wenig werd'

ich jemals von meinen eignen Unvollkommenheiten Anlas zum kleinsten

Zweifel oder Verdacht einer Untreue von ihrer Seite nehmen; denn

sie hatte Augen und wählte mich. Nein, Jago; ich will sehen eh ich

zweifle; wenn ich zweifle, so will ich Beweise; und sobald ich

diese habe, weg auf einmal mit Liebe und Eifersucht!

Jago.

Das hör' ich sehr gerne; dann nun darf ich mir also kein Bedenken

mehr machen, euch die Freundschaft und Ergebenheit sehen zu lassen,

die ich zu euch trage. Nehmt also was ich sagen werde so auf, wie

es gemeynt ist. Ich rede noch nicht von Beweisen; gebt auf eure

Gemahlin Acht, habt ein aufmerksames Auge auf sie und Cassio, das

ist alles was ich sagen kan: Nicht eifersüchtig, aber auch nicht

sicher; ich möchte nicht gerne, daß ein so edles Gemüthe wie das

eurige, aus einem Uebermaaß von angebohrner Gutherzigkeit betrogen

würde; seht euch also vor. Ich kenne die Venetianische Landes-Art;

in Venedig bekümmern sie sich wenig, ob der Himmel ein Zeuge ihrer

Streiche ist, wenn nur ihre Männer nichts davon gewahr werden; ihre

gröste Gewissenhaftigkeit geht insgemein nicht weiter, als daß sie

niemand zusehen lassen, wenn sie sündigen.

Othello.

Sagst du das?

Jago.

Sie betrog ihren Vater, wie sie sich euch ergab; und zu eben der

Zeit, da sie euch am heftigsten liebte, stellte sie sich, als ob

sie sich vor euch fürchte.

Othello.

Das machte sie würklich so.

Jago.

Macht also den Schluß; konnte sie, so jung, so unschuldig als sie

war, sich so gut verstellen, daß ihr eigner Vater von allem was in

ihrem Herzen vorgieng, nichts gewahr werden konnte--Er dachte, es

müsse nothwendig Zauberey dabey gebraucht worden seyn--Doch ich bin

sehr zu tadeln: Ich bitte euch recht demüthig um Vergebung, daß ich

mich von meiner Liebe zu euch so weit verleiten lasse.

Othello.

Ich bin euch auf immer dafür verbunden.

Jago.

Ich sehe doch, es hat eure Lebensgeister ein wenig in Unordnung

gebracht.

Othello.

Im mindsten nicht, im mindsten nicht!

Jago.

Glaubt mir, ich besorge, es ist so etwas; ich hoffe wenigstens, ihr

werdet überzeugt seyn, daß, was ich sagte aus Freundschaft zu euch

geflossen ist. Aber, ich seh' es, ihr seyd beunruhigt--Ich bitte

euch recht inständig, meinen Reden keine schlimmere Auslegung zu

geben, als meine Meynung ist.

Othello.

Das will ich auch nicht.

Jago.

Thätet ihr's, Gnädiger Herr, so könntet ihr Folgen daraus ziehen,

an die ich in der That nie gedacht habe. Cassio ist mein Freund

und ein Mann der Verdienste hat--Gnädiger Herr, ich sehe, ihr seyd

unruhig--

Othello.

Nein, nicht sonderlich unruhig--ich denke nichts anders, als

Desdemona ist tugendhaft.

Jago.

Lange lebe sie so! Und lange möget ihr leben, so zu denken!

Othello.

Und doch, wenn die Natur einmal aus ihrem Geleis getreten ist--

Jago.

Das ist eben der Punct--Daß sie (wenn ich so frey seyn darf, es

herauszusagen) so viele Partheyen, die ihr natürlicher Weise hätten

angemeßner scheinen sollen, abgewiesen hat, um sich einem Liebhaber

zu ergeben, dessen Landesart, Farbe und Alter dem ihrigen so

entgegen gesezt war. In der That, das scheint etwas

ausschweiffendes in ihrem Gemüth, eine gewisse Ueppigkeit und

Unordnung ihrer Einbildung und ihrer Neigungen anzuzeigen. Doch

ich bitte euch um Vergebung, ich rede eigentlich nicht von ihr ins

besondere; ob ich gleich nicht ohne alle Sorge bin, so könnte, bey

kühlerm Blut, darauf fallen, eure Gestalt mit derjenigen von ihren

Landsleuten zu vergleichen, und sich vielleicht ihre Wahl gereuen

zu lassen.

Othello.

Leb wohl, leb wohl; wenn du etwas weiters merkest, so laß mich's

wissen: Trag es deiner Frau auf, sie genau zu beobachten. Verlaß

mich, Jago.

Jago.

Ich beurlaube mich, gnädiger Herr.

(Er geht.)

Othello.

O warum heurathete ich! Dieser ehrliche Mann sieht und weiß ohne

Zweifel mehr, weit mehr, als er sagt.

Jago (wieder zurükkommend.)

Gnädiger Herr, ich wollt' ich dürfte Eu. Gnaden bitten, dieser

Sache nicht weiter nachzuhängen; überlaßt es der Zeit; ob es gleich

ganz gut wäre, daß Cassio wieder seine Stelle hätte, (denn in der

That, bekleidete er sie mit grosser Geschiklichkeit,) so würdet ihr

doch, wenn es euch gefiele ihn noch eine Zeitlang in der

Ungewißheit zu lassen, dabey Anlaß finden, ihn und sein Betragen

besser kennen zu lernen. Gebt auch acht, ob eure Gemahlin seine

Wiedereinsezung mit Merkmalen von Ungestüm und Heftigkeit betreiben

wird; daraus würde sich vieles abnehmen lassen. Mittlerweile

glaubet lieber, ich treibe meine Besorgnisse zu weit, und begegnet

ihr so, daß sie keine Veränderung spüren könne; ich bitte Eu.

Gnaden sehr darum.

Othello.

Verlaß dich hierüber auf meine Klugheit.

Jago.

Ich empfehle mich nochmals.

(Er geht ab.)

Sechste Scene.

(Othello allein.)

Othello.

Dieser Bursche ist der ehrlichste Mensch von der Welt, und kennt

die Menschen und den Lauf der Welt meisterlich: Find' ich sie

unkeusch, so soll alle meine Liebe sie nicht vor meinem Grimm

retten--Vielleicht weil ich schwarz bin, und keine von den

einschmeichelnden Eigenschaften im Umgang habe, die das ganze

Verdienst dieser Jungfern-Knechte ausmachen; oder weil ich schon im

herabsteigenden Alter bin--Doch, das will nicht viel sagen--Sie ist

hin, ich bin betrogen, und mein Trost muß seyn, einen Ekel vor ihr

zu fassen. O der Fluch des Ehestandes! Daß wir diese reizenden

Geschöpfe unser nennen können, und nicht ihre Neigungen! Ich

wollte lieber eine Kröte seyn, und von den Ausdünstungen einer

Mistgrube leben, als in dem was ich liebe, einen Winkel für eines

andern Gebrauch zu wissen. Und doch ist das die gewöhnliche Plage

der Grossen, die hierinn unglüklicher als die Geringen sind; es ist

ein unvermeidliches Schiksal wie der Tod--Hier kommt sie ja!

(Desdemona und Aemilia treten auf.) Wenn sie ungetreu ist, so

spottet der Himmel seiner selbst. Ich kan es nicht glauben!

Desdemona.

Wie geht's, mein liebster Othello? Euer Mittag-Essen, und die

edeln Insulaner, die ihr dazu eingeladen habt, warten auf eure

Gegenwart.

Othello.

Ich bin zu tadeln.

Desdemona.

Warum redet ihr so schwach? Fehlt euch was?

Othello.

Ich hab' einen Schmerz hier an meiner Stirne.

Desdemona.

Das kommt nur, weil ihr zu viel gewacht habt, es wird bald wieder

vergehen. Erlaubt mir nur, daß ich euch die Stirne hart verbinde,

so wird es in einer Stunde wieder besser seyn.

(Sie zieht ihr Schnupftuch heraus, um es ihm umzubinden.)

Othello.

Euer Schnupftuch ist zu klein: laßt es gut seyn: Kommt, ich will

mit euch gehen.

(Das Schnupftuch entfällt ihr, indem sie es einsteken will.)

Desdemona.

Es ist mir recht leid, daß ihr nicht wohl seyd.

(Sie gehen ab.)

Siebende Scene.

(Aemilia bleibt zurük.)

Aemilia (indem sie das Schnupftuch aufließt.)

Ich bin froh, daß ich dieses Schnupftuch gefunden habe; das war das

erste Geschenk, das sie von dem Mohren empfieng. Mein wunderlicher

Mann hat mir schon hundertmal gute Worte gegeben, daß ich es

stehlen sollte. Allein sie liebt es so sehr, (denn er beschwor sie,

es immer zu seinem Andenken zu behalten,) daß sie es immer mit

sich herum trägt, um es zu küssen und damit zu schwazen. Ich will

den Riß von der Stikerey abzeichnen, und es dann dem Jago geben;

was er damit machen will, weiß der Himmel, nicht ich: Ich habe

nichts dabey, als seine Grille zu befriedigen. (Jago tritt auf.)

Jago.

Wie steht's? Was macht ihr hier allein?

Aemilia.

Schmählt mich nicht; ich hab etwas für euch.

Jago.

Ihr habt etwas für mich? Es ist etwas gemeines--

Aemilia.

Wie?

Jago.

Ein närrisches Weib zu haben.

Aemilia.

O, ist das alles? Was gebt ihr mir für dieses Schnupftuch?

Jago.

Was für ein Schnupftuch?

Aemilia.

Was für ein Schnupftuch?--Wie, das so der Mohr Desdemonen gab; das

nemliche, wo ihr mich so lange schon stehlen hiesset.

Jago.

Hast du ihr's gestohlen?

Aemilia.

Nein; aber sie ließ es aus Versehen entfallen, und da ich zu allem

Glük dabey war, so hub ich's auf; sieh, da ist es.

Jago.

Du bist ein braves Mensch; gieb mir's.

Aemilia.

Was wollt ihr damit machen, daß ihr so ernstlich haben wolltet, daß

ich's stehlen sollte?

Jago.

Wie, was geht das dich an?

Aemilia.

Wenn es nicht zu irgend einem Vorhaben von Wichtigkeit ist, so gebt

mir's wieder. Die arme Frau! Sie wird närrisch werden, wenn sie

es missen wird.

Jago.

Thut nicht, als ob ihr was davon wißt. Ich hab es nöthig. Geh,

laß mich allein--

(Aemilia geht ab.)

Izt will ich dieses Schnupftuch in Cassio's Quartier verliehren,

und es ihn finden lassen. Die ärmsten Kleinigkeiten sind für

eifersüchtige Leute so starke Bekräftigungen, als Beweise aus der

Bibel. Dieses Ding kan zu was gut sein. Das Gift das ich dem

Mohren beygebracht habe, fangt schon an bey ihm zu würken:

Argwöhnische Einbildungen haben in der That die Natur des Gifts,

welches man anfangs am Geschmak kaum erkennen kan: aber sobald es

ins Blut übergeht, wie eine Schwefel-Mine brennt--Das sagt ich!

Achte Scene.

Jago.

Seht, da kommt er! Weder Mohn-Saamen, noch Mandragora, noch alle

einschläfernde Säfte in der Welt zusammen genommen werden dir

jemals diesen süssen Schlaf wiedergeben, den du gestern noch

hattest--

Othello (vor sich.)

Ha! Sie soll mir untreu seyn!

Jago.

Wie, wie stehts, General? Nichts solches mehr!

Othello.

Hinweg! fort! Du spannst mich auf die Folter: Ich schwör' es, es

ist besser mit seinen Augen sehen, daß man betrogen wird, als nur

besorgen müssen, daß man's sey.

Jago.

Wie, Gnädiger Herr?

Othello.

Was wußt' ich von ihren verstohlnen Ausschweiffungen? Ich sah sie

nicht, ich dachte nicht daran, sie thaten mir kein Leid; ich

schlief die Nacht darauf wohl; war ruhig und froh; ich fand

Cassio's Küsse nicht auf ihren Lippen. Laßt den der bestohlen ward

und das Gestohlne nicht vermißt, laßt ihn nichts davon wissen, und

es ist soviel als ob er gar nicht bestohlen worden wäre.

Jago.

Ich bedaure, daß ich solche Dinge hören muß.

Othello.

Und hätte das ganze Lager bis auf die Troßbuben herab, ihren holden

Leib gekostet, und ich wüßte nur nichts davon, so wär' ich glüklich.

Aber, o! nun auf ewig fahr wohl, Ruhe des Gemüths! Fahr wohl,

Zufriedenheit! Fahret wohl, ihr mit Federbüschen geschmükten

Schaaren; und du, stolzer Krieg, der die schwellende Seele mit

edler Ruhmbegierde füllt: O fahret wohl! Fahret wohl wiehernde

Stuten, schmetternde Trompete, Muth-erwekende Trummel, und du

muntre Queer-Pfeiffe, königliches Panner, und der ganze Prunk und

Pomp des glorreichen Kriegs! Und, o! ihr tödtlichen Werkzeuge,

deren eherner Rachen Jupiters furchtbaren Donner nachahmt, fahret

wohl! Othello's Arbeit ist gethan!

Jago.

Ist's möglich, Gnädiger Herr?--

Othello.

Nichtswürdiger, sey gewiß, daß du mir beweisen kanst, daß meine

Liebe eine Hure ist; sey dessen gewiß, gieb mir eine sichtbare

Probe--

(Er faßt ihn wüthend an.)

Oder, beym Werth der unsterblichen Seele des Menschen! es wäre dir

besser, wenn du ein Hund gebohren worden wärest, als meinem

aufgeschrekten Grimm zu begegnen.

Jago.

Ist es dazu gekommen?

Othello.

Laß mich's sehen; oder beweis es wenigstens so, daß kein Schatten

eines Zweifels übrig bleibe: Oder weh deinem Leben!

Jago.

Mein edler Gebieter--

Othello.

Wenn du sie unschuldig angeklagt, und mich auf diese Folterbank

geschraubt hast, so bete nicht mehr, erstik dein Gewissen, häuffe

Greuel auf Greuel, begeh Sünden, daß der Himmel weinen und die Erde

sich entsezen muß; du kanst nichts ärgers thun, um das Maaß deiner

Verdammniß voll zu machen als du schon gethan hast.

Jago.

O! Barmherzigkeit! Der Himmel steh mir bey! Seyd ihr ein Mann?

Habt ihr eine Seele? oder ein menschliches Gefühl? Gott sey bey

euch; nehmt mir mein Amt, und wenn ihr wollt, mein Leben dazu--O

ich unglüklicher Thor, daß ich erleben soll daß meine Ehrlichkeit

zum Verbrechen gemacht wird! O Welt! Welt! Das ist dein Lauff;

ehrlich und aufrichtig, ist sein eigner Feind seyn. Ich dank' euch

für diesen Unterricht; von nun will ich der Freundschaft gute Nacht

geben, und niemand mehr lieben als mich selbst.

Othello.

Nein, warte--Du solltest ehrlich seyn--

Jago.

Ich sollte klug seyn; Ehrlichkeit ist ein Narr, der jedermann gutes

thut, und nur sich selbst schadet.

Othello.

Bey allem was in der Welt ist, ich denke mein Weib ist unschuldig,

und denke sie ists nicht; ich denke du bist rechtschaffen, und

denke du bist's nicht; ich will Beweis haben. Ihr Name, der so

frisch war wie Dianens Antliz, ist nun so schwarz als mein eignes.

Nein, wenn noch Strike, noch Dolche, noch Gift, Feuer oder Wasser

in der Welt sind, so will ich diese Pein nicht länger ausstehen--

Ich wollt' ich wäre meines Schiksals gewiß!

Jago.

Ich sehe, Gnädiger Herr, ihr werdet von eurer Leidenschaft

aufgerieben. Es reut mich, daß ich Anlas dazu gegeben habe. Ihr

wollt eures Schiksals gewiß seyn?

Othello.

Ja, das will ich.

Jago.

Und könnt; aber wie? wie gewiß seyn, Gnädiger Herr? wolltet ihr

ein Augenzeuge seyn--mit weitoffnen Augen zusehen? Sehen wie sie--

Othello.

Tod und Verdammniß! oh!

Jago.

Ich denk' es würde schwer halten, sie so vertraulich zu machen: Bey

solchen Spielen liebt man keine fremde Augen zu Zuschauern. Was

dann? Wie dann? Was soll ich sagen? Was nennt ihr Gewißheit? Es

ist unmöglich, daß ihr's mit Augen sehen könnt; und wenn sie so

unverschämt wären wie Geissen, so hizig wie die Wald-Teufels, und

so unbesonnen wie ein Dummkopf, den man mit Wein angefüllt hat.

Und doch sag ich, wenn Wahrscheinlichkeiten, wenn Umstände die

geradeswegs bis vor die Thüre der Wahrheit führen, euch Gewißheit

geben können, so könnt' ihr sie haben.

Othello.

Gieb mir einen überführenden Beweis, daß sie ungetreu ist.

Jago.

Ihr legt mir eine unangenehme Pflicht auf; aber da ich mich nun

einmal, aus unüberlegter Aufrichtigkeit und Freundschaft, so weit

in diese Sache eingelassen habe, so will ich weiter gehen. Ich lag

lezthin mit Cassio in einem Bette; ein rasender Zahn machte daß ich

nicht schlafen konnte--Es giebt eine Art von Leuten, deren Seele so

schlapp ist, daß ihnen ihre geheimsten Gedanken im Schlaf entgehen.

Von dieser Art ist Cassio. Er redte im Schlaf. Liebste Desdemona,

hört' ich ihn sagen, laß uns vorsichtig seyn. Laß uns unser

Liebes-Verständniß dem schärfsten Aug' unerforschlich machen! Und

dann, gnädiger Herr, tappte er um sich, und drükte mir die Hand,

rief--O bezauberndes Geschöpf! und küßte mich dann nicht anders,

als ob er Küsse, die auf meinen Lippen wüchsen, mit den Wurzeln

ausziehen wollte, legte dann sein Bein über meinen Schenkel, und

seufte und küßte mich, und rief, verfluchtes Schiksal, das dich dem

Mohren gab!

Othello.

O Scheusal! Scheusal!

Jago.

Nein, das war nur ein Traum.

Othello.

Aber ein Traum, der ganz deutlich anzeigt, was geschehen ist.

Jago.

Das ist ein verdammter Zweifel, ob es gleich nur ein Traum ist. Es

kan doch immer dazu dienen, andre, an sich selbst zu schwache

Anzeigen zu verstärken.

Othello.

Ich will sie von Glied zu Glied in Stüke reissen.

Jago.

Nicht so heftig! Fasset euch; noch (sehen) wir nichts, sie kan

noch unschuldig seyn--Sagt mir nur das, habt ihr niemals ein

Schnupftuch, mit Erdbeeren überstikt, in eurer Gemahlin Hand

gesehen?

Othello.

Ich gab ihr so eines, es war mein erstes Geschenk.

Jago.

Davon weiß ich nichts; aber mit einem solchen Schnupftuch (und ich

bin gewiß, es war eurer Gemahlin ihres,) sah ich Cassio heute

seinen Bart wischen.

Othello.

Wenn's das nemliche wäre--

Jago.

Es mag dieses oder ein anders seyn, so war es doch von ihr, und, zu

den andern Proben genommen, spricht es nicht zu ihrem Vortheil.

Othello.

O daß die Elende tausend Leben hätte! Eines ist zu wenig für meine

Rache. Nun seh ich endlich--Schau, Jago, so blase ich alle meine

Liebe dem Himmel zu: Sie ist weg;--erhebe dich, schwarze Rache, aus

deiner unseligen Gruft! und du, Liebe, tritt dem tyrannischen Haß

deinen Thron und deine Krone ab! Wie mein Herz mir schwillt, als

ob es mit lauter Natter-Zungen angefüllt wäre!

Jago.

Gebt euch noch zufrieden.

Othello.

O Blut, Blut, Blut!--

Jago.

Geduld, sag ich; ihr könnt vielleicht anders Sinnes werden.

Othello.

Niemals, Jago--niemals sollen meine blutige Gedanken, in ungestümer

Fluth sich daherwälzend, zu sanfter Liebe zurük fliessen, bis eine

weite hinlängliche Rache sie verschlungen haben wird--Das schwör'

ich,

(er kniet,)

höre Himmel das schrekliche, unwiederrufliche Gelübd!--Bey deiner

unzerstörbaren Veste schwör' ich Rache!

Jago (kniend.)

Stehet noch nicht auf--Seyd Zeugen, ihr ewigbrennenden Lampen dort

oben, und ihr Elemente, die uns rings umfassen; seyd Zeugen, daß

Jago hier alles was sein Verstand, seine Hand und sein Herz vermag,

zum Dienste des beleidigten Othello wiedmet! Er befehle! Und ich

will gehorchen, ohne Zaudern gehorchen, so blutig auch der Befehl

seyn mag!

Othello.

Ich bewillkomme deine Freundschaft nicht mit eiteln Danksagungen,

sondern mit gutwilliger Annahm; und im gleichen Augenblik will ich

dir sagen, wozu ich sie nöthig habe. In den nächsten dreyen Tagen,

laß mich von dir hören, daß Cassio nicht mehr ist.

Jago.

Mein Freund ist todt; ihr wollt es, es ist gethan. Aber sie--sie

laßt leben!

Othello.

Verderben über sie, die unzüchtige Gleißnerin! oh! Verderben,

Verderben über sie! Komm, geh mit mir auf die Seite, ich muß auf

irgend ein schnelles Mittel denken, den schönen Teufel aus der Welt

zu schaffen. Nunmehr bist du mein Lieutenant--

Jago.

Ich bin auf ewig der eurige.

(Sie gehen ab.)

Neunte Scene.

(Ein andrer Theil des Pallasts.)

(Desdemona, Aemilia, und Hans Wurst.)

Desdemona.

Guter Freund, wißt ihr, wo der Lieutenant Cassio ligt?

Hans Wurst.

Das unterstühnd' ich mich wol nicht zu sagen, daß er irgendwo lüge.

Desdemona.

Warum?

Hans Wurst.

Er ist ein Soldat; und wenn unser einer sagte, ein Soldat lüge, das

wäre Hals-Arbeit.

Desdemona.

Keine Possen! Wo ist sein Quartier?

Hans Wurst.

Da würd' ich selbst lügen, wenn ich euch das sagen wollte.

Desdemona.

Auf diese Art werd' ich von dir keine Antwort kriegen.

Hans Wurst.

Ich weiß sein Quartier nicht; und wenn ich folglich ein Quartier

erdenken wollte, und sagen, er lige da, oder er lige da im Quartier,

so würd ich's in meinen Hals hinein lügen.

Desdemona.

Du kanst ihn doch erfragen?

Hans Wurst.

Ich will die ganze Welt catechisieren; ich will so lange nach ihm

fragen, bis mir jemand antwortet, wo er ist.

Desdemona.

Such ihn auf, und heiß ihn hieher kommen; sag ihm, ich habe meinen

Herrn auf gute Gedanken für ihn gebracht, und ich hoffe, es werde

alles gut gehen.

Hans Wurst.

Das ist endlich eine Verrichtung, die innert den Grenzen von eines

ehrlichen Kerls Wiz ligt; und also will ich sehen, ob ich damit zu

Stande kommen kan.

(Er geht.)

Desdemona.

Wo mag ich doch das Schnupftuch verlohren haben?

Aemilia.

Ich weiß es nicht, gnädige Frau.

Desdemona.

Ich versichre dich, ich wollte lieber einen Beutel voll Crusado's

verlohren haben. Wenn mein edler Mohr nicht zu vernünftig und zu

großmüthig gesinnt wäre, um eifersüchtig zu seyn, so brauchte es

nicht mehr, um ihn auf schlimme Gedanken zu bringen.

Aemilia.

Ist er nicht eifersüchtig?

Desdemona.

Wer, er? Ich denke, die Sonne, unter der er gebohren ward, zog

alle groben Dünste von dieser Art aus ihm.

Aemilia.

Seht, da kommt er.

Desdemona.

Ich will izt nicht von ihm ablassen, bis er den Cassio zu sich

ruffen läßt--Wie stehts mit euch, mein lieber Gemahl?

Zehnte Scene.

(Othello zu den Vorigen.)

Othello.

Wohl, meine liebe Gemahlin--Himmel! wie werd ich an mich halten

können!--wie gehts euch, Desdemona? Gebt mir eure Hand; diese Hand

ist feucht, Madam. Heiß, heiß, und feucht--eine solche Hand

erfordert Eingezogenheit; fasten und beten, viel Casteyung, und

geistliche Uebungen; denn es ist ein feuriger, schwizender Teufel

hier, der oft rebellisch wird; es ist eine gute Hand, eine

freygebige Hand.

Desdemona.

Ihr könnt in der That wohl so sagen; denn es war die Hand die mein

Herz weggab.

Othello.

Eine freygebige Hand. In vorigen Zeiten gaben die Hände Herzen;

aber unsre neue Heraldik ist Hände ohne Herz.

{ed. * Eine satyrische Anspielung auf die vielen Baronets, welche König

Jacob der Erste machte, und die unter andern Vorrechten eine rothe

Hand in einem silbernen Feld in den Wappen-Schild ihrer Vorfahren

bekamen.}

Desdemona.

Ich verstehe mich nichts hierauf; kommt, wir wollen nun von euerm

Versprechen reden.

Othello.

Was für ein Versprechen, mein Däubchen?

Desdemona.

Ich habe zu Cassio geschikt, daß er kommen und mit euch reden solle.

Othello.

Ich bin mit einem beschwerlichen Schnuppen geplagt; leih mir dein

Schnupftuch!

Desdemona.

Hier, mein Gemahl.

Othello.

Das, so ihr von mir bekommen habt.

Desdemona.

Ich hab es nicht bey mir.

Othello.

Nicht?

Desdemona.

In der That, nicht.

Othello.

Das ist ein Fehler. Das nemliche Schnupftuch hatte meine Mutter

von einer Zigäunerin, die sich auf die Zauberey verstuhnd, und den

Leuten so gar sagen konnte, was sie dachten. Sie sagte ihr, so

lange sie es behalten würde, würd' es sie liebenswürdig und ihr das

Herz meines Vaters gänzlich eigen machen; wenn sie es aber verlöhre,

oder verschenkte, würde sie auf einmal allen Reiz in seinen Augen

verliehren, und ihm verhaßt und unerträglich werden. Meine Mutter

gab mir's da sie starb und bat mich, wenn ich jemals heurathete, es

meinem Weibe zu geben. Ich that es, und ich sag euch, habt Acht

darauf.--Bewahrt es, wie euern Augapfel: Es verliehren oder

weggeben, wär' ein Unglük, dem kein anders zu vergleichen wäre.

Desdemona.

Ists möglich?

Othello.

Es ist würklich so; es ist etwas zauberisches in dem Gewebe davon.

Eine Fee, welche den Lauf der Sonne zweyhundert mal anfangen und

enden gesehen hatte, machte die Stikerey daran: Die Würmer waren

geweyht, welche die Seide dazu spannen, und es wurde mit Mumien von

einbalsamierten Jungfern-Herzen gefärbt.

Desdemona.

In der That! Ist das wahr?

Othello.

Sehr wahr; ihr könnt also nur Sorge dazu tragen.

Desdemona.

Wenn es so ist, so wollt' ich zu Gott, ich hätt' es nie gesehen!

Othello.

Ha! Warum?

Desdemona.

Warum sprecht ihr so hastig und auffahrend?

Othello.

Ist's verlohren? Ist's hin? Sagt, ist es fort?

Desdemona.

Gott sey bey uns!--

Othello.

Was sagt ihr?

Desdemona.

Es ist nicht verlohren; aber gesezt, es wäre verlohren?

Othello.

Ha!

Desdemona.

Ich sag, es ist nicht verlohren.

Othello.

Holt es, ich will es sehen.

Desdemona.

Gut, das kan ich, mein Herr; aber ich will izt nicht: Das ist ein

kleiner Streich, wodurch ihr mich von meiner Bitte abbringen wollt.

Ich bitte euch, laßt euer Haus dem Cassio wieder offen seyn.

Othello.

Holt mir das Schnupftuch--ich will nicht hoffen--

Desdemona.

Kommt, ihr werdet niemals einen bravern Mann an seinen Plaz

bekommen.

Othello.

Das Schnupftuch--

Desdemona.

Ein Mann, der bisher sein ganzes Glük auf eure Freundschaft gebaut

hat; der Gefahren mit euch getheilt hat--

Othello.

Das Schnupftuch.

Desdemona.

Wahrhaftig, ihr seyd zu tadeln--

Othello.

Hinweg!--

(Er geht ab.)

Eilfte Scene.

Aemilia.

Wie? Ich glaube der Mann ist eifersüchtig?

Desdemona.

So hab' ich ihn noch nie gesehen. O ganz gewiß ist etwas

ausserordentliches in diesem Schnupftuch. Ich bin höchst

unglüklich es verlohren zu haben.

Aemilia.

Man lernt weder in einem noch in zweyen Jahren was ein Mann ist;

sie sind alle lauter Magen, und wir Arme sind ihr Futter; sie

schlingen uns gierig hinein; und wenn sie sich überfüllt haben, so

rülpsen sie uns wieder aus.

{ed. * Dieses Gleichniß ist freylich unanständig genug; allein darum

bekümmert unser Autor sich nicht; genug für ihn, daß es wahr ist.}

Seht, da kommt Cassio und mein Mann.

(Jago und Cassio treten auf.)

Jago.

Es ist kein andres Mittel übrig; das muß sie thun--Wie glüklich!

hier ist sie schon; geht und bittet sie so sehr ihr könnt.

Desdemona.

Wie steht's, guter Cassio? wie gehn eure Sachen?

Cassio.

Gnädige Frau, ich habe noch immer meine vorige Bitte. Auf eurer

Großmuth beruht alle meine Hofnung zu meiner Wiederherstellung in

die Freundschaft euers Gemahls, den ich mit so gänzlicher

Ergebenheit des Herzens ehre und liebe. Ich möchte nicht noch

länger aufgezogen werden. Ist mein Vergehen so groß, daß weder

meine Reue noch meine ehmaligen Dienste, noch diejenigen die ich

künftig zu leisten wünsche, mich loskauffen und wieder in seine

Gunst einsezen können, so ist wenigstens das eine Wohlthat, wenn

ich weiß daß es so ist; damit ich in diesem Fall, in eine

erzwungene Zufriedenheit eingehüllt, einen andern Weg suchen kan,

um vom Allmosen des Glüks zu leben.

Desdemona.

Ach, mein lieber guter Cassio, meine Fürsprache ist dermalen sehr

unvermögend; mein Gemahl ist nicht mein Gemahl; ich würde ihn nicht

mehr kennen, wenn er sich an Gestalt so sehr wie am Humor,

verändert hätte. So stehe jeder gute Engel mir bey, wie ich nach

meinem äussersten Vermögen für euch gesprochen habe. Aber alles

was ich durch meine Freymüthigkeit erhielt, war, daß ich mir seinen

Unwillen zuzog. Ihr müßt euch noch ein wenig gedulden; was ich

thun kan, das will ich: Und ich will mehr als ich Herz hätte für

mich selbst zu thun. Laßt euch das genug seyn.

Jago.

Ist der General zornig?

Aemilia.

Er gieng nur erst von hier fort, und, versichert, er ist in einer

seltsamen Gemüths-Unruhe.

Jago.

Kan er zornig seyn? Ich war dabey, wie die Canone seine Linien in

die Luft zerstiebte, und so schnell und gewaltsam wie der Teufel,

seinen Bruder unmittelbar an seiner Seite wegrafte; und kan er

zornig seyn? So muß etwas wichtiges daran Ursache seyn; ich will

gehn und ihn aufsuchen; in der That, das bedeutet was, wenn er

zornig ist.

(Er geht ab.)

Zwölfte Scene.

(Desdemona, Aemilia und Cassio bleiben.)

Desdemona.

Ich bitte dich, thu das--Ganz gewiß muß etwas das den Staat betrift,

entweder von Venedig, oder irgend ein unausgebrütetes Complot hier

in Cypern, wovon er die Entdekung gemacht hat, seinen sonst immer

heitern Geist verfinstert haben; und in solchen Fällen ist es die

Art der Menschen, daß sie ihren Unmuth an geringern Dingen

auslassen, wenn gleich grosse ihr Gegenstand sind. Es ist nicht

anders. Es darf uns nur ein Finger weh thun, so verbreitet sich

auch über unsre übrigen gesunden Gliedmassen ein Gefühl von Schmerz.

Nein, wir müssen denken, daß unsre Männer keine Götter sind; wir

können nicht von ihnen fordern, daß sie immer so zärtlich mit uns

umgehen, als sie vor der Hochzeit thun. Schilt mich nur recht sehr

aus, Aemilia; ich unartiges Ding, ich war schon im Begriff seiner

Unfreundlichkeit in meinem Herzen den Proceß zu machen; aber nun

find' ich, daß meine Eigenliebe den Zeugen bestochen hat, und daß

er ungerechter Weise angeklagt worden ist.

Aemilia.

Gebe der Himmel, daß es Staats-Sachen seyen, wie ihr glaubt, und

keine eifersüchtige Grillen, die euch angehen.

Desdemona.

Das wäre gar zu unglüklich! Ich gab ihm niemals Ursache dazu.

Aemilia.

Eifersüchtige Gemüther lassen sich damit nicht beruhigen; sie sind

nicht allezeit eifersüchtig, weil sie eine Ursache dazu haben,

sondern oft nur, weil sie eifersüchtig sind. Die Eifersucht ist

ein Ungeheuer, daß keinen andern Vater und keine andre Mutter hat

als sich selbst.

Desdemona.

Der Himmel bewahre Othello's Herz vor diesem Ungeheuer!

Aemilia.

Dazu sag ich Amen, Gnädige Frau.

Desdemona.

Ich will sehen, wo er ist. Cassio, entfernt euch nicht zu weit;

wenn ich ihn in einer bessern Laune finde, so will ich euer Anligen

wieder in Bewegung bringen, und das äusserste versuchen, um

glüklich damit zu seyn.

Cassio.

Ich danke Eu. Gnaden demüthig.

(Sie gehen auf verschiedenen Seiten ab.)

Dreyzehnte Scene.

(Eine Strasse vor dem Pallast.)

(Cassio, tritt wieder auf, und begegnet der Bianca.)

Bianca.

Guten Tag, Freund Cassio.

Cassio.

Was führt euch hieher? Wie steht's mit euch, meine schönste

Bianca? In der That, mein Herzchen, ich war im Begriff bey euch

anzusprechen.

Bianca.

Und ich war im Begriff euch einen Besuch in euerm Quartier

abzustatten, Cassio. Wie? eine ganze Woche wegbleiben? Sieben

Tag' und Nächte? Hundert und acht und sechszig Stunden? Und eines

Liebhabers Abwesenheits-Stunden, die hundert und sechszig mal

langweiliger sind als der Stunden-Zeiger. O! eine verdrießliche

Rechnung!

Cassio.

Vergieb mir, Bianca; ich war diese Zeit über von bleyernen Gedanken

zu Boden gedrükt; aber ich werde in einer glüklichern Zeit diese

lange Rechnung von Abwesenheit zu tilgen wissen. Liebste Bianca,

zeichne mir diesen Riß ab--

(Er giebt ihr Desdemonens Schnupftuch.)

Bianca.

O Cassio, woher habt ihr das? Das hat mir die Mine von einem

Liebes-Pfand irgend einer neuern Freundin: Nun merk' ich die

Ursache deiner Abwesenheit die mir so schmerzlich war: Ist es dazu

gekommen? Wohl, wohl!

Cassio.

Geh, Mädchen, und wirf deine häßlichen Muthmassungen dem Teufel in

die Zähne, von dem du sie hast. Du bildest dir also ein, das sey

ein Andenken von einer Liebste? Nein, Bianca, in ganzem Ernst.

Bianca.

Wie, von wem ist es dann?

Cassio.

Das weiß ich selbst nicht; ich fand es in meinem Zimmer; die Arbeit

daran gefällt mir ungemein, und eh man es wieder begehrt, (welches

vermuthlich geschehen wird) möcht' ich einen Abriß davon haben.

Nimm es, mein Herz, und zeichn' es ab, und laß mich izt allein.

Bianca.

Euch allein lassen? Warum?

Cassio.

Ich warte hier auf den General, und denke, es würde mir eben keine

grosse Dienste bey ihm thun, wenn er mich beweibt sehen würde.

Bianca.

Wie ist das zu verstehen?

Cassio.

Nicht als liebt' ich euch nicht.

Bianca.

Sondern nur daß ihr mich nicht liebet. Ich bitte euch, macht mir

das ein wenig deutlicher und sagt mir, ob ich euch diese Nacht

nicht sehen soll?

Cassio.

Wenigstens will ich euch sehen, sobald ich kan.

Bianca.

Nun wohl dann, ich muß es also drauf ankommen lassen.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.

(Eine Strasse vor dem Pallast.)

(Othello und Jago treten auf.)

Jago.

Denkt ihr das?

Othello.

Ob ich's denke, Jago?

Jago.

Wie, einander heimlich küssen?

Othello.

Unauthorisierte Küsse?

Jago.

Oder auch nakend bey ihrem Freund im Bette zu ligen, eine, zwo und

mehr Stunden, ohne was böses dabey zu meynen? Das sollte nicht

möglich seyn?

{ed. * Eine Anspielung auf die berüchtigte Keuschheits-Probe des

heiligen Robert von Arbrissel, der mitten zwischen zwoen schönen

jungen Nonnen eine Probe machte, die mit einer Häßlichen gefährlich

wäre.}

Othello.

Nakend im Bette, Jago, und nichts böses dabey meynen? Das heißt,

den Teufel zum Narren machen wollen: Leute, die mit tugendhaften

Absichten so etwas thun, die versucht der Teufel nicht; sie

versuchen den Himmel.

Jago.

Und doch, wenn sie nichts thun, so ist es nur eine läßliche Sünde:

Aber wenn ich meinem Weib ein Schnupftuch gebe--

Othello.

Was dann?

Jago.

Was dann? So gehört's ihr zu, Gnädiger Herr; und da es ihr

zugehört, so kan sie's, denk' ich, wieder einem andern geben.

Othello.

Ihre Ehre gehört auch ihr zu; darf sie solche darum weggeben?

Jago.

Ihre Ehre ist ein unsichtbares Ding und es bleibt immer

problematisch ob man sie hat oder nicht hat; aber das Schnupftuch--

Othello.

Beym Himmel! du erinnerst mich an etwas das ich so gern vergessen

hätte; du sagtest--oh, es kommt über mein Gedächtniß wie ein Unglük-

weissagender Rabe über ein verpestetes Haus--er habe mein

Schnupftuch.

Jago.

Ja, und was ist's dann mehr?

Othello.

Es ist nur zuviel.

Jago.

Was wär' es denn, wenn ich sagte, ich habe mit meinen eignen Augen

gesehen, daß er euch beleidigt habe, oder ich hab' es von ihm

selbst gehört, (wie es denn solche Schurken giebt, die, wenn sie

irgend ein Frauenzimmer, entweder durch ungestüme Verfolgungen oder

durch die freywillige Ergebung der Dame unter sich gebracht haben,

es unmöglich von sich selbst erhalten können nicht zu plaudern.)

Othello.

Hat er dann etwas gesagt?

Jago.

Das hat er, Gnädiger Herr; aber dessen seyd versichert, nichts was

er nicht wieder läugnen und verschwören würde.

Othello.

Was sagt' er denn?

Jago.

Was? Er habe bey ihr--ich weiß nicht was gethan--

Othello.

Was denn, was denn?

Jago.

Gelegen.

Othello.

Bey ihr?

Jago.

Bey ihr, oder auf ihr--was ihr wollt--

Othello.

Bey ihr! Auf ihr! Bey ihr gelegen! Das ist alles was man sagen

kan: Das Schnupftuch--Sein eigen Geständniß--Das Schnupftuch! das

Schnupftuch!--Ich erschüttre vom blossen Gedanken--Ohne eine grosse

Ursache würde die Natur sich selbst in keinen solchen Schatten

einhüllen. Es sind keine Worte, die mich so schütteln--Nasen,

Ohren und Lippen--ist's möglich! Sein Geständniß! Ihr Schnupftuch!

--O Teufel!

(Er wird ohnmächtig.)

Jago.

Würke du nur wohl, meine Mixtur, würke! So muß man leichtgläubige

Narren fangen--manche rechtschaffne und keusche Frauen kommen, mit

aller ihrer Unschuld, gerad auf solche Art um ihren guten Namen.

Wie, he! Gnädiger Herr! Hört ihr nicht? Othello! he!

Zweyte Scene.

(Cassio tritt auf.)

Jago.

Wo kommt ihr her, Cassio?

Cassio.

Was giebt's hier?

Jago.

Der General ist von dem fallenden Weh überfallen worden; das ist

nun der zweyte Anstoß; er hatte gestern den ersten.

Cassio.

Reibt ihn um die Schläfe.

Othello(#7185) · 第 9 / 10 题