Fähndrich, weiset ihnen den Weg, ihr kennt den Ort am besten--

(Jago geht ab.)

--Und indessen bis sie kommt, will ich, so aufrichtig als ich dem

Himmel selbst die Vergehungen meines Blutes bekenne, dieser

ehrwürdigen Versammlung anzeigen, wie ich das Herz der schönen

Desdemona gewonnen habe.

Herzog.

Redet, Othello.

Othello.

Ihr Vater liebte mich, lud mich oft ein, fragte mich immer nach der

Geschichte meines Lebens, von Jahr zu Jahr, und ließ mich alle

Schlachten, Belagerungen und Abentheuer, durch die ich passiert bin,

erzählen. Das that ich nun, und durchlief mein ganzes Leben, von

meinen kindischen Tagen an bis auf den nemlichen Augenblik, worinn

er mich erzählen hieß: Und da sprach ich ihm also von den

verschiedenen seltsamen Glüks-Wechseln, die ich erfahren, von

hunderterley tragischen und herzbrechenden Unfällen, die mir zu

Wasser und Land aufgestossen, und wie oft ich kaum noch auf der

Breite eines Haars dem eindringenden Tod entgangen; und wie ich in

die Hände grausamer Feinde gefallen, und zum Sclaven verkauft

worden; und wie ich wieder in Freyheit gekommen, und dann die ganze

Geschichte meiner irrenden Ritterschaft--als von ungeheuern Grotten,

und unterirdischen Gewölben, einöden Inseln, Steinbrüchen, Felsen

und Gebürgen, die mit dem Kopf am Himmel anstossen, und von

Cannibalen die einander aufessen und von Anthropophagen, und von

Leuten, die die Köpfe unter den Schultern tragen,--und was der

Dinge mehr war, womit ich ihn zu unterhalten pflegte. Allem diesem

hörte dann Desdemona mit grosser Aufmerksamkeit zu; und obgleich

die Hausgeschäfte sie von Zeit zu Zeit wegrieffen, so machte sie

sich doch so schnell als sie konnte, davon los, kam wieder zurük

und verschlang meine Erzählung mit gierigem Ohr: Ich bemerkte

dieses, und da sich einst eine günstige Stunde anbot, wußte ich

bald Anlas zu machen, daß sie mich recht von Herzen bat, ihr die

ganze Geschichte meiner Reisen, wovon sie nur einzelne, zerrißne

Stüke gehört hatte, vollständig und im Zusammenhang zu erzählen:

Ich willigte ein, und lokte manche Thräne aus ihren schönen Augen,

wenn ich auf die verschiednen Trübsalen und Unfälle kam, die meine

Jugend ausgestanden. Wie ich mit meiner Geschichte fertig war,

belohnte sie meine Mühe mit einer Welt voll Seufzer

{ed. * Es hieß "Küsse" in einigen Ausgaben; und das war freylich in

mehr als einer Betrachtung sehr ungereimt. Pope hat die ächte

Lesart wieder hergestellt. Das junge Fräulein, meynt er, wäre gar

zu freygebig gewesen, wenn sie für die blosse Erzählung einer

Historie eine Welt voll Küsse gegeben hätte--und er hat allerdings

recht.}

--sie schwur bey ihrer Treu, es sey ausserordentlich, über die

Maassen ausserordentlich--es sey rührend, zum Verwundern rührend--

Sie wünschte, sie hätte nichts davon gehört--und doch wünschte sie,

der Himmel hätte einen solchen Mann für sie gemacht--und endlich

dankte sie mir, und sagte, wenn ich einen Freund hätte, der in sie

verliebt wäre, so möcht' ich ihn nur meine Geschichte erzählen

lehren, und er würde sie damit gewinnen. Auf diesen Wink fieng'

ich dann an zu reden,--und so verlohren wir beyde unsre Herzen--Sie

liebte mich aus Mitleiden mit den Gefahren die ich ausgestanden,

und ich liebte sie um dieses Mitleidens willen: Das ist die ganze

Zauberey die ich gebraucht habe. Aber hier kommt sie selbst, laßt

sie Zeugniß geben.

Neunte Scene.

Herzog.

Ich denke, in vollem Ernst, eine solche Erzählung würde meine eigne

Tochter noch oben drein behexen--Guter Brabantio, seht diese Sache,

da sie nun nicht mehr zu ändern ist, von der besten Seite an. Die

Leute brauchen im Nothfall immer lieber ihre zerbrochne Waffen, als

die blosse Hand.

Brabantio.

Ich bitte euch, laßt sie reden. Bekennt sie, daß sie seinen Liebes-

Bewerbungen auf halben Weg entgegen gegangen sey, so falle

Verderben auf mein Haupt, wenn ich ihn einen Augenblik länger tadle.

Kommt näher, angenehmes Frauenzimmer; empfindet ihr, wem in

dieser ganzen edeln Versammlung ihr am meisten Gehorsam schuldig

seyd?

Desdemona.

Mein edler Vater, ich empfinde daß meine Pflicht hier getheilt ist:

Euch bin ich für mein Leben und für meine Erziehung verbunden, und

beydes lehrt mich die Ehrfurcht die ich euch schuldig bin. Ihr

seyd Herr über meinen Gehorsam, in so fern ich eure Tochter bin.

Aber hier ist mein Gemahl; und soviel Ergebenheit, als meine Mutter

gegen euch zeigte, da sie ihren Vater verließ um euch anzuhängen,

so viel bin ich hoffentlich befugt zu bekennen, daß ich dem Mohren,

meinem Gemahl, schuldig sey.

Brabantio.

Gott gesegne dir's; ich habe nichts mehr zu sagen. Gefällt's eurer

Durchlaucht, so wollen wir nun von den Staats-Angelegenheiten reden.

Ich wollte lieber ein Kind angenommen als gezeugt haben. Komm

hieher, Mohr; hier geb ich dir von ganzem Herzen, was ich, wenn

du's nicht schon hättest, von ganzem Herzen vor dir verwahren

wollte. Um euertwillen, Kleinod, bin ich in der Seele froh daß ich

keine andre Kinder habe--Denn der Streich, den du mir gespielt hast,

würde mich tyrannisch genug machen, ihnen Klöze anzuhängen. Ich

bin fertig, Gnädigster Herr.

Herzog.

Laßt mich nun in meinem eignen Character, in der Person eines

allgemeinen Vaters reden, und ein Urtheil fällen, das diesen

Liebenden zu einer Stuffe diene, sie wieder in eure Gunst zu heben.

{ed. * Von hier an spricht der Herzog im Original in Reimen, und wird

von Brabantio in gleicher Münze bezahlt.}

Sobald nicht mehr zu helfen ist, so hat man das Aergste gesehen,

und Klagen sind nicht nur fruchtlos, sondern der nächste Weg ein

geschehenes Unglük mit einem neuen zu häuffen. Wenn die Klugheit

die Streiche des Glüks nicht allemal verhindern kan, so kan doch

Geduld einen Scherz aus seinen Beleidigungen machen. Der Beraubte,

der dazu lächelt, stiehlt dem Räuber etwas, und der beraubt sich

selbst, der sich in vergeblichem Kummer verzehrt.

Brabantio.

Wenn das ist, so laßt die Türken uns immer Cypern wegnehmen; wir

verliehren's nicht, so lange wir dazu lachen können--Ich erkenne,

Gnädigster Herr, die Weisheit euers Raths--Aber Worte sind doch nur

Worte, und ein verwundetes Herz ist noch nie durch die Ohren

geheilt worden--Ich bitte euch, zu den Staats-Geschäften.

Herzog.

Die Türken machen furchtbare Zurüstungen, Cypern anzugreiffen:

Othello, dir ist am besten bekannt, in was für einem Vertheidigungs-

Stand der Plaz ist. Wir haben zwar einen Befehlshaber von

bekannter Tüchtigkeit daselbst: Allein die allgemeine Meynung, die

unumschränkte Königin der Welt, verspricht sich von euch eine noch

grössere Sicherheit; laßt's euch also gefallen, über die Glasur

euers neuen Glüks hinweg zu schlüpfen, und die Freuden der Liebe

mit den Beschwerden dieser hartnäkigen und Gefahr-vollen

Unternehmung zu vertauschen.

Othello.

Die tyrannische Gewohnheit, erlauchte Senatoren, hat das steinharte

und stählerne Lager des Kriegs mir längst zum weichsten Pflaum-

Bette gemacht. Die rauhe Arbeit des Kriegs ist für mich ein

Lustspiel, dem meine Seele mit angebohrner, flatternder Freudigkeit

entgegen eilt. Ich unterziehe mich also dem gegenwärtigen Krieg

mit den Ottomannen; und alles, warum ich die Durchlauchtigste

Republik mit gebognen Knien bitte, ist, meine Gemahlin in ihren

unmittelbaren Schuz zu nehmen, und darauf bedacht zu seyn, daß sie

an einem anständigen Ort, und mit allem dem Glanz und Ansehen, so

sich für ihre Geburt schikt, unterhalten werde.

Herzog.

Also, in ihres Vaters Hause.

Brabantio.

Das will ich nicht.

Othello.

Ich noch weniger.

Desdemona.

Auch ich wollte nicht dort wohnen, und meinen Vater zu ungeduldigen

Gedanken reizen, wenn ich immer in seinen Augen wäre. Gnädigster

Herr, leihet meiner Bitte ein geneigtes Ohr, und unterstüzet sie

mit eurer Stimme.

Herzog.

Was verlangt ihr, Desdemona?

Desdemona.

Daß ich den Mohren liebte, um mit ihm zu leben, mag die

Entschlossenheit, womit ich so vielen Vorurtheilen Gewalt angethan

habe, durch die ganze Welt austrompeten. Mein Herz und meine

Person sind von meinem Gemahl unzertrennlich. Ich sah Othello's

Gesicht in der Schönheit seines Gemüthes, und seinen Verdiensten

und heldenmässigen Eigenschaften hab ich meine Seele und mein

ganzes Glük gewiedmet. So daß, theureste Herren, wenn ich

zurükgelassen werde, und er in den Krieg geht, ich des Rechts,

seine Gefahren mit ihm zu theilen, des Rechts, um deswillen ich ihn

liebe, verlustig, und in seiner schmerzlichen Abwesenheit zu einem

verdrießlichen Interim verurtheilt wäre. Laßt mich also mit ihm

gehen.

Othello.

Eure Genehmigung, Gnädige Herren! Ich bitte euch, laßt sie ihren

Willen haben. Ich bitt' es nicht aus Rüksicht auf den Vortheil

meines eignen Vergnügens, nicht aus Gefälligkeit gegen die Hize

junger Begierden, die der erste Genuß mehr gereizt als befriedigt

hat;--sondern dem Edelmuth ihres Herzens seinen freyen Lauff zu

lassen. Der Himmel verhüte, daß ihr mich fähig haltet, eure

ernsthaften und grossen Angelegenheiten zu vernachläßigen, wenn sie

bey mir ist--Nein! Wenn jemals die kindischen Puppen-Spiele des

befiederten Cupido die Werkzeuge meines Verstands und meiner

Thätigkeit in üppige Trägheit senken, und meine Ergözungen meinen

Arbeiten schädlich sind; dann laßt Haus-Weiber eine Brey-Pfanne aus

meinem Helm machen, und die unwürdigsten, schmählichsten

Wiederwärtigkeiten sich zum Untergang meines Ruhms verschwören.

Herzog.

Ihr Gehen oder Bleiben soll eurer eignen Willkühr überlassen seyn--

Die Geschäfte fordern die hastigste Eilfertigkeit. Ihr müßt diese

Nacht noch fort.

Desdemona.

Diese Nacht, gnädigster Herr?

Herzog.

Diese Nacht.

Othello.

Von Herzen gerne.

Herzog.

Morgen um neun Uhr wollen wir hier wieder zusammen kommen. Othello,

laßt einen Officier zurük, durch den wir euch euer Patent, und

eure Instruction nachschiken können.

Othello.

Wenn es Eu. Durchlaucht nicht entgegen ist, so ist hier mein

Fähndrich, ein Mann von Ehre und Redlichkeit, dem ich die

Begleitung meines Weibs anvertrauen will, und durch den mir

zugleich alles andre nachgeschikt werden kan, was Eu. Durchlaucht

für nöthig hält.

Herzog.

Ich bin's zufrieden. Gute Nacht allerseits--(Zu Brabantio.)

Und, edler Signor, wenn Tugend die glänzendste Schönheit ist, so

ist euer Tochtermann mehr weiß als schwarz.

Senator.

Adieu, tapfrer Mohr, begegne Desdemonen wol.

Brabantio.

Sieh fleissig zu ihr, Mohr, wenn du Augen hast; sie hat ihren Vater

betrogen, und wird dir's vielleicht nicht besser machen.

(Der Herzog und die Senatoren gehen ab.)

Othello.

Ich stehe mit meinem Leben für ihre Treue--Ehrlicher Jago, dir muß

ich meine Desdemona hinterlassen; ich bitte dich, gieb ihr deine

Frau zur Gesellschaft, und bringe sie mit der besten Gelegenheit

nach. Komm, Desdemona, ich habe nur eine Stunde, die ich der Liebe

und unsern Angelegenheiten schenken kan. Wir müssen der Zeit

gehorchen.

(Sie gehen ab.)

Zehnte Scene.

(Rodrigo und Jago bleiben.)

Rodrigo.

Jago--

Jago.

Was willst du mir sagen, tapfres Herz?

Rodrigo.

Was denkst du, daß ich thun will?

Jago.

Was? Zu Bette gehen und schlaffen.

Rodrigo.

Ich will auf der Stelle gehn, und mich ins Wasser stürzen.

Jago.

Wenn du das thust, so werd' ich dich in meinem Leben nicht mehr

lieb haben. Wie, du bist ein recht alberner Edelmann!

Rodrigo.

Es ist etwas albernes, leben, wenn Leben eine Qual ist; und dann,

so sterben wir ja nach den Regeln, wenn der Tod unser Arzt ist.

Jago.

O wie niederträchtig das gedacht ist! Es ist schon viermal sieben

Jahre, daß ich mich auf der Welt umsehe, und seitdem ich einen

Unterscheid zwischen einer Wohlthat und einer Beleidigung machen

kan, hab' ich noch keinen Menschen gesehen, der den Verstand hätte

sich selbst zu lieben. Eh ich sagen wollte, ich wolle mich einer

Guineischen Henne zulieb ersäuffen, eh wollt' ich meine Menschheit

mit einem Wald-Teufel vertauschen.

Rodrigo.

Wie soll ich mir aber anders helfen? Ich bekenn', es macht mir

schlechte Ehre, daß ich so vernarrt in sie bin; aber meine Tugend

ist nicht stark genug, dem Uebel abzuhelfen.

Jago.

Tugend? Pfifferling. Auf uns kommt es an, ob wir so oder so seyn

wollen. Unsre Leiber sind unsre Gärten, und unser Wille ist der

Gärtner darinn. Ob wir Nesseln oder Lattich drein säen wollen, ob

wir ihn mit Ysop oder Thymian, mit einer einzigen Art von Gewächsen,

oder mit vielerley Gattungen besezen, aus Faulheit verwildern und

unfruchtbar werden lassen, oder durch fleissige Wartung in guten

Stand sezen wollen: Das hängt alles lediglich von unsrer Willkühr

ab. Hätten wir nicht in der Waage unsers Lebens eine Schaale voll

Vernunft, um die Sinnlichkeit in der andern im Gleichgewicht zu

halten, zu was für tollen Ausschweiffungen würde uns die Hize des

Bluts und der thierische Trieb dahinreissen? Aber wir haben die

Vernunft dazu, daß sie unsre rasenden Bewegungen, unsre

fleischliche Triebe und zügellose Lüste bändigen soll--Was nennt

ihr Liebe? Meynt ihr, daß es eine so feyrliche Sache sey, als ihr

euch einbildet? Ein blosser Trieb des Blutes ist's, dem der Wille

den Zügel verhängt--Komm, sey ein Mann! dich selbst ersäuffen?

Ersäuffe mir Kazen und junge blinde Hunde! Ich habe dir meine

Freundschaft zugesagt, und ich mache mich groß, mit Seilen, die

unser beyder Leben ausdauern sollen, zu deinen Diensten gebunden zu

seyn. Izt ist die Gelegenheit, da ich dir nüzlich seyn kan. Einen

wolgespikten Beutel, und fort in diesen Krieg! Verbräme dein

glattes Gesichtchen mit einem falschen Bart; Geld in deinen Beutel,

sag ich. Es ist unmöglich, daß Desdemona den Mohren in die Länge

lieben könnte,--nur Geld in deinen Beutel--noch der Mohr sie.

Alle Sachen, die mit solcher Heftigkeit anfangen, pflegen auch

schnell wieder aufzuhören--Spik du nur deinen Beutel--Diese Mohren

sind veränderlich in ihren Neigungen;--füll deinen Beutel mit Geld--

Der Lekerbissen, der ihm izt so süß daucht wie Syrop, wird ihm

bald genug bittrer als Coloquinten schmeken; und wenn sie, an ihrem

Theil, sich einmal an ihm ersättiget hat, so werden ihr die Augen

über ihre ungereimte Wahl auf einmal aufgehen. Sie (muß) sich

ändern, sie muß! Also füll du nur deinen Beutel. Wenn du ja zum

T** fahren willst, so thu es wenigstens auf einem angenehmern Weg

als Ersäuffen. Mach alles zu Gelde was du kanst. Wenn Tugend und

ein armes zerbrechliches Gelübde zwischen diesem Landstreicher aus

der Barbarey und einer super-feinen verschmizten Venetianerin,

nicht stärker sind als mein Wiz und die ganze Zunft der Hölle, so

sollst du sie in deine Arme kriegen. Also Geld in deinen Sekel,

sag ich! Laß du dich lieber dafür hängen, daß du deine Lust gebüßt

hast, als dich zu ersäuffen, und nichts dafür genossen zu haben.

Rodrigo.

Stehst du mir gut für meine Hoffnungen, wenn ich's wage?

Jago.

Verlaß dich auf mich--Geh, mach Geld zusammen--Ich habe dirs oft

gesagt, und sage dirs wieder und wieder, ich hasse den Mohren.

Meine Ursach stekt mir tief im Herzen; dein Haß hat keinen

schlechtern Grund. Laß uns gemeine Sache machen, um unsre Rache an

ihm zu nehmen. Wenn du ihn zum Hahnrey machen kanst, so machst du

dir selbst ein Vergnügen, und mir einen Spaß. Die Zukunft geht mit

allerley Begebenheiten schwanger, von denen sie zu gehöriger Zeit

entbunden werden wird. Geh du izt, und sorge für Geld; morgen mehr

von dieser Materie. Adieu.

Rodrigo.

Wo sehen wir einander morgen?

Jago.

In meinem Quartier.

Rodrigo.

Ich will bey Zeiten kommen.

Jago.

Gut, geht nur, lebt wohl. Hört ihr, Rodrigo?

Rodrigo.

Was soll ich hören?

Jago.

Nichts mehr vom Ersäuffen, hört ihr's?

Rodrigo.

Es ist mir anders gekommen: Ich will gehen und alle meine Güter zu

Geld machen.

(Er geht ab.)

Eilfte Scene.

(Jago bleibt zurük.)

Jago (allein.)

Geht nur, lebt wohl, nur einen wohlgespikten Beutel,--Bin ich nicht

ein gescheidter Kerl? So mach' ich aus meinem Narren meinen

Schazmeister--Denn das hiesse wol meine erworbne Geschiklichkeit

übel anwenden, wenn ich die Zeit mit einem solchen kleinen

Schneppen verderben wollte, ohne daß ich Spaß und Vortheil davon

hätte. Ich hasse den Mohren, und das Publicum thut mir die Ehre an,

und glaubt, er habe zwischen meinen Bett-Laken meine Stelle

vertreten. Ich weiß nicht, ob es so ist--aber mir ist eine blosse

Vermuthung von dieser Art genug, um so zu handeln, als ob ich's mit

Augen gesehen hätte. Er mag mich wol leiden--Desto beßre

Gelegenheit hab ich, ihm beyzukommen; Cassio ist ein Mann, der zu

meinem Vorhaben taugt: Laßt einmal sehen--seine Stelle zu kriegen

und meinen Haß zu ersättigen--Wie, wie kommt das? Laßt sehen--

Nach einiger Zeit dem Othello mit einer guten Art in's Ohr raunen,

daß er zu vertraulich mit seiner Frau ist--Seine Figur und sein

ganzes Betragen, werden den Verdacht rechtfertigen; er ist der Mann

dazu, die Weiber ungetreu zu machen. Der Mohr ist von der offnen

treuherzigen Art Leuten, welche die Leute für ehrlich hält, wenn

sie so aussehen; er wird sich so gutwillig an der Nase herumführen

lassen wie ein Esel--Ich hab es--Mein Entwurf ist gezeugt--und Rach

und Hölle sollen die scheußliche Mißgeburt ans Taglicht bringen!

(ab.)

Zweyter Aufzug.

Erste Scene.

(Die Hauptstadt von Cypern.)

(Montano, Statthalter von Cypern, und zween Officiers.)

Montano.

Was könnt ihr vom Vorgebürg in der See unterscheiden?

1. Officier.

Gar nichts, als aufgethürmte Wellen; ich kan zwischen dem Himmel

und der See nicht ein einziges Segel entdeken.

Montano.

Mich däucht, der Wind ist zu Land sehr heftig gewesen--Ein

ungestümerer Sturm hat noch nie unsre Zinnen erschüttert--wenn er

auf der See eben so geraset hat, was für Ribben von Eichen sind,

wenn Berge auf sie herabschmelzen, stark genug, sich in ihren Fugen

zu erhalten? Was für Zeitungen werden wir hievon hören?

2. Officier.

Die Zerstreuung der Türkischen Flotte--Steht nur am schäumenden

Ufer, die zornigen Wogen scheinen euch bis in die Wolken hinauf zu

sprizen--Man dächte, die vom Sturm geschleuderte Welle sprühe dem

brennenden Bären Wasser entgegen, und lösche die Nachtlichter des

Himmels aus--Ich habe in meinem Leben keinen so rasenden Sturm

gesehen.

Montano.

Wenn die Türkische Flotte sich nicht bey Zeit in irgend eine Bucht

hat retten können, so ist sie verlohren--es ist unmöglich, dieses

Wetter auszuhalten.

Zweyte Scene.

(Ein dritter Officier zu den Vorigen.)

3. Officier.

Etwas Neues, meine Herren, der Krieg ist zu Ende; dieses

verzweifelte Ungewitter hat die Türken so zugerichtet, daß ihre

Entwürfe Halt machen müssen. Ein ansehnliches Venetianisches

Schiff hat dem Schiffbruch und der Noth des grössesten Theils ihrer

Flotte zugesehen.

Montano.

Wie? Ist das wahr?

3. Officier.

Das Schiff ist würklich hier eingelauffen; ein Veronesisches,

welches den Michael Cassio, den Lieutenant dieses tapfern Mohren

Othello, an Bord hatte; der Mohr selbst ist in der Ueberfahrt

begriffen, und wird in kurzem als oberster Kriegs-Befehlshaber hier

in Cypern eintreffen.

Montano.

Ich bin erfreut darüber; er hat alle Eigenschaften zu einem so

wichtigen Posten.

3. Officier.

Allein eben dieser Cassio, so tröstlich das lautet, was er uns vom

Verlust der Türken berichtet, sieht doch düster aus, und wünscht

daß der Mohr glüklich davon gekommen seyn möge; denn sie waren im

heftigsten Sturm abgereist.

Montano.

Der Himmel geb' es! Ich bin sein Freund, und er ist beydes ein

guter Soldat und ein vollkommner Feldherr. Wir wollen der See-

Seite zugehen, sowol um das schon eingelauffene Schiff zu

besichtigen, als dem wakern Othello, soweit bis Luft und Wasser

sich in unserm Auge vermischt, entgegen zu sehen.

Officier.

Kommt, wir wollen das thun--Eine jede Minute däucht uns lange, bis

wir seiner glüklichen Ankunft versichert sind.

Dritte Scene.

(Cassio zu den Vorigen.)

Cassio.

Dank sollen die Tapfern dieser kriegerischen Insel davor haben, daß

sie so gute Freunde des Mohren sind--Der Himmel beschüze ihn gegen

der Wuth der Elemente; ich hab' ihn in einer gefährlichen See

verlohren.

Montano.

Ist sein Schiff gut?

Cassio.

Sein Schiff ist gut gezimmert, und sein Pilot ein Mann von

Erfahrung und bewährter Geschiklichkeit: Ich bin also nicht ohne

Hoffnung.

Hinter der Scene

Ein Segel! ein Segel! ein Segel!

Cassio.

Was bedeutet dieses Geschrey?

1. Officier.

Die Stadt ist leer; Schaarenweis steht das Volk am Ufer, und sie

ruffen: Ein Segel!

Cassio.

Ich hoffe es ist des Ober-Befehlhabers.

Officier.

Sie geben ihm ihre Freude durch Zujauchzungen zu erkennen; es sind

Freunde, wenigstens.

Cassio.

Ich bitte euch, mein Herr, geht und bringt uns Gewißheit, wer

angekommen ist.

Officier.

Ich will.

(ab.)

Montano.

Aber mein lieber Lieutenant, ist euer General vermählt?

Cassio.

Ja, und höchstglüklich; er hat eine junge Gemahlin davongetragen,

die alles übertrift, was das ausschweiffende Gerücht zu ihrem Lob

sagen kan: eine Gemahlin, deren Schönheit den Pinsel des feinsten

Mahlers beschämt, und die in einem irdischen Kleide ein wahrer

Auszug aller Vollkommenheiten der Schöpfung ist--

Vierte Scene.

(Der Officier kommt zurük.)

Cassio.

Wie steht's? Wer ist eingelauffen?

Officier.

Ein gewisser Jago, der Fähndrich des Generals.

Cassio.

Das kostbare Kleinod, womit er beladen war, hat seine Fahrt so

glücklich gemacht; die Ungewitter selbst, schwellende Seen und

heulende Winde, die Wasserbedekten Felsen und die aufgehäuften

Sandbänke, (Verräther, die im Verborgnen lauren, den schuldlosen

Kiel anzuhalten) vergessen, gleich als ob sie ein Gefühl der

Schönheit hätten, ihre natürliche Grausamkeit, um die göttliche

Desdemona unbeleidigt durchzulassen.

Montano.

Wer ist diese?

Cassio.

Sie, von der ich sprach, die Beherrscherin unsers grossen

Befehlshabers, die er der Führung des kühnen Jago anvertraut hat,

und deren beschleunigte Ankunft unsern Gedanken um eine Woche

wenigstens zuvorkömmt. Beschüze nun, o Himmel, beschüze noch

Othello! und schwelle seine Seegel mit deinem eignen allmächtigen

Athem auf, damit er mit seinem schönen Schiff diese Bay beselige,

und wenn seine Liebe in Desdemonens Armen die Entzükung des

Wiedersehens ausgeathmet hat, unsre erlöschende Geister in neues

Feuer seze, und ganz Cypern mit Muth und Vertrauen erfülle.--

Fünfte Scene.

(Desdemona, Jago, Rodrigo und Aemilia zu den Vorigen.)

Cassio.

--O sehet! der Schaz des Schiffes ist ans Land gekommen: Ihr

Männer von Cypern, laßt eure Knie sie bewillkommen! Heil dir,

Gebieterin, und jeder Segen des Himmels gehe vor dir her, folge dir,

und schwebe zu deiner Seiten rings um dich her.

Desdemona.

Ich danke euch, tapfrer Cassio--Was für Nachrichten könnt ihr mir

von meinem Herrn geben?

Cassio.

Er ist noch nicht angeländet, doch weiß ich nichts anders, als daß

er wohl ist und in kurzem hier seyn wird.

Desdemona.

O--ich besorge nur--Wie verlohret ihr ihn?

Cassio.

Der heftige Streit zwischen Luft und Meer trennte unsre

Gesellschaft--Aber horcht, ein Segel!

Hinter der Scene:

Ein Segel! ein Segel!

Officier.

Dieser Gruß wird gegen die Citadelle gemacht; es ist gleichfalls

ein Freund.

Cassio.

Seht was es ist: Mein lieber Fähndrich, willkommen! (Zu Aemilia,

mit einem Kuß.)

Willkommen, Madam. Nehmt mir nicht übel, mein guter Jago, daß ich

meiner Freude den Lauf lasse; es ist eine Gewohnheit von meiner

Erziehung her, daß ich so frey im Ausdruk einer schuldigen

Höflichkeit bin.

Jago.

Ich wollte, mein Herr, sie wäre gegen euch so freygebig mit ihren

Lippen, als sie es oft gegen mich mit ihrer Zunge ist, ihr würdet

ihrer genug kriegen!

Desdemona.

Wie, sie spricht ja gar nichts.

Jago.

Wahrhaftig, nur zuviel; ich find' es immer, wenn ich gerne schlafen

möchte; vor Euer Gnaden, da glaub' ich selber, daß sie ihre Zunge

ein wenig in ihr Herz stekt, und nur in Gedanken keift.

Aemilia.

Ihr habt wenig Ursache so zu reden.

Jago.

Kommt, kommt, ich kenne euch Weiber so gut als einer; ihr seyd

Gemählde ausser Hause; Gloken in eurem Zimmer; wilde Kazen in eurer

Küche; Heilige, wenn ihr beleidigt; Teufel, wenn ihr beleidigt

werdet; Comödiantinnen in eurer Wirthschaft, und nirgends Haus-

Weiber, als in--euerm Bette.

Desdemona.

O fy, schämt euch, ihr garstiger Verläumder!

Jago.

Nein, es ist wie ich sage, oder ich will ein Türk seyn; ihr steht

auf, um zu spielen, und legt euch zu Bette, um zu arbeiten.

Aemilia.

Ihr sollt mir gewiß keine Lobrede schreiben!

Jago.

Ich rathe euch nicht, daß ihr mich dazu bestellet.

Desdemona.

Was würdest du von mir schreiben, wenn du mich loben müßtest?

Jago.

O Gnädige Frau, sezt mich nicht in Versuchung; ich bin nichts, oder

ich bin ein Criticus.

Desdemona.

Kommt, eine kleine Probe--Dort ist jemand in die Bay eingelauffen.

--

Jago.

Ja, Gnädige Frau.

Desdemona.

Ich bin nicht aufgeräumt; ich belüge das was ich bin, indem ich was

anders scheine;--Komm, was wolltest du zu meinem Ruhm sagen?

Jago.

Ich bin würklich daran; aber, in der That, meine Erfindung geht so

ungern von meinem Hirnkasten ab, wie Vogel-Leim von einem Frieß-Rok--

doch meine Muse arbeitet, und nun ist sie entbunden--Ein jeder

Mund bekennt und spricht, sie ist so weis' als schön,

Doch eines zehrt das andre auf, das muß man auch gestehn.

Desdemona.

Vortreflich; aber wie, wenn sie schön und albern wäre?

Jago.

Albern? Gut, die blödste Schöne hatte stets so viel Verstand

Daß sie, wo nicht einen Mann, mindstens einen Erben fand.

Desdemona.

Das sind alte abgedroschne Einfälle, um Narren im Bierhause lachen

zu machen. Was für ein armseliges Lob hast du dann für eine, die

häßlich und albern ist?

Jago.

Keine ist so dumm und häßlich, die an List bey schlimmer Sache

Den Verschmiztesten und Schönsten nicht den Vorzug streitig mache.

Desdemona.

O grobe Ungeschiklichkeit! Du lobest die Schlechteste am besten.

Aber was könntest du dann zum Lob eines Frauenzimmers sagen, das in

der That Lob verdiente? Einer solchen, deren Verdienste so

unstreitig wären, daß sie es auf den Ausspruch der Bosheit selbst

ankommen lassen dürfte?

Jago.

Die, bey niemals welker Schönheit frey von Stolz und Eigensinn,

Meisterin von ihrer Zunge, und doch keine Schreyerin,

Immer Geld im Beutel hat, und sich nie dadurch entehrte,

Die gelassen meiden kan, was ihr Herz sich gern gewährte;

Die, wenn sie der Mann beleidigt, doch der Rache gern entsagt,

Welche sanften Weiber-Herzen, wie man glaubt, so sehr behagt:

Die so treu der Weisheit ist, daß sie nie in ihrem Leben,

Um den Schwanz des besten Salms, eines Schel-Fischs Kopf gegeben;

Die zwar denkt, doch was sie denkt, niemand als sich selbst

vertraut,

Noch, wenn ihr Verehrer folgen, aus Zerstreuung um sich schaut;

Diese, wenn sie jemals war, konnte wol vortrefflich taugen--

Desdemona.

Und wozu dann?

Jago.

Ein Schmahl-Bier-Protocoll zu führen, und Narren auszusaugen.

Desdemona.

O, was für ein krüppelhafter, armseliger Schluß! Lerne ja nichts

von ihm, Aemilia, ob er gleich dein Mann ist. Was sagt ihr, Cassio,

würd' er nicht einen feinen Rath abgeben?

Cassio.

Es ist besser gemeynt als gesagt, Madam; Euer Gnaden werden den

Soldaten grösser in ihm finden, als den Gelehrten.

Jago (bey Seite.)

Er nimmt sie bey der Hand; gut, wol gegeben--flüstert einander ins

Ohr--Ich brauche kein stärkeres Gewebe als diß, um eine so grosse

Fliege wie Cassio zu verstriken. Ey ja doch, lächle sie an, thu's--

in deiner eignen Höflichkeit sollst du gefangen werden--Ihr habt

recht, es ist so, in der That--Wenn solche arme kleine Freyheiten

euch um eure Lieutenants-Stelle bringen sollten, so wär' es besser,

ihr hättet eure drey Finger nicht so oft geküßt--O vortrefflich!

wol geküßt! vortreffliche Galanterie!--es ist so, in der That--

Noch einmal--eure Finger an eure Lippen? Ich wollt' es wären

Clystier-Sprizen, so lieb seyd ihr mir.

(Trompeten.)

Ha, der Mohr kommt; ich kenne seine Trompete.

Cassio.

Es ist würklich so.

Desdemona.

Wir wollen ihm entgegen gehen--

Cassio.

Seht, hier ist er schon.

Sechste Scene.

(Othello und Gefolge zu den Vorigen.)

Othello.

O meine schöne Heldin!

Desdemona.

Mein theurer Othello!

Othello.

Meine Verwundrung euch vor mir hier zu sehen, ist so groß als mein

Vergnügen. O Wonne meines Herzens! Wenn auf jeden Sturm eine so

süsse Stille folgte, so möchten die Winde blasen, bis sie den Tod

aufgewekt hätten: So möchte die arbeitende Barke an Hügeln von

Wasser bis an den Olymp hinauf klettern, dann wieder so tief sich

tauchen, als die Hölle vom Himmel ist! Wenn ich izt sterben müßte,

so wär's in dem Augenblik, da meine Glükseligkeit ihren höchsten

Punkt erreicht hat; ich besorge sehr, diese Wonne meiner Seele ist

zu groß, als daß noch eine solche in der unbekannten Zukunft für

mich ligen kan.

Desdemona.

Das verhüte der Himmel, daß unsre Liebe und unser Vergnügen nicht

in gleichem Maasse zunehmen sollte, wie unsre Tage wachsen!

Othello.

Amen, zu diesem holden Wunsch! Ich kan nicht genug von dieser

Freude sagen, mein Herz ist so voll--

(er küßt sie--)

und diß, und diß, möge die grösseste Dissonanz seyn, die jemals

unsre Herzen machen werden!

Othello(#7185) · 第 8 / 10 题