Tuberkulose.[12]

Die Tuberkulose ist insofern die verbreitetste Krankheit, die auf der

Erde vorkommt, als sie abgesehen vom Menschengeschlecht auch nahezu

sämtliche Säugetiere und Vögel und eine große Anzahl von Kaltblütern

befallen kann. Die häufigste Form der tuberkulösen Erkrankung des

Menschen ist die gewöhnlich als Lungenschwindsucht bezeichnete

Krankheit, doch kommen tuberkulöse Erkrankungen der verschiedensten

Organe, man kann geradezu sagen, aller Organe, daneben vor, die dann je

nach dem Krankheitsherde, je nach dem Organ, dessen Funktionen durch

die tuberkulösen Zerstörungen teilweise oder ganz aufgehoben werden, zu

sehr mannigfaltigen Krankheitsbildern führen.

Die Verschiedenheit der Krankheitsbilder und auch der ihnen zugrunde

liegenden (anatomischen) Veränderungen ist so außerordentlich groß,

daß tatsächlich nur die Entdeckung der gemeinschaftlichen bakteriellen

Ursache aller dieser Prozesse durch _Koch_ die wissenschaftliche Welt

von ihrer Zusammengehörigkeit überzeugen konnte. Die Anschauung, daß

die Tuberkulose überhaupt und die Lungenschwindsucht im besonderen ein

ansteckendes Leiden sei, eine Anschauung, die heute den weitesten,

selbst ungebildeten Kreisen geläufig ist, war in der Medizin vor

der _Koch_schen Entdeckung durchaus strittig, ja, die Mehrzahl der

ärztlichen Autoritäten bekämpfte sie, obwohl schon seit Jahrhunderten

klar blickende Ärzte zu mehr oder weniger bestimmten, richtigen

Vorstellungen von einer belebten Ursache der Phthise gekommen waren.

Vor allem eine Erfahrungstatsache war es, die mit der Annahme einer

belebten Krankheitsursache der Lungenschwindsucht vielen unvereinbar

schien: die scheinbar unbestreitbare Erblichkeit der Krankheit, die

in manchen Familien von einer Generation zur anderen übergehend immer

wieder verderbenbringend sich zeigte. Warum sollte ein Krankheitskeim,

der _von außen_ in den Körper des Menschen eindringt, gerade die

Mitglieder bestimmter Familien bevorzugen? Viel wahrscheinlicher

erschien dem gegenüber die Annahme einer freilich völlig unbekannten

_inneren_ Ursache des Leidens, die vererbbar war in der Weise, wie

Charaktereigenschaften es sind.

Auch der gewaltige Aufschwung, den von der Mitte des 19. Jahrhunderts

an die wissenschaftliche Medizin vorwiegend durch _Virchows_

bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiete der mikroskopischen

Erforschung der krankhaften Veränderungen der Zellen und Gewebe des

menschlichen Körpers nahm, brachte zwar wichtige Erweiterungen unserer

Kenntnisse von der Entstehung, dem Bau und den Schicksalen tuberkulöser

Organveränderungen, aber die wichtigste Frage, die nach der Ursache der

Prozesse, ließ er unbeantwortet.

Dieser Frage suchte auf ganz anderem Wege zu gleicher Zeit (in den

60er Jahren des 19. Jahrhunderts) der französische Forscher _Villemin_

durch Tierexperimente auf den Grund zu kommen. Schon vor seinen

Arbeiten waren mehrfach Versuche unternommen worden, durch Impfung

von Tieren mit tuberkulösen Krankheitsprodukten künstlich Tuberkulose

hervorzurufen; aber erst _Villemins_ Bericht über positive Ergebnisse,

die er bei zahlreichen derartigen Experimenten erzielt hatte, machte

erheblichen Eindruck auf die wissenschaftliche Welt. Freilich ward

zunächst von sehr angesehenen Forschern, die die Versuche _Villemins_

wiederholten und modifizierten, ihre Beweiskraft bestritten, aber

bald überzeugte man sich mehr und mehr von ihrer Richtigkeit, und die

Tatsache, daß die Tuberkulose mit den tuberkulösen Krankheitsprodukten

auf Versuchstiere übertragbar ist, fand bald allgemeine Anerkennung.

Damit war denn auch ein Zweifel an der Existenz eines tuberkulösen

_Virus_ nicht mehr möglich, und die besten Mikroskopiker bemühten sich

um seine Entdeckung. Ungewöhnlich große Schwierigkeiten stellten sich

gerade dieser Entdeckung in den Weg, und es bedurfte des genialen

Scharfblickes und der zähen Energie _Robert Kochs_, um sie zu

überwinden.

Im Jahre 1882? berichtete _Robert Koch_ in einer als klassisch

berühmten Arbeit über die von ihm aufgeklärte Ursache der tuberkulösen

Prozesse, die er in dem »Tuberkelbazillus« gefunden hatte. Es war

ihm gelungen, diesen durch sein besonderes Verhalten gegenüber

Färbemitteln ausgezeichneten Mikroorganismus in allen Fällen von

menschlicher und tierischer Tuberkulose, die darauf untersucht wurden,

in den Krankheitsherden nachzuweisen und festzustellen, daß er dort

ausschließlich, niemals aber in den Organen gesunder oder anderweitig

erkrankter Individuen vorkommt. Es war ihm weiterhin gelungen,

Reinkulturen des Tuberkelbazillus mit Hilfe besonderer Kulturverfahren,

die eigens für diesen Zweck von ihm gefunden worden waren, zu gewinnen

und mit kleinsten Mengen von solchen Reinkulturen die Krankheit wieder

bei Tieren hervorzurufen. Damit war die Beweiskette geschlossen,

der seit Jahrzehnten tobende wissenschaftliche Streit war endgültig

entschieden, die Tuberkulose war als Infektionskrankheit erkannt, ihr

Erreger entdeckt.

Der Tuberkelbazillus ist ein sehr schlankes, zuweilen ein wenig

gekrümmtes Stäbchen, das der Geißeln und damit der Eigenbeweglichkeit

ebenso wie der Fähigkeit Sporen zu bilden entbehrt, und das zu seiner

Entwickelung in Kulturen der Körpertemperatur, des Sauerstoffs und

bestimmter Nährböden bedarf. An die Zusammensetzung der Nährböden

stellt der Bazillus ganz besondere Anforderungen; aber auch wenn diese

erfüllt sind, entwickeln sich seine Kulturen ganz erheblich langsamer

als die der bekannten anderen pathogenen Bakterien; sie bedürfen

wochenlangen Wachstums zu ihrer vollen Entwickelung.

Außerordentlich große Hoffnungen knüpften sich an die Entdeckung des

Tuberkelbazillus, sie wurden auf das höchste gesteigert, als Koch

wenige Jahre später in dem _Tuberkulin_ den Ärzten ein Mittel in die

Hand gab, das zur Behandlung der menschlichen Tuberkulose geeignet

sein sollte. Es ist allgemein bekannt, wie auf den ersten gewaltigen

Enthusiasmus, mit dem das neue Mittel begrüßt wurde, die Enttäuschung

folgte, als es die übertriebenen Hoffnungen, die man darauf setzte,

nicht erfüllen konnte.

[Illustration: Abb. 32.

Tuberkelbazillen im Ausstrichpräparat vom Inhalt einer tuberkulösen

Zerfallshöhle der Lunge (bei Phthisis).]

Es kann hier nicht erörtert werden, wie weit wir zu der Hoffnung

berechtigt sind, daß das Tuberkulin bei der Behandlung des einzelnen

Krankheitsfalles oder einzelner Kranker segensreich wirksam sein

kann, es mag aber wenigstens erwähnt werden, daß einzelne Ärzte auf

Grund besonders vorsichtiger Dosierung des Mittels günstige Resultate

damit erzielt haben, und daß insbesondere in England und Amerika,

in den letzten Jahren die Tuberkulinbehandlung in einer besonderen

Form (»~opsonic treatment~«) große Fortschritte gemacht hat und nach

zahlreichen vorliegenden Angaben günstige Erfolge erzielt hat.

Nach der Entdeckung des Diphtherieheilserums hat es begreiflicherweise

nicht an zahlreichen Versuchen und Anstrengungen gefehlt, ein

_Heilserum_ gegen die Tuberkulose, unsere schlimmste Volksseuche,

herzustellen. Aber wenn auch hie und da über günstige Erfolge mit

solchen Seris berichtet wurde, so ist heute noch keines gewonnen, das

vor der wissenschaftlichen Medizin volle Anerkennung gefunden hätte.

Wir müssen auch heute noch uns mit der Hoffnung begnügen, daß es einmal

gelingen wird, ein solches Radikalmittel herzustellen; vorläufig

ist der Arzt im Wesentlichen dem tuberkulös Kranken gegenüber --

von der Tuberkulin-Therapie abgesehen -- auf _nicht_ spezifische

Behandlungsmethoden angewiesen, und die tröstliche Erfahrung ist ja

allgemein verbreitet, daß viele tuberkulöse Erkrankungsfälle auch mit

Hilfe dieser Behandlungsmethoden, die hier selbstverständlich nicht

erörtert werden können, zur Ausheilung gelangen. An dieser Stelle

sei denn auch auf die Bedeutung der Heil- und Heimstätten für die

_Behandlung_ tuberkulös Erkrankter nur kurz verwiesen.

Eine große Rolle kommt den Heilstätten unter den Maßnahmen zur

_Eindämmung_ der Tuberkulose als Volkskrankheit zu. Jeder, der

dieses kleine Buch bis hierher aufmerksam gelesen hat, wird sich von

vornherein klar sein: Ein unbedingtes Erfordernis ist die Vermeidung

der Verbreitung der Krankheitskeime durch die Ausscheidungen

Tuberkulöser, vor allem also die Vernichtung der Tuberkelbazillen

im Auswurf Schwindsüchtiger. (_Flügge._) Nirgends kann hierfür

in so gründlicher Weise gesorgt werden, als in den Heilstätten,

Krankenanstalten, in denen Tuberkulöse _isoliert_ sind. Dort vor allen

Dingen werden die Kranken auch wirklich zu geeigneter Behandlung

des Auswurfs erzogen. Sie tragen dann später -- neben öffentlichen

Belehrungen -- zur Verbreitung der Kenntnisse von der Gefährlichkeit

des Auswurfs und von den Mitteln zu seiner Vernichtung bei.

Es ist einleuchtend, daß, wenn die wichtigste Infektionsquelle

für die Entstehung der Schwindsucht in der _Einatmung_ von

Tuberkelbazillen besteht, die Vernichtung der Bazillen im Auswurf

und damit die Verhütung der Möglichkeit der Bazilleneinatmung die

Schwindsuchtverbreitung aufhalten müßte. Es darf hier aber nicht

übergangen werden, daß trotz einer ganz außerordentlich großen Zahl

von Einzelbeobachtungen und trotz gewaltiger Arbeit, die mit allen

Methoden der modernen wissenschaftlichen Forschung geleistet worden

ist, die Anschauungen über die _Entstehung_ der Lungenschwindsucht

noch keineswegs endgültig aufgeklärt sind. Eine große Anzahl von

Forschern, unter denen z. B. _v. Behring_ genannt werden muß, nehmen

an, daß die erste Ansiedelung der Tuberkelbazillen im menschlichen

Körper nicht durch deren Einatmung und somit unmittelbar in den oberen

Luftwegen oder in den Lungen erfolgt, sondern auf anderem Wege. _v.

Behring_ insbesondere vertritt die Meinung, daß die häufigste Quelle

der Infektion in dem Genuß von tuberkelbazillenhaltiger _Milch_ im

frühesten Kindesalter zu suchen ist. Die Bazillen müßten danach zuerst

in den Darm und von dort aus erst auf Umwegen in die Lungen gelangen.

Die Möglichkeit, daß lebende Tuberkelbazillen mit der _Kuhmilch_

aufgenommen werden, ist erwiesen: die Tuberkulose ist bei unserem

Rindvieh sehr verbreitet. Die Milch und die Molkereiprodukte,

insbesondere die Butter, die zum Verkauf gelangen, enthalten

gelegentlich, ja, man kann auf Grund sorgfältiger statistischer

Erhebungen sagen, geradezu _häufig_ echte Tuberkelbazillen, gegen

deren Eindringen in den Darmkanal wir uns nur schützen können, wenn

wir regelmäßig eine gründliche Sterilisation durch längeres Kochen

herbeiführen.

Ist diese Infektionsgefahr nun wirklich von Bedeutung? Vor allem

ist sie von ausschlaggebender Bedeutung im Sinne _v. Behrings_? --

Der zweite Teil der Frage läßt sich auf Grund von Erfahrungen mit

nein beantworten: man hat festgestellt, daß in Japan, wo unter der

Bevölkerung die Tuberkulose, insbesondere die Schwindsucht, sehr

verbreitet ist, die Tuberkulose des Rindviehs bis vor kurzem so gut wie

unbekannt war. Es war also mit vollkommener Sicherheit auszuschließen,

daß für die dortige Bevölkerung _Behrings_ Anschauungen zutrafen.

-- Weit schwieriger ist eine kurze und klare Antwort auf den ersten

Teil der Frage zu geben. Von der größten Bedeutung ist hierfür die

endgültige Klärung eines augenblicklich noch umstrittenen Punktes:

_Robert Koch_ selbst hat nämlich vor einer Reihe von Jahren die

zunächst gerade aus seinem Munde besonders überraschend klingende

Behauptung aufgestellt, der Tuberkelbazillus, der die Tuberkulose des

Menschen verursache, und der Erreger der Rindertuberkulose bildeten

zwei vollkommen voneinander verschiedene _Arten_, die zwar in einer

sehr großen Anzahl von Eigenschaften übereinstimmten, in einigen

Punkten aber differierten und vor allen Dingen den ganz außerordentlich

bedeutsamen Unterschied aufwiesen, daß der Rinder-Tuberkelbazillus

nur für das Rind, der Menschen-Tuberkelbazillus nur für den Menschen

gefährlich werden könne. War diese Ansicht richtig, so wären auch die

Konsequenzen, die _Robert Koch_ zog, unangreifbar: Maßnahmen gegen die

Infektion mit Tuberkelbazillen, die vom Rinde stammten, wären zwecklos

und überflüssig.

Bei der einschneidenden Bedeutung dieser Behauptung ist es begreiflich,

daß eine außerordentlich lebhafte Diskussion darüber entstand.

Es war mit Sicherheit festgestellt, daß verschiedene Arten von

Tuberkelbazillen existierten: die Erreger der Tuberkulose von manchen

Kaltblütern z. B. unterschieden sich konstant und durch auffällige

Merkmale von den Menschen-Tuberkelbazillen. Es war auch bereits

bekannt, daß sich konstante oder nahezu konstante Unterschiede zwischen

Tuberkelbazillen, die vom Rind, und solchen, die vom Menschen stammten,

nachweisen ließen, insbesondere wußte man, daß Tuberkelbazillen aus

menschlichen Krankheitsprodukten im Tierexperiment für Rinder, aber

auch für Kaninchen gewöhnlich nur geringe Virulenz zeigten, während

Rinder-Tuberkelbazillen eine viel höhere Virulenz gegenüber diesen

Tieren besaßen.

Die Frage, die für das Menschengeschlecht allein beantwortet

werden muß, ist aber die, _ob dem Menschen_ außer dem menschlichen

Tuberkelbazillus nicht auch der _Rinder_-Tuberkelbazillus gefährlich

werden kann. Diese Frage war naturgemäß auf experimentellem Wege

nicht zu beantworten, und man hat sich bemüht, sie dadurch zu

entscheiden, daß man in möglichst großem Umfange die aus menschlichen

Krankheitsfällen gezüchteten Tuberkelbazillen daraufhin untersuchte,

ob sie zum »~Typus humanus~« oder zum »~Typus bovinus~« gehörten. Über

diese Frage sind gerade augenblicklich noch umfassende Erhebungen

im Gange, deren Resultat abgewartet werden muß. Aus einer Reihe von

einschlägigen Untersuchungen geht aber immerhin jetzt schon hervor,

daß auch aus menschlichen tuberkulösen Krankheitsprodukten, wenn auch

vergleichsweise selten, Tuberkelbazillen isoliert werden können, die

die Eigenschaften des ~Typus bovinus~ aufweisen und daß vom Menschen

stammende Tuberkelpilze (vom ~Typus humanus~) im Körper des Rindes

(bei künstlicher Infektion) rasch eine hochgradige Virulenz auch für

_Rinder_ erwerben. (Prof. _Eber_.) Und so sieht es denn vorläufig so

aus, als ob die _Koch_sche Anschauung mit ihren Konsequenzen den Sieg

nicht behalten könne. Dadurch würde die Notwendigkeit energischer

Bekämpfung der Tuberkulose des Rindviehs dann wieder außer Frage

gestellt werden.

Bekanntlich hat _von Behring_ vor wenigen Jahren ein Verfahren

angegeben, um Kälber durch Impfung mit lebenden _menschlichen_

Tuberkelbazillen gegen Infektion mit _Rinder_tuberkulose immun zu

machen. Noch ist der Wert dieses Verfahrens aber lebhaft umstritten.

Beim Menschen ist an analoge Versuche noch nicht zu denken.

Und so bleibt denn vorläufig die wichtigste Waffe im Kampfe gegen

die Tuberkulose die Verhütung der Ansteckung durch Vernichtung des

Auswurfes Schwindsüchtiger einerseits, durch Bekämpfung der Tuberkulose

des Rindviehs andererseits.

Mit wenigen Worten müssen wir am Schlusse dieser kleinen und durchaus

unvollständigen Skizze des heutigen Standes der wissenschaftlichen

Tuberkuloseforschung noch auf eine Frage zurückkommen, die wir eingangs

flüchtig streiften, die Frage nach der »Vererbung« der Tuberkulose.

Es ist in den letzten Jahren in einigen wenigen Fällen der Nachweis

gelungen, daß -- man kann wohl sagen: ausnahmsweise -- selten ein

Übergang von Tuberkelbazillen auf das Kind im Mutterleibe vorkommt. Bei

den spärlichen einschlägigen Beobachtungen handelte es sich stets um

_sehr schwere_ tuberkulöse Erkrankung der Mutter.

Für die überwiegende Mehrzahl aller Fälle von sogenannter »Vererbung«

der Tuberkulose müssen wir nach dem heutigen Stande unserer Kenntnisse

diesen Vorgang, die direkte Übertragung von Keimen vom mütterlichen

auf den kindlichen Organismus, _ausschließen_ (-- bis zum Beweis des

Gegenteils!).

Wie erklärt sich dann aber die oft so augenfällige »Erblichkeit«

der Krankheit? Diese Frage wird unendlich oft dem Arzte gestellt

werden und je nach dessen Anschauungen und Erfahrungen verschieden

beantwortet werden. Wir wollen versuchen, festzustellen, wie weit sie

exakt beantwortet werden kann: Es steht außer Zweifel, daß Kinder, die

in der nächsten Umgebung eines an Schwindsucht Leidenden aufwachsen,

der Infektionsgefahr in höherem Maße ausgesetzt sind, als Kinder aus

gesunder Familie. Wir haben in dieser Tatsache also eine gewisse

Erklärung für ihre relativ häufigere frühere oder spätere Erkrankung an

Tuberkulose.

Im naturwissenschaftlichen Sinne kann dabei von »Vererbung« keine Rede

sein; vererbbar sind nur Eigenschaften, die an der väterlichen oder

mütterlichen Keimzelle haften und bei deren Verschmelzung (der Zeugung)

dem neu entstehenden Organismus übertragen werden. -- Jede spätere

Infektion des Kindes durch die Eltern hat mit »Vererbung« nichts zu tun.

Nun wird aber mit einem gewissen Recht von vielen Forschern geltend

gemacht werden, daß man bestimmte Merkmale im Körperbau (große

Schlankheit, Zartheit des Skeletts, schmaler flacher Brustkorb u.

a. m.) bei Schwindsüchtigen außerordentlich häufig findet. Dieser

sogenannte »phthisische Habitus« sei der äußerliche Beweis für

die Vererbung einer besonderen Neigung oder »_Disposition_« zur

Lungentuberkulose.

Man kann darauf nur erwidern: Es ist möglich, aber es ist _nicht

notwendig_, daß diese Annahme richtig ist. Man kann das Vorkommen

dieser Eigentümlichkeiten in naheliegender Weise mit der Tuberkulose

in ursächliche Beziehung bringen, ohne den immerhin unklaren Begriff

der Disposition in Betracht ziehen zu müssen: wenn durch viele

Generationen hindurch in einer Familie Lungenschwindsucht bestanden

hat, die immer wieder durch Infektion der Kinder mit den Bazillen aus

dem Auswurf der Eltern entstand -- so erklärt sich darauf als ein ganz

allmählich erworbener _Folgezustand_ die Flachheit und Schmalheit wie

auch die allgemeine Schwächlichkeit des Körperbaus. -- Es ist aber

umgekehrt nicht nötig, die _Ursache_ der tuberkulösen Erkrankung vieler

Generationen derselben Familie in einer dieser eignenden Disposition zu

suchen.

Praktisch wichtig ist an dieser Überlegung, daß man die Bedeutung der

»Disposition« nicht überschätzen soll, wie das zuweilen geschieht. Die

Schlußfolgerung pflegt ungefähr diese zu sein: Die Gefahr der Infektion

mit Tuberkelbazillen ist angesichts der großen Verbreitung der Keime

in unserer Umgebung enorm; entscheidend für das Zustandekommen der

Schwindsucht ist aber die »Disposition« dazu. Wir haben in erster Linie

deshalb alles zu tun, um durch allgemeine hygienische und diätetische

Maßregeln dieser Disposition entgegenzuarbeiten.

Wir sagen dagegen: Es kann gewiß gar nicht genug geschehen, um

Gesundheitszustand und Widerstandsfähigkeit jedes Einzelnen zu heben;

zur Bekämpfung der Tuberkulose gehört aber vor allem die Vernichtung

der Tuberkelbazillen im Auswurf des Schwindsüchtigen und die Vermeidung

aller der Gefahren, die dem Menschen durch die Verbreitung der

Rindertuberkulose erwachsen (Milchhygiene); denn während die Bedeutung

der »Disposition« für die Tuberkulose schwer abschätzbar ist, steht die

Bedeutung des Tuberkelbazillus als Ursache der Krankheit außer jedem

Zweifel.

Syphilis.

Viele Gründe sprechen für die von vermiedenen Forschern nachdrücklich

vertretene Anschauung, daß die Syphilis bis zur Entdeckung Amerikas

in Europa nicht vorgekommen ist; eine Reihe von Tatsachen macht ihre

Einschleppung durch die Leute des Columbus im Jahre 1493 zudem äußerst

wahrscheinlich. Sicher ist, daß im folgenden Jahre im Heere Karls VIII.

von Frankreich während der Belagerung Neapels die Krankheit verbreitet

war, vermutlich durch spanische Soldaten vermittelt. Sicher ist weiter

auch, daß die Syphilis sich im unmittelbaren zeitlichen Anschluß an

diesen Feldzug in Europa mit einer außerordentlichen Schnelligkeit

verbreitete, die ihre nächstliegende Erklärung in einer Verschleppung

des Krankheitskeimes durch die nach Hause -- d. h. in aller Herren

Länder -- zurückströmenden Truppen findet. Während der folgenden

Jahrzehnte wütete die Seuche in ganz Europa in schrecklicher Weise. Der

Krankheitsverlauf war meist außerordentlich schwer, die Erscheinungen

pflegten sehr heftig aufzutreten und sehr rasch aufeinander zu folgen.

Auch diese durch zahlreiche Zeugnisse der Ärzte jener Zeit gesicherte

Tatsache ist mit der Annahme gut vereinbar, daß die Krankheit eine

bisher völlig syphilisfreie Bevölkerung überfiel.

Immerhin halten trotz dieser und anderer Argumente einzelne Forscher

die Herkunft der Seuche aus Amerika nicht für bewiesen. Ihre Ansicht,

daß schon vor Columbus' Zeiten die Syphilis in Europa vorgekommen

ist, kann sich vorderhand aber auf wirklich einwandfreie Gründe nicht

stützen. Sie wird nur Anerkennung finden können, wenn der sichere

Nachweis unzweifelhafter syphilitischer Veränderungen an Skeletten

erbracht werden kann, die zweifellos aus der Zeit vor 1493 herrühren.

Allenfalls könnten auch Abbildungen sicher syphilitischer Veränderungen

aus einer nachweislich vor der Entdeckung Amerikas gelegenen Zeit als

Beweis im gleichen Sinne herangezogen werden.

Bis zum Beweis des Gegenteils scheint aber die Ansicht mehr Aussicht

auf den endgültigen Sieg zu haben, nach der die Einschleppung der

Krankheit aus Amerika erfolgt ist.

Die Syphilis ist eine ausgesprochen chronisch verlaufende, in ihren

frühen Stadien sehr ansteckende Krankheit, die, von verschwindend

seltenen Ausnahmen abgesehen, nur bei direkter Berührung von Mensch zu

Mensch übertragen wird. An der Infektionsstelle entsteht nach einer

Inkubationszeit von meist etwa drei Wochen ein Geschwür, das sehr

langsam heilt und dessen Ränder und Grund sich allmählich verhärten.

Nach einer zweiten Inkubationszeit von mehreren Wochen zeigen sich

dann im einzelnen Falle sehr verschiedene »Sekundär«-Erscheinungen,

die in Hautausschlägen, Katarrhen, Schleimhautgeschwüren, allgemeinen

Lymphdrüsenschwellungen und gewissen Störungen des Gesamtbefindens

bestehen. Zuweilen sind diese Sekundärerscheinungen sehr geringfügig,

so daß sie selbst vom Arzte, der nicht beständig den Patienten

vor Augen hat, kaum festgestellt werden können. Unter geeigneter

Behandlung gehen sie meist bald zurück. Meist erst nach Jahren

können dann besonders schwere Erscheinungen, die für die dritte

Periode der Krankheit charakteristisch sind (Tertiärerscheinungen)

auftreten; sie bestehen in erster Linie in der Bildung knotiger,

sogenannter gummöser Herde, die sich in sämtlichen Organen und Geweben

des Körpers entwickeln können und so zu den allerverschiedensten

Krankheitserscheinungen Anlaß geben können. Durch Zerfall solcher

Knoten kann es zu umfangreichen Zerstörungen und Geschwürsbildungen,

z. B. im Gaumen, kommen, verhältnismäßig häufig sind die schweren

Zerstörungen der Nase durch gleichartige Prozesse, die das Einsinken

des Nasenrückens, die Entstehung der Sattelnase zur Folge haben.

Von den inneren Organen sind besonders häufig die Leber und das

Zentralnervensystem von diesen tertiären Prozessen befallen. Ferner

sind dieser Periode der Syphilis noch schwere Krankheitsveränderungen

in den Schlagadern, besonders in der großen Schlagader eigen, die den

Tod durch Störung der Blutzirkulation zur Folge haben können. Auch

die Krankheitsprozesse der dritten Periode sind, wenn sie rechtzeitig

erkannt werden, in weitem Umfange durch die ärztliche Behandlung

beeinflußbar, vielfach sogar heilbar. Andererseits wird die traurige

Bedeutung der sehr verbreiteten Krankheit noch durch die Tatsache

erhöht, daß dem einmal syphilitisch Infizierten, auch wenn die

Krankheit sonst anscheinend milde verlaufen ist, noch Jahre nach ihrer

Erwerbung bestimmte Rückenmarks- und Gehirnleiden drohen; mit ihr im

Zusammenhang stehen die sogenannte Rückenmarksschwindsucht (~Tabes~)

und die Gehirnerweichung (progressive Paralyse).

Wohl die traurigste Eigenschaft der Syphilis aber beruht darin, daß

die syphilitisch erkrankte Frau dem eigenen Kinde schon im Mutterleibe

den Krankheitskeim mitteilen kann: Es kommt dann zur Geburt toter oder

syphilitisch kranker und lebensunfähiger Kinder.

Als Erreger der Syphilis wurde vor wenigen Jahren von dem kurz

darauf in noch jugendlichem Alter verstorbenen deutschen Zoologen

_Schaudinn_ ein außerordentlich zarter und kleiner schraubenförmiger

Mikroorganismus, die sogenannte ~Spirochaete pallida~ entdeckt (vgl.

Abb. 33); die ursächliche Bedeutung dieses Mikroorganismus ist heute

durch zahlreiche Untersuchungen von verschiedenster Seite außer

Zweifel gestellt; noch ist es aber nicht gelungen, die Spirochaete zu

kultivieren. Noch sind auch die Ansichten darüber geteilt, ob dieser

Mikroorganismus zu den Spaltpilzen oder zu den niedersten tierischen

Kleinlebewesen gehört.

Der Nachweis der Spirochaeten gelingt leicht in den primären und

sekundären Krankheitsprodukten der Syphilis; in denen der tertiären

Syphilis sind sie äußerst selten zu finden. Da diese letzteren

besonders häufig in inneren Organen lokalisiert sind, so ist der

Versuch des Nachweises der Erreger während des Lebens meist überhaupt

ausgeschlossen.

Für die sichere Aufklärung der spezifischen Natur solcher Erkrankungen

ist, wie überhaupt für die Diagnostik der Syphilis von sehr großer

Bedeutung eine von _Wassermann_ gefundene charakteristische Reaktion

des Blutserums syphilitischer Individuen. Der Mechanismus dieser

Reaktion ist zu kompliziert, als daß ein Versuch seiner Erklärung

hier angebracht wäre. Auch ist es nicht an der Zeit, ihre Bedeutung

im Einzelnen zu erörtern, da diese noch unter den Fachleuten lebhaft

diskutiert wird. An dem großen diagnostischen Wert der Wassermannschen

Entdeckung ist aber kein Zweifel.

[Illustration: Abb. 33.

Spirochaeten in der Darmwand eines syphilitisch kranken neugeborenen

Kindes. Schnittpräparat.]

Versuche, gegen die Syphilis zu immunisieren, sei es auf »aktivem«,

sei es auf »passivem« Wege, haben bisher noch keinen Erfolg gehabt; es

ist möglich, daß die Zukunft uns ein wirksames Verfahren bringt. Die

ersten Schritte auf diesem Wege sind insofern getan worden, als durch

den Nachweis der Übertragbarkeit von Syphilis auf Affen, der zuerst

von _Metschnikoff_ und _Roux_ erbracht wurde, der experimentellen

Syphilisforschung vor einigen Jahren die Wege geebnet wurden.

Wenn auch ein _spezifisches_ Heilmittel im Sinne der

Immunitätsforschung für diese Krankheit noch nicht existiert, so hat

der Arzt doch anderseits gerade ihr gegenüber sehr wirksame Medikamente

in der Hand, durch deren sachgemäße Anwendung die Krankheit in

außerordentlich hohem Maße beeinflußt, ja geheilt werden kann. Die

Wirksamkeit dieser Mittel -- besonders des Quecksilbers und des

Jodkaliums -- zeigt sich in ihrem außerordentlich energischen Einfluß

auf einzelne Erscheinungen der Krankheit, der nur in ungewöhnlich

schweren Fällen versagt. Sie zeigt sich weiterhin auch in einer

statistisch nachweisbaren günstigen Beeinflussung des späteren

Verlaufes der Krankheit nach ausgiebiger Behandlung, wenn man zum

Vergleich unbehandelte Fälle heranzieht. Der bekannte französische

Syphilidologe _Fournier_ kommt auf Grund sehr großer Erfahrungen zu

dem Schluß, daß die Syphilis heilbar sei, nicht nur in ihren Folgen

für das Individuum allein, sondern auch in Hinsicht auf die Gefahr der

Infektion der Nachkommenschaft -- freilich nur unter der Voraussetzung,

daß ausreichende sachgemäße Behandlung stattfindet.

Da nur das syphilitische Individuum mit manifesten

Krankheitserscheinungen zur Verbreitung der Seuche fähig ist, so ergibt

sich als wichtigste Maßnahme zu deren Eindämmung die gründliche,

rasche, sachgemäße Behandlung jedes syphilitisch Kranken einerseits,

die Vermeidung der Krankheitsübertragung durch ansteckend Kranke

anderseits. Da im allgemeinen die Infizierten nur in den ersten Jahren

ihrer Erkrankung wieder ansteckungsfähig sind, so kann die Belehrung

über die Gefahr, die sie für gesunde Menschen darstellen, ein weiteres

Mittel zur Verhütung von Neuinfektionen bilden. Vor allem aber wird das

Urteil des Arztes darüber zu entscheiden haben, ob und wann ein einmal

syphilitisch infiziert Gewesener eine Ehe eingehen darf. Wird die

Erlaubnis hierzu zu früh gegeben, so kann durch Infektion der Frau und

durch die Schädigung der Nachkommenschaft nicht wieder gut zu machendes

Unheil gestiftet werden.

In einzelnen Staaten sind daher gesetzgeberische Bestimmungen

getroffen, die z. B. die Genehmigung einer Eheschließung von der

Beibringung eines Gesundheitsattestes abhängig machen; es kann keinem

Zweifel unterliegen, daß solche Bestimmungen segensreich wirken können.

Es könnte nach dem Gesagten scheinen, als müßte die Ausrottung der

Syphilis in einem Kulturlande ein leichtes sein: Es müßte genügen,

von einem gegebenen Augenblick an alle von der Krankheit Befallenen

dahin zu bringen, daß sie jede Verbreitung der Infektion so lange

auf das ängstlichste vermeiden, bis sie durch gründliche Behandlung

geheilt sind. Bisher hat man trotz aller Bemühungen auf diesem Wege der

Ausbreitung der Syphilis noch nicht steuern können. Der Hauptgrund für

diese betrübende Erscheinung liegt in sozialen Verhältnissen, vor allem

in der Prostitution, über deren Duldung oder Unterdrückung hier nicht

geredet werden soll.

Lepra.

Die Lepra oder der »Aussatz« ist eine Krankheit von ganz ausgesprochen

langwierigem Verlauf, die im einzelnen außerordentlich verschiedene

Erscheinungen zeigt, in ihren Endstadien aber in der Regel ihre

bedauernswerten Opfer in grauenerregender Weise entstellt. Ihre

gewöhnliche Form ist die Knotenlepra, die durch die Ausbildung von

kleineren und größeren Knoten in der Haut und den Schleimhäuten

ausgezeichnet ist, aber auch die inneren Organe befällt. Diese knotige

Lepra kann durch Zerfall von Knoten zu Geschwürsbildungen und,

namentlich im Gesicht, dadurch auch zu erheblichen Zerstörungen und

Entstellungen führen. Besonders grauenerregend sind aber die Ausgänge

der anderen Form der Krankheit, der sogenannten Nervenlepra, die mit

schweren Störungen der Ernährung der Weichteile und Knochen einhergeht

und in ihren Endstadien ausgedehnte Verstümmelungen der Gliedmaßen,

besonders der Hände und Füße und des Gesichts, herbeiführt.

Ob die Lepra mit dem Aussatz der Bibel identisch ist, das wissen wir

nicht, es ist aber unwahrscheinlich. In den heutigen Kulturländern

Europas war sie im Mittelalter außerordentlich verbreitet, und zwar

scheint sie hauptsächlich während der Kreuzzüge große Fortschritte

gemacht zu haben. Schon im 9. und 10. Jahrhundert werden einzelne

Leprahäuser auf deutschem Boden erwähnt, auch erfahren wir von

gesetzlichen Bestimmungen, z. B. Heiratsverboten, die gegen die

Verbreitung der Krankheit gerichtet waren, schon unter Pipin und

Karl dem Großen. Am Anfange des 13. Jahrhunderts aber bereits

gab es in Frankreich 2000 Leprahäuser. Die Überzeugung von der

Ansteckungsfähigkeit der Krankheit führte zu sehr strengen

Bestimmungen; der als leprös Erkannte mußte sich in ein Leprahaus

aufnehmen lassen. Bekannt ist ja die Vorschrift, die den Leprösen

zwang, sich durch Klingeln mit einer Schelle bemerkbar zu machen,

wenn er sich menschlichen Wohnungen, in erster Linie zum Zwecke des

Bettelns, nähern wollte. Heute ist die Lepra in Deutschland so gut

wie unbekannt, nur im äußersten Nordosten von Preußen gibt es einige

wenige Lepröse, die ihre Ansteckung zweifellos aus den russischen

Ostseeprovinzen bekommen haben, in denen die Krankheit noch heimisch

ist. Ein kleiner Lepraherd findet sich weiter in Frankreich, in

der Bretagne, ein weiterer in Norwegen. Die südeuropäischen Länder

sind ebenfalls nicht ganz frei von der Krankheit, so die Türkei und

Rußland. Sehr zahlreiche Leprafälle trifft man vor allem in Vorder- und

Hinter-Indien und auf den malayischen Inseln. In Amerika sind einzelne

Staaten an der Nordküste von Südamerika stärker von der Krankheit

befallen, die sonst selten ist, auch Afrika besitzt einige Lepraherde.

Die Ursache der Krankheit ist der von dem norwegischen Forscher

_Hansen_ 1868 zuerst beobachtete Leprabazillus, ein schlankes, dem

Tuberkelbazillus in mancher Hinsicht ähnliches, unbewegliches Stäbchen,

das sich in ganz kolossalen Mengen in den Lepraknoten der Haut und

Schleimhäute, besonders häufig auch im Nasensekret bei geschwürigen

Prozessen der Nase, bei der Nervenlepra endlich im Zwischengewebe der

Nerven findet. Die Kultur dieses Stäbchens ist trotz sehr zahlreicher

Bemühungen nicht gelungen, auch sind bisher noch alle Versuche,

die Krankheit auf Tiere der verschiedensten Arten überzuimpfen,

fehlgeschlagen. Unsere Anschauungen von der Verbreitungsweise der

Krankheit und somit auch die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung, gründen

sich also ganz ausschließlich auf die Beobachtungen am Menschen.

Es steht unzweifelhaft fest, daß die Krankheit ausschließlich

bei Individuen auftritt, die einmal in ihrem Leben mit Leprösen

in Berührung gekommen sind, freilich ist die Inkubationszeit

außerordentlich lang, allem Anschein nach erstreckt sie sich über

Jahre. Die Art und Weise der Übertragung der Keime ist noch nicht

völlig aufgeklärt; besonders gefährlich scheint das bazillenhaltige

Nasensekret zu sein, das sich in einem großen Teil der Fälle findet.

Jedenfalls aber findet die Übertragung nur bei intimer Berührung resp.

bei mangelnder Reinlichkeit statt; das wird auf das schlagendste

bewiesen durch die Tatsache, daß _Hansen_ selbst in jahrzehntelanger

Tätigkeit auch nicht einen einzigen Fall von Übertragung der Krankheit

auf das _Pflegepersonal_ gesehen hat. Daß die Lepra allein durch die

Isolierungsmethode auf das wirksamste bekämpft werden kann, zeigt das

Beispiel Norwegens, wo die Zahl der Leprösen von 2870 im Jahre 1856 auf

577 im Jahre 1900 herabgegangen ist. Seit dem Jahre 1885 besteht dort

der gesetzliche Zwang zur Aufnahme in ein Leprahaus für jeden von der

Krankheit Befallenen, der nicht die Möglichkeit nachweist, in seiner

eigenen Wohnung bestimmten, der Isolierung dienenden Vorschriften

strengstens nachzukommen. In manchen Staaten ist Leprösen das Eingehen

einer Ehe nicht gestattet; diese Bestimmung erscheint durchaus

gerechtfertigt, solange die Krankheit, wenn sie einmal ausgebrochen,

als unheilbar zu gelten hat.

In neuester Zeit berichteten die Zeitungen über günstige Erfolge, die

der deutsche Forscher _Deycke_ mit einem Impfstoff gegen die Lepra

erzielt haben soll. Vor der genauen Veröffentlichung der Resultate, die

bisher noch aussteht, wird man sich jedes Urteils über den Wert des

neuen Mittels enthalten müssen.

Schlußwort.

Rückblick und Ausblick.

Man hört zuweilen in Laienkreisen ungeduldige und abfällige Urteile

über die Bakterienforscher und ihre Erfolge: »Wozu hilft uns die

Entdeckung immer neuer Krankheitserreger, wenn man nicht gleichzeitig

Mittel findet, um die Menschheit von ihnen zu befreien!« In der

Tat, für unsere Wünsche und Hoffnungen geht der Fortschritt der

Wissenschaft im Kampfe mit diesen tückischen kleinen Feinden immer

zu langsam. Wir müssen mit Bedauern eingestehen, daß trotz aller

geleisteten Arbeit noch immer unübersehbares Elend durch die pathogenen

Bakterien entsteht. Das gilt auch, wenn wir von den außerordentlich

großen Verlusten an Menschenleben ganz absehen, die auf Rechnung der

_exotischen Seuchen_ zu setzen sind, wenn wir also nur unser Klima und

die Verhältnisse in Europa betrachten.

Ein Versuch, ein zuverlässiges Urteil darüber zu gewinnen, welchen

Schaden der Kulturmenschheit die bakteriellen Infektionskrankheiten

heute noch zufügen, stößt auf große Schwierigkeiten. Wir müßten

etwa festzustellen trachten, wie viele Menschen in einem bestimmten

Zeitabschnitte in unserem Klima an bakteriellen Infektionen

_erkranken_, wie lange Zeit sie arbeits- und genußunfähig werden, ob

und welchen dauernden Schaden die »Geheilten« etwa behalten, wobei

besonders auch an die Folgen bestimmter Krankheiten für Ehe und

Nachkommenschaft zu denken wäre, endlich: wie viele den Krankheiten

erliegen.

Die Beantwortung aller dieser Fragen stößt auf außerordentlich große

Schwierigkeiten; am ehesten können wir noch die letzte von ihnen in

präziser Weise beantworten -- auf Grund von Statistiken über die

_Todesursachen_, die uns freilich nur einen gewissen gröbsten Maßstab

für die Größe des Schadens geben. Anspruch auf völlige Zuverlässigkeit

haben solche Zusammenstellungen streng genommen nur dann, wenn sie sich

auf Sektionsbefunde stützen.

Als Beispiel einer solchen Zusammenstellung mag eine von Geheimrat

_Marchand_ veröffentlichte Todesursachenstatistik dienen, die sich auf

die im Leipziger Pathologischen Institut in den Jahren 1900 bis 1905

vorgenommenen Leichenöffnungen stützt:

Von 7140 Todesfällen waren allein 1652 (= 23%) auf Tuberkulose

zurückzuführen; 687 (= 9,6%) weitere auf andere ansteckende

Krankheiten, während z. B. auf äußere Einwirkungen aller Art

(Unglücksfälle, Verbrennungen, Verletzungen) im ganzen 561 (= 7,8%) der

Todesfälle zurückgingen. Auf Rechnung von pathogenen Bakterien sind

nun aber weiterhin noch eine sehr beträchtliche Zahl von Todesfällen

zu setzen, die durch Erkrankung lebenswichtiger Organe _im Anschluß_

an eine vorangegangene bakterielle Infektion entstanden sind.

(»Nachkrankheiten«, s. o. in Kapitel II.) Die genaue Aussonderung

dieser Fälle stößt auf gewisse Schwierigkeiten. Mit einiger Sicherheit

kann man in dem hier herangezogenen Material noch mindestens 833 =

11,7% der Fälle in diese Rubrik einordnen. Die Gesamtzahl der sicher

durch pathogene Bakterien verursachten Todesfälle beträgt demnach für

unser Material 3172 = 44,4% der Gesamttodesfälle.

Nur _eine_ Krankheitsgruppe kann sich an trauriger Bedeutung für die

Menschheit mit den Infektionskrankheiten messen: die »bösartigen

Geschwülste«, die »Krebskrankheit« im weiteren Sinne, die in unserer

Statistik mit 799 = 11,2% der Todesfälle vertreten ist.[13]

Wir müssen also ohne weiteres einräumen, daß auch heute noch -- trotz

der gepriesenen Großtaten der Wissenschaft -- unendlich großes Elend

durch pathogene Bakterien der Menschheit bereitet wird. Haben wir

deshalb Grund zu verzagen, die Hände in den Schoß zu legen? Gewiß

nicht; im Gegenteil, wir haben allen Grund, hoffnungsvoll in die

Zukunft zu sehen. Dazu berechtigen uns die wirklich erreichten Erfolge.

Freilich ist es noch außerordentlich viel schwieriger, von ihrem

Umfang eine annähernd richtige Vorstellung zu gewinnen, als von den

Verwüstungen, die die Infektionskrankheiten anrichten.

Die einfachsten und deshalb durchsichtigsten Verhältnisse finden wir

bei den beiden Krankheiten, die wir am wirksamsten bekämpfen gelernt

haben, bei den »Pocken« und bei der »Diphtherie«. Man kann wohl

annehmen, daß im 18. Jahrhundert in Europa im allgemeinen 1/14 bis 1/12

aller Todesfälle durch Blattern verursacht waren. (_Kübler_, Geschichte

der Pocken und der Impfung S. 101.) Heute ist _diese_ Krankheit in

Deutschland so gut wie unbekannt, in den andern Kulturländern ebenfalls

um so seltener, je allgemeiner die Schutzpockenimpfung durchgeführt

ist. Hier dürfen wir mit Recht also von einem vollständigen Sieg der

Kulturmenschheit über einen Infektionskeim sprechen.

Nicht ganz so günstig liegen die Erfolge gegenüber der Diphtherie,

die auch nach der Einführung des _Behring_schen Heilserums immer noch

Opfer fordert; darüber aber sind Ärzte und Laien sich einig, daß auch

diese gefürchtete Krankheit seit der Entdeckung dieses Mittels ihren

Schrecken größtenteils verloren hat. Das beweisen vor allem auch die

statistischen Feststellungen, die von jenem Augenblick an einen ganz

erheblichen Abfall der Diphtherie-Sterblichkeit zeigen.

Auch die Wutschutzimpfung mit ihren segensreichen Folgen gehört zu den

unmittelbaren Erfolgen der Wissenschaft; ebenso ist hier die siegreiche

Bekämpfung bakterieller Tierseuchen noch einmal zu erwähnen.

Aber -- kommt der ungeduldige Leser wieder zum Worte -- gegen alle

die vielen anderen Krankheitserreger, die entdeckt und bis auf alle

Einzelheiten ihrer Lebensbedingungen und Lebensäußerungen untersucht

worden sind, hat man immer noch kein Radikalmittel von zweifellosem

Wert? Die Antwort lautet: Nein; aber man hat vielversprechende Anfänge

an verschiedenen Punkten, und wir dürfen hoffen, daß manche der

Heilsera und manche Schutzimpfungsmethoden sich noch bewähren werden,

oder aber, daß bessere Mittel an ihre Stelle treten werden.

Wir dürfen also _hoffen_, wird der Leser erwidern -- mit anderen

Worten: Zukunftsmusik! -- Doch nicht ganz; denn man vergißt in seiner

Ungeduld über dem Wunsche nach radikalen Heil- und Schutzmitteln, die

ja freilich als letztes praktische Ziel aller Forschung über pathogene

Bakterien vorschweben, den großen _mittelbaren_ Nutzen, den die

bisherigen Ergebnisse der Wissenschaft schon gehabt haben.

Es ist hier schlechterdings nicht möglich, im einzelnen auszuführen,

welchen Umschwung in den ärztlichen Anschauungen, in der Erkennung,

Behandlung und vor allem in der _Verhütung_ von Krankheiten die

Bakteriologie herbeigeführt hat. Hier muß vor allem auf den schwer

schätzbaren, aber sicher gewaltigen Fortschritt hingewiesen werden,

den die _Verhütung der Seuchen_ gemacht hat. Aber nicht nur exotischen

Krankheiten stehen wir bei weitem besser gerüstet gegenüber als vor den

Erfolgen _Robert Kochs_; auch den endemischen Infektionskrankheiten

können wir wirksamer als zuvor entgegentreten.

Von unabsehbarer Bedeutung für die Menschheit ist aber ferner der

gewaltige Aufschwung, den die _operative Medizin_ -- in erster Linie

dank den Errungenschaften der Bakteriologie -- genommen hat. Die

Voraussetzung für die erstaunliche Entwickelung der Chirurgie im

Verlauf der drei letzten Jahrzehnte war die Entdeckung der Ursachen der

Wundkrankheiten und die Ausbildung der Methoden zu ihrer Verhütung.

Wer vermag zahlenmäßig zu belegen, wieviele Menschenleben um Jahre,

ja Jahrzehnte, verlängert worden sind durch chirurgische Eingriffe,

die früher gar nicht gewagt werden konnten, weil sie sicheren Tod

des Operierten zur Folge gehabt hätten! Gerade auch der gefürchteten

Krebskrankheit gegenüber hat so -- auf Umwegen -- die Entdeckung der

pathogenen Bakterien zu großen Erfolgen geführt, indem sie operative

Eingriffe ermöglichte, an die sich vor der Einführung von Antisepsis

und Asepsis in die Chirurgie auch der kühnste Operateur mit Recht nicht

heranwagte.

Kurz: die mittelbaren und unmittelbaren praktischen Ergebnisse der

Wissenschaft für den Kampf gegen die Infektionskrankheiten sind heute

schon gewaltig große, und mit Recht verehrt die Menschheit unter ihren

Wohltätern _Jenner_, _Pasteur_, _Koch_, _Behring_. Mit Recht dürfen wir

aber auch hoffen, daß der unaufhaltsame Fortschritt der Wissenschaft

der Menschheit immer neue Mittel in die Hand geben wird, der pathogenen

Bakterien Herr zu werden, ja, daß einmal der Tag kommen wird, an dem

man, wenn nicht alle, so doch manche oder viele Arten dieser Schädlinge

ebenso unschädlich gemacht hat, wie den Pockenkeim, der Tag, an dem

man von Cholera und Pest, ja von Syphilis und Tuberkulose nur noch

aus den Büchern der Geschichte erfahren wird, der Tag, an dem man

die Abbildungen von diesen Krankheiten mit dem gleichen Interesse

betrachten wird, mit dem wir heute vor den Skeletten der gewaltigen

Tierarten stehen, die unseren Vorfahren nach dem Leben trachteten.

Druck von B. G. Teubner in Dresden.

Die krankheiterregenden Bakterien Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen · 第 27 / 33 题