Eine in ihrer traurigen Bedeutung für die Menschheit früher bei weitem
unterschätzte Infektionskrankheit stellt die in der wissenschaftlichen
Medizin als Gonorrhoe bezeichnete Krankheit dar, die ganz
wesentlich die Harnwege und die Schleimhäute der Generationsorgane
befällt und deshalb auch zu den »venerischen« Krankheiten gerechnet
wird. Es handelt sich in den Anfangsstadien um akut einsetzende
eitrige Entzündungen dieser Schleimhäute, die aber namentlich bei
unzureichender Behandlung in chronische Prozesse von außerordentlicher
Langwierigkeit übergehen können. Die chronische Gonorrhoe des Mannes
ist die Quelle unendlich vielen menschlichen Elends, vor allem als
Ursache der Kinderlosigkeit (Sterilität) vieler Ehen: die gonorrhoische
Erkrankung kann einerseits unmittelbar völlige Zeugungsunfähigkeit des
Mannes und somit Sterilität der Ehe zur Folge haben, andererseits,
wenn eine Eheschließung erfolgt, bevor der Mann völlig geheilt ist,
langdauerndes Siechtum und entweder völlige Sterilität der Frau
oder deren Sterilität nach dem ersten Wochenbett verursachen. Ganz
besonders traurig war endlich noch, besonders in früherer Zeit,
die außerordentlich häufige Übertragung des Krankheitsprozesses
auf die Augenbindehaut schon während der Geburt des Kindes einer
gonorrhoisch infizierten Frau. Schwere eitrige Augenentzündungen,
die häufig zum Verluste des Augenlichtes führten, waren die
häufige Folge dieser Übertragungsweise, der man erst seit wenigen
Jahrzehnten systematisch dadurch vorbeugt, daß man ein Tröpfchen
einer antiseptischen Silbersalzlösung in den Augenbindehautsack des
Neugeborenen einträufelt. Die gonorrhoische Augenentzündung in den
ersten Lebenstagen ist seit der Einführung dieser Maßnahmen durch
_Credé_ so gut wie ausgetilgt, und unendlich viel Elend ist dadurch der
Menschheit erspart worden. Immerhin kommt auch heute noch, wenn auch
viel seltener, gonorrhoische Infektion der Augenbindehaut zustande,
gelegentlich auch durch unreinliches Verhalten bei gonorrhoisch
erkrankten erwachsenen Individuen. Wenn man nun ferner noch erfährt,
daß, freilich in seltenen Fällen, die gonorrhoische Infektion auch mit
Gelenkrheumatismus und Herzklappenerkrankung einhergehen und so das
Leben unmittelbar bedrohen kann, so wird man nicht mehr an dem großen
Ernst der Krankheit zweifeln können.
Als Erreger der gonorrhoischen Krankheitsprozesse wurde im Jahre
1879 von _Neißer_ ein durch seine eigentümliche Semmelform und durch
seine Lagerung in bestimmten Körperzellen wohl charakterisierter
Mikrokokkus entdeckt (vgl. Abb. 30), dessen Reinkultur, die anfänglich
auf Schwierigkeiten stieß, wenige Jahre später _Bumm_ gelang. Der
Gonokokkus gehört zu den sehr anspruchsvollen Mikroorganismen: er
geht durch Abkühlung und durch Eintrocknung außerhalb des Körpers
außerordentlich rasch zugrunde und wird daher ausschließlich durch
Übertragung von Mensch zu Mensch oder doch auf allerkürzesten Umwegen
gefährlich.
Der Kampf gegen die Gonorrhoe hat daher in erster Linie die Vermeidung
der Weiterverbreitung durch direkte Ansteckung ins Auge zu fassen und
zu diesem Zweck vor allem in gründlicher und sachgemäßer Behandlung
jedes erkrankten Individuums bis zu seiner völligen Heilung zu
bestehen. Wichtig ist auch, daß jeder Kranke über die außerordentlich
große Gefahr, die eine gonorrhoische Augenentzündung mit sich bringt,
unterrichtet und deshalb zu besonderer Reinlichkeit ermahnt wird.
Die Behandlung des Erkrankten ist ausschließlich Sache des Arztes,
dem heute eine ganze Anzahl von wirksamen Arzneimitteln für diesen
speziellen Zweck zur Verfügung stehen, durch deren sachgemäße Anwendung
in Verbindung mit einer geeigneten Diät die meisten Krankheitsfälle
geheilt werden können.
[Illustration: Abb. 30.
Gonokokken im Eiter bei akuter Gonorrhoe. Semmelförmige Doppelkokken im
Körper von Eiterzellen (weißen Blutzellen).]
Unbedingte Pflicht eines jeden, der einmal gonorrhoisch infiziert
war, ist, daß er eine Ehe unter allen Umständen erst dann eingeht,
wenn ärztlicherseits seine Heilung festgestellt und ihm daraufhin die
Erlaubnis zum Heiraten gegeben worden ist.