Typhusbazillen; Abstrich von einer Reinkultur.]

Da die erste und wesentlichste Ansiedelung der Typhusbazillen im

Darm erfolgt, ist es wahrscheinlich, daß sie immer vom Mund aus

in den Körper eindringen. Vereinzelte Typhusfälle, die hier oder

da auftreten, beispielsweise Erkrankung des Pflegepersonals in

großen Krankenhäusern, sind ohne Zweifel darauf zurückzuführen, daß

Typhusbazillen aus den Ausscheidungen eines Kranken auf irgendeinem

Wege mit den Nahrungsmitteln oder mit der Hand in den Mund des Gesunden

gelangt sind. Nicht nur die Darmentleerungen, sondern in sehr vielen

Fällen auch der Harn der Kranken enthält enorme Mengen der infektiösen

Keime, und es ist nur zu erklärlich, daß, namentlich in der Umgebung

benommener Kranker, tausend Möglichkeiten der Kontakt-Infektion gegeben

sind.

Neuerdings ist z. B. von Geheimrat _Curschmann_, einem der erfahrensten

Typhuskenner, besonders auf die Rolle der Fliegen bei der Verschleppung

von Keimen hingewiesen worden; daß diese Tiere mit kleinsten

Partikelchen der Entleerungen eines Kranken Keime verschleppen können,

ist von vornherein einleuchtend; man hat es aber auch unmittelbar

nachweisen können, indem man Fliegen aus dem Krankenzimmer eines

Typhösen über eine Nähragarfläche kriechen ließ und nach einiger Zeit

neben anderen Kolonien auch solche des Typhuserregers aufgehen sah.

Die wichtigste Maßnahme, die zur Eindämmung der Typhuserkrankungen

führen kann, ist deshalb wiederum die absolute oder doch tunlichste

Isolierung des erkrankten Menschen. Schwerkranke sollten immer

in Krankenhäusern untergebracht werden, die über besondere

Isolierstationen verfügen. Von den ganz leichten Fällen ist dies

selbstverständlich nicht zu verlangen. Unbedingte Erfordernis ist

aber, daß sämtliche typhusbazillenhaltigen Ausscheidungen sofort in

besonderen Gefäßen desinfiziert werden. Die neuere Zeit hat uns nun

gelehrt, daß diese Aufgabe erheblich größer und damit schwieriger ist,

als man früher wohl annahm, insofern, als sowohl die Rekonvaleszenten

von schweren Typhusfällen als auch die schon erwähnten ganz leicht

Erkrankten oft viele Monate hindurch die gefährlichen Keime beherbergen

und ausscheiden. Bei gutem Willen kann nun zwar ein einigermaßen

intelligenter Mensch für die Vernichtung dieser ausgeschiedenen

Bazillen hinreichend sorgen, die erste Voraussetzung hierfür ist

aber die Erkenntnis seiner Krankheit resp. seiner Gefährlichkeit. Um

diese bemühen sich besonders die Medizinalbeamten und Ärzte und an

vielen hervorragend gefährdeten Stellen besondere zur Typhusbekämpfung

begründete Institute.

Hin und wieder kommt es zu explosionsartig auftretenden Typhusepidemien

hier oder da. In solchen Fällen hat sich in der Regel nachweisen

lassen, daß irgendwo durch typhöse Ausscheidungen Verunreinigungen

einer Trinkwasserquelle erfolgt waren, die dann direkt oder nicht

selten auch auf einem Umwege zu einer sehr erheblichen Verbreitung

der Krankheit beigetragen haben. Mehrfach hat sich gezeigt, daß

die gemeinschaftliche Ansteckungsquelle für eine große Zahl von

Typhusfällen in der Milch zu suchen war; die Typhusbazillen stammten

dann wiederum aus infiziertem Wasser, das entweder zur Reinigung der

Gefäße oder aber in betrügerischer Absicht zur Verdünnung der Milch

verwendet worden war. Die Anstrengungen der Medizinalbehörden sind

deshalb in neuerer Zeit auch besonders auf die Bekämpfung des Typhus in

den Dörfern gerichtet, in denen bisher die Wasserversorgung vielfach

noch nicht mit der gleichen Schärfe überwacht werden kann als in den

Städten.

* * * * *

Einige Ähnlichkeit mit dem Unterleibstyphus haben manche Fälle

von Vergiftungen durch Nahrungsmittel, die mit bestimmten, dem

Typhusbazillus nahestehenden Bakterien infiziert waren. Es mag deshalb

hier eine kurze Erörterung dieser und ähnlicher Erkrankungen und ihrer

Entstehung angeschlossen werden.

Nach dem Genuß _verdorbener_, d. h. in Fäulnis übergegangener

Nahrungsmittel treten oft sehr erhebliche Krankheitserscheinungen,

in erster Linie heftige Verdauungsstörungen, auf. Die Ursache

dieser Erkrankungen liegt in der Giftigkeit mancher der bei der

Fäulnis entstehenden Abbau- oder Zersetzungsprodukte der organischen

Substanzen, vor allem der Eiweißabbauprodukte. Da die Zersetzung auf

der Lebenstätigkeit von Bakterien beruht, so kann man in gewissem Sinne

auch diese Erkrankungen den Spaltpilzen auf die Rechnung setzen. Es ist

aber einleuchtend, daß es sich dabei um etwas ganz anderes handelt als

um eine Infektionskrankheit. -- Man vermeidet diese Schädlichkeit in

der Regel leicht dadurch, daß man sich vor dem Genuß aller verdorbenen

Nahrungsmittel, die durch Aussehen, Geruch und Geschmack ja meist

leicht erkennbar sind, hütet.

Man hat aber anderseits nach dem Genuß von Nahrungsmitteln, die

im gewöhnlichen Sinne durchaus nicht verdorben waren, mehr oder

weniger heftige Erkrankungen auftreten sehen, die zuweilen geradezu

epidemieartig erschienen, indem sie gleichzeitig eine große Anzahl

von Personen befielen, die von irgendeiner Speise genossen hatten.

Dabei handelte es sich teils um Fleischkonserven, Wurst, teils auch

um Gemüsekonserven, aber auch um andere Speisen verschiedener Art.

In solchen Fällen ist es bereits mehrfach gelungen, die Ursache der

Erkrankung in bestimmten Bakterienarten nachzuweisen, die sowohl in

dem betreffenden Nahrungsmittel als auch in den Darmentleerungen

der Erkrankten nachgewiesen werden konnten. Bei einzelnen solcher

Erkrankungen gelang es, die gleichen Bakterien auch im Blute der

Patienten zu finden. In diesen Fällen haben wir es also mit einem

echten infektiösen Prozeß zu tun.

Es ist ganz ausgeschlossen, die verschiedenen Krankheitsformen und die

dabei bisher gefundenen Krankheitserreger hier zu erörtern oder auch

nur aufzuzählen. Glücklicherweise gehören derartige Erkrankungen und

besonders derartige Epidemien zu den seltenen Vorkommnissen. Da sie

aber unter Umständen große Ähnlichkeit einerseits mit der asiatischen

Cholera, anderseits, wie erwähnt, mit dem Typhus aufweisen, so kann

ihre richtige Erkennung besonders in Zeiten, wo die eine oder andere

dieser beiden Krankheiten uns bedroht, von großer Wichtigkeit sein.

So ist es vorgekommen, daß gerade während des Auftretens einzelner

Cholerafälle in unsern östlichen Provinzen, zu einer Zeit also,

in der man eine epidemische Verbreitung der Cholera zu befürchten

hatte, »explosionsartig« eine große Anzahl von Erkrankungen an

Brechdurchfall in einer Stadt der Provinz Brandenburg auftraten, die

einige Beunruhigung verursachten, bis die bakteriologische Untersuchung

ergab, daß es sich um Nahrungsmittelvergiftung durch eine bekannte

Bakterienart, vor allem also _nicht_ um Cholera handelte.

Kapitel VIII.

Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas,

die durch Kugelbakterien hervorgerufen werden: 1. Die

Wundinfektionskrankheiten im engeren Sinne und die

»Eitererreger«: Staphylokokken als Krankheitserreger. --

Streptokokken als Krankheitserreger. -- 2. Gonokokken und

gonorrhoische Erkrankungen. -- 3. Meningokokken und epidemische

Genickstarre. -- 4. Die Pneumokokken und die Lungenentzündung.

1. Die Wundinfektionskrankheiten im engeren Sinne und die

»Eitererreger«.

Man kann sich heute kaum eine Vorstellung davon machen, welche

gewaltige Bedeutung für die Gesundheit unzähliger Menschen die

Entdeckung einer kleinen Gruppe von Mikroorganismen hatte, die man

zuweilen als »_Eitererreger_« im engeren Sinne bezeichnet. Bevor man

diese kleinen tückischen Feinde kannte, und namentlich bevor man durch

genaue Erforschung ihrer Eigenschaften und ihrer Verbreitung auch

Mittel fand, sie zu bekämpfen, drangen Eitererreger fast regelmäßig

in Wunden ein, die durch kleinste Verletzungen oder durch Schuß oder

Hieb, außerordentlich oft aber auch in solche, die durch das Messer

des Chirurgen entstanden waren. Es kam dann zur Wundeiterung, die die

Heilung verzögerte, oft aber auch aus einer lokalen zu einer schweren

Allgemeinerkrankung wurde und nicht selten zum Tode führte.

Als Einfallspforte diente den Keimen sehr häufig auch die große

Wundfläche, die bei der _Geburt_ regelmäßig entsteht, und das

gefürchtete Wochenbettfieber ist nichts anderes als eine Infektion

der Gebärmutterwunde mit Eitererregern. Es ist eines der traurigsten

Erinnerungsbilder aus der Geschichte der ärztlichen Bestrebungen, das

uns vor Augen tritt, wenn wir die für jene Zeit leider allgemeiner

gültigen Schilderungen des bekannten ungarischen Arztes _Philipp

Ignatius Semmelweiß_ aus den öffentlichen Gebäranstalten Wiens um

die Mitte des vorigen Jahrhunderts lesen. Die Sterblichkeit an

Wochenbettfieber war dort eine ganz kolossale, sie betrug bis zu 40%,

und jede Frau, die dies irgend konnte, vermied es, ihre schwere Stunde

gerade in einer der Anstalten zuzubringen, in denen am besten für sie

gesorgt sein sollte. Die Ursache der hohen Sterblichkeit waren eben die

Wundinfektionen, deren Keime durch die Hände der Ärzte und Studierenden

bei ihren Hilfeleistungen selbst von Fall zu Fall übertragen wurden.

Die Einführung einer einfachen Händedesinfektion durch _Semmelweiß_,

der im übrigen von den richtigen Vorstellungen über das Wesen der

Krankheitserreger noch weit entfernt war, brachte alsbald eine ganz

erhebliche Verringerung der Sterblichkeit mit sich.

Die ersten umfangreichen Beobachtungen über Mikrokokken im

Wundeiter stammen von deutschen Ärzten, die während des Krieges

1870/71 reichliches Beobachtungsmaterial sammeln konnten. _Klebs_,

_Rindfleisch_, _v. Recklinghausen_ u. a. fanden in allen möglichen

eiternden Wunden kleine Kugelbakterien, die entweder eine kettenförmige

oder eine weintraubenförmige Anordnung zeigten. In der Folgezeit

gelang es dann _Robert Koch_, den Beweis zu erbringen, daß es sich

dabei um verschiedene Arten von Mikroorganismen handle; es gelang

ihm weiterhin, Reinkulturen von ihnen zu gewinnen, und es zeigte

sich, daß im wesentlichen die kettenförmigen oder Streptokokken

eine Art bilden, während die traubenförmigen oder Staphylokokken

eine andere Art darstellen. Die weitere Forschung ergab dann, daß

sowohl die Streptokokken als auch die Staphylokokken die Ursache

von Allgemeininfektionen werden können, daß beide Mikroorganismen

Herzklappenerkrankungen verursachen können, und daß sie auch die

Ursache von Krankheiten sind, die entweder nachweislich _nicht_ oder

wenigstens nicht _nachweislich_ durch Wundinfektion zuerst entstehen.

Staphylokokken.

Staphylokokken finden sich auf den Schleimhäuten und auf der

Hautoberfläche Gesunder in großer Zahl, doch sind unter ihnen

verschiedene Unterarten zu unterscheiden, von denen nur einzelne

krankheiterregende Eigenschaften besitzen. Nur diese letzteren

interessieren uns hier; sie finden sich bei einer ganzen Reihe teils

harmloser, teils ernsterer, teils auch schwerster menschlicher

Krankheiten.

Zu den harmlosen, durch Staphylokokken verursachten Krankheiten gehört

der sogenannte Furunkel, eine in Eiterung ausgehende Entzündung eines

Haarbalgs, die meist unter geeigneter Behandlung, in leichtesten Fällen

auch ohne solche, zur Heilung kommt, ohne dem Erkrankten Schlimmeres

als kleine Unannehmlichkeiten bereitet zu haben. Ausgebreitete

Furunkulose, die durch Infektion benachbarter Haarbälge entstehen

kann, kann immerhin schon äußerst lästig werden. Wichtiger ist zu

wissen, daß in seltenen Fällen von einem ursprünglich anscheinend

harmlosen Furunkel ein Einbruch der pathogenen Keime in kleine

Blutgefäße erfolgen und eine Allgemeininfektion hervorrufen kann, die

der Laie gewöhnlich als Blutvergiftung bezeichnet. Bekanntlich ist

dies ein das Leben in höchstem Maße bedrohender Zustand. Es sollte

deshalb jeder wissen, daß Furunkel unter allen Umständen ärztlicher

Behandlung bedürfen, ganz besonders bei älteren Leuten. Besonders

große und gefährliche Furunkel, die sich vorwiegend gerade bei älteren

Individuen, manchmal aber auch bei jüngeren, entwickeln, bezeichnet man

oft als Karbunkel.

Die Staphylokokken können in seltenen Fällen die Ursache schwerer,

ja tödlicher Wochenbettinfektionen werden, sehr häufig verursachen

sie dann nach dem Eindringen in die Blutbahn Herzklappenerkrankungen.

Gerade auf den ergriffenen Herzklappen finden sich in diesen Fällen

dann ganz kolossale Mengen der gefährlichen Mikroben, und es kommt

gewöhnlich von dort aus zu einer Einschwemmung der Kokken mit dem

Blutstrom in die verschiedensten Organe; überall, wo sie hingelangen,

werden sie die Ursache von Eiterungen und damit von mehr oder weniger

schweren Störungen der Organfunktion.

[Illustration: Abb. 26.

Staphylokokken; Ausstrichpräparat von einer Reinkultur auf Nähragar;

weintraubenförmige Anordnung der Kokken.]

Staphylokokken sind auch die Ursache einer sehr gefürchteten

Krankheit des jugendlichen Alters, nämlich der akuten Osteomyelitis

(Knochenmarkentzündung), die glücklicherweise nur selten auftritt und

auch nicht immer den schlimmsten Ausgang nimmt.

Charakteristisch für den Staphylokokkus ist nicht sowohl seine Gestalt

-- es handelt sich um ein sehr kleines, unbewegliches Kugelbakterium

-- als vielmehr die Anordnung der Individuen, die sowohl im erkrankten

Körper als auch in Kulturen zu kleinen und größeren Häufchen vereinigt

sind, die oft in ganz ausgesprochener Weise weintraubenartige Verbände

bilden. Die Kulturen sind durch Bildung von schönen Farbstoffen

ausgezeichnet, die bei verschiedenen Unterarten verschieden sind; die

wichtigsten Unterarten sind nach dieser Farbstoffbildung als »weiße«

und »goldgelbe« Staphylokokken bezeichnet.

[Illustration: Abb. 27.

16 Stunden alte Kolonien von Staphylokokken auf der Nähragarplatte; ~a~

natürliche Größe, ~b~ etwa 15fach vergrößert. Oberflächliche Kolonien

groß, kreisrund, tiefe Kolonien klein, wetzsteinförmig.]

Ein Heilserum gegen Staphylokokkeninfektion besitzen wir noch nicht;

in neuerer Zeit hat man sich -- besonders in England -- vielfach

bemüht, gerade gegen diesen Mikroorganismus eine »spezifische Therapie«

anzuwenden, die nach dem Prinzip der aktiven Immunisation in der

Einverleibung kleinster Mengen abgetöteter Reinkulturen (von den

englischen Ärzten als »~Vaccines~« bezeichnet) besteht.

[Illustration: Abb. 28.

Die krankheiterregenden Bakterien Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen · 第 22 / 33 题