Milzbrand; Rückfallfieber 65–70

Kapitel VI.

Die beiden wichtigsten exotischen Seuchen, Pest und

asiatische Cholera, mit einer Vorbemerkung zu ihrer

Geschichte und Epidemiologie 70–79

Kapitel VII.

Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas,

die durch Stäbchenbakterien hervorgerufen werden:

Diphtherie. -- Tetanus. -- Influenza. -- Keuchhusten.

-- Unterleibstyphus (mit einer Anmerkung über

Nahrungsmittelvergiftungen durch Bakterien) 79–89

Kapitel VIII.

Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die

durch Kugelbakterien hervorgerufen werden:

Staphylokokken als Krankheitserreger. -- Streptokokken

als Krankheitserreger. -- Gonokokken und gonorrhoische

Erkrankungen. -- Meningokokken und epidemische

Genickstarre. -- Pneumokokken und ihre Bedeutung 89–102

Kapitel IX.

Die wichtigsten chronischen Infektionskrankheiten des

Menschen: Tuberkulose. -- Syphilis. -- Lepra 102–117

_Schlußwort._ Rückblick und Ausblick 117–120

[Illustration]

Einleitung.

Kurzer Abriß der Geschichte der Erforschung der

krankheiterregenden Spaltpilze. -- _Athanasius Kircher._

-- _Leeuwenhoek._ -- Der Streit um die »Urzeugung«. --

_Ferd. Cohn_ und _Naegeli_. -- _Pasteur_ und _Robert Koch_.

-- Die Konstanz der Bakterienarten; die »Spezifität« der

Krankheiterreger.

Unter den Krankheiten, die das Menschengeschlecht bedrohen, sind

eine ganze Anzahl durch die auffällige Eigenschaft ausgezeichnet,

»_ansteckend_« zu sein, d. h. von einem kranken Individuum auf ein

anderes bisher gesundes übertragen werden zu können, so wie eine

Feuersbrunst durch den Funken verbreitet wird, der vom brennenden

Hause auf das Dach des Nachbarhauses überspringt und es »ansteckt«.

Die furchtbarsten Beispiele aus dieser Krankheitsgruppe stellen die

eigentlichen _Volksseuchen_ dar, die -- wie Pest und Cholera -- seit

Jahrtausenden der Menschheit unübersehbaren Jammer gebracht haben,

die auch heute noch nicht endgültig besiegt sind, wohl aber -- dank

den Fortschritten der Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten --

für hochkultivierte Länder und Völker ihren Schrecken größtenteils

eingebüßt haben. Die Menschheit hat Mittel kennen gelernt, diesen

Gefahren mit Erfolg zu begegnen, seit als die _Ursache_ der Seuchen

kleinste Lebewesen erkannt wurden, Lebewesen, die größtenteils zu dem

auf der Erde außerordentlich verbreiteten Reiche der _Spaltpilze_ oder

_Bakterien_ gehören.

Schon lange vor der wissenschaftlichen Sicherstellung dieser wichtigen

Tatsache hatten klar denkende Beobachter -- Naturforscher und Ärzte

sowohl wie auch Laien -- die richtige Vorstellung gehabt, daß den

Volksseuchen ein »belebter Ansteckungsstoff« (ein »~contagium

animatum~«) zugrunde liege. Aber alle Versuche, dieses gefährliche

Lebewesen zu finden und zu fassen, mußten an seiner Kleinheit

scheitern: die Bakterien sind unsichtbar klein. Die größten unter ihnen

haben Durchmesser von einigen Tausendsteln eines Millimeters (1/1000

~mm~ wird als ein Mikron bezeichnet und 1 µ geschrieben), die kleineren

einen solchen, der nur Bruchteile eines µ beträgt. Die ganze Welt der

Spaltpilze von denen die _krankheiterregenden_ nur einen ganz kleinen

Teil bilden, blieb der Menschheit deshalb unbekannt, solange man

leistungsfähige Vergrößerungsgläser -- Mikroskope -- noch nicht besaß.

Die Erforschung dieser kleinen Wesen aber war in ihren Fortschritten

auch nach der Herstellung des ersten Mikroskops abhängig von der

Entwicklung und Verbesserung dieses Instruments, und sie ist auch heute

noch längst nicht an ihrem Ende angelangt.[1]

Die ersten Beobachtungen von Bakterien sind gegen Mitte des 17.

Jahrhunderts gemacht worden. Der gelehrte Jesuitenpater _Athanasius

Kircher_, wohl der erste Mensch, der lebende Spaltpilze gesehen und

beschrieben hat, besaß nur ein recht primitives Vergrößerungsglas, dem

man den stolzen Namen Mikroskop heute kaum gönnen würde. Es soll eine

32fache (lineare) Vergrößerung ermöglicht haben, hat also gerade eben

nur gestattet, größere Spaltpilze zu _sehen_. So ist es denn nicht

verwunderlich, daß der gelehrte Pater, der ganz richtige Vermutungen

über die Existenz kleinster _krankheiterregender_ Lebewesen hegte, zu

irrtümlichen Beobachtungen gelangte, da er außerstande war, Bakterien

von anderen sehr kleinen Objekten zu unterscheiden. So fand _Kircher_

bei einer im Jahre 1656 in Süditalien herrschenden »Pestseuche«

mit Hilfe seines Vergrößerungsglases im Blute der Kranken kleine

»Würmchen«, die er als die gesuchten krankheiterregenden Wesen ansprach

-- gewiß mit Unrecht, denn er hat wahrscheinlich nichts anderes gesehen

als die sogenannten roten Blutkörperchen, kleine Scheibchen, die

in unserem Blute immer vorhanden sind und einen seiner wichtigsten

Bestandteile bilden. _Athanasius Kircher_ war eben ganz auf dem

richtigen Wege zum Ziele, aber mit seinen mangelhaften Hilfsmitteln

konnte er es nicht erreichen.

Ein halbes Jahrhundert später erst gelang es den geschickten

Händen _Antony van Leeuwenhoeks_, kleine Linsen so sorgfältig und

gleichmäßig zu schleifen, daß sie alle bis dahin angefertigten an

Vergrößerungskraft übertrafen; er vervollkommnete hierdurch und durch

kleine anderweitige Kunstgriffe seine optische Ausrüstung in bisher

noch nicht dagewesenem Maße und untersuchte nun -- von Haus aus ohne

jede naturwissenschaftliche Ausbildung -- mit ihrer Hilfe allerhand

Flüssigkeiten: Regenwasser, Pflanzenaufgüsse, Darminhalt von Tieren

und Menschen, den eigenen Speichel u. a. m. mikroskopisch. Überall

fand er -- bald reichlicher, bald spärlicher -- kleinste, vollkommen

farblose »Tierchen«, die verschieden gestaltet, zum Teil lebhaft

beweglich waren. Dank einer vorzüglichen Beobachtungsgabe und ebenso

großer Zuverlässigkeit beschrieb _Leeuwenhoek_ diese »Tierchen« so

genau, daß wir sie heute mit Sicherheit als Bakterien wiedererkennen

können. Auch gab er durchaus naturgetreue Abbildungen von ihnen, die

die drei Hauptformen der Spaltpilze vollkommen richtig darstellen: alle

die unzähligen Bakterien, die seitdem beobachtet worden sind, lassen

sich ihrer Gestalt nach in kugelförmige (Mikrokokken), stäbchenförmige

(Bazillen) und schraubenförmige (Spirillen) scheiden (s. Abb. 1).

Freilich wechseln sie nach Dimensionen und kleinen Einzelheiten ihres

Baues, wie wir sehen werden, in mannigfaltigster Weise, aber alle

lassen sich auf einen der drei schon von _Leeuwenhoek_ unterschiedenen

Grundtypen zurückführen.

[Illustration: Abb. 1.

Die Hauptformen der Bakterien, schematisch. ~a~ Kugelbakterien

(Kokken), ~b~ Stäbchenbakterien (Bazillen), ~c~ Schraubenbakterien

(Spirillen).]

Auf die Frage nach der Bedeutung der entdeckten Kleinlebewesen ging

_Leeuwenhoek_, der aller Spekulation abhold war, gar nicht ein; er

begnügte sich mit der Feststellung der Tatsachen, die die Existenz

einer ganzen Welt kleinster Lebewesen bewiesen, von der man bislang

kaum etwas geahnt hatte. Nur zu einer Frage nahm _Leeuwenhoek_

Stellung: die Möglichkeit, daß die neu entdeckten »Tierchen« in das

Blut eindringen und Krankheiten verursachen könnten, glaubte er -- auf

Grund falscher Vorstellungen von dem feineren Bau des menschlichen

Körpers -- ausschließen zu müssen. Darin hatte nun wiederum

_Leeuwenhoek_ trotz aller Überlegenheit seiner Beobachtungen unrecht

gegenüber _Kirchers_ richtigeren, aber falsch begründeten Anschauungen.

Es hat aber ungefähr zwei Jahrhunderte langer wissenschaftlicher

Forscherarbeit bedurft, bis die Rolle der Bakterien in der Natur und

insbesondere ihre Bedeutung als Krankheitserreger in einwandfreier

Weise klargestellt wurde.

Seit _Leeuwenhoeks_ grundlegenden Beobachtungen hatte sich -- mit

zunehmender Verbreitung und allmählicher Verbesserung des Mikroskopes

-- eine immer größere Zahl von Naturforschern mit dem Studium der

Bakterien abgegeben. Allmählich hatte sich die Anschauung durchgesetzt,

daß die kleinen Lebewesen, die man zunächst, hauptsächlich weil man an

manchen von ihnen lebhafte Fortbewegung beobachtete, als »Tierchen«

angesehen hatte, dem _Pflanzen_reiche zugehörten. Wieder und wieder

erörterte man auch die Rolle, die sie im Haushalt der Natur wohl

spielen möchten; die richtige Anschauung, daß sie _Fäulnis_- und

_Gährungsvorgänge verursachten_, tauchte immer von neuem auf, um immer

wieder bekämpft zu werden, ebenso auch die Ansicht, daß Bakterien

krankheiterregend wirken könnten. Es ist hier nicht möglich, ein auch

nur annähernd vollständiges Bild von dem Chaos der Meinungen zu geben,

die von _Kircher_ bis _Pasteur_ und _Koch_ in dieser Frage zu Worte

kamen.

Das allem Streite in letzter Linie zugrunde liegende

naturwissenschaftliche Problem, das gelöst werden mußte, war dies:

_Sind die Bakterien_ ebenso wie höhere Pflanzen und Tiere _streng nach

Arten gesondert_, so zwar, daß alle Bakterien, die wir finden, _von

Individuen der gleichen Art abstammen_? Dürfen wir also annehmen, daß

ein Kugelbakterium, dem wir begegnen, stets von Kugelbakterien der

gleichen _Art_ abstammt, ein Stäbchenbakterium von Stäbchenbakterien

der gleichen Art -- so wie wir es im höheren Tierreich und ebenso im

Pflanzenreich gesetzmäßig finden? -- Oder liegen bei diesen kleinsten

Pilzen die Verhältnisse anders?

Sehr vieles sprach zugunsten der ersteren Anschauung; vor allem

entsprach sie den Erfahrungen, die bei der Erforschung der lebenden

Wesen unserer Erde bis dahin gesammelt waren. Der einwandfreie Nachweis

ihrer Richtigkeit stieß aber auf eine sehr große Schwierigkeit:

fast überall, wo wir in der Natur Bakterien in größeren Mengen

begegnen, finden wir verschiedene, ja meist sogar sehr zahlreiche

verschiedene Formen in buntem Durcheinander; z. B. treffen wir in einem

Tröpfchen Zahnschleim regelmäßig kurze und lange, dünnere und dickere

Stäbchen und Schrauben, daneben kleinere und größere Kugelbakterien

miteinander vermengt (vgl. Abb. 2). Es war so gut wie unmöglich,

an solchen Bakteriengemischen einwandfreie Beobachtungen über die

Fortpflanzungsweise der Bakterien zu machen. So ist es verständlich,

daß über diese Frage die Ansichten lange Zeit auseinandergingen.

Eine große Anzahl klar denkender Naturforscher nahm von vornherein

den richtigen Standpunkt ein, auch diese Kleinlebewesen seien

gewiß in Arten gesondert, und sie versuchten, sie den Prinzipien

der beschreibenden Naturwissenschaften entsprechend nach ihren

Gestaltmerkmalen in die natürlichen Arten zu ordnen. Der erste

wesentliche Anlauf dazu wurde von dem berühmten dänischen Botaniker O.

Fr. _Müller_ genommen, ihm folgte der Deutsche _Ehrenberg_ und später,

in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts besonders _Ferdinand Cohn_.

[Illustration: Abb. 2.

Ausstrichpräparat von menschlichem Zahnschleim, gefärbt, etwa 1000fach

vergrößert. Mannigfaltige Bakterien in buntem Gemisch.]

Eine ganze Anzahl angesehener Forscher bekämpfte aber diese Versuche

grundsätzlich; sie leugneten die Abstammung der Spaltpilze von

Individuen der gleichen Art, weil sie glaubten, Beweise für eine ganz

andere, sehr merkwürdige Entstehungsart der Bakterien zu besitzen, die

man als »Urzeugung« oder »~generatio spontanea~« bezeichnete.[2] Um

diese Irrlehre entbrannte ein wissenschaftlicher Streit von größter

Heftigkeit, an dem sich viele der angesehensten Naturforscher des 18.

und 19. Jahrhunderts beteiligten.

Ihre Anhänger stützten sich auf die zunächst gewiß verblüffende

Beobachtung, daß man in einer Flüssigkeit, z. B. in Milch, einige

Zeit, nachdem man sie in einem gut verschlossenen Gefäß aufgekocht

hat, massenhafte Bakterien finden kann. Sie folgerten nun: Da durch

das Aufkochen alles Lebendige getötet sein mußte, ein Eindringen von

Keimen von außen aber sorgfältig verhütet war, müssen die vorgefundenen

Bakterien sich »von selbst« aus dem toten Substrat entwickelt haben.

Erst Anfangs der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts gelang es Pasteur,

dem berühmten französischen Naturforscher, diese Irrlehre für die

ernsthafte wissenschaftliche Welt endgültig zu beseitigen, indem

er den Nachweis erbrachte, daß man durch _genügende_ Einwirkung

von hohen Temperaturen _jede_ Flüssigkeit völlig keimfrei machen

(»sterilisieren«) könne. »Von selbst« bildeten sich z. B. in wirklich

»sterilisierter« Milch niemals Bakterien; brachte man aber absichtlich

welche hinein, so gediehen sie angezeichnet. Alle gegenteiligen Angaben

beruhten auf Irrtümern, die meisten darauf, daß man die vielfach

erstaunlich große Widerstandsfähigkeit der Bakterien gegen Erhitzung

noch nicht gekannt und daher unterschätzt hatte.

Noch eine zweite Irrlehre machte den Anhängern der Lehre von der

Konstanz der Bakterienarten viel zu schaffen. Ihr angesehenster

Vertreter war der Botaniker _Naegeli_, der sicher festgestellt

zu haben glaubte, daß aus Kugelbakterien Stäbchen, umgekehrt aus

stäbchenförmigen Bakterien Kugelbakterien hervorgehen können, und der

deshalb alle Versuche für verkehrt ansah, auf Grund der Größe und

Gestalt verschiedene Bakterien_arten_ zu unterscheiden. Wir wissen

heute, daß derartige Übergänge, wie sie _Naegeli_ beschrieb, in

Wirklichkeit nie vorkommen, daß sie aber bei Anwendung unzureichender

Beobachtungsmethoden leicht vorgetäuscht werden können. Die

Fehlerquelle liegt in der vorhin schon erwähnten Tatsache, daß man in

der Natur sehr häufig Bakterien_gemischen_ begegnet. Beobachtet man ein

solches Bakteriengemisch längere Zeit hintereinander, so kann es leicht

vorkommen, daß man anfänglich fast nur Kugelbakterien darin sieht,

später nur Stäbchenbakterien. Derartige Erscheinungen erklären sich

dadurch, daß Spaltpilze sich je nach den Bedingungen, unter denen sie

leben, mehr oder weniger rasch vermehren. Wenn nun z. B. in der gerade

beobachteten Flüssigkeit eine Stäbchenbakterienart besonders günstige

Bedingungen für ihr Gedeihen findet, so kann es vorkommen, daß sie

alle andern neben ihr vorhandenen Keime überwuchert, ganz ähnlich, wie

das bei höheren Pflanzen vorkommt. Man denke z. B. an das Unkraut im

Weizen. Durch solches Überwuchern kann dann eine »Umwandlung« der einen

Form in eine andere _vorgetäuscht_ werden.

Solange aber das Irrtümliche dieser Beobachtungen nicht erwiesen war,

konnte auch die Ansicht von der Konstanz der Bakterienarten nicht

zum Siege gelangen, obwohl ihr seit der Mitte des 19. Jahrhunderts

immer neue Stützen durch das Studium der _Lebensäußerungen_ der

Kleinlebewesen erwuchsen. So zeigte _Pasteur_, daß man bei jeder

besonderen Art der Gärung ganz regelmäßig _bestimmte_, unter sich

übereinstimmende, von den bei anderen Gärungen nachweisbaren aber

verschiedene Mikroorganismen antreffe. Er schloß mit vollem Recht

daraus, daß eine bestimmte _Art_ von Gärungserregern notwendig sei, um

gerade diesen oder jenen Gärungsvorgang zu bewirken.

Ganz analoge Beobachtungen, denen analoge Schlußfolgerungen

entsprachen, hatte man inzwischen bei einzelnen infektiösen Krankheiten

gemacht, vor allem bei der als »Milzbrand« bezeichneten Viehseuche.

Schon im Jahre 1849 hatte der deutsche Tierarzt _Pollender_ im Blute

von Rindern, die dieser Krankheit erlegen waren, mikroskopisch kleine,

schlanke, völlig unbewegliche Stäbchen gesehen, die sich niemals im

Blute gesunder Tiere fanden. Andere Forscher berichteten über ganz

gleichartige Beobachtungen, so _Rayer_ und _Davaine_, _Brauell_. Sie

folgerten mit Recht daraus, daß diese Stäbchenbakterien, die sich nie

im Blute gesunder, sondern _nur_ im Blute an Milzbrand gefallener

Tiere, darin aber _regelmäßig_ fanden, die Ursache der Krankheit, deren

»Erreger« seien.

Forscher, die an die Artverschiedenheit der Bakterien nicht glaubten,

ließen sich aber auch hiervon noch nicht überzeugen. Sie sagten: Da die

Bakterien konstante Formen an sich überhaupt nicht besitzen, so ist das

Auftreten bestimmter Formen _unter bestimmten Bedingungen_ nur so zu

erklären, daß _infolge_ dieser Bedingungen die Spaltpilze eben gerade

in dieser Form erscheinen, während sie unter anderen Bedingungen eine

ganz andere zeigen.

Das mochte unwahrscheinlich klingen, _widerlegen_ ließ sich aber

der Einwand nicht, und er wurde in der Folgezeit auch gegen

zahlreiche analoge Befunde geltend gemacht, die hauptsächlich von

wissenschaftlichen Medizinern erhoben wurden. Unter diesen brach sich

trotz aller Einwände immer mehr die Überzeugung Bahn, daß bestimmten

Infektionskrankheiten bestimmte, nach Gestalt und Größe und anderen

Eigenschaften wohl unterscheidbare Bakterien zugrunde liegen.

Besonders waren es eine Reihe deutscher Pathologen -- _Rindfleisch_,

_v. Recklinghausen_, _Klebs_ u. a. -- die in den Kriegsjahren 1870

und 1871 zahlreiche Beobachtungen über das Vorkommen kugelförmiger

Bakterien (Mikrokokken) im Wundeiter sammelten und deren ursächliche

Bedeutung für die Wundkrankheiten vertraten.

Ausschlaggebend wurden aber erst die Arbeiten des deutschen Gelehrten

_Robert Koch_, vor allem seine entscheidenden Beobachtungen über die

Milzbrandkrankheit.

Schon _Rayer_ und _Davaine_ und _Brauell_ hatten sich bemüht, der

Bedeutung der im Blute von milzbrandkranken Tieren gefundenen Stäbchen

auf experimentellem Wege noch weiter auf den Grund zu kommen. Sie

hatten festgestellt, daß die Übertragung solchen stäbchenhaltigen

Blutes auf gesunde Tiere mit Sicherheit die charakteristischen

Erscheinungen des Milzbrandes bei diesen zur Folge hatte. Auch diese

Beobachtung hatte man aber in ihrer Beweiskraft angefochten, indem man

einwandte, die Stäbchen seien ausschließlich die Begleiterscheinung der

Erkrankung, deren eigentliche Ursache bilde ein Gift, das außer jenen

noch im Blute vorhanden gewesen und mit ihm denn auch dem gesunden

Versuchstier eingeimpft worden sei.

Die Widerlegung dieses Einwandes, die die endgültige Wendung in den

Anschauungen vom Wesen und Wirken der Bakterien überhaupt nach sich

zog, gelang _Robert Koch_ auf folgende Weise: Er brachte kleine

Mengen stäbchenhaltigen Blutes an Milzbrand gefallener Tiere in

Reagensgläschen, die mit Fleischbrühe gefüllt waren, die durch

ausgiebiges Erhitzen völlig keimfrei gemacht worden war. Diese Röhrchen

wurden dann bei Körpertemperatur im Dunklen gehalten; nach einiger

Zeit zeigte sich, daß die Stäbchen sich darin sehr stark vermehrt

hatten. In welcher Weise diese Vermehrung zustande kommt, mag hier

unerörtert bleiben. Man nennt ein solches mit Nährsubstrat gefülltes

Röhrchen, in dem man künstlich eine Entwicklung von Bakterien veranlaßt

hat, eine »Kultur«. Trug _Koch_ nun eine ganz kleine Menge dieser

Fleischbrühe-»Kultur« in ein zweites steriles Fleischbrüheröhrchen

ein, so wuchsen -- wieder unter den oben angegebenen Bedingungen --

abermals gleichartige Stäbchen in reichen Mengen aus; von dem zweiten

ließ sich ein drittes Röhrchen besäen, von diesem ein viertes und so

fort; immer wieder entwickelten sich ausschließlich Keime von der

charakteristischen Gestalt der ursprünglich zur Aussaat benutzten

Bazillen, die sich im Blute befunden hatten. Die Stäbchen eines

jeden Röhrchens repräsentierten gewissermaßen eine »Generation«

der Bazillen. Und nun zeigte sich, daß auch die Stäbchen der 10.

Kulturgeneration oder einer beliebigen noch späteren die Eigenschaft

besaßen, »Milzbrand« zu verursachen, wenn man sie einem gesunden Rinde

einimpfte.

Damit war nun auch der letzte Einwand entkräftet: den Stäbchen der

10. Kulturgeneration haftete sicherlich auch nicht die kleinste

Spur von Blut mehr an, somit auch sicherlich keine Spur des von den

Gegnern supponierten besonderen Krankheitsgiftes. Da sie ganz allein

bei gesunden Tieren Milzbrand hervorriefen, so mußten sie eben als

die Ursache der Krankheit anerkannt werden. Die Beweise dafür waren

unwiderleglich.

So war endlich -- zunächst für einen Spezialfall -- die für alle

Zeiten unverlierbare Erkenntnis gewonnen, daß _Bakterien von ganz

bestimmten und konstanten Gestaltmerkmalen auch eine ganz bestimmte

Wirksamkeit entfalten, und daß sowohl die Gestaltmerkmale als auch

die Lebensäußerungen sich von Generation zu Generation bei ihnen

vererben_. Der letzte Einwand gegen die Lehre von der Konstanz der

Bakterien_arten_ war damit beseitigt und der Sieg dieser Lehre ein für

allemal errungen.

Worin war die entscheidende Beweiskraft dieser _Koch_schen

Beobachtungen begründet? Offenbar hierin, daß er einwandfrei hatte

zeigen können, daß die _Milzbrandbazillen ganz allein_ für sich die

Krankheit auszulösen imstande waren. Vorbedingung für das Gelingen

dieses Beweises war, daß in dem ersten zur Aussaat benutzten

Blutströpfchen _ausschließlich Milzbrandbazillen_, aber keinerlei

andere Bakterien vorhanden waren. Wäre das letztere der Fall gewesen,

so hätten sich in _Kochs_ Bouillonröhrchen auch diese andersartigen

Keime vermehrt, er hätte weiterhin also wieder mit Bakterien_gemischen_

zu tun gehabt, wie wir sie in der Natur auch sonst überall anzutreffen

gewohnt sind. Damit wäre die Beweiskraft seiner Experimente verloren

gewesen. Unter den hierfür besonders günstigen Bedingungen des

speziellen Falles der Milzbrandkrankheit war es _Koch_ also gelungen,

sofort _reine_ Kulturen (»_Reinkulturen_«) der krankheiterzeugenden

Bakterienart zu erzielen.

Es leuchtet ein, daß der weitere Ausbau der Lehre von den Spaltpilzen

davon abhing, daß Methoden gefunden wurden, um die zahllosen Bakterien,

denen man begegnete, nun ebenfalls an »Reinkulturen« zu studieren,

oder, wie man zu sagen pflegt, sie zu »isolieren«. Dies Ziel hatten

schon verschiedene Forscher auf mannigfaltige Weise und zum Teil auch

mit einigem Erfolg angestrebt[3]; doch war z. B. ein von Lord _Lister_

für diesen Zweck angegebenes Verfahren sehr umständlich und auch nicht

immer von Erfolg gekrönt.

[Illustration: Abb. 3.

Die krankheiterregenden Bakterien Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen · 第 13 / 33 题