Wer hat nicht von Kaputh (so heißt das Dorf) gehöret,
Das, in verwichner Zeit, die größte Zier besaß,
Als _Dorothea_ sich, die Brandenburg noch ehret,
Das Schloß am Havelstrom zum Witwensitz erlas.
=Bellamintes:= „das itz-blühende Potsdam.“
* * *
Man hat bei diesem Schiff _das_ Schiff sich vorzustellen,
Mit dem Kleopatra, in göttlicher Figur
So einer Venus glich, aus Cydnus blauen Wellen
Zu dem Antonius, als ihrem Bacchus, fuhr.
Ebendaselbst.
Die Sonne war eine halbe Stunde unter, als wir wieder diesseits des
Schwielow standen; es war keine Zeit mehr für Kaputh; die schmale
Mondessichel reichte nicht aus; -- die Stunde war verpaßt. So sahen
wir uns denn vor die Alternative gestellt, ob wir, mit der Chance den
letzten Zug zu versäumen, unseren Rückweg antreten oder ~coûte que
coûte~ in Kaputh übernachten wollten. Ich tat die entsprechende Frage,
meine Bedenken hinsichtlich des Nachtlagers nicht verschweigend.
Unser Führer (der Leser wird sich freundlichst seiner entsinnen) sah
mich leise vorwurfsvoll an und erwiderte dann ruhig: Sie kennen Boßdorf
nicht.
Nein.
Nun, es ist Liebhaberei, daß er hier festsitzt. Er hat das beste Bier
und die besten Betten. Von allem andern rede ich gar nicht. Boßdorf ist
ein Name in diesen Gegenden.
Gut denn. Also Boßdorf!
Diese Unterredung war zwischen Fährstelle und Dorf geführt worden; als
wir eben schlüssig geworden, hielten wir vor dem Gegenstand unseres
Gesprächs. Er reichte vielleicht nicht voll an die Höhe heran, die
ihm der Lokal-Patriotismus unseres Freundes anzuweisen trachtete,
aber er hatte doch, wie ich auf der Stelle wahrnehmen konnte, die
unerläßlichste aller Wirtseigenschaften: er war freundlich. Sein Bier
und seine Rede lullten mich ein und ich schlief bis an den hellen Tag.
Nur einmal wacht' ich auf; ich glaubte in einem Trichter zu liegen (was
auch zutraf) und hatte geträumt, der Schwielow habe mich in seine Tiefe
gezogen.
Unter einem Lindenbaum in Front des Hauses wurde der Kaffee genommen;
die Spatzen musizierten über mir; endlich, als sie ihren Mann
durchschaut, hüpften sie vom Gezweige nieder auf den Tisch und
nahmen, nach dem Maße meiner Guttat, an meinem Frühstück teil. Ich
konnte es ohne Opfer tun; es waren Semmeln in großem Format. Jenseit
des Staketenzaunes ging das Leben des Dorfes stillgeschäftig seinen
Gang: junges Volk, die Sense auf der Schulter, eilte zur Mahd hinaus;
Kinder mit Erdbeeren kamen aus dem Walde; Schiffersleute, in weiten
Teerjacken, schritten auf den See zu. Ein anmutiges Bild. Ich verstand
jetzt Boßdorf vollkommen und warum er hier festsitzt.
Ein Wagen fuhr vor, ein vollgestopfter Kremser. Vormittagsgäste;
unverkennbar eine animierte Gesellschaft. Ältliche Herren, junge Damen;
aber nicht zu jung.
Boßdorf sprang an den Wagen. Als er wieder an mir vorbei wollte, suchte
ich ihn zu fassen und fragte leise: „Potsdamer?“ Er aber -- mit einer
Handbewegung, in der sich eine Welt widerstreitender Empfindungen:
Diensteifer und Geschmeicheltsein, Verlegenheit und ironische
Schelmerei aussprach -- antwortete im Vorüberfliegen: _Berliner_.
Berliner. Es gereichte meiner Menschenkenntnis wenig zur Ehre, diese
Tatsache auch nur einen Augenblick verkannt zu haben. Es war Vollblut.
Dabei unverkennbar auf einer sogenannten „_ernsten Partie_“ begriffen.
Dieser Ausdruck mag einzelne meiner Leser überraschen; aber es hat
seine Richtigkeit damit. Es gibt zwei Arten von Landpartien. Da sind
zunächst die _heiteren_. Sie sind weithin kenntlich durch ihren starken
Prozentsatz an Kindern; nie weniger als die Hälfte. In dem Moment der
Landung, wo immer es sei, scheint die Welt aus lauter weißgekleideten
kleinen Mädchen mit Rosa-Schleifen zu bestehen. Die Väter bestellen den
Kaffee; das Auge der Mutter gleitet befriedigt über die glücklichen
Gänseblümchen hin, von denen immer drei auf den Namen Anna und sechs
auf den Namen Martha hören. Nun geht es in die Wiese, den Wald. Die
Parole ist ausgegeben: Erdbeeren suchen. Alles ist Friede; die ganze
Welt ein Idyll. Aber schon beginnen die dunklen Wetter zu brauen. Mit
dem Eintritt in den Wald sind die weißen Kleider ihrem Verhängnis
verfallen. Martha I. ist an einem Wacholderstrauch hängen geblieben,
Martha II. hat sich in die Blaubeeren gesetzt -- wie Schneehühner
gingen sie hinein, wie Perlhühner kommen sie wieder heraus. Der Sturm
bricht los. Wer je Berliner Mütter in solchen Augenblicken gesehen,
wird die kriegerische Haltung der gesamten Nation begreiflich finden.
Die Väter suchen zu intervenieren. Unglückliche! Jetzt ergießt sich der
Strom in sein natürliches Bett.
Und doch sind dies die _heiteren_ Landpartien, denen wir die ernsten
entgegenstellen. An diesen letzteren nehmen Kinder nie teil. Es gibt
auch _rote_ Schleifen, aber das Rosa ist Ponceau geworden. Man spricht
in Pikanterien, in einer Art Geheimsprache, für die nur der Kreis der
Eingeweihten den Schlüssel hat. Bowle und Jeu lösen sich unter einander
ab; unglaubliche Toaste werden ausgebracht und längst begrabene
Gottheiten steigen triumphierend wieder auf. Sonderbar. Auf den
heiteren Landpartien wird immer geweint, auf den ernsten Landpartien
wird immer nur gelacht.
Vor mir, am Staket, hielt eine _ernste_ Landpartie. Zwei Herren,
Fünfziger, mit großen melierten Backenbärten, Lebemänner aus der
Schicht der allerneusten Torf- und Ziegel-Aristokratie, sprangen mit
berechneter Leichtfüßigkeit vom Wagen und gaben dadurch Gelegenheit,
das im Wagen verbliebene Residuum der Gesellschaft besser überfliegen
zu können. Das meiste war Staffage, bloße Najaden und Tritonen, die
als Beiwerk, auch wohl als Folie notwendig da sein müssen, wenn Venus
aus den Wellen steigt. Wem die Rolle der letztern oblag, darüber
konnte kein Zweifel sein. Sie war dreißig, überthronte das Ganze,
trug das Haar kurz geschnitten ~à la~ Rosa Bonheur und hielt eine
große italienische Laute auf ihren Knien. Übrigens war sie wirklich
hübsch; alles im Brunhilden-Stil; dieselbe weiße Hand, die jetzt auf
der Laute ruhte, hätte auch jeden beliebigen Stein fünfzig Ellen weit
geschleudert.
In diesem Moment, ehe ich noch den Kremser völlig durchmustert hatte,
erschien Boßdorf mit einem großen Tablett. Es war ein Morgenimbis, der
für den Rest des Tages einige Perspektiven eröffnete: vier Kulmbacher,
vier Werdersche, mehrere Kognak und eine Pyramide von Butterbroten.
Alle Macht ist ein Magnet; -- Boßdorf präsentierte der Lautenschlägerin
_zuerst_. Diese, ohne weiteres, machte eine halbe Schwenkung, glitt,
nicht ohne einen Anflug von Entsagung, über die kleinen Gläser hin,
nahm eine Kulmbacher, prüfte das Verhältnis von Schaum und Saft und
trank aus. Ohne abzusetzen. Als ihr Boßdorf die Butterbrot-Seite des
Tabletts zudrehte, nickte sie abwehrend.
In kürzester Frist war übrigens das Tablett leer, nicht alle waren
wählerisch; die Entrepreneurs eilten zu ihren Plätzen; die Pferde zogen
an. Ein Lindenzweig streifte noch huldigend die Stirn der Primadonna;
im nächsten Augenblicke verschwand der Kremser in einer Querstraße
des Dorfes. Ich horchte ihnen nach. Es war mir, als trüge der Wind
herüber: „Im Wald, im schönen, grünen Wald“ und dazwischen verlorene
Lautenklänge.
Ich war nun wieder allein und wollte bereits -- was immer einen
äußersten Grad von Verlegenheit ausdrückt -- zu den „Territorien der
Mark Brandenburg“, einer Art märkischem Bädeker, meine Zuflucht nehmen,
als das Erscheinen unseres freundlichen Führers vom Tage vorher meiner
Verlegenheit ein Ende machte und mich aus der toten Aufzeichnung in
das frisch pulsierende Leben stellte. Wir schlenderten am See hin,
das Dorf entlang, an Schloß und Park vorbei; es war eine anmutige
Vormittagsstunde, anregend, lebendig, lehrreich.
_Kaputh_ ist eines der größten Dörfer der Mark, eines der längsten
gewiß; es mißt wohl eine halbe Meile. Daß es wendisch war, besagt sein
Name. Was dieser bedeutet, darüber existieren zu viele Hypothesen, als
daß die eine oder andere viel für sich haben könnte. So zweifelhaft
indes die Bedeutung seines Namens, so unzweifelhaft war in alten Zeiten
die Armut seiner Bewohner. Kaputh besaß keinen Acker, und die große
Wasserfläche, Havel samt Schwielow, die ihm vor der Tür lag, wurde von
den Potsdamer Kiezfischern, deren alte Gerechtsame sich über die ganze
Mittel-Havel bis Brandenburg hin erstreckten, eifersüchtig gehütet und
ausgenutzt. So stand es schlimm um die Kaputher; Ackerbau und Fischerei
waren ihnen gleichmäßig verschlossen. Aber die Not macht erfinderisch,
und so wußten sich denn schließlich auch die Bewohner dieses schmalen
Uferstreifens zu helfen. Ein doppeltes Auskunftsmittel wurde gefunden;
Mann und Frau teilten sich, um von zwei Seiten her anfassen zu können.
Die Männer wurden _Schiffer_, die Frauen verlegten sich auf _Gartenbau_.
Die Nachbarschaft Potsdams, vor allem das rapide Wachstum Berlins,
waren dieser Umwandlung, die aus dem Kaputher Tagelöhner einen
Schiffer oder Schiffsbauer machte, günstig, riefen sie vielleicht
hervor. Überall an Havel und Schwielow hin entstanden Ziegeleien, und
die Millionen Steine, die Jahr aus, Jahr ein am Ufer dieser Seen und
Buchten gebrannt wurden, erforderten alsbald hunderte von Kähnen,
um sie auf den Berliner Markt zu schaffen. Dazu boten die Kaputher
die Hand. Es entstand eine völlige Kahnflotte, und mehr als sechzig
Schiffe, alle auf den Werften des Dorfes gebaut, befahren in diesem
Augenblicke den Schwielow, die Havel, die Spree. Das gewöhnliche Ziel,
wie schon angedeutet, ist die Hauptstadt. Aber ein Bruchteil geht auch
havelabwärts in die Elbe und unterhält einen Verkehr mit Hamburg.
Kaputh -- das Chicago des Schwielow-Sees -- ist aber nicht bloß die
große Handels-Empore dieser Gegenden; nicht bloß End- und Ausgangspunkt
der Zauche-Havelländischen Ziegel-Distrikte, nein, es ist auch
_Stationspunkt_, an dem der ganze Havelverkehr _vorüber_ muß. Der Umweg
durch den Schwielow ist unvermeidlich; es gibt vorläufig nur diese
_eine_ fahrbare Straße. Eine Abkürzung des Weges durch einen Nordkanal
ist geplant, aber noch nicht ausgeführt. So wird denn das aus eigenen
Mitteln eine Kahnflotte hinaussendende Kaputh, das, wenn es sein
_müßte_, sich selbst genügen würde, zugleich zu einem allgemeinen See-
und Handelsplatz, zu einem Hafen für die Schiffe anderer Gegenden, und
die Flottillen von Rathenow, Plaue, Brandenburg, wenn eine Havarie sie
trifft oder ein Orkan im Anzuge ist, laufen hier an und werfen Anker.
Am lebendigsten aber ist es auf der Kaputher Reede, wenn irgend ein
großer Festtag einfällt und alte gute Sitten die Weiterfahrt verbietet.
Das ist zumal um Pfingsten. Dann drängt alles hier zusammen; zu beiden
Seiten des „Gemündes“ liegen hundert Schiffe oder mehr, die Wimpel
flattern, und hoch oben vom Mast, ein entzückender Anblick, grüßen
hundert Maienbüsche weit in die Ferne.
Das ist die große Seite des Kaputher Lebens; daneben gibt es eine
kleine. Die Männer haben den Seefahrer-Leichtsinn; das in Monaten
Erworbene geht in Stunden wieder hin, und den Frauen fällt nun die
Aufgabe zu, durch Bienenfleiß und Verdienst im _kleinen_ die Rechnung
wieder ins Gleiche zu bringen.
Wie wir schon sagten, es sind Gärtnerinnen; die Pflege, die der Boden
findet, ist die sorglichste, und einzelne Kulturen werden hier mit
einer solchen Meisterschaft getrieben, daß die „Kaputhschen“ imstande
sind, ihren Nachbarn, den „Werderschen“, Konkurrenz zu machen. Unter
diesen Kulturen steht die Erdbeerzucht obenan. Auch ihr kommt die
Nähe der beiden Hauptstädte zustatten, und es gibt kleine Leute hier,
mit einem halben Morgen Gartenland, die in drei bis vier Wochen
hundertundzwanzig Taler für Ananas-Erdbeeren einnehmen. Dennoch bleiben
es kleine Leute, und man kann auch in Kaputh wieder die Wahrnehmung
machen, daß die feineren Kulturen es nicht zwingen, und daß fünfzig
Morgen Weizenacker nach wie vor das Einfachste und das Beste bleiben. --
Unter Gesprächen, deren Inhalt ich in vorstehendem zusammenzufassen
gesucht habe, hatten wir das Dorf nach Norden hin passiert, und hielten
jetzt an einer Havelstelle, von wo aus wir über einen parkartigen,
grüngemusterten Garten hinweg auf das Herrenhaus sehen konnten, einen
Hochparterrebau, mit Souterrain und zweiarmiger Freitreppe.
Dies Herrenhaus führt den Namen „Schloß“, und trotz bescheidener
Dimensionen immer noch mit einem gewissen Recht, wenigstens seiner
inneren Einrichtung nach. Man geht in der Mark etwas verschwenderisch
mit diesem Namen um und hilft sich nötigenfalls (wie beispielsweise in
Tegel) durch das Diminutivum: Schlößchen.
Schloß Kaputh war in alten Zeiten Rochowisch. Im dreißigjährigen Kriege
zerfiel es oder wurde zerstört, und erst von 1662 an erstand hier ein
neues Leben. In diesem Jahre ging Kaputh, Dorf wie Schloß, in den
Besitz des Großen Kurfürsten über und verblieb, ein kurzes _Vorspiel_
abgerechnet, auf das wir des weiteren zurückkommen (wir meinen die
Zeit de la Chiezes), hundertundfünfzig Jahre lang bei der Krone. Eine
lange Zeit. Aber die Zeit seines _Glanzes_ war um so kürzer und ging
wenig über ein Menschenalter hinaus. Mit dieser Glanzepoche, unter
Weglassung alles dessen, was vorausging und was folgte, werden wir
uns in nachstehendem zu beschäftigen haben. Auch diese vorübergehende
Glanzes-Aera gliedert sich in verschiedene Zeitabschnitte, und zwar in
die Zeit des Generals _de la Chieze_ bis 1671, die Zeit der Kurfürstin
_Dorothea_ bis 1689 und die Zeit _Sophie Charlottens_ und König
_Friedrich_ I. bis 1713.