Mit der Wasser Steigen steigt auch das Gefühl ihm seiner Kraft,
Und der Damm, er ist zertrümmert und durchbrochen ist die Haft.
„Der Wenersee.“
* * *
Sieh den Schwan,
Umringt von seiner frohen Brut,
Sich in den roten Widerschein
Des Himmels tauchen! Sieh, er schifft,
Zieht rote Furchen in die Flut
Und spannt des Fittigs Segel auf. (Irin)
=Ewald von Kleist=
Der Schwielow ist eine Havelbucht im großen Stil wie der Tegeler
See, der Wannsee, der Plauesche See. Allesamt sind es Flußhaffe,
denen man zu Ehre oder Unehre den Namen „See“ gegeben hat. In etwaige
Rangstreitigkeiten treten wir nicht ein, sie mögen unentschieden
bleiben wie andere mehr.
Unter allen Havelbuchten, welchen Namen sie immer führen mögen, ist
der Schwielow die größte und sehr wahrscheinlich auch die neueste.
Vielleicht zählt dies weitere Wasserbecken noch keine tausend Jahre,
keinenfalls geht es weit in die Vorgeschichte zurück. Mannigfachen
Anzeichen nach ging in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung
die südliche Ausbuchtung der Havel nur etwa eine Meile über Potsdam
hinaus und ein Erdwall, über dessen Ausdehnung und Beschaffenheit es
nutzlos wäre zu konjekturieren, schob sich etwa in der Höhe des Dorfes
Kaputh _trennend_ zwischen die höher gelegene Havel im Norden und ein
tiefer gelegenes Moorland im Süden. Da, in einer Sturmnacht, staute
ein Südwest die ihm entgegenfließenden Havelwasser bis an die Potsdamer
Enge zurück und plötzlich umschlagend in einen eisigen Nord-Nord-Ost
stieß er die aufgetürmte Wassermasse mit solcher Gewalt gegen den
Erdwall, daß dieser zerbrach und die bis dahin abgedämmten Havelwasser
wie aus einem Schleusenwerk sich in das tiefer gelegene Moorbecken
ergossen. In jener Nacht wurde der Schwielow geboren.
Im Einklange hiermit ist es, daß die weite Wasserfläche, die jetzt
diesen Namen führt, mehr durch ihre Masse als durch ihre Tiefe
imponiert: der Schwielow hat ganze Striche, wo man Grund fühlen, noch
andere, wo man ihn durchwaten kann. Unter allen unseren Seen kommt
er dem Müggelsee am nächsten. An Fläche und Ausdehnung diesem Könige
der märkischen Gewässer nah verwandt, weicht er im Charakter doch
völlig von ihm ab. Die Müggel ist tief, finster, tückisch, -- die
alten Wendengötter brauen unten in der Tiefe; der Schwielow ist breit,
behaglich, sonnig und hat die Gutmütigkeit aller breit angelegten
Naturen. Er hält es mit leben und leben lassen; er haßt weder die
Menschen noch das Gebild aus Menschenhand; er ist das Kind einer andern
Zeit und der Christengott pochte vielleicht schon an die Tore, als er
ins Dasein trat.
Der Schwielow ist gutmütig, so sagten wir; aber wie alle gutmütigen
Naturen kann er heftig werden, plötzlich, beinahe unmotiviert, und
dann ist er unberechenbar. Eben noch lachend, beginnt ein Kräuseln und
Drehen, nun ein Wirbel, ein Aufstäuben, ein Gewölk -- es ist, als führe
eine Hand aus dem Trichter, und was über ihm ist, muß hinab in die
Tiefe. In solchen Augenblicken gibt er der Müggel nichts nach. Es gibt
ganze Linien, wo die gescheiterten Schiffe liegen.
Ihn zu befahren in seiner ganzen Breite, war seit lange mein Wunsch.
Heute bot sich die Gelegenheit. Der Wind war gut, ein regelrechter
Südost. An der Fährstelle zu Kaputh lag das Boot; grün und weiß die
Planken und Ruder; das Segel war noch an den Mast gebunden. Wir stiegen
ein zu dritt, mit uns die Söhne des Fährmannes, drei junge Kaputher
Midshipmen zwischen zehn und vierzehn, die auf dem Schwielow für den
vaterländischen Dienst sich vorbereiten, wie einst der Peipus die
hohe Schule war für die werdende russische Flotte. Sie hatten bereits
die Ruhe des Seemanns; dazu blaue Mützen mit Goldstreif und den Anker
daran. Der Älteste nahm den Platz am Steuer; nun los die Bänder, der
Wind fuhr in das flatternde Segel und wie ein Pfeil glitten wir über
die breite Fläche hin. Der Fährmann, eine prächtige Gestalt, stand
am Ufer und wünschte gute Fahrt. Wir gaben Antwort mit Hohiho und
Mützenschwenken.
Eine Weile ging das Geplauder, aber bald wurden wir still. Wir waren
jetzt in der Mitte des Sees, die Sonne stand hinter einem Gewölk, so
daß alles Glitzern und Blenden aufhörte, und nach links hin lag jetzt
in Meilentiefe der See. Ein Waldkranz, hier und da von einzelnen
Pappeln und Ziegelessen überragt, faßte die weiten Ufer ein; vor uns,
unter Parkbäumen, Petzow und Baumgartenbrück, nach links hin, an der
Südspitze des Sees, das einsame Ferch.
Dieser einsame Punkt war mit unter den Lieblingsplätzen Friedrich
Wilhelms IV., der in Sommertagen, wenn er abends zu Schiff in die
Havel-Seen hinausfuhr, gern hier anlegte und seine Teestunde im engsten
Kreise verplauderte. Noch zeigt eine umfriedete Stelle den Platz am
Abhang, wo er zu sitzen und das schöne Bild zu überblicken liebte.
Jetzt lag die Breite des Sees hinter uns; noch durch einen Schilfgürtel
hindurch und wir glitten das schlammige Ufer hinauf; nur der Stern des
Kahns lag noch im Wasser. Hügelan steigend suchten wir eine schattige
Stelle unter dem Dach zweier halb zusammengewachsener Akazienbäume
und sahen nun hinaus auf die blanke Fläche, auf das Spiel wechselnder
Farben und auf das stille Leben, das darüber hinglitt. Blaue Streifen
zogen sich durchs Grau, dann umgekehrt, und quer durch diese Linien,
über die das Licht hinglitzerte, kamen und gingen die Schiffe. Die
Segel standen blendend weiß in der Sonne.
Stunde und Stimmung waren günstig zum Plaudern. Unser Schwielow-Führer
nahm das Wort und an den Rand des Schattens tretend, der unsern Platz
umzirkelte, hob er jetzt geschäftig an: „Dort, wo Sie den grauen
Streifen sehen, fast in der Mitte, aber mehr nach Kaputh zu, dort
liegen die Schiffe, die der Schwielow hinabgerissen; was er hat, das
hält er fest; er gibt sie schwer wieder heraus. Und doch _soll_ er's
und doch wird er darum angegangen. Die Versicherungs-Gesellschaften
setzen ihm scharf zu und fragen nicht lange, ob er will oder nicht. Es
ist noch nicht lange, da haben sie's wieder versucht. In Kaputh gibt es
immer einen Freudentag; ob's glückt oder nicht, es bringt uns Geld ins
Dorf.
Wie werden denn diese Hebungs-Versuche gemacht?
Das ist einfach genug. Eines Tages erscheinen zwanzig Mann oder
mehr, und mit ihnen kommen zwei große, starke Havelkähne, mit hohen
Wänden, zugleich mit allerhand Maschinen und Hebevorrichtungen
an Bord. Nun legen sich die beiden Havelkähne zu Seiten des
untergegangenen Schiffes, von einem Kahn zum andern werden drei starke
Bohlenbrücken gelegt und auf diese Brücken drei Drehbassen gestellt.
Ein Assekuranz-Taucher, der immer mit zur Stelle ist und zu den
Hauptfunktionären zählt, tritt nun seine Niederfahrt an, und unter dem
Rumpf des gesunkenen Schiffes hinweg -- an den Stellen, die oben den
drei Brückenlagen entsprechen -- zieht er jetzt drei eiserne Ketten,
die nunmehr jede einzelne zusammengeknotet und an dem Krahnhaken
befestigt werden. Nun beginnen die Drehbassen ihr Werk. Geht alles gut
und denkt der Schwielow bei sich: ‚nun meinetwegen‘, so bringen sie
das Schiff heraus und halten es zwischen den beiden gesunden Kähnen
fest, bis die Ladung geborgen ist; ist aber der Schwielow schlechter
Laune und weiß er's dahin einzurichten, daß der eine Krahn schärfer
anzieht als der andere, so ist alles verloren: das Schiff zerbricht,
die Ladung geht in die Tiefe und die Trümmer treiben umher. Wie es mit
dem Strandrecht am Schwielow steht, kann ich nicht sagen.“
So ging die Rede. Noch manches Wort fiel, vom Ziegelbetrieb, von
Maulbeerbäumen und Seidenzucht, vom Kornhandel nach Sachsen, vom
Weinbau, der einst an diesen Hügelhängen blühte, zuletzt von der Jagd
und den _Wilderern_ am Schwielow hin.
„Sie treiben's arg,“ hob unser Erzähler wieder an. „In den kleinen
Ortschaften, da, südlich über Ferch hinaus, da sitzen sie; jeder
kennt sie, aber keiner kann es beweisen. In Kittel oder Joppe geht
es zum Tore hinaus, tausend Schritt weiter hin, unter einem dichten
Wachholderbusch, hat er seine Büchse vergraben; nun holt er sie aus
Moos und Erde hervor und -- der Wilderer ist fertig. Ja, Ihr Herren
Berliner -- und dabei hob er scherzhaft den Finger gegen mich -- um
Euren Festbraten säh' es schlecht aus, wenn die Wilderer nicht wären
und ihren Hals dran setzten. Wenn der Rehrücken erst auf der Tafel
steht, schmeckt es keiner mehr, wessen Blei ihn getroffen. Manch einem
mundet's auch wohl um so besser, je mehr er weiß, es ist so was wie
verbotene Frucht. Aber sie zu _pflücken_, ist mühevoll; das muß wahr
sein. Der Förster da unten ist ihnen zu hart auf der Spur, der versteht
keinen Spaß, ‚du oder ich;‘ zwei haben es schon bezahlen müssen und
beide Male haben ihn die Gerichte frei gesprochen. Es ist ein eigen
Ding um Menschenblut. Ich hätt's nicht gern an meinen Händen. Aber am
Ende, wenn es hieße: meins oder deins, ich dächt' auch lieber: deins.“
Unser Auge hatte sich unwillkürlich nach Ferch hinübergerichtet; ein
Schuß, der in den weiten Waldungen widerhallte, durchzitterte uns
leise. Die Sonne neigte sich; in einer Viertelstunde mußte sie unter
sein. Wir eilten zu unserm Boot und nahmen, uns rückwärts setzend,
unseren Blick gegen Westen, um vom Wasser aus dem Schauspiel folgen zu
können.
Noch eh wir die Mitte des Sees erreicht, hing der rote Ball über dem
Sparren- und Schattengerüst der Zugbrücke von Baumgartenbrück, während
das glühende Spiegelbild der Sonne nur drei Handbreit tiefer stand.
Die _eine_ Sonne dicht über dem Horizont, die _andere_ dicht über dem
Wasser, und nur der schwarze Streifen des Brückengebälks zwischen
beiden!
Nun unter. Die Nebel fingen an leise zu brauen. Ein Schleier über
Wasser und Wald; Ferch dämmerte immer unbestimmter herauf; nur am
Kaputher Ufer war es noch hell.
Welch Bild jetzt! Da wo das „Gemünde,“ das tiefgehende eigentliche
Fahrwasser, das aus der Havel in den Schwielow führt, sich als ein
blauer Streifen markiert, zogen in langen Rudeln die Havel-Schwäne;
zu beiden Seiten des „Gemündes“ aber, an den einfassenden seichten
Stellen Spalier bildend, blühten in dichten Guirlanden die weißen
Teichrosen aus dem Wasser auf. In einiger Entfernung war es nicht zu
unterscheiden, wo das Blühen aufhörte und das Ziehen und Schwimmen
begann. Und durch all das Weiß hin, das eben jetzt einen leisen
Schimmer der scheidenden Abendröte trug, schob sich unser Kahn an die
Kaputher Fähre heran und der Fährmann, am Ufer unser harrend, hieß uns
willkommen und beglückwünschte uns als „wieder zurück vom _Schwielow_.“