So blieb es bis zum Tode des Kammerpräsidenten (1760), auch noch einige
Jahre darüber hinaus.
In der Mitte der sechziger Jahre aber begann hier ein neues Leben und
abermals zehn Jahre später stand es auf seiner Höhe. Solche Tage hatte
Wust nie gesehen. Leid war in Freude verkehrt und man gedachte nicht
mehr des Novembers 1730. Das Füllhorn Königlicher Gnade war über alles
ausgeschüttet worden, was _von Katte_ hieß und man freute sich dieser
Gnade und ließ die Toten ruhen. Es waren Zeiten, wo sich das Leben ums
_Leben_ drehte und nicht mehr um den Tod.
Der Besitzer Wusts um diese Zeit war _Ludolph August von Katte_, der
älteste Sohn des Kammerpräsidenten. Der enthauptete Vetter, der in
der Gruft stand, machte ihm wenig Sorge. Jenen hatte der Zorn des
einen Königs, ihn hatte die Gnade des andern getroffen. Er war ein
Glückskind, wie jener ein Kind des Unglücks gewesen war. Nicht nur, daß
ihm Wust aus der Hinterlassenschaft des Vaters als Erbe zugefallen,
nein, sein Glück zeigte sich ganz besonders auch darin, wie er zu
einer Frau kam. Der König, der, vom Momente seiner Thronbesteigung
an, sich in Aufmerksamkeiten gegen die Kattes erging, hatte, wie er
das liebte (er war ein rechter Partienmacher) unter andern auch eine
reiche Erbtochter, und zwar eine Rolas du Rosey, für den _zweiten_ Sohn
des Kammerpräsidenten ausgesucht. Die Kattes, ihrerseits verwöhnte
Leute, wollten sich nicht so ohne weiteres drangeben und deputierten
den _ältesten_ Bruder, um zu erforschen, „wie es eigentlich stünde“.
Denn es war bekannt, daß der König nur _Geld_heiraten stiftete und
körperliche Gebrechen nie als ernstliches Hindernis betrachtete.
Ludolph August brach also auf. Er fand die Erbtochter derart, daß er,
seines eigentlichen Auftrages vergessend, als verlobter Bräutigam nach
Wust zurückkehrte. Der getäuschte Bruder fand sich ohne Schwierigkeit
in das ~fait accompli~ und der König noch viel mehr. Ihm lag nur daran,
den Kattes eine Guttat anzutun; welchem Gliede der Familie, war zuletzt
gleichgiltig. Die Vermählung erfolgte und ein reiches, heiteres,
glückliches Paar hielt seinen Einzug in Wust.
Was Wust an Trümmern alter Herrlichkeit noch aufweist, stammt aus
der Epoche, die nun begann. Aus dem Garten wurde ein großer Park
mit künstlichen Teichen; seltene Bäume, aus England über Hamburg
bezogen, reihten sich zu Alleen, und zwischen den Stämmen der alten,
vorgefundenen Ulmen, die nun zu Laubengängen hergerichtet waren,
erhoben sich Statuen, unter Vorantritt von Flora und Pomona. Ein
Verkehr begann, für den das Rheinsberger Leben das _Vorbild_, und
das Leben in Tamsel, in Schwedt, in Friedrichsfelde die Parallelen
lieferte: Schäferspiele, Theater im Freien, Grotten und Tempel,
Koketterie und Courmachen, Kunstprätensionen ohne Sinn und Verständnis,
wenig Witz und viel Behagen. Eine ganze Seite des Hauses bestand aus
Gesellschaftszimmern, an den Wänden hin hingen große Tableaux, und die
Tafel, wenn im Gartensaal gedeckt wurde, zeigte fürstliche Pracht. Auf
der Tafel selbst aber, als Tafelaufsatz, standen die zwölf Apostel in
Silber. Das Silberzeug, das auflag, hatte den Wert eines Rittergutes.
Es verlohnte sich schon, diesen Reichtum zu entfalten, denn der Verkehr
des Hauses ging über den benachbarten Landesadel hinaus und prinzliche
Kutscher und Vorreiter waren damals eine häufige Erscheinung an dieser
Stelle. Die Dame des Hauses war mit der Gemahlin des Prinzen Ferdinand,
einer geborenen Prinzessin von Brandenburg-Schwedt, intim befreundet
und man divertierte sich bei diesen Gelegenheiten um so mehr, als es
in der Friederizianischen Zeit ein eigentliches Hofleben nicht gab und
bei der Seltenheit großer Couren und dem Fehlen einer allgemeineren
Hof-Geselligkeit die _kleinen_ Hofhaltungen (an denen dann auch der
reichere Landes-Adel teil nahm) für das aufkommen mußten, woran es im
großen und ganzen gebrach.
Das waren heitere, stolze Stunden, aber doch weit über die Mittel der
alten märkischen Familien hinausgehend, und so kam es, daß Insolvenzen
alsbald an der Tages-Ordnung waren. Die Elle ward überall länger als
der Kram. Auch in Wust. Schon Ende der siebziger Jahre begann der
Brunnen ziemlich trocken zu gehen; eine zeitlang kam wieder Zufluß,
aber er entsprach nicht den Ansprüchen, die an ihn gemacht wurden.
So, zwischen Hangen und Bangen, vergingen die Jahre, während das
Äußerste mehr und mehr hereinzubrechen drohte. Es blieb freilich aus,
aber nur weil der Tod dazwischen trat. Das Paar, das unter so vielen
Ansprüchen in diesen Besitz eingetreten war, starb mutmaßlich zu Anfang
oder in der Mitte der neunziger Jahre und hinterließ Wust seinen zwei
Söhnen.