Paretz von 1815 bis 1840

Die Stürme waren verweht; das gedemütigte Preußen war zweimal, unter

den Klängen des „Pariser Einzugsmarsches“, in die feindliche Hauptstadt

eingezogen; Friede war wieder, und die Paretzer Tage brachen wieder an.

Nicht mehr Tage ungetrübten Glücks; sie, die diese Tage verklärt, diese

Tage erst zu Tagen des Glücks gemacht hatte, sie war nicht mehr; aber

Tage der Erinnerung. Die Zeit heilt alles; nur ein leises Weh bleibt,

das in sich selber ein Glück ist; ein klarer Spätsommertag, mit einem

durchleuchteten Gewölk am Himmel, so erschien jetzt Paretz.

Nach wie vor wurde das Erntefest gefeiert; ein Jahrzehnt verging, ein

zweites begann. Die Heiterkeit der Dörfler war dieselbe geblieben, auch

ihre Unbefangenheit im Verkehr mit der „Herrschaft“. Eine Alte, der

der König im Vorübergehen versicherte, mit Nächstem würden alle seine

Kinder zu Besuch eintreffen, antwortete ohne weiteres: „Die Russen

ooch?“ Diese vertrauliche Ausdrucksweise mußte sich, hinter seinem

Rücken wenigstens, der allmächtige Zar gefallen lassen! Der König hatte

herzliche Freude an solcher Unbefangenheit und nährte sie durch hundert

kleine Dinge, die zuletzt auch die Scheu des Allerbefangensten besiegen

mußten. Bei einer der Festlichkeiten, die den „Russen“ zu Ehren gegeben

wurden, drängte sich des Schäfers Sohn herzu, ein unglückliches Kind,

das an beiden Füßen gelähmt war, und strengte sich an, über den dichten

Kreis der Umstehenden hinwegzusehen. Niemand sah es, nur der König. Er

ließ ihn zu sich führen, sprach freundlich zu ihm und gab ihm einen

Platz an seiner Seite.

Überhaupt die junge Welt hatte es vor allem gut.[40] Der König,

im großen Verkehr beinahe menschenscheu, war ein ausgesprochener

Kinderfreund. So begegnete er einstmals, während er im Schloßpark aus

einem mit Pflaumen und Weintrauben gefüllten Körbchen aß, einem Jungen

und fragte ihn, ob er wohl eine Pflaume haben wollte. Der Junge, ein

echter Märker, schielte über das Körbchen hin und bemerkte: „Nee;

Plummen hebben wir alleen to Huus; wenn't noch 'ne Wiendruv' wär.“ Der

König lachte und gab. -- Einen andern hübschen Zug erzählt Ehlert:

„Hast Du schon mal Ananas gegessen?“ fragte der König. „Nee, Majestät“.

-- „Na, dann iß, aber mit Bedacht. Was schmeckst Du heraus?“ Der Junge,

an den die Frage gerichtet war, kaute, besann sich und sagte dann:

„Wurst“. Alles lachte. Der König aber bemerkte ruhig: „So trägt jeder

seinen Maßstab in sich. Dem einen schmeckt die Ananas wie Melone, dem

andern wie Birne oder Pflaume, diesem wie Wurst. Er bleibt in seinem

Gefühlskreise.“ In den Speisesaal zurücktretend, wo sich ein Fenster

mit vielfarbigem Glase befand, fuhr er fort: „Wer die Gegenstände

draußen durch diese violettfarbige Scheibe anschaut, hält alles, was er

sieht, für violett; so ein anderer alles für grün oder gelb, je nach

dem Glas, durch das er blickt. Jeder behauptet recht zu haben, und doch

haben alle unrecht und des Widerspruchs und Disputierens ist kein Ende.

So geht es vor allem den Herren Theologen. Jeder hat da _sein_ Glas.“

Derselbe Erzähler, an anderer Stelle das Paretzer Leben während

der zwanziger und dreißiger Jahre zusammenfassend, gibt folgende

Schilderung: „Die ruhigsten und glücklichsten Stunden, die dem Könige

noch beschieden waren, hat er in diesem stillen Haveldorfe verlebt.

Alle Singvögel schienen im Paretzer Park ihren Lieblingsaufenthalt zu

haben; über der Landschaft lag ein Duft, die Wiesen immer frisch, und

über das Sumpfland hin schritten die Störche. Der König hatte ein Auge

für solche Bilder. Wenn er allein sein wollte, hier fand er, was er

suchte. Viele wichtige Verfügungen sind von diesem abgelegenen Punkte

ausgegangen. Hier senkten sich tiefer und fester in sein Gemüt die

Lebensansichten und Grundsätze, die den innern Frieden bewahren. Sein

patriarchalischer Sinn, hier fand er Genüge.“

Wann er zuletzt an dieser Stelle war, ist nicht verzeichnet;

wahrscheinlich im Herbst 1839. Im Mai des folgenden Jahres, als mit

dem Frühling draußen ein frisches Leben nicht wiederkommen wollte,

sprach er mehr als einmal: „Wenn ich nur nach Paretz könnte!“ Hoffte er

Genesung, oder wollte er Abschied nehmen von der Stätte stillen Glücks!

Gingen seine Gedanken zurück bis an den 20. Mai 1810?

Wer sagt es? Als das nächste Erntefest kam, war alles vorüber. Eine

stillere Stätte hatte ihn aufgenommen, als selbst Paretz.

[40] Allerhand Spiele: Turnen, Wettlaufen, waren an der Tagesordnung;

die Sieger wurden beschenkt. Unter Anleitung der jungen Prinzen Karl

und Albrecht kam die Bildung einer Art „Paretzer Legion“ zustande,

die im Feuer exerzierte und manövrierte, wobei sieben kleine Kanonen

benutzt wurden, von denen eine, mit dem Greif und der Jahreszahl

1588, bis diesen Tag unter den Dörflern existiert. Bei einer

bestimmten Gelegenheit, -- es mochte um 1820 sein, als die „Russen“

einen ihrer Sommerbesuche machten, -- kam es zu einem vollständigen

Gefecht zwischen der Paretzer Legion und den Zöglingen des Potsdamer

Militär-Waisenhauses, die nach Paretz hinaus befohlen und mit

ihren Waffen erschienen waren. Die Legionäre nahmen ihnen in einem

unbewachten Augenblick die Waffen fort, bezogen unter Führung und

Anfeuerung des Großfürsten eine Art Waldposition und behaupteten sich

im Besitz ihrer Beutestücke. Der König folgte der Bataille mit dem

lebhaftesten Interesse und meinte schließlich: „Die Dorfluft scheine

doch derber zu machen.“

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 116 / 149 题