Die Stürme waren verweht; das gedemütigte Preußen war zweimal, unter
den Klängen des „Pariser Einzugsmarsches“, in die feindliche Hauptstadt
eingezogen; Friede war wieder, und die Paretzer Tage brachen wieder an.
Nicht mehr Tage ungetrübten Glücks; sie, die diese Tage verklärt, diese
Tage erst zu Tagen des Glücks gemacht hatte, sie war nicht mehr; aber
Tage der Erinnerung. Die Zeit heilt alles; nur ein leises Weh bleibt,
das in sich selber ein Glück ist; ein klarer Spätsommertag, mit einem
durchleuchteten Gewölk am Himmel, so erschien jetzt Paretz.
Nach wie vor wurde das Erntefest gefeiert; ein Jahrzehnt verging, ein
zweites begann. Die Heiterkeit der Dörfler war dieselbe geblieben, auch
ihre Unbefangenheit im Verkehr mit der „Herrschaft“. Eine Alte, der
der König im Vorübergehen versicherte, mit Nächstem würden alle seine
Kinder zu Besuch eintreffen, antwortete ohne weiteres: „Die Russen
ooch?“ Diese vertrauliche Ausdrucksweise mußte sich, hinter seinem
Rücken wenigstens, der allmächtige Zar gefallen lassen! Der König hatte
herzliche Freude an solcher Unbefangenheit und nährte sie durch hundert
kleine Dinge, die zuletzt auch die Scheu des Allerbefangensten besiegen
mußten. Bei einer der Festlichkeiten, die den „Russen“ zu Ehren gegeben
wurden, drängte sich des Schäfers Sohn herzu, ein unglückliches Kind,
das an beiden Füßen gelähmt war, und strengte sich an, über den dichten
Kreis der Umstehenden hinwegzusehen. Niemand sah es, nur der König. Er
ließ ihn zu sich führen, sprach freundlich zu ihm und gab ihm einen
Platz an seiner Seite.
Überhaupt die junge Welt hatte es vor allem gut.[40] Der König,
im großen Verkehr beinahe menschenscheu, war ein ausgesprochener
Kinderfreund. So begegnete er einstmals, während er im Schloßpark aus
einem mit Pflaumen und Weintrauben gefüllten Körbchen aß, einem Jungen
und fragte ihn, ob er wohl eine Pflaume haben wollte. Der Junge, ein
echter Märker, schielte über das Körbchen hin und bemerkte: „Nee;
Plummen hebben wir alleen to Huus; wenn't noch 'ne Wiendruv' wär.“ Der
König lachte und gab. -- Einen andern hübschen Zug erzählt Ehlert:
„Hast Du schon mal Ananas gegessen?“ fragte der König. „Nee, Majestät“.
-- „Na, dann iß, aber mit Bedacht. Was schmeckst Du heraus?“ Der Junge,
an den die Frage gerichtet war, kaute, besann sich und sagte dann:
„Wurst“. Alles lachte. Der König aber bemerkte ruhig: „So trägt jeder
seinen Maßstab in sich. Dem einen schmeckt die Ananas wie Melone, dem
andern wie Birne oder Pflaume, diesem wie Wurst. Er bleibt in seinem
Gefühlskreise.“ In den Speisesaal zurücktretend, wo sich ein Fenster
mit vielfarbigem Glase befand, fuhr er fort: „Wer die Gegenstände
draußen durch diese violettfarbige Scheibe anschaut, hält alles, was er
sieht, für violett; so ein anderer alles für grün oder gelb, je nach
dem Glas, durch das er blickt. Jeder behauptet recht zu haben, und doch
haben alle unrecht und des Widerspruchs und Disputierens ist kein Ende.
So geht es vor allem den Herren Theologen. Jeder hat da _sein_ Glas.“
Derselbe Erzähler, an anderer Stelle das Paretzer Leben während
der zwanziger und dreißiger Jahre zusammenfassend, gibt folgende
Schilderung: „Die ruhigsten und glücklichsten Stunden, die dem Könige
noch beschieden waren, hat er in diesem stillen Haveldorfe verlebt.
Alle Singvögel schienen im Paretzer Park ihren Lieblingsaufenthalt zu
haben; über der Landschaft lag ein Duft, die Wiesen immer frisch, und
über das Sumpfland hin schritten die Störche. Der König hatte ein Auge
für solche Bilder. Wenn er allein sein wollte, hier fand er, was er
suchte. Viele wichtige Verfügungen sind von diesem abgelegenen Punkte
ausgegangen. Hier senkten sich tiefer und fester in sein Gemüt die
Lebensansichten und Grundsätze, die den innern Frieden bewahren. Sein
patriarchalischer Sinn, hier fand er Genüge.“
Wann er zuletzt an dieser Stelle war, ist nicht verzeichnet;
wahrscheinlich im Herbst 1839. Im Mai des folgenden Jahres, als mit
dem Frühling draußen ein frisches Leben nicht wiederkommen wollte,
sprach er mehr als einmal: „Wenn ich nur nach Paretz könnte!“ Hoffte er
Genesung, oder wollte er Abschied nehmen von der Stätte stillen Glücks!
Gingen seine Gedanken zurück bis an den 20. Mai 1810?
Wer sagt es? Als das nächste Erntefest kam, war alles vorüber. Eine
stillere Stätte hatte ihn aufgenommen, als selbst Paretz.
[40] Allerhand Spiele: Turnen, Wettlaufen, waren an der Tagesordnung;
die Sieger wurden beschenkt. Unter Anleitung der jungen Prinzen Karl
und Albrecht kam die Bildung einer Art „Paretzer Legion“ zustande,
die im Feuer exerzierte und manövrierte, wobei sieben kleine Kanonen
benutzt wurden, von denen eine, mit dem Greif und der Jahreszahl
1588, bis diesen Tag unter den Dörflern existiert. Bei einer
bestimmten Gelegenheit, -- es mochte um 1820 sein, als die „Russen“
einen ihrer Sommerbesuche machten, -- kam es zu einem vollständigen
Gefecht zwischen der Paretzer Legion und den Zöglingen des Potsdamer
Militär-Waisenhauses, die nach Paretz hinaus befohlen und mit
ihren Waffen erschienen waren. Die Legionäre nahmen ihnen in einem
unbewachten Augenblick die Waffen fort, bezogen unter Führung und
Anfeuerung des Großfürsten eine Art Waldposition und behaupteten sich
im Besitz ihrer Beutestücke. Der König folgte der Bataille mit dem
lebhaftesten Interesse und meinte schließlich: „Die Dorfluft scheine
doch derber zu machen.“