Marquardt seit 1858

Der letzte Bischofswerder hatte seine Ruhestatt gefunden. Nur zwei

Töchter verblieben. Die ältere, Pauline von Bischofswerder, der

Liebling des Vaters, vermählte sich mit Herrn _von Damnitz_, der nun,

sei es durch Kauf, sei es durch Erbschaft, auf kurze Zeit in den Besitz

von Marquardt gelangte. Im ganzen nur auf zwei Jahre. Aber diese

zwei Jahre schnitten tief ein. Herr von Damnitz, so wird erzählt,

voll Anhänglichkeit gegen das blau-bordierte und blau-gepaspelte

Kürassier-Regiment, bei dem er Jahre hindurch gestanden hatte, benutzte

eine Neuweißung der Kirche, um den Wänden, den Kirchenstühlen, den

Tür- und Kanzelfeldern einen blauen Einfassungsstreifen zu geben. Die

oben erwähnte _Tonne_ aber, auf der vielleicht einzig und allein die

Möglichkeit einer exakten Geschichtsschreibung der Epoche von 1786 bis

1797 beruhte, wurde zum Feuertode verurteilt. Zwei Tage lang wurde mit

ihrem Inhalt der Backofen geheizt. Omar war über Marquardt gekommen.

Keine Frage, daß Herr von Damnitz aus einer gewissen Pietät heraus

in dieser Weise handeln zu müssen glaubte; „wozu der alte Skandal,

wozu die erneute Kontroverse!“ Viele alte Familien denken ebenso:

„der Gewinn ist prekär, der Schaden ist sicher“ -- und so verlieren

sich unersetzliche Aufzeichnungen in Ruß und Rauch. Wir begreifen

die Empfindung, aber wir beklagen sie; es ist der Triumph des

Familiensinns über den historischen Sinn. Und der letztere ist doch das

Weitergehende, das Idealere.

Herr von Damnitz blieb nur bis 1860. Herr Tholuck, ein Neffe des

berühmten Hallenser Theologen, folgte. In ihm war dem devastierten Gute

endlich wieder ein Wirt gegeben, eine feste und eine geschickte Hand.

Die _erste_ seit dem Tode des älteren Bischofswerder (1803). Ein Geist

der Ordnung zog wieder ein. Der Park klärte sich auf, das alte Schloß

gewann wieder wohnlichere Gestalt und an der Stelle verfallender oder

wirklich schon zerbröckelter Wirtschafts-Gebäude erhoben sich wieder

Ställe und Scheunen, alles sauber, glau, fest. Marquardt war wieder ein

schöner Besitz geworden.

Wir treten jetzt in ihn ein.

Der prächtige, zwanzig Morgen große Park nimmt uns auf. Er ist, in

seiner gegenwärtigen Gestalt, im wesentlichen eine Schöpfung des

Günstlings-Generals. Seine Lage ist prächtig; in mehreren Terrassen,

wie schon zu Eingang dieses Kapitels angedeutet, steigt er zu dem

breiten, sonnenbeschienenen Schlänitz-See nieder, an dessen Ufern, nach

Süden und Südwesten hin, die Kirchtürme benachbarter Dörfer sichtbar

werden. Mit der Schönheit seiner Lage wetteifert die Schönheit der

alten Bäume: Akazien und Linden, Platanen und Ahorn, zwischen die

sich grüne Rasenflächen und Gruppen von Tannen und Weymouths-Kiefern

einschieben.

In der Nähe des Herrenhauses steht eine mächtige Kastanie in vollem

Blütenflor. Sie ist wie ein Riesenbukett; die weitausgestreckten

Zweige neigen sich bis zur Erde. Es ist dies der Baum, der am Tauftage

des Sohnes und Erben, in Gegenwart des Könige, gepflanzt wurde. Die

Familie erlosch, der Baum gedieh.[36] An ihm vorbei treten wir in das

Herrenhaus.

Es ist ein relativ neuer Bau. 1791 legte ein rasch um sich greifendes

Feuer das halbe Dorf in Asche, auch das „Schloß“ brannte aus; nur die

Umfassungsmauern blieben stehen. Das Herrenhaus, wie es sich jetzt

präsentiert, ist also nur achtzig Jahre alt. Es macht indessen einen

viel älteren Eindruck, zum Teil wohl, weil ganze Wandflächen mit

Efeu überwachsen sind. Aber das ist es nicht allein. Auch da, wo der

moderne Mörtel unverkennbar sichtbar wird, ist es, als blickten die

alten Mauern, die 1791 ihre Feuerprobe bestanden, durch das neue Kleid

hindurch.

Die innere Einrichtung bietet nichts Besonderes; hier und dort begegnet

man noch einem zurückgebliebenen Stück aus der „historischen Zeit“:

Möbel aus den Tagen des ersten Empire, Büsten, Bilder, englische und

französische Stiche. Das baulich Interessanteste ist die doppelte

Keller-Anlage, die dem französischen Chasseur so verderblich wurde;

man blickt die Stufen hinunter wie in einen Schacht. In den oberen

Geschossen schieben sich Treppen und Verschläge, Schrägbalken und

Rauchfänge bunt durcheinander und schaffen eine Lokalität, wie sie

nicht besser gedacht werden kann für ein Herrenhaus, „drin es umgeht“.

Die Sonne geht nieder; zwischen den Platanen des Parkes schimmert es

wie Gold; das ist die beste Zeit zu einem Gange am „Schlänitz“ hin.

Unser Weg, in Schlängellinien, führt uns zunächst an der _Gruft_,

dann an der _Geistergrotte_, an den beiden historischen Punkten des

Parkes, vorbei. Die Gruft ist wie ein großes Gartenbeet, ein mit Efeu

und Verbenen überwachsenes Rondell; nur das griechische Kreuz in der

Mitte, das die ursprüngliche Urne ablöste, deutet auf die Bestimmung

des Platzes.

Weiterhin liegt die _Grotte_. Der Aufgang zu ihr ist mit den blauen

Schlacken eingefaßt, die einst mosaikartig das ganze Innere des Baues

ausfüllten. Jetzt ist dieser, weil er den Einsturz drohte, offengelegt.

Durch ein Versehen (der Besitzer war abwesend) wurde bei dieser

Gelegenheit die Innenmauer niedergerissen und dadurch der sichtbare

Beweis zerstört, daß diese Grotte eine doppelte Wand und zwischen den

Wänden einen mannsbreiten Gang hatte. Nur die äußeren Mauern, mit

Ausnahme der Frontwand, sind stehen geblieben und schieben sich in den

Akazien-Hügel ein. Strauchwerk zieht sich jetzt darüber hin.

Nun stehen wir am Schlänitz-See, über der Kirche von Phöben hängt

der Sonnenball; ein roter Streifen schießt über die leis gekräuselte

Fläche. Der Abendwind wird wach; ein leises Frösteln überläuft uns; an

Grotte und Gruft vorbei kehren wir in das alte Herrenhaus zurück.

Hier ist Dämmerung schon. Es ist die Minute, wo das Licht des Tages

erloschen und das Licht des Hauses noch nicht gezündet ist. Wir stehen

allein; dort sind die Stufen, die in Souterrain und Keller führen;

im Dunkel steigt es draus herauf. Im Hause alles still. In der Ferne

klappt eine Tür, eine zweite, eine dritte; jetzt ist es, als würde es

dunkler; es rauscht vorbei, es schlurrt vorüber. Die alte „Gräfin“ geht

um.

[36] In der Nähe dieses Baumes, auf einem Gras-Rondell, steht ein

leichtes österreichisches _Feldgeschütz_, wie jedes Bataillon in alten

Tagen eins aufzuweisen hatte. Es wurde in einer der Schlachten des

siebenjährigen Krieges von den Preußen genommen. Friedrich II. schenkte

es dem Grafen Pinto auf Mettkau; durch dessen Witwe, „die Gräfin“, kam

es nach Marquardt. An gewissen Tagen wird ein Schuß daraus abgefeuert.

Jedesmal vorm Laden schüttet der Gärtner Pulver ins Zündloch und

zündet es an, um das Geschütz auszubrennen. Als es das letzte Mal

geschah, flogen, zu heiterer Überraschung aller Umstehenden, nicht

nur Eierschalen aus der Mündung heraus, sondern mit den Eierschalen

zugleich ein halbverbranntes Wiesel, das in dem Kanonenrohr Quartier

genommen und von hier aus den Hühnerstall geplündert hatte.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 107 / 149 题