Es folgte nun der Sohn. Dem Rechte und dem Namen nach, wie bereits
angedeutet, war er Besitzer von Marquardt seit 1819, aber in Wahrheit
ward er es erst, nachdem der Mutter die Zügel aus der Hand gefallen
waren. Die „Gräfin“ war keine Frau, die sich mit Halbem begnügte.
Dem Sohne war dies Entsagen, wenn es überhaupt ein solches war,
ziemlich leicht gefallen; der „Dienst“ und die „Gesellschaft“, die
ihn beide in der Residenz hielten, waren ihm mehr als die Herrschaft
über Marquardt. Die Passion für die Stille und Zurückgezogenheit des
Landlebens, eine der letzten, die in unser Herz einzieht, _diese_ zu
empfinden, dazu war er noch zu jung, dazu lag noch zu wenig hinter
ihm, dazu nahm er den Schein noch zu voll für das Sein. Im übrigen war
er in Erscheinung und Charakter ganz der Sohn seines Vaters, ganz ein
Bischofswerder: groß, ritterlich, dem Dienste des Königs und der Frauen
in gleicher Weise hingegeben, eine „Persönlichkeit“, mit Leidenschaft
Soldat. Dabei, als bemerkenswertestes Erbteil, ganz im Mystizismus und
Aberglauben stehend. Er trug das rotseidene Kissen auf der Brust, das
der Vater bis zu seinem Tode als Amulett getragen hatte.
Der jüngere Bischofswerder machte seine Laufbahn in der Garde. 1833,
bei dem Tode der Mutter, war er Major im Regiment Garde du Corps. Seine
Familie, er war mit einer Schlabrendorf vermählt, pflegte meistens
die Sommermonate in Marquardt zu verbringen; er selbst erschien
nur auf Stunden und Tage, wenn der Dienst es gestattete oder die
Wirtschafts-Kontrolle es forderte.
1842 bereitete sich eine eigentümliche Feier in Marquardt vor, ein
letzter Schimmer aus Tagen her, wo der Name Bischofswerder Macht,
Gunst und Glück bedeutet hatte. Es war am 20. April genannten Jahres,
bei hellem Mittagsschein, als die Rundgruft im Park wieder geöffnet
wurde. Ein dritter stiller Bewohner sollte einziehen. Von Berlin her
kam ein langer Zug von Kutschen und Wagen, auf dem vordersten Wagen
aber katafalkartig aufgebaut, stand ein blumengeschmückter Sarg. In
dem Sarge ruhte Karoline Erdmuthe Christiane von _Bischofswerder_,
~dame d'atour~ der Gemahlin Friedrich Wilhelms II., später Hof- und
Staatsdame der Königin Luise. Sie war, sechsundsiebzig Jahre alt, in
den stillen Oberzimmern des Berliner Schlosses gestorben. Wenige nur
hatten sie noch gekannt; aber unter diesen wenigen waren die Prinzen
des Königlichen Hauses, vor allen der König selbst. Dieser folgte jetzt
ihrem Sarge. Als der Park erreicht, der Sarg in die Gruft hinabgelassen
und das Einsegnungsgebet durch den Pastor Stiebritz gesprochen war,
trat König Friedrich Wilhelm IV. an die Gruft und rief ihr bewegt die
Worte nach: „Hier begrabe ich meine zweite Mutter; sie hat mich genährt
und erzogen.“ Dann schloß sich die Gruft zum _dritten_, wohl auch
zum _letzten Male_. Die Bischofswerders sind hinüber; wer wird sich
eindrängen wollen in ihren stillen Kreis?
Der Pastor Stiebritz feierte an jenem Tage seinen achtzigsten
Geburtstag. Auf welchen Wechsel der Dinge blickte er zurück! In
demselben Jahre (1795), in dem Marquardt von den Bischofswerders
erworben und der Sohn und Erbe, der nun mit am Grabe stand, geboren
war, war er ins Amt getreten. Wie vieles war seitdem an ihm
vorbeigegangen: Die Besuche des Königs, der Park voll chinesischer
Lampen, die blaue Grotte und ihre Stimmen. Wie ein Traum lag es hinter
ihm.
Um diese Zeit (1842) war der jüngere Bischofswerder Oberstleutnant;
sechs Jahre später war er Oberst und Kommandeur der Garde-Kürassiere.
Als solcher hielt er am 18. März mit seinem Regiment auf dem
Schloßplatz. Während des mittägigen Tumults, in dem Moment, als die
historischen drei Schüsse fielen, ließ er einhauen. Er tat, was ihm
Rechtens dünkte. Die Wochen aber, die jenem Tage folgten, waren
solcher Anschauung nicht günstig, die Verhältnisse erheischten eine
Remedur, ein Desaveu, und die Versetzung Bischofswerders nach Breslau
wurde ausgesprochen. Er erhielt bald darauf, unter Verbleib in der
schlesischen Hauptstadt, eine Brigade.
Aber auch hier in Breslau zog bald eine Trübung herauf;
unglücklich-glückliche Tage brachen an. Seine Huldigungen, die er
ritterlich-galant einer schönen Frau darbrachte, führten zu Konflikten,
und da Namen und Familien hinein spielten, die dem Herzen Friedrich
Wilhelms IV. teuer waren, so bereitete sich ein Allerschmerzlichstes
für ihn vor; er mußte den Abschied nehmen. Aufs höchste verstimmt,
gedemütigt, zog er sich 1853 nach Marquardt zurück. Das Bild der Frau,
die er gefeiert, begleitete ihn in seine Einsamkeit.
Sehr bald nach diesen Vorgängen war es, daß ihn die Herausgabe einer
Biographie seines Vaters beschäftigte. Das vielfach verkannte Andenken
des letztern schien eine solche Wiederherstellung von ihm zu fordern.
Wie dabei vorzugehen sei, darüber hatte er zunächst nur unbestimmte
Ideen. Er selber fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen, auch nicht
unbefangen genug; aber _eines_ wenigstens lag innerhalb des Bereichs
seiner Kräfte: er begann das im ganzen Hause zerstreute Material zu
_sammeln_. Es war im höchsten Maße umfangreich und bestand im bunten
Durcheinander aus Kabinettsorders aller Könige seit Friedrich Wilhelm
II. und aus unzähligen Briefen (meist in französischer Sprache), die
zum Teil staatlich-politische Verhältnisse, zum Teil Verhältnisse
von privater und sehr intimer Natur berührten -- wahrscheinlich der
Briefwechsel zwischen dem Günstling-General und der „Gräfin“ aus den
Jahren her, die ihrer Vermählung unmittelbar vorausgingen. Die mit
Wöllner gewechselten Briefe waren deutsch geschrieben und bezogen
sich zumeist auf das Preß- und das Religions-Edikt. Seltsamer Weise
machte man eine _Tonne_ zum Archiv; in diese wurde alles, vorläufig
ungeordnet, hineingetan.
Dies reiche Material sollte aber nie zur Bearbeitung kommen. Die
Verstimmung des Generals wuchs, dazu beschlich ihn die Vorahnung seines
herannahenden Todes. Wir finden darüber unter den Aufzeichnungen
eines Mannes, der ihm während der letzten Lebensjahre nahe stand, das
Folgende:
„1857 feierte Bischofswerder seinen zweiundsechzigsten Geburtstag.
Meine Frau und ich waren geladen. Gegen Ende des Mahls, als wir seine
Gesundheit in gutem „~Cliquot veuve~“ getrunken hatten, nahm er mich
bei Seite, küßte mich, bedankte sich für alle Liebe, die ich ihm und
seiner Familie so viele Jahre lang bewiesen hätte, und sagte dann:
‚Sie haben heute mit mir das letzte Glas Champagner getrunken; ich
werde in dieser Welt keinen Geburtstag mehr feiern. Mein Großvater ist
im dreiundsechzigsten Jahre gestorben, mein Vater auch, und ich werde
ebenfalls im dreiundsechzigsten Jahre sterben. Gehen Sie übers Jahr auf
unsern Kirchhof und beten Sie an meinem Grabe für meine arme Seele.‘“
Und so geschah es. Als sein dreiundsechzigster Geburtstag kam, war
er hinüber. Nicht in der Gartengruft, auch nicht in der Gruft unterm
Altar, sondern auf dem kleinen Friedhofe, der die Kirche einfaßt, ward
er begraben. Zu Häupten des efeuumzogenen, von einer Esche beschatteten
Hügels wurde ein Kreuz errichtet, das die Inschrift trägt: „Hier ruht
in Gott der Königliche Generalleutnant Hans Rudolf Wilhelm Ferdinand
von Bischofswerder, geboren am 9. Juli 1795, gestorben am 24. Mai
1858“; auf der Rückseite des Kreuzes aber stehen die Worte:
„_Der Letzte seines Namens._“