Sakrow unter Baron Fouqué von 1779 bis 1787

Der Graf Hordt hatte keine Kirchenrechnung gehalten, weil er wenig

da war. Bei der neuen Herrschaft drang ich oft darauf, aber die

Baronesse Fouqué antwortete darauf: „hat doch der Graf Hordt auch

keine gehalten.“ -- Ich habe in nachstehendem, ~avec pardon~, immer

nur von der Baronesse zu sprechen. ~Dès-lors règne la Baronne.~ Der

Gemahl bedeutet wenig. ~Monsieur le Comte de Schmettau est l'Aide de

l'économie et -- du reste.~

1779, in demselben Jahre, in dem die neue Herrschaft nach Sakrow

gekommen war, starb in dem benachbarten Kartzow Herr Prediger

_Woltersdorf_. Er war ein Schwätzer, beliebt beim großen Haufen, weil

er immer „weiland“ und „selig“ bei der Hand hatte. Dem Branntwein

ergeben bis ans Ende mit vielen Ärgernissen. Seine Witwe wurde

Haushälterin beim Baron von Monteton. Sein Nachfolger war Herr Schulte,

ein Jüngling voll Eigendünkel, der sich bald beflissen zeigte, unserem

Orden große Schande zu machen.

1780 den 30. November erging an mich Befehl, verschiedene Fragen

hinsichtlich der Kirchenländereien mit möglichster Genauigkeit zu

beantworten. Dies konnte ich nicht; Kirchenrechnung war nie gewesen.

Die Herrschaft war damals in Brandenburg; der Baron hatte sein

eigen Haus daselbst, wo sie den Winter zubrachten. Dazu kam, das

Kirchenrechnungsbuch war noch beim Grafen Hordt. Wem muß das nicht

auffallen! „Wie leger“ würde die Herrschaft ausrufen, wenn unsereiner

so etwas täte.

_Zum Gesangbuch-Streit._ Im selben Jahre 1780, am 1. Dezember,

publizierte ich das neue Gesangbuch und kündigte an, daß ich über

vierzehn Tage ausführlicher von der Sache reden wollte.

Währenddem entstanden schon allerhand Unruhen in dem orthodoxen

Nachbardorf, gestiftet und unterhalten von dem Küster, wie das

allerorten der Fall war. Madame Oberamtmann redete von nichts, als daß

man wolle „neuen Schmu“ machen.

Inzwischen (am 15.) hielt ich meine Rede über Kolosser 3,16.

Bei der Applikation sagte ich unter anderm: als König David von den

vielen Kriegen, die er führen mußte, zur Ruhe kam, richtete er seine

ganze Sorge auf die innere Verbesserung des Landes, namentlich auf das

Kirchenwesen und öffentlichen Gottesdienst. Er entwarf den Plan, wonach

der Nationaltempel sollte gebaut werden, und ordnete die Kirchenmusik

nebst jeder äußeren gottesdienstlichen Verrichtung an.

Etwas Ähnliches geschieht jetzo und schon seit zehn Jahren in

den protestantischen Ländern. Jeder gute Fürst führt _bessere

Kirchenlieder_ ein, weil die bisherigen _nicht_ zweckmäßig waren.

Nunmehr ist auch in diesem Lande ein neues Gesangbuch angefertigt

worden. Ein Drittel unsrer Lieder konnte wegen unbekannter Melodien

nicht gesungen werden, das zweite Drittel hatte gar nichts zur

Erbauung und das dritte Drittel konnte in einzelnen Stellen noch besser

sein.

Ich kann von der ganzen Veränderung um so freimütiger reden, als

es nicht meine Sache ist, die ich führe. Auch soll die königliche

Verordnung nicht etwa _verteidigt_ werden; das wäre ein lächerlicher

Einfall. Ich will nur überzeugen, daß die Sache gut und nützlich sei.

Ich will eure Gemüter gegen die schiefen Urteile anderer verwahren und

euch zu einem Betragen bewegen, das euch Ehre macht.

Der Wert eines Liedes dependiert von dessen innerer Güte. Wenn der

Ausdruck deutlich, der Begriff richtig, der Ton rührend, der Gedanke

erhaben, gleich faßlich dem Verstande und dem Herzen, passend zur

Erweckung und Stärkung der Gottseligkeit ist -- dann ist das Lied gut.

Unseren meisten Liedern fehlet die Deutlichkeit die Richtigkeit, die

Verständlichkeit, die Anständigkeit, das Lehrreiche.

Darauf beantwortete ich den Einwurf, daß „_Gottes Wort verfälscht

worden sei_“.

So gedachte ich es gut zu machen und machte es übel. Denn es hieß bei

den Bauern: _ich hätt' ihren alten Glauben verachtet_.

Die Herrschaft kaufte gleich zwanzig Stück und gleich mit Neujahr 1781

sang ich neu; der erste auf dem flachen Lande in der ganzen Provinz.

Selbst Herr Teller, der erste in _Berlin_, sang nur vierzehn Tage eher.

1781, am 10. Januar, fand man zu Berlin folgendes, als Beitrag

zum _Gesangbuchstreit_ bemerkenswertes _Pasquil_ an dem _Galgen_

angeschlagen:

„So hat uns der Teufel abermals drei Apostel auf den Hals geschickt,

die unser Gesangbuch gotteslästerlich verdorben haben. Spalding,

Teller, Dieterich. Kaum sind es fünfzehn Jahre (es war im März 1766),

als Spaldings Name zum ersten Male am Galgen stand, und nun kommt er

wieder mit zwei Bestien, Teller und Dieterich, und machen ein neu

Gesangbuch. Jesu Christi wahre Gott- und Menschheit verleugnen sie.

Jesu Leib und Blut im Abendmahl verleugnen sie. Verwerfen die Lehre vom

Satan, wollen es sei keine Hölle, keine Ewigkeit, da doch die Bibel

dieses alles deutlich beweiset. Verwerfen die alten Lieder, auch _die_,

welche Lutherus gemacht. Verdrehen, zerstümmeln, zerhacken die alten

schönen Lieder, daß sie aussehen, als hätten sie die Henkersknechte

auf ihre Fleischklötze gelegt. Dies alles tun die drei Höllenbrände:

Spalding, Teller, Dieterich. Diese drei sind des Teufels Apostel, nebst

dem Prediger Stork (oder Stark). Dieser dumme Mensch gehört nicht auf

die Kanzel, sondern als ein Schulknabe in die Schule. Er kann die

Einsetzungsworte noch nicht lesen, viel weniger beten; stottert, so oft

er eine Predigt tut, aus dem verfluchten neuen Gesangbuche her. Kann

der verfluchte Hund nicht einen Vers aus dem alten Porst herbeten? So

gottlos handeln unsre verfluchten Geistlichen, davon die drei Bestien:

Spalding, Teller, Dieterich die drei Heerführer sind. Ach Gott im

Himmel sieh darein, und laß Dich das erbarmen.“

(Es folgen nun kurze Notizen über Acker, Ackerzins und allerhand

Wirtschaftliches aus den Jahren 1782 und 1784. Davon stehe hier nur

folgendes: im Jahre 1782 verkauften meine Kinder ihre gewonnene Seide.

Sie erhielten vierzig Taler zwölf Groschen. In anderen Jahren in der

Regel nur dreißig Taler, auch weniger.)

1785. Eins meiner Hauptleiden ist mein Küster. Vorgestern brachte mir

sein Söhnlein folgenden Zettel:

„_Montag._ Wird Gerste geharkt und eingefahren.

_Dienstag._ Schule gehalten.

_Mittwoch._ Habe Besuch.

_Donnerstag._ Zu Markt.

_Freitag._ Schule gehalten.

_Sonnabend._ Nach Döberitz.

Weil hiervon nichts abzuändern ist, so werden Sie diese Woche gütigst

als Hundstage ansehen.“

Mein Küster ist ein unausstehlicher Mensch. So viel möglich, vermeide

ich mündliche Unterredung. Er ist zu voll, hört nicht wieder auf. Daher

schreib ich das notwendigste. Der vorstehende Zettel bezieht sich auf

eine Unterredung wegen der Sommerschule. Man sagt: Die Seminaristen

der Realschule wären immer solche Kerls von hohem Nagel. Der „Herr“

wird ihnen da in Fleisch und Blut verwandelt. Als ich herkam, trug er

Manschetten. Ich nicht. Nach Jahr und Tag legte er sie ab. Er wäre

der vortrefflichste Rabulist geworden. ~Chef de parti~ ist er gern

und bei jeder Gelegenheit Rat und Memorialschreiber der Bauern. Die

Frau von Wülknitz sagte mal zu mir: „ich möchte gerne meine Turmuhr

abändern lassen. Rekommandieren Sie mir doch jemand.“ -- Mein Küster

versteht sich darauf. -- „Ach, um Gottes Willen verschonen Sie mich mit

dem Menschen! Ich habe ihn schon hier gehabt. Aber der Kopf hat mir

acht Tage von seinem Geschwätz weh getan.“ Übrigens warne ich meinen

einstigen Nachfolger, wenn er je diese Zeilen liest: alle Leineweber

stecken mit dem Küster unter einer Decke.

1786 am 27. Mai. So habe ich ihn denn erlebt den Anfang meines

sechzigstes Jahres, nicht frisch und munter, aber doch nicht eigentlich

krank oder untätig. Mein Gott, an Dich sei mein erster Gedanke und mein

bester Dank! Aber nun auch noch eine Bitte: laß mich, Deinen Diener

in Frieden fahren, sobald meine Kräfte nicht mehr hinreichen, meinen

ganzen Beruf selbst zu bestreiten. Ich will treu arbeiten, so lange ich

kann, aber wenn das aufhört, dann gönne mir meine Bitte, und erlöse

mich von dem Übel dieses Daseins auf einmal!

28. Mai. Herr Trappiel, Prediger in Marquardt, ist erblindet. Noch

schaudert meine ganze Seele! Der Mann, in der ärmsten Lage, der wie

ein Tagelöhner arbeitete, dem jede Witterung gleichviel war -- er ist

blind. Ich höre es, erschrecke und schwimme mit meinem Wagen durch die

Wasser den Sipunts nach Marquardt ... O Gott, sende ihm Hilfe! Rühre

den Patron des Orts; er _kann_, gib ihm _wollen_.

29. Mai starb der Geheime Rat Stelter; im Zimmer des Königs, beim

Vortrage, rührte ihn der Schlag. Er war ~Homme de fortune~ -- aus einem

Kammerdiener Geheimer Rat! Doch hat er großes Lob der Geschicklichkeit

und Applikation in seinem Posten. Madame und der Kommerzienrat Damm

kannten sich genau.

1787 um Neujahr trat die Fouquésche Familie mit dem Grafen Hordt in

Unterhandlung wegen _Rückkaufs von Sakrow_. Es kam zustande. Auf

Johannis war die Übergabe.

Der Baron von Fouqué war reformiert; Graf Schmettau auch. Die

Baronesse lutherisch. Die ersten Jahre ging sie jährlich zweimal zur

Kommunion, immer mit der Gemeinde, und immer nur als die erste von den

Frauenspersonen. In den letzten Jahren war sie sehr freundschaftlich

mit mir und den Meinigen.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 85 / 149 题