Sakrow, als ich dies Filial erhielt, befand sich im Besitze des
schwedischen Grafen Hordt; seine Gemahlin war eine Gräfin Wachtmeister.
Gleich nach Empfang meiner Vokation schrieb ich von Geltow aus an
den Grafen und bat für Sakrow um sein Akzessit. Es hieß in meinem
Briefe: „Ich weiß, daß das Dorf Sakrow eine ~ecclesia vagans~ ist; ich
respektiere diese Independenz und sehe die Kollation als eine freie
Gnade an. Wenn Euer Hochgeboren nichts mehr verlangen als einen Mann,
der in seinem Dienste solide ist, so bin ich der Mann dazu ... Ganz
natürlich wäre hier der Ort, mich gegen die schwarze Kabale meines
eigentlichen Pfarrdorfes zu verteidigen, weil es ihr doch gelungen ist,
ihre Verleumdungen auch bis Sakrow auszudehnen. Die Zeit aber, die
alles entdeckt, wird auch _dieses_ aufdecken.“
Hierauf bekam ich folgende Antwort: „Euer Hochehrwürden an mich
geschriebene Briefe habe ich richtig erhalten; da es aber noch lange
Zeit hat, bis das Gnadenjahr um ist, so werden Sie mir wohl nicht
verdenken, daß ich nicht _eile_. Unter der Zeit hoffe das Vergnügen
zu haben, Sie persönlich kennen zu lernen. Finde ich, was ich suche,
nämlich einen wahren Seelsorger seiner Gemeinde, so wird die Vokation
nicht lange ausbleiben. -- Was die „Kabale“ anbetrifft, von der Sie
sprechen, so ist mir dieselbe nicht nur unbekannt, sondern das Wort
_Kabale_ allein schon ist mir unerträglich, insonderheit in Sachen, wo
man Gott sein _Schicksal_ überlassen, und von ihm erwarten muß, was er
zu unserem _Seelenheil_ bestimmt.“
Der Graf, so fährt das Tagebuch fort, schreibt von Seelenheil wie
ein Pietist, wofür er auch in seiner Gegend gehalten wurde. Das Wort
Schicksal, welches kein Hallenser verträgt, mag er verdauen. Er ärgert
sich über den Ausdruck Kabale, wie mir Hofrat Brandhorst erzählt, bloß
deshalb, weil es ihm seine _eigene_ ehemalige Kabale zu Stockholm ins
Gedächtnis ruft, worüber er öfter Gewissensvorwürfe haben soll.
Der 11. ~p. trinitatis~ führte mich zur Vakanz-Predigt nach Sakrow. Ich
predigte über die Sonntags-Epistel und entwickelte den wahren Begriff
der Bekehrung. Der Graf lobte mich ins Gesicht; die Gräfin bat sich die
Predigt abschriftlich aus.
Während des Kaffees trat ein gemeiner Mann in den Saal. Er ward von der
Herrschaft sehr freundlich bewillkommt, ihm ein Stuhl neben der Gräfin
gesetzt und ein Glas Wein gereicht (mir nicht). „Kennen Sie diesen
Mann?“ „Nein!“ „Es ist ein wahres Kind Gottes, der Weinmeister Reuter
von Krampnitz. Lernen Sie ihn kennen.“
Ich erwartete nun des Grafen Erklärung über die Vokation. Allein er
schwieg. Beim Abschied bat ich nochmals darum. „Ich werde Ihnen meine
Meinung schriftlich melden.“
Ich ging ohne Freudigkeit weg, und diese Freudigkeit sollte mir auch
nicht kommen, als endlich des Grafen Brief eintraf, in dem er mir
einen Gehalt von sechzig Talern versprach, weil das Korn, das laut
Matrikel der Stelle zugehört, soviel betrage. Dies war nicht richtig,
es betrug _mehr_, und so schrieb ich denn, der Herr Graf möchte
es entweder beim Alten (Naturallieferung) belassen, oder sich ans
Ober-Konsistorium wenden. Wie sehr ich hierdurch den schwedischen
Reichsgrafen aufgebracht und was er für böse Worte im Zorn gegen
mich ausgestoßen, das habe ich wohl erfahren, mag es aber nicht
niederschreiben.
[1775.] Der Graf war also mein Feind und suchte sich anderwärts zu
helfen. Der Kandidat Korthym sollte sich ordinieren lassen -- die
Waisenhaus-Direktion widersetzte sich. Er (der Graf) bot es dem
Prediger Hollmann in Ütz an, aber der war zu ehrlich, um im Trüben zu
fischen. Prediger Schmidt in Döberitz war bereit, wenn ihn der Graf
wollte abholen und zurückfahren lassen. Aber der Graf wollte nicht
~plus~, sondern ~minus~. Endlich wandte er sich an den irrenden Ritter,
Herrn Magister Kindleben, damals Prediger in Kladow, ein Mann von der
schlechtesten Aufführung, der es mit Freuden annahm, aber bald seinen
Posten niederlegte, um der öffentlichen Kassation zuvorzukommen.
Mit Anfang des August kam der Küster Wurm aus Sakrow zu mir, ein Mann,
wie zum Küster gebaut, ohne den gewöhnlichen Nagel im Kopf. „Der Graf
ist in der Enge“, sagte er, „jetzt ist es Zeit, schreiben Sie.“ --
„Ich! schreiben! der Graf hat Unrecht.“ -- „Ja, das hat er; aber er ist
doch ein großer Herr (Wurm war vorher Bedienter des Grafen gewesen),
geben Sie nach.“ -- Und ich gab nach. Wir wurden einig. Ich ward
nebst meiner Frau zu Tische gebeten. Nach Tisch standen der Graf und
ich am Fenster. „Sie sind mein Mann, wir sind für einander gemacht.“
„Ja“, sagte ich, „es sei so für meine Person. Mein Nachfolger bleibe
ungebunden. Hier ist meine Hand.“
[1777.] Graf und Gräfin waren wenig hier. Sie lebten in Berlin. Nur
einmal ist die Gräfin bei mir zum Abendmahl gegangen, am Sonntage vor
der Predigt. Sie war ganz schlecht gekleidet, ~comme en negligé~.
Es war auch in Berlin, wo sie am 13. Juli 1777 starb. Ihre Leiche wurde
nach Sakrow gebracht. Über Stolpe kam sie und ward mit einer Fähre,
(die dazu angeschafft wurde und seit der Zeit da ist) übergesetzt.
Ich war gegen sechs Uhr abends bestellt, und als ich kam, stand der
Sarg schon im Salon und die Träger dabei. Ich ging hinauf zu ihm.
„Wie wollen es der Herr Graf gehalten wissen?“ „Sie gehen mit dem
Küster voran. Unterwegs wird nicht gesungen. Bei dem Grabe singen Sie:
Jesus meine Zuversicht. Dann tun Sie ein Gebet; darauf wird weiter
gesungen und das Grab zugeworfen.“ Und so geschah es. Er hatte sich
an einen Baum gelehnt und zog etliche Male das Schnupftuch heraus.
Nach vier Wochen bestellte Herr Lüdicke (Schreiber und Faktotum) eine
Leichenpredigt, brachte auch den Lebenslauf. Ich hielt sie, aber der
Graf war bei dem König. Niemand vergoß eine Träne. Es sah für eine
Gräfin etwas kahl aus.
* * * * *
Die verstorbene Gräfin wurde den 16. Juni 1722 geboren. Ihr Vater
war Graf Karl Wachtmeister, königlich schwedischer Admiral und der
Großvater Graf Johann Wachtmeister, Reichsrat und Großadmiral der
ganzen schwedischen Flotte. Die Frau Mutter war Henriette Baronesse von
Metsch und die Großmutter eine Gräfin Archenberg. -- Im zwanzigsten
Jahre ihres Alters ward sie mit dem Grafen Johann Ludwig Hordt,
damals königlich schwedischer Oberst, jetzt königlich preußischer
Generalleutnant und Gouverneur der Feste Spandau, Erbherr auf Sakrow,
vermählt. In dieser Ehe hat sie vier Kinder geboren, davon nur noch der
zweite Sohn lebt, Graf Karl Ludwig Hordt, geboren 1749, jetzt Leutnant
beim Regiment Prinz Leopold von Braunschweig zu Frankfurt an der Oder
und Adjutant des Prinzen. In den letzten Jahren stand sie manche
Schwachheit des Körpers aus. Es waren gichtische Zufälle, die ihren
Tod beschleunigten. Von Person ansehnlich, hatte sie das ganze ~air de
grandesse~. Sie sah aus wie die Ernsthaftigkeit selbst. Daher stutzte
ich, als sie einst von dem liederlichen Kindleben sagte: „er war ein
allerliebster Mann, sprach gut französisch und konnte einen recht zu
lachen machen.“ Es heißt, daß die Ehe keine glückliche war. Die fromme
Miene hatte sie ganz und besuchte oft den Weinmeister Reuter.
Seit dieser Beerdigung habe ich den Grafen nicht wieder in Sakrow
gesehen. Er war seit des Lentulus Abreise beständig bei dem König und
ging 1778 mit zu Felde als Chef eines Freiregiments. Beim Ende den
Krieges 1779 verzürnte er sich mit dem König, nahm seinen Abschied,
wohnte zu Berlin und verkaufte Sakrow an den Baron _von Fouqué_, Sohn
des berühmten Generals.
Man muß dem Grafen Hordt die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er
das elende Sakrow umgeschaffen hat. Das schöne Wohnhaus, der ganze
Plan des Gehöftes, des Gartens und des Dörfleins, alles kommt von ihm
her. Wenn ich Sakrow jetzt mit dem von 1750 vergleiche, so kann ich
sagen, Sakrow war damals ein Ratzenloch. Hordt kaufte es, wie man sagt,
für fünfzehntausend Taler, baute stark, erholte sich in der Heide und
verkaufte es an Fouqué für dreiundzwanzigtausend Taler, doch inkl.
vielen Meublements. Der Gräfin Zimmer blieb ~in statu quo~. Der Graf,
wenn er in Sakrow war, lebte sehr eingezogen. In meinen Jahren habe ich
keine fremde Seele bei ihm getroffen. Er mochte es nicht überflüssig
haben. Gegen mich hat er sich geizig betragen. Nichts von Generosität
habe ich von ihm aufzuweisen. Der Schreiber Lüdicke war sein Herz und
Werkzeug, tätig und wirtschaftlich, übrigens falsch wie eine Schlange
und dumm wie ein Schöps.
[28] Diese Aufzeichnungen sind im wesentlichen wörtlich wiedergegeben,
nur selten gebot es sich, einzelne Worte, Namen, Sätze fortzulassen
oder umgekehrt zur Erklärung einzuschalten. Alles trägt den Stempel
des Ernstes, der Wahrheit und absoluter Phrasenlosigkeit. Das letztere
führt zu einer gewissen Herbheit; nichts ist beschönigt, das Leben,
eignes wie fremdes, gegeben wie es war. Darin liegt aber, bei manchem
ästhetisch Anfechtbaren, auch wieder der Wert dieser Notizen. Sie
geben ein _Zeit-_ und _Sittenbild_ aus dem letzten Viertel des vorigen
Jahrhunderts; die Laxheit des Herrenhauses, die Kümmerlichkeit der
Pfarren, beide finden eine gleich treffende Darstellung.