Sakrow unter dem Grafen Hordt von 1774 bis 1779

Sakrow, als ich dies Filial erhielt, befand sich im Besitze des

schwedischen Grafen Hordt; seine Gemahlin war eine Gräfin Wachtmeister.

Gleich nach Empfang meiner Vokation schrieb ich von Geltow aus an

den Grafen und bat für Sakrow um sein Akzessit. Es hieß in meinem

Briefe: „Ich weiß, daß das Dorf Sakrow eine ~ecclesia vagans~ ist; ich

respektiere diese Independenz und sehe die Kollation als eine freie

Gnade an. Wenn Euer Hochgeboren nichts mehr verlangen als einen Mann,

der in seinem Dienste solide ist, so bin ich der Mann dazu ... Ganz

natürlich wäre hier der Ort, mich gegen die schwarze Kabale meines

eigentlichen Pfarrdorfes zu verteidigen, weil es ihr doch gelungen ist,

ihre Verleumdungen auch bis Sakrow auszudehnen. Die Zeit aber, die

alles entdeckt, wird auch _dieses_ aufdecken.“

Hierauf bekam ich folgende Antwort: „Euer Hochehrwürden an mich

geschriebene Briefe habe ich richtig erhalten; da es aber noch lange

Zeit hat, bis das Gnadenjahr um ist, so werden Sie mir wohl nicht

verdenken, daß ich nicht _eile_. Unter der Zeit hoffe das Vergnügen

zu haben, Sie persönlich kennen zu lernen. Finde ich, was ich suche,

nämlich einen wahren Seelsorger seiner Gemeinde, so wird die Vokation

nicht lange ausbleiben. -- Was die „Kabale“ anbetrifft, von der Sie

sprechen, so ist mir dieselbe nicht nur unbekannt, sondern das Wort

_Kabale_ allein schon ist mir unerträglich, insonderheit in Sachen, wo

man Gott sein _Schicksal_ überlassen, und von ihm erwarten muß, was er

zu unserem _Seelenheil_ bestimmt.“

Der Graf, so fährt das Tagebuch fort, schreibt von Seelenheil wie

ein Pietist, wofür er auch in seiner Gegend gehalten wurde. Das Wort

Schicksal, welches kein Hallenser verträgt, mag er verdauen. Er ärgert

sich über den Ausdruck Kabale, wie mir Hofrat Brandhorst erzählt, bloß

deshalb, weil es ihm seine _eigene_ ehemalige Kabale zu Stockholm ins

Gedächtnis ruft, worüber er öfter Gewissensvorwürfe haben soll.

Der 11. ~p. trinitatis~ führte mich zur Vakanz-Predigt nach Sakrow. Ich

predigte über die Sonntags-Epistel und entwickelte den wahren Begriff

der Bekehrung. Der Graf lobte mich ins Gesicht; die Gräfin bat sich die

Predigt abschriftlich aus.

Während des Kaffees trat ein gemeiner Mann in den Saal. Er ward von der

Herrschaft sehr freundlich bewillkommt, ihm ein Stuhl neben der Gräfin

gesetzt und ein Glas Wein gereicht (mir nicht). „Kennen Sie diesen

Mann?“ „Nein!“ „Es ist ein wahres Kind Gottes, der Weinmeister Reuter

von Krampnitz. Lernen Sie ihn kennen.“

Ich erwartete nun des Grafen Erklärung über die Vokation. Allein er

schwieg. Beim Abschied bat ich nochmals darum. „Ich werde Ihnen meine

Meinung schriftlich melden.“

Ich ging ohne Freudigkeit weg, und diese Freudigkeit sollte mir auch

nicht kommen, als endlich des Grafen Brief eintraf, in dem er mir

einen Gehalt von sechzig Talern versprach, weil das Korn, das laut

Matrikel der Stelle zugehört, soviel betrage. Dies war nicht richtig,

es betrug _mehr_, und so schrieb ich denn, der Herr Graf möchte

es entweder beim Alten (Naturallieferung) belassen, oder sich ans

Ober-Konsistorium wenden. Wie sehr ich hierdurch den schwedischen

Reichsgrafen aufgebracht und was er für böse Worte im Zorn gegen

mich ausgestoßen, das habe ich wohl erfahren, mag es aber nicht

niederschreiben.

[1775.] Der Graf war also mein Feind und suchte sich anderwärts zu

helfen. Der Kandidat Korthym sollte sich ordinieren lassen -- die

Waisenhaus-Direktion widersetzte sich. Er (der Graf) bot es dem

Prediger Hollmann in Ütz an, aber der war zu ehrlich, um im Trüben zu

fischen. Prediger Schmidt in Döberitz war bereit, wenn ihn der Graf

wollte abholen und zurückfahren lassen. Aber der Graf wollte nicht

~plus~, sondern ~minus~. Endlich wandte er sich an den irrenden Ritter,

Herrn Magister Kindleben, damals Prediger in Kladow, ein Mann von der

schlechtesten Aufführung, der es mit Freuden annahm, aber bald seinen

Posten niederlegte, um der öffentlichen Kassation zuvorzukommen.

Mit Anfang des August kam der Küster Wurm aus Sakrow zu mir, ein Mann,

wie zum Küster gebaut, ohne den gewöhnlichen Nagel im Kopf. „Der Graf

ist in der Enge“, sagte er, „jetzt ist es Zeit, schreiben Sie.“ --

„Ich! schreiben! der Graf hat Unrecht.“ -- „Ja, das hat er; aber er ist

doch ein großer Herr (Wurm war vorher Bedienter des Grafen gewesen),

geben Sie nach.“ -- Und ich gab nach. Wir wurden einig. Ich ward

nebst meiner Frau zu Tische gebeten. Nach Tisch standen der Graf und

ich am Fenster. „Sie sind mein Mann, wir sind für einander gemacht.“

„Ja“, sagte ich, „es sei so für meine Person. Mein Nachfolger bleibe

ungebunden. Hier ist meine Hand.“

[1777.] Graf und Gräfin waren wenig hier. Sie lebten in Berlin. Nur

einmal ist die Gräfin bei mir zum Abendmahl gegangen, am Sonntage vor

der Predigt. Sie war ganz schlecht gekleidet, ~comme en negligé~.

Es war auch in Berlin, wo sie am 13. Juli 1777 starb. Ihre Leiche wurde

nach Sakrow gebracht. Über Stolpe kam sie und ward mit einer Fähre,

(die dazu angeschafft wurde und seit der Zeit da ist) übergesetzt.

Ich war gegen sechs Uhr abends bestellt, und als ich kam, stand der

Sarg schon im Salon und die Träger dabei. Ich ging hinauf zu ihm.

„Wie wollen es der Herr Graf gehalten wissen?“ „Sie gehen mit dem

Küster voran. Unterwegs wird nicht gesungen. Bei dem Grabe singen Sie:

Jesus meine Zuversicht. Dann tun Sie ein Gebet; darauf wird weiter

gesungen und das Grab zugeworfen.“ Und so geschah es. Er hatte sich

an einen Baum gelehnt und zog etliche Male das Schnupftuch heraus.

Nach vier Wochen bestellte Herr Lüdicke (Schreiber und Faktotum) eine

Leichenpredigt, brachte auch den Lebenslauf. Ich hielt sie, aber der

Graf war bei dem König. Niemand vergoß eine Träne. Es sah für eine

Gräfin etwas kahl aus.

* * * * *

Die verstorbene Gräfin wurde den 16. Juni 1722 geboren. Ihr Vater

war Graf Karl Wachtmeister, königlich schwedischer Admiral und der

Großvater Graf Johann Wachtmeister, Reichsrat und Großadmiral der

ganzen schwedischen Flotte. Die Frau Mutter war Henriette Baronesse von

Metsch und die Großmutter eine Gräfin Archenberg. -- Im zwanzigsten

Jahre ihres Alters ward sie mit dem Grafen Johann Ludwig Hordt,

damals königlich schwedischer Oberst, jetzt königlich preußischer

Generalleutnant und Gouverneur der Feste Spandau, Erbherr auf Sakrow,

vermählt. In dieser Ehe hat sie vier Kinder geboren, davon nur noch der

zweite Sohn lebt, Graf Karl Ludwig Hordt, geboren 1749, jetzt Leutnant

beim Regiment Prinz Leopold von Braunschweig zu Frankfurt an der Oder

und Adjutant des Prinzen. In den letzten Jahren stand sie manche

Schwachheit des Körpers aus. Es waren gichtische Zufälle, die ihren

Tod beschleunigten. Von Person ansehnlich, hatte sie das ganze ~air de

grandesse~. Sie sah aus wie die Ernsthaftigkeit selbst. Daher stutzte

ich, als sie einst von dem liederlichen Kindleben sagte: „er war ein

allerliebster Mann, sprach gut französisch und konnte einen recht zu

lachen machen.“ Es heißt, daß die Ehe keine glückliche war. Die fromme

Miene hatte sie ganz und besuchte oft den Weinmeister Reuter.

Seit dieser Beerdigung habe ich den Grafen nicht wieder in Sakrow

gesehen. Er war seit des Lentulus Abreise beständig bei dem König und

ging 1778 mit zu Felde als Chef eines Freiregiments. Beim Ende den

Krieges 1779 verzürnte er sich mit dem König, nahm seinen Abschied,

wohnte zu Berlin und verkaufte Sakrow an den Baron _von Fouqué_, Sohn

des berühmten Generals.

Man muß dem Grafen Hordt die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er

das elende Sakrow umgeschaffen hat. Das schöne Wohnhaus, der ganze

Plan des Gehöftes, des Gartens und des Dörfleins, alles kommt von ihm

her. Wenn ich Sakrow jetzt mit dem von 1750 vergleiche, so kann ich

sagen, Sakrow war damals ein Ratzenloch. Hordt kaufte es, wie man sagt,

für fünfzehntausend Taler, baute stark, erholte sich in der Heide und

verkaufte es an Fouqué für dreiundzwanzigtausend Taler, doch inkl.

vielen Meublements. Der Gräfin Zimmer blieb ~in statu quo~. Der Graf,

wenn er in Sakrow war, lebte sehr eingezogen. In meinen Jahren habe ich

keine fremde Seele bei ihm getroffen. Er mochte es nicht überflüssig

haben. Gegen mich hat er sich geizig betragen. Nichts von Generosität

habe ich von ihm aufzuweisen. Der Schreiber Lüdicke war sein Herz und

Werkzeug, tätig und wirtschaftlich, übrigens falsch wie eine Schlange

und dumm wie ein Schöps.

[28] Diese Aufzeichnungen sind im wesentlichen wörtlich wiedergegeben,

nur selten gebot es sich, einzelne Worte, Namen, Sätze fortzulassen

oder umgekehrt zur Erklärung einzuschalten. Alles trägt den Stempel

des Ernstes, der Wahrheit und absoluter Phrasenlosigkeit. Das letztere

führt zu einer gewissen Herbheit; nichts ist beschönigt, das Leben,

eignes wie fremdes, gegeben wie es war. Darin liegt aber, bei manchem

ästhetisch Anfechtbaren, auch wieder der Wert dieser Notizen. Sie

geben ein _Zeit-_ und _Sittenbild_ aus dem letzten Viertel des vorigen

Jahrhunderts; die Laxheit des Herrenhauses, die Kümmerlichkeit der

Pfarren, beide finden eine gleich treffende Darstellung.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 84 / 149 题