Die Fahrlander Chronik

Und eintrug er, was geschah,

In sein „Buch der Chronika“.

In der Pfarre zu Fahrland befindet sich ein Schatz: die _Fahrlander

Chronik_. Auf unsern vielen Hin- und Herzügen in der Mark sind

wir keinen handschriftlichen Aufzeichnungen begegnet, selbst die

Kirchenbuch-Notizen aus der Schwedenzeit nicht ausgenommen, die an

Interesse dieser „Fahrlander Chronik“ gleichkämen. Sie bildet einen

starken Quartband, hat festes Papier und einen blaugemaserten Deckel,

und führt die Aufschrift: „Die Pfarre Fahrland; Nachrichten und

Tagebuch seit 1774.“ Diese Aufschrift ist aber halb verwischt und man

findet in dicken Buchstaben darüber geschrieben: „_Fahrland_; Chronik

des Pastor Moritz.“ Man nennt es gemeinhin: Die Fahrlander Chronik. Vor

kurzem hat man dem Buche einen neuen Rücken gegeben und diese Rückseite

mit drei Streifen Goldpapier ornamentiert, was sehr sonderbar aussieht.

Der Verfasser dieser Chronik, wie die vorstehenden Zeilen bereits

andeuteten, ist Pastor Moritz. Er begann seine Arbeit 1787 und führte

sie fort bis 1794. Gleich auf dem ersten Blatte begegnen wir, nach Art

einer Vorrede, Folgendem:

Es ist kläglich, wenn man eine Pfarre bezieht und findet nicht

einen geschriebenen Bogen von Nachricht. So ging es mir in

Geltow. In Fahrland fand ich einige Blätter, aber von dem Orte

und der Pfarre enthalten sie nichts. Überdies gehen einige Bogen

leicht verloren, sonderlich im Vakanz-Jahr und beim Abzug. Die

geistlichen Frauen verstehens nicht. Der Bogen wird als Makulatur

verbraucht.

So ließ ich denn dies Buch binden und heute den 1. August 1787

schreibe ich dieses. Ich bezeuge hiermit vor dem Allwissenden, daß

ich nur Wahrheit schreiben will, es betreffe meine Zeit, oder es

betreffe die alten einzelnen Papiere.

_Moritz._

Nun beginnt er.

Sich in seinen Aufzeichnungen zurecht zu finden, ist nicht leicht,

da er Zurückliegendes und Gegenwärtiges, Biographisches und

Kritisch-Betrachtendes, Allgemeines und Persönliches, Kirchliches

und Wissenschaftliches, Fahrlander Vorkommnisse und Vorkommnisse in

den Filialen, oft ohne Scheidung und Übergänge, hintereinander fort

folgen läßt. Liest man aber liebevoll und wiederholentlich, so klärt

sich zuletzt das Bild, die ganze Gegend: Fahrland und Satzkorn, Sakrow

und Marquardt, Ütz und Döberitz, die Gutsherrschaften und Amtmänner,

die Pastoren und Küster, die Beziehungen zu Potsdam und Sanssouci, --

alles tritt einem entgegen, und es wird einem zu einer eigentümlichen

Freude, die Zeit, die doch beinahe hundert Jahre zurückliegt, so bis

in die _kleinsten Züge_ hinein, aus dem Grabe steigen zu sehen. Neben

dem Inhaltlichen ist die „Chronik“ auch sprachlich interessant. Es

kommen Wendungen darin vor, die man für ganz modern halten möchte,

beispielsweise wie „legère“ oder „fidèle“ oder „Schmu machen“. Dann

wieder heißt es: „Der Graf hatte viel nach mich gefragt“ und gleich

darauf: „nach mich hatte er nicht gefragt“. Dies ist aber nicht als ein

Zeichen mangelnder Bildung zu nehmen; Pastor Moritz war sehr gescheit,

ein Gelehrter, ohne Pedant zu sein.

Über den Gang seines Lebens wird seine Autobiographie, die wir

ebenfalls der „Chronik“ entnehmen, Auskunft geben. Hier nur einige

Vorbemerkungen.

1774 erhielt er die Pfarre. Das Jahr vorher war Pastor _Schmidt_, sein

Amtsvorgänger, gestorben. Er traf die Witwe (die Mutter Schmidts von

Werneuchen) noch im Pfarrhause an. Es war eine hübsche Frau, in der

Mitte der dreißiger, mit viel Familienanhang und Freundschaft. Diese

ganze „Schmidtsche Koterie“ hatte Pastor Moritz, den man einfach als

einen „armen Teufel“ und zugleich als einen bloßen Eindringling ansah,

von Anfang an gegen sich. Die Koterie hoffte ihn stürzen zu können. Man

hatte sich aber sehr in ihm verrechnet. Er war sittenstreng, tapfer,

gescheit, voll moralischer Kraft und Energie; so focht er denn seine

Kämpfe siegreich durch, behauptete sie gegen immer neue Kabalen, die

von Amtmanns- und Pastorenfrauen (alles war versippt und verschwägert)

gegen ihn ins Werk gesetzt wurden, aber er mußte seinen Sieg mit dem

Frieden seines Lebens bezahlen. Er kam aus der Mißstimmung nicht heraus.

Ein Teil der Schuld lag bei ihm. Er war eine herbe Natur; sein

Auftreten konnte nicht versöhnen. Er hatte nichts Verbindliches, er

machte keine Konzessionen, er akkomodierte sich in nichts. Er focht

gegen den Teufels- und Gespenster-Glauben, den sich die Fahrlander

nicht nehmen lassen wollten, mit Heftigkeit, er drang ihnen das

neue Gesangbuch auf im Gefühl seines auf die Matrikel gestützten

Rechts einerseits und seiner geistigen und sittlichen Überlegenheit

andrerseits, ja, ließ es sie wohl gelegentlich auch fühlen, daß er

sie für „dumme Kerle“ halte. Er mochte Recht haben. Ein eigentlich

_geistiger Hochmut_ tritt einem nirgends entgegen.

Man war ihm nie zu Willen, man gab dem Küster reichlich und entzog ihm

ebensoviel als man jenem bewilligte; man besserte nichts aus; er mußte

schwitzen und frieren; schließlich entdeckte er auch, wie mächtig die

Hintertreppen-Einflüsse waren, bis hoch hinauf.

Sein besonderes Unglück war, daß er einen splendiden, gut situierten,

die Dinge leichtnehmenden Vorgänger gehabt hatte, der fünf gerade sein

ließ und auf den nun beständig hingewiesen wurde. Dies tat vor allem

der Küster, der -- als ein Überbleibsel aus der „Schmidtschen goldenen

Zeit“ -- von der Gemeinde bevorzugt wurde, der eitel, hochmütig war,

sich emanzipierte, über Land reiste, wenn er wollte, und Schule hielt,

wenn er wollte, der sich impertinent gegen den Pastor stellte, und sich

so stellen _durfte_, weil die Bauern, denen er immer zu Diensten war,

ihm den Rücken deckten. Die Tagebuchblätter geben ein „Dorfidyll“, das

alles andere eher war als idyllisch.

Eines gewissen _sprachlichen_ Interesses dieser Chronik haben wir

schon erwähnt; auch noch ein Wort über die Schreibweise. Sie ist kurz,

kernig, von großer Klarheit und Durchsichtigkeit. Wo der Verfasser sich

ausführlicher gibt, ist alles in einem brillanten Stil geschrieben, oft

fortreißend. Man erkennt leicht die geistig nicht gewöhnlich und nach

der Charakterseite hin bedeutend angelegte Natur. Ein Mann überall.

Wir beginnen nun einzelnes aus der Chronik auszuziehen und zu einem

Ganzen zusammenzustellen.

Bernhard Daniel Schmidt,

_Pastor zu Fahrland_ 1751 bis 1774

Bernhard Daniel Schmidt war der Vater unsres „Schmidt von Werneuchen“.

Tragen wir ihm schon um deswillen ein gewisses Interesse entgegen, so

wächst dasselbe unter dem Eindruck jener Aufzeichnungen, die wir von

Pastor Moritz, seines Nachfolgers Hand in der Chronik finden. Pastor

Moritz war ihm nicht hold, _konnte_ ihm nicht hold sein, da er unter

der „legèren Praxis“ seines Amtsvorgängers zu leiden hatte, dennoch

tritt einem in diesem letzteren eine unverkennbare liebenswürdige

Persönlichkeit entgegen. Wir geben nun die einzelnen Sätze, wie sie

sich zerstreut in der Chronik finden.

„Bernhard Daniel Schmidt, bis dahin Feldprediger beim Cadettenkorps,

bekam die Pfarre durch Cabinetsordre und trat sie 1751 an, am 6.

Februar.“

„Er vermählte sich am 13. Juli ebengenannten Jahres (1751) mit Sophie

Samson, ältesten Tochter des Stallmeisters Samson zu Potsdam. Sie starb

am 7. Juli 1752.“

„Anfang der sechziger Jahre verheiratete sich Prediger Schmidt zum

_zweitenmal_. Er hatte Vermögen mit der Frau und liebte Windmacherei.“

„Prediger Schmidt hat die Pfarre um mehrere ihrer Einnahmen gebracht.

Er nahm alles leicht. Die Tonne Most erhalte ich noch immer nicht,

trotzdem sie in der Matrikel steht. Er hat's einschlafen lassen, wie

manches andre. Wenn ihm diese Einnahme nichts war, durfte er annehmen,

daß sie seinem Nachfolger auch nichts sein würde? Was fürchtete er?

Er stand ja bei allen Herren der Kammer und der Forst in ausnehmendem

Credit! Jene gaben ihm eine Woorte, diese gaben ihm die Planken dazu,

und das alles, weil er ein so einnehmender Herr war, der ihre ganze

Gesellschaft immer zu lachen machte. -- Nun ist es zu spät. Bei

meinem Anzuge wußte ich von diesen Dingen nichts. Die „vornehme Frau“

verschmähte es, mit mir darüber zu reden.“

„Gleich bei seinem Amtsantritt sagte Pastor Schmidt: Von Ostern bis

Johanni wird täglich, aber nur vormittags Schule gehalten; von Johanni

bis Michaeli nur zweimal in der Woche.“

„Herr Schmidt stand gut zu seinem Küster. Als ihm dieser Anzeige

machte, daß er am andern Tage verreisen wolle, antwortete jener: warum

sagt Er mir das? hab ich Ihm denn schon gesagt, wohin ich morgen

verreisen will?“

„Prediger Schmidt hatte die Pforte machen lassen. Er pflegte durch

dieselbe nach seiner Plantation oder Woorte zu gehn, _in kurzem

Schlafrock, ~à la main~ die Flinte_.“

„Pastor Schmidt liebte Wortspiele nicht nur in seinen Predigten,

sondern auch bei sonstigen Vorfällen. Bei der Leichenrede von einem

Weinmeister sprach er vom Weinberge und beim Tode eines Leinewebers

mußte aus Hiob die Weberspule herhalten.“

„Bei Pastor Schmidt war alles flott und kurz angebunden. Sein eigner

Küster sagte: Und wenn ich an einem Tage an drei Orte kam, so fand

ich meinen Pastor auch da. Er scheute sich nicht vor dem Teufel. Wenn

er Beichte hielt, so sagte er: ‚heran ihr Sünder, bekennt und bessert

euch‘ und damit war es aus.“

Hiermit schließen die Aufzeichnungen über Schmidt. Es ist kaum möglich,

in zehn, zwölf Sätzen ein vollständigeres Charakterbild zu geben: ein

Lebemann, Jäger, Anekdotenerzähler, splendid, nie kleinlich, sich und

andern es leicht machend, voll Verständnis für die Bauernnatur, derb,

humoristisch und deshalb beliebt. Daneben konnte sein erster Nachfolger

nicht bestehen, dessen Leben wir nun, nach seinen eigenen Worten geben.

Johann Andreas Moritz,

_Pastor zu Fahrland_ 1774-1794

(Selbstbiographie)

„Ich wurde zu Magdeburg den 27. Mai 1721 geboren. Mein Vater war

Bürger und Schneidermeister daselbst. Im sechsten Jahre ward ich eine

vaterlose Waise. Bis 1736 war ich ins Gymnasium der Altstadt gegangen

und saß in Quarta. Mein Bruder, damals Student in Halle und Mentor des

jungen Frilinghausen (er schreibt so; wahrscheinlich Freylinghausen)

brachte mich ins Hallische Waisenhaus, wovon Pastor Frilinghausen

Kondirektor war und zwar unter die Waisenkinder. Es war auf Ostern.

Gesund und frisch kam ich nach Halle, bekam aber gleich im ersten Jahre

eine Augenentzündung und schleppte mich damit die sechseinhalb Jahre,

in welchen ich alle Klassen der lateinischen Schule bis Selekta, worin

ich ein Jahr saß, durchlief.

Auf Michaelis 1742 ging ich einundzwanzig Jahr alt auf die Universität

zu Halle und, verlassen von allem Beistand, stümperte ich mich zwei

Jahre durch. Ich informierte des Tisches wegen auf dem Waisenhause.

1744 ging ich in Kondition nach Siegen zu dem Baron von Host,

Chefpräsidenten der Grafschaft Siegen und Teklenburg. Sein dritter

Sohn war mein Eleve. Der Vater war cholerisch, sehr scharf in der

Kinderzucht; die Mutter war das Gegenteil. Sie verzärtelte den Sohn

bis zum toll werden. Auch fand ich eine französische Mamsell vor, dies

Kreuz aller Hofmeister.

1747 ging ich nach Halle zurück in dem frommen Vorsatz, mich den

Anstalten zu widmen. Allein es war alles verändert und nach längerem

Aufenthalt in Berlin nahm ich auf Ostern 1749 in Uetz eine Stelle

als Hofmeister bei dem Junker von Hacke an. Nach sechseinhalb Jahren

brachte ich meinen Eleven auf das Ritterkollegium und war willens mich

abermals nach Berlin zu wenden, als mir die Pfarre zu Geltow durch

den Herrn Inspektor Lieberkühn angetragen wurde. ‚Sie ist freilich

schlecht, aber doch besser für Sie, als wieder eine Kondition.‘

Auf Michaelis 1756 bezog ich die Pfarre _Geltow_, verpachtete die

Ackerwirtschaft und behielt den Garten und Weinberg zu meiner

Beschäftigung. 1759 heiratete ich meine selige Frau, damals Witwe des

Bürgermeisters Pauli in Werder, mit welcher ich drei Töchter gezeuget

habe.

Als ich auf die Pfarre Geltow examiniert und ordiniert wurde, war

der Herr _von Danckelmann_ Chef des Konsistorii. Als wir, es war

außer mir noch ein Examinandus, abtraten, sagte er zu den geistlichen

Herren: ‚Der _Moritz_ hat geantwortet und spricht gut latein.‘ ‚Er ist

Schulmann‘, erwiderte Rat Hecker, ‚schade, daß Geltow eine so schlechte

Pfarre ist.‘ --

Mit 1756 begann der lange Krieg und seine sieben Jahre haben mich wie

sieben magere Kühe ganz aufgefressen. Ich hatte verpachtet, empfing

baar zweihundert Taler und der Preis aller Lebensmittel stieg ungeheuer

im Preise; ich lebte recht dürftig. Nach Ende des Krieges bat ich das

Konsistorium um eine bessere Stelle. Ich wurde angewiesen, mich wieder

zu melden; aber in dem Winkel Geltow erfuhr ich nichts, oder erfuhr es

zu spät.

Erst 1773 ward ich wieder rege. Der Prediger _Schmidt_ in Fahrland war

tödlich krank, die Pfarre in großem Ruf und meine Freunde lagen mich

an, noch diesen Versuch zu tun.

Den 2. Dezember 1773 starb Herr Schmidt. Schon am andern Tag bekam

ich einen Expressen, schleunig nach Potsdam zu kommen und schon am 4.

Dezember wurde die entsprechende Petition dem Könige vorgelegt und mit

den gewöhnlichen Formalitäten bewilligt. Das Konsistorium akzeptierte

die Königlichen Ordre ohne Widerrede und der Geheimrat Lamprecht

erklärte öffentlich, daß ich die Pfarre verdiene, worauf in der Session

vom 9. Dezember die Gastpredigt dekretiert und dem Inspektor Befehl

zugeschickt wurde, dieselbe abzuhalten.

Soweit war alles gut; aber bald darauf veränderte sich mein Horizont;

die Menschen verkehrten meine Freude in Traurigkeit.

In _Fahrland_ entstand Unruhe aus Kabale. Die Bauern sagten: ‚wie

lange werden wir den Mann haben, er ist ja schon alt, er ist ja nicht

des Herfahrens wert.‘ -- Dies war eigentlich nur der Widerhall der

Intrige, die im Pfarrhause geschmiedet ward und deren Bolzen der Küster

_Kaplitz_ verschoß. _Woltersdorf_, Pastor zu Kartzow und Priort,

saß auch in diesem Rat und schickte sich recht gut dazu. Der Plan

war, den Kandidaten _Korthym_ zur Pfarre zu verhelfen, welcher dann

aus Dankbarkeit heiraten sollte. Hier war also eine große Klerisei

interessiert: erst die Witwe, dann deren Schwester, die Predigerin

in Döberitz, und der Küster, der von meinem Vorgänger zum Kantor

präkonisiert worden war, indem er nach abgelegter Singeprobe kurzweg

zur Gemeinde sagte: ‚seht hier Euren Kantor!‘

Küster _Kaplitz_ kam nach Geltow herüber, horchte meinen Küster aus und

da er hörte, daß ich die Schule fleißig besuche, fürchtete er sich und

dachte mit dem jungen Korthym besser fertig zu werden. Auch meine Armut

ward bei diesen Gesprächen nicht vergessen.

Nach langem Zögern wurde endlich die Gastpredigt auf den 6. Februar

1774 angesetzt. Ich ging nach Worms, wie Luther. Keine lebendige

Seele war, der ich mich anvertrauen konnte. Aber soviel achtete ich

mich doch, daß ich dem Inspektor (Superintendent) dem Günstling des

Pfarrhauses, in der Sakristei freimütig heraussagte: ‚wenn die Bauern

mich zu pöbelhaft behandeln, so entsage ich der Pfarre und Sie können

es auf mein Wort mit ins Protokoll setzen.‘

Die Kirche war außerordentlich voll Menschen, für mich gegen Geltow

gerechnet, etwas Neues. Aber ich redete ohne Stottern und ohne Konzept.

Ich handelte von der Kraft des göttlichen Worts, zur Besserung und

Beruhigung des Menschen. Alle Honoratiores waren mit der Predigt

zufrieden; die Einwürfe der Bauern beschränkten sich darauf: ‚ich

sei schon alt und man hätte mich hinten bei den Fischern nicht hören

können.‘ Das Konsistorium erteilte mir nichts destoweniger die Vokation.

Gegen Abend fuhr ich mit dem Herrn Inspektor bis an die Nedlitzer

Fähre zurück. Merkwürdig war und ist mir noch sein Sentiment über

meine Predigt. ‚Sie lieben‘, sagte er, ‚den dogmatischen Vortrag. Ihr

Vorfahr (Pastor Schmidt) redete gern in Gleichnissen und Bildern; er

würde das Gleichnis vom Samen durch die ganze Predigt durchgeführt

haben.‘ Ich antwortete: ‚nach meinem Begriffe sind die Gleichnisse

nur Erläuterung des Lehrsatzes, dieser aber ist die Hauptsache, also

auch das Hauptaugenmerk des Lehrers. Er soll unterrichten. Ich liebe

den ernsthaften Ton und den moralischen Gehalt. Den Teufel laß ich

an seinen Ketten liegen; Rechtschaffenheit des Herzens, Unschuld des

Lebens sind meine Hauptsache.‘

Ich erhielt danach meine Vokation.

Im September aber verfiel ich in eine schwere Krankheit, welche mich

dem Tode so nahe brachte, daß man mich oft für todt hielt. Zweimal

wärend dieser Zeit war meine Pfarre bereits vergeben. Der Grund meiner

Krankheit war der große Verdruß, den ich während des Vakanz-Jahres

durch die schwarze Kabale in Fahrland auszustehen hatte. Dann kamen,

wenn nicht glückliche, so doch ruhigere Jahre.“

* * * * *

Über diese Jahre hat Pastor _Moritz_ nicht mehr in einer fortlaufenden,

geordneten Lebensbeschreibung, sondern in einzelnen tagebuchartigen

Notizen berichtet. Einige davon sind sehr charakteristisch; wir geben

zwei, drei derselben, die dem Todesjahre des großen Königs (1786) und

dem ersten Regierungsjahr Friedrich Wilhelms II. angehören.

1786

_Anfang August._ Noch nie in meinem ganzen Leben hat jemand meinen

Geburtstag gefeiert. Vorgestern feierte der Kammerhusar, Herr

_Neumann_, den Geburtstag seiner Schönen, Mamsell Schultzen, und

zwar in Sanssouci, in seinem Zimmer, welches etwa zwanzig Schritt

von des Königs Zimmer ab ist. Es war eine Gesellschaft von sechzehn

Personen, darunter unser Fahrlander Oberamtmann, und ich höre, daß die

prächtige Mahlzeit bis zu dreihundert Taler wert gekostet haben soll.

Gegessen wurde von silbernen Tellern, begleitet von Konfituren und

ähnlichen Aufsätzen. Der Vater der Schönen, ein Prediger aus Thüringen,

ist dabei gewesen, ein überaus aufgeräumter Mann, der an allen

Vergnügungen lauten Anteil nahm und unter anderen auch sein Stammbuch

den neuen Freunden und Teilnehmern seines Glücks präsentierte. Einer

von den Gästen fängt schließlich zu singen an. „Pst, pst!“ fallen

mehrere dazwischen, bis ein anderer ruft: „Singt ihr man. Der Alte

ist schon zu Bette; er hört es nicht mehr.“ Wie schnöde gegen den

ablebenden, einst so gefürchteten König! Erst nach zwei Uhr sind sie

auseinandergegangen. Sie, die Mamsell Schultzen, ist ein wahres Stück

Fleisch und man könnte auf dem Brustwerk Wache stehen! (Neumann wurde

bald vergessen. Er kaufte das Haus des _von Fouqué_ in Brandenburg und

zog dahin. Die Ehe soll erbärmlich sein, bis zum Scheiden. Neumanns

Glück war aus, aber das des Kammerhusaren Schöning stieg, steigt noch

unter Belohnung seiner vormaligen geheimen Korrespondenz zwischen dem

Thron und dessen Erben.)

_Nachschrift._ Den 16. August ward der König sprachlos und verlor sein

Bewußtsein; den 17. in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag um

zwei Uhr starb er; den 18. ward er beigesetzt.

Der große Mann! immer verehrungswürdig und jeder neue Tag macht ihn

verehrungswürdiger und unvergeßlich.

1787

_Im März._ Aus dem Kirchenbuche geht hervor, daß „Unechte“

(~Illegitimi~) im vorigen Jahrhundert etwas sehr Seltenes waren. Wie

sich die Zeiten ändern! Niemanden rührt das mehr, ist alltäglich

geworden, und die Prediger dürfen darob nicht murren. Jetzt, 1787,

ist Befehl da, es recht laut auf der Kanzel zu sagen, daß keine

Frauensperson darob soll getadelt werden. Das war eine der ersten

Sorgen Friedrich Wilhelms II. (9. November 1786), daß „gefallene

Weibspersonen von allem Schimpf und aller Schande verschont bleiben

sollen“.

_Am 28. August_ kam hier eine Eskadron Husaren von Goltz, sonst

Belling, an. Am 30. früh marschierten sie weiter nach Zachow. Der

Stab lag hier, die vier übrigen Eskadrons auf den nächsten Dörfern.

Der Oberst ist Herr _Göcking_ (seit dieser Regierung von Göcking),

Bruder des berühmten Dichters Göcking. Sie marschieren zur Armee nach

Westfalen, kommen von Stolpe in Pommern, vierundvierzig Meilen hinter

Berlin und treffen erst im Oktober in Westfalen ein.

_September 20._ Heute sind die Regimenter zum Manöver angekommen.

Friedrich der Große hatte immer schön Wetter. Der heutige Anfang ist

schlecht.

_September_ 21. bis 25. Heute Abend wurde in Potsdam des Königs

Geburtstag gefeiert. Das 1. Bataillon Garde führte eine Komödie

auf. Zur Illumination hat die ganze Garnison beigetragen, jeder

Stabsoffizier zwei Louisdor. Das Fräulein von Voß, welches jetzt, nach

Entfernung der Encken (Gräfin Lichtenau) das Haus des Mylord Mareschal

bewohnt, hat dasselbe auch prächtig illuminiert gehabt.

_Weihnachten_ 1787

„Dreizehn Jahre stehe ich nun hier im Amt. Mein Gott! Du zeichnetest

mir eine rauhe Bahn meines Lebens, gabst mir eine ängstliche Seele,

mittelmäßig Brot, verwöhnte Zuhörer, keinen Gönner, starkes Gefühl

der Sittlichkeit, unverletzbare Ehrlichkeit, strengen Ton im Vortrag,

keinen lauten Beifall. Und doch mein Vater diente ich treu, meinte

es mit jedermann gut. Doch ich stehe ja noch da, tätig, anständig

gekleidet, hinlänglich satt, ohne Schulden, Vater dreier Töchter, deren

ich mich nicht schämen darf und keiner kann etwas lästern als: Du bist

ein Samariter und hast den Teufel. Gelobt sei Gott: Hosianna dem Sohne

Davids, mit ihm stehe ich, mit ihm falle ich. Und nun nur eine Bitte

noch: für _mich_ -- verlaß mich nicht im Alter; für die _meinigen_ --

leite sie nach deinem Rat und nimm sie endlich mit Ehren an.“

* * * * *

Hiermit schließen wir unsre Auszüge aus Chronik und Tagebuch. Was den

Verfasser derselben angeht, so muß es immer wieder gesagt werden: es

ist nicht möglich, sich gegen das Charaktervolle seiner Erscheinung

zu verschließen. Und dadurch flößt er uns ein tieferes Interesse ein.

Er war ein Ehrenmann, brav, bieder, gerecht; unsentimental, aber voll

tiefer Empfindung wo Empfindung an der rechten Stelle war. Ja, was ihm

bei seinen Lebzeiten am meisten bestritten zu sein scheint: er war

gütig, opferbereit, in Wahrheit ein barmherziger Samariter. In Geltow,

selbst am Hungertuche nagend, hatte er die Hungrigen seiner Gemeinde

gespeist, und jederzeit war es ihm Herzensbedürfnis, in heißem Gebete

Gottes Gnade für die Unglücklichen anzurufen. Das alles erhellt aus

seinem Tagebuche. Und nichts von eitler Schaustellung, von bloßem

Gefühlsgepränge, konnte sich mit einmischen, denn er schrieb dies alles

nur _für sich_: kein fremdes Auge, so lang er lebte, hat mutmaßlich

diese Aufzeichnungen je gesehen.

Eine innerste Bravheit und Tüchtigkeit zieht sich durch das ganze Buch

wie durch das Leben des Mannes hindurch, und _doch_, an derselben

Stelle wo Pastor Schmidt, die Flinte ~à la main~ glücklich _gewesen_

war und glücklich _gemacht_ hatte, wollte _ihm_ weder das eine noch das

andere gelingen. Er war unbeliebt, unpopulär und blieb es bis zuletzt.

Woran lag es? Sonderbar zu sagen, er hatte wohl die echte

charaktervolle, sich an rechter Stelle betätigende Liebe, aber er hatte

nicht die leichte Liebenswürdigkeit, und wenn wir Umschau halten, so

scheint es fast, als ob bei den Menschen diese leichtwiegende Tugend

schwerer wöge und wichtiger wäre als die ernstere Schwester. Die

skrupulösen Leute, die nichts leicht nehmen, die wenig lachen, die nie

fünf gerade sein lassen, jene korrekten, witz- und humorlosen Naturen,

die sich immer auf den Rechtsstandpunkt stellen, oder wohl gar auf ihr

_persönliches_ Recht sich steifen, -- diese peinlich-bedrücklichen

Integritäts-Leute sind nie angesehen bei der Masse, wenn sie nicht

nebenher noch eine freigebige Hand haben. Und diese _können_ sie

kaum haben, denn ihre Eigenart besteht eben darin, sich auch beim

geben noch die Frage „nach dem Rechte“ vorzulegen. Vor allem aber,

selbstverständlich, beim fordern und empfangen. Und dies ist das

allerschlimmste. Statt über das hinzugehen, was ausbleibt, empören

sie sich beständig über die _Unbill_, die in diesem Ausbleiben liegt,

und unter Mißmut, Gereiztheit, Bitterkeit vergehen ihnen die Tage,

niemandem zur Freude, am wenigsten sich selbst.

Dieser Gruppe von Freudlosen gehörte auch unser Pastor Moritz an;

er hatte keine Spur von jener christlich-leuchtenden Serenität, die

dem liebenswürdig angelegten Naturell aus dem „sie säen nicht, sie

ernten nicht“ erwächst, und so bracht' er es denn mit seiner ganzen

Korrektheit in Geldsachen, mit seinen Klagen, Vorstellungen und

Protesten, die immer nur darauf hinausliefen, daß der Heckenzaun _noch_

nicht gemacht und die Tonne Most _noch_ nicht geliefert worden sei,

zu nichts andrem, als daß man ihn für einen unerquicklichen Geizhals

hielt. Er _war_ es nicht (im Gegenteil er gab, er half), aber man darf

sagen, er hatte die Allüren des Geizes. Und an _dieser_ Stelle ist der

Bauer am empfindlichsten, _deshalb_ am empfindlichsten, weil er sich am

besten selbst darauf versteht und jede kleine Nüanze, nach selbsteigner

Praxis und Erfahrung, am leichtesten entdecken und verfolgen kann.

Noch einmal, an einer gewissen ablehnenden Nüchternheit, an einem

cholerisch gearteten Rechtsgefühl, das schließlich, als das Feuer

verglüht war, in Art von Melancholie umschlug, scheiterte unser Pastor

Moritz; -- es bewährte sich an ihm, unser Glück oder Unglück wurzelt in

unserm Charakter. Ohne Liebe sank er hin.

Aber wir Nachgebornen stehen anders zu ihm, und dem Bedrücklichen

seines Wesens entrückt, können wir uns an seiner Bravheit und

Tapferkeit ausrichten, an ihm messen. Er war in vielen Stücken ein

guter Typus seiner Zeit und speziell auch des märkischen Charakters.

Die glücklich geänderten Zeiten werden von selbst dafür Sorge

tragen, daß die Schwächen der Männer jener Epoche sich in uns

mindern, Schwächen, die in der _Sterilität_ des Bodens und aller

Lebensverhältnisse ihren Grund hatten. Aber an uns ist es, dafür

zu sorgen, daß ihre Vorzüge uns verbleiben: ihre Einfachheit, ihre

Festigkeit, ihr Haushalten und ihre Treue.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 82 / 149 题