Die Havelschwäne

Da geht's an ein Picken,

An ein Schlürfen, an ein Hacken;

Sie stürzen einander über die Nacken,

Schieben sich, drängen sich, reißen sich,

Jagen sich, ängsten sich, beißen sich,

Und das all' um ein Stückchen Brot.

=(Lilis Park)=

Die Havel, um es noch einmal zu sagen, ist ein aparter Fluß; man könnte

ihn seiner Form nach den norddeutschen oder den Flachlands-Neckar

nennen. Er beschreibt einen Halbkreis, kommt von Norden und geht

schließlich wieder gen Norden, und wer sich aus Kindertagen jener

primitiven Schaukeln entsinnt, die aus einem Strick zwischen zwei

Äpfelbäumen bestanden, der hat die geschwungene Linie vor sich, in der

sich die Havel auf unseren Karten präsentiert. Das Blau ihres Wassers

und ihre zahllosen Buchten (sie ist tatsächlich eine Aneinanderreihung

von Seen) machen sie in ihrer Art zu einem Unikum. Das Stückchen

Erde, das sie umspannt, eben unser Havelland, ist, wie ich in den

voraufgehenden Kapiteln gezeigt habe, die Stätte ältester Kultur in

diesen Landen. Hier entstanden, hart am Ufer des Flusses hin, die

alten Bistümer _Brandenburg_ und _Havelberg_. Und wie die älteste

Kultur hier geboren wurde, so auch die neueste. Von Potsdam aus wurde

Preußen aufgebaut, von Sanssouci aus durchleuchtet. Die Havel darf sich

einreihen in die Zahl deutscher Kulturströme.

Aber nicht von ihren Großtaten gedenke ich heute zu erzählen, nur von

einer ihrer Zierden, von den _Schwänen_.

Die Schwäne sind auf dem ganzen Mittellauf der Havel zu Hause. Die

zahlreichen großen Wasserbecken, die sich hier finden: der Tegler-See,

der Wann-See, der Schwielow, die Schlänitz, die Wublitz, sind ihre

Lieblingsplätze. Ihre Gesamtzahl beträgt zweitausend. In früheren

Jahren war es nicht möglich, diese hohe Zahl zu erreichen. Während der

Franzosenzeit waren sie, als ein bequemes Jagdobjekt, zu hunderten

getötet worden; später wurden die großstädtischen Eiersammler ihrer

Vermehrung gefährlich. Erst die Festsetzung strenger Strafen machte

diesem Übelstande ein Ende. Seitdem ist ihre Zahl in einem steten

Wachsen begriffen. Wie mächtige weiße Blumen blühen sie über die blaue

Fläche hin; ein Bild stolzer Freiheit.

Ein Bild der Freiheit. Und doch stehen sie unter Kontrolle, in

Sommertagen zu der Menschen, in Wintertagen zu ihrem eigenen Besten.

Im Sommer werden sie eingefangen, um gerupft, im Winter, um gefüttert

zu werden. So bringt der Hofstaat oder vielleicht der Fiskus, dem sie

zugehören, seine sommerliche Untat durch winterliche Guttat wieder in

Balanze. Auf die Prozedur des Einfangens kommen wir weiterhin zurück.

Die zweitausend Schwäne zerfallen in Schwäne der Ober- und Unter-Havel;

das Gebiet der einen reicht von Tegel bis Potsdam, das der andern von

Potsdam bis Brandenburg. Die Glienicker Brücke zieht die Grenze. Die

Schwäne der oberen Havel stehen unter der Herrschaft der Spandauer, die

Schwäne der unteren Havel unter der der Potsdamer Fischer. Man könnte

dies die Einteilung der „Provinz Havelschwan“ in zwei Regierungsbezirke

nennen. Diese großen Bezirke aber zerfallen wieder in eben so viele

Kreise, als es Haveldörfer gibt, besonders auf der Strecke von Potsdam

bis Brandenburg. Die Ützer Fischer beherrschen die Wublitz, die

Marquardter Fischer den Schlänitz-See, die Fischer von Kaputh den

Schwielow usw. Auf der Unterhavel allein befinden sich gewiß zwanzig

solcher Arrondissements, alle mit gewissen Rechten und Pflichten

ausgerüstet, aber alle den beiden Hauptstädten dienstbar, alle in

Abhängigkeit von Potsdam und Spandau.

Wir wenden uns nun dem Sommerfang der Schwäne zu. Er erfolgt zweimal

und hat den doppelten Zweck: den Jung-Schwan zu lähmen und den

Alt-Schwan zu rupfen. Über die Lähmung ist nicht viel zu sagen;

ein Flügelglied wird weggeschnitten, damit ist es getan. -- Desto

komplizierter ist der Prozeß des Rupfens. Er geschieht an zwei

verschiedenen Stellen. Die Schwäne der Ober-Havel werden auf dem

Pichelswerder, die Schwäne der Unter-Havel auf dem „Depothof“ bei

Potsdam gerupft. Das Verfahren ist an beiden Orten dasselbe. Wir geben

es, wie wir es auf dem Depothof sahen.

Der „Schwanenmeister“, Gesamtbeherrscher des ganzen Volkes cygnus

zwischen Tegel und Brandenburg, gibt die Order: „Am 20. Mai (der Tag

wechselt) wird gerupft.“ Nun beginnt das Einfangen. Die Fischer der

verschiedenen Haveldörfer machen sich auf, treiben die auf ihrem Revier

schwimmenden Schwäne in eine Bucht oder Ecke zusammen, fahren dann

mit einem zehn Fuß langen Hakenstock in die Schwanenmassen hinein,

legen den Haken, der wie bei dem Schäferstock eine halboffene Öse

bildet, geschickt um den Hals des Schwanes, ziehen ihn heran und in ihr

Fahrzeug hinein. Dies geschieht mit großer Schnelligkeit, so daß binnen

ganz kurzer Zeit das Boot mit dicht neben einander hockenden Schwänen

besetzt ist und zwar derart, daß die langen Hälse der Schwäne, über die

Bootkante fort, nach außen blicken. Ein sehr eigentümlicher, grotesker

Anblick.

In dieser Ausrüstung treffen nun die Boote aus wenigstens zwanzig

Dörfern auf dem Depothof ein und liefern ihre Schwanenfracht in die

dort befindlichen Hürden ab, von wo sie nach und nach zur Rupfbank

geschleppt werden.

Die Rupfbank ist ein langer Tisch, der in einem mächtigen Schuppen

steht. An der einen Seite des Tisches entlang, mit scharfem Auge und

flinker Hand, sitzen die Rupfweiber, meist Kietzfischer-Frauen. Ein

Schwanenknecht trägt nun Stück auf Stück die Schwäne herein, reicht

sie über den Tisch, die Frauen packen zu und klemmen den Hals zwischen

die Beine ein, während der Knecht den auf dem Tische liegenden

Schwan festhält. Nun beginnt das Rupfen mit eben soviel Vorsicht als

Virtuosität. Erst die Federn, dann die Daunen; kein Fleck von Fleisch

darf sichtbar werden. Nach Beendigung der Prozedur aber nimmt der

Schwanenknecht den Schwan wieder in seinen Arm, trägt ihn zurück

und wirft ihn mit Macht in die Havel. Der Schwan taucht nieder und

segelt nun mit aller Gewalt quer über den Fluß, um seinen Quälern

zu entfliehen. Bald aber friert ihn, und zunächst sonnige Ufer- und

Inselstellen aufsuchend, eilt er erst den zweiten oder dritten Tag

wieder seinen Heimatplätzen im Schwielow oder Schlänitz zu.

Einen ganz anderen Zweck, wie schon angedeutet, verfolgt das Einfangen

im Winter, wenn die Havel zugeht. Die schönen Tiere würden im Eise

umkommen. Sie werden also abermals zusammengetrieben und eingesammelt,

um an solche Havelstellen gebracht zu werden, die nie zufrieren, oder

doch fast nie zufrieren. Der Prozeß des Einfangens ist derselbe, wie

im Sommer, aber nicht der Transport an die eisfreien Stellen, welche

letzteren sich glücklicherweise bei Potsdam selbst, fast mitten in

der Stadt befinden. Die Überführung in Booten ist jetzt unmöglich, da

schon ganze Partien des Flusses durch Eis geschlossen sind; so treffen

sie denn in allerhand Gefährt, in Bauer- und Möbelwagen, selbst in

Eisenbahnwaggons, in ihrem Potsdamer Winterhafen ein.

Sie haben nun wieder sicheres Wasser unter den Füßen, die Gefahr des

Erfrierens ist beseitigt, aber die Gefahr des Verhungerns -- 2000

Schwäne auf allerkleinstem Terrain -- würde jetzt um so drohender an

sie herantreten, wenn nicht durch Fütterung für sie gesorgt würde.

Diese erfolgt in den Wintermonaten täglich zweimal, morgens um acht Uhr

und nachmittags um drei Uhr, immer an derselben Stelle und zwar in der

Nähe des Stadtschlosses.

Unmittelbar hinter der Eisenbahnbrücke, am Ende des Lustgartens, ist

eine Stelle welche wegen des starken Stromes nur selten zufriert. Diese

ist Rendezvous. Wir geben die Drei-Uhr-Fütterung.

Schon um Mittag ziehen sich die Schwäne von allen noch offenen

Stellen der Havel und aus den Kanälen der Stadt in der Nähe der

Eisenbahnbrücke zusammen. Unruhig, ziehen sie nicht einzeln, sondern

zu Hunderten, neben und hintereinander, am Ufer hin und her, die alten

und erfahreneren aber unter dem letzten Bogen der Eisenbahnbrücke

hindurch, auf eine Stelle zu, von wo sie mit hochaufgerecktem Halse

über die Uferbrüstung hinweg den langen Wallweg hinunter sehen können,

auf dem der Schwanenmeister mit seinem Kornkarren heranfahren muß. Sie

kennen ihn auch schon in weitester Entfernung, und kaum taucht seine

Mütze zwischen den Bäumen auf, so fährt eine ganz besondere Unruhe in

das zahlreiche Rudel. In höchster Anstrengung rudern sie sofort unter

der Eisenbahnbrücke hindurch, nach dem Futterplatze, und wenn sie ihn

dort noch nicht angekommen sehen, wieder zurück zu der Stelle, wo sie

seine Annäherung beobachten können. Diese unruhige Wanderung wiederholt

sich so lange, bis der Schwanenmeister mit Karre und Gerstensack an

der Brücke angekommen ist. Nun entsteht ein wahrer Tumult unter den

Tieren. Alles stürzt übereinander und nebeneinander hin und reckt die

Hälse, um nur ja keine Bewegung ihres Hüters zu übersehen und den

ersten Schaufelwurf nicht zu versäumen. Noch ist es indessen nicht so

weit. Der Schwanenmeister geht erst auf die Brücke, um in langgezogenen

Tönen sein „Hans! Hans!“ zu rufen, auf welchen Ruf die etwa noch

Verspäteten von allen Seiten herbei schwimmen. So lange dies Rufen

dauert, halten sich die Schwäne in der Nähe der Brücke. Hört es aber

auf, und wendet der Rufende sich zu dem eigentlichen Fütterungsplatze,

so rauscht das ganze Schwanenheer in einer großen, blendend weißen

Masse, drängend wie ein Keil und gewaltsam wie die Räder eines

Dampfschiffs, im Wasser neben dem am Ufer gehenden Schwanenmeister her.

Während der Sack aufgebunden wird, schroten sich einige der Gierigsten

über die Eisschollen und Ränder am Ufer auf das feste Land, watscheln

unbehülflich zum Karren, um wo möglich die ersten zu sein, die etwas

erhalten. Ihre Berechnung wird aber jedesmal getäuscht, denn, wenn

recht viele aus dem Wasser heraus und andere im Begriff sind, ihnen

zu folgen, wird der Gerstenkarren rasch auf die entfernteste Stelle

des Futterplatzes geschoben. Kaum sehen die ans Land gekommenen

Schwäne, daß ihnen ihre Eile nichts hilft, so stürzen sie sich so

rasch wie möglich in das Wasser zurück; aber es hält schwer, in der

dichtgedrängten Masse der schwimmenden Schwäne ein Fleckchen zu finden,

wo sie noch Platz hätten. Mit einer unglaublichen Gewaltsamkeit drängen

die Hintersten gegen das Ufer. Nun erfolgt der erste Wurf weit ins

Wasser hinein, und wo die Gerste das Wasser berühren kann, verschwinden

im Nu alle Hälse, und man sieht plötzlich Hunderte von Zuckerhüten

auf dem Wasser schwimmen. Unmittelbar am Ufer aber gelangt die

Gerste gar nicht ins Wasser, sondern bleibt auf den dicht aneinander

gedrängten Rücken der Schwäne liegen. Um sie aufzulesen, verschlingen

die langen Hälse sich hin und wieder zu Knoten, so daß es oft den

Anschein hat, als könnten sie kaum wieder auseinander kommen. So weit

jeder Wurf reicht, tritt für einige Augenblicke eine gewisse Ruhe ein;

desto unruhiger und drängender geht es rings umher zu. Mit Bissen

und Flügelschlägen suchen sich die Entferntesten Bahn in den dichten

Haufen zu brechen; aber vergebens, denn es kann keines der Tiere Platz

machen, wenn es auch wollte, aber es will auch nicht, sondern beißt

und schlägt abwehrend auf seinen Angreifer los. Wieder kommt ein Wurf

und wieder beruhigt sich eine Gruppe; ein dritter, ein vierter -- der

letzte ist aber noch nicht geschehen, und schon kommen die, welche

zuerst gefressen, wieder herbeigerauscht und drängen die Fressenden zu

einem dichten Knäuel zusammen. Wild treibende Eisschollen, vom Föhn

durcheinander gewälzte Schneemassen, können kein seltsameres Bild geben

als diese blendend weißen, belebten Körper auf dem dunklen Wasser der

Havel, rings von Eis und Schnee umgeben, so daß man kaum unterscheiden

kann, wo das Eis des Ufers aufhört und der Schwanenknäuel anfängt.

Täglich werden auf diese Weise drei Scheffel Gerste verfüttert.

Vergleicht man indessen das Volumen all' dieser herzudrängenden Schwäne

mit den anderthalb Scheffeln, die ihnen morgens und eben soviel

nachmittags zugeworfen werden, so begreift man, daß die Tiere beim

Weggehen ihres Pflegers noch ziemlich ebensolange Hälse machen wie

bei seinem Kommen. Eine Zeitlang verweilen sie noch; erst wenn sie

Gewißheit haben, daß alles Warten nicht mehr fruchtet, schwimmen sie

langsam fort. Zurück bleiben nur noch die Kranken, die jetzt einen

Versuch machen, eine kümmerliche Nachlese zu halten und die letzten

Körnchen zu entdecken.

Zu der Havelschönheit tragen die Schwäne ein sehr Erhebliches bei. Sie

geben dem Strom auf seiner breiten Fläche eine königliche Pracht, und

eine schönere Einfassung aller dieser Schlösser und Residenzen ist kaum

denkbar. In neuerer Zeit hat man diesen Zauber dadurch noch gesteigert,

daß man, durch Unterlassung der Flügellähmung, den Wildschwan wieder

hergestellt hat. Man wurde dazu durch verschiedene Rücksichten

bestimmt. Das Nächstbestimmende war die größere Schönheit des wilden

Schwans; er ziert die Fläche mehr, die er durchschwimmt, und sein Flug

durch die Luft, den er wenigstens gelegentlich macht, gewährt einen

imposanten Anblick. Was aber mehr als diese Schönheitsrücksicht den

Ausschlag gab, war der Wunsch, einen neuen jagdbaren Vogel, einen neuen

Sport zu schaffen. Es werden jetzt von Zeit zu Zeit Wildschwanen-Jagden

abgehalten.

Anfangs, wo man diese Jagden in unmittelbarer Nähe Potsdams abhielt,

scheiterten sie. Die Tiere, zu den zahmen Schwänen sich haltend, waren

zahm und vertraulich wie diese und entzogen sich kaum der Büchse des

Schützen, wenn auch einzelne von ihnen schon dem Blei des letzteren

erlegen waren -- das war keine Jagd, das war bloßes Totschießen, und

man stand auf dem Punkt, die Sache wieder aufzugeben. Da entdeckte man

indessen plötzlich, daß der Wildschwan bei Potsdam und der Wildschwan

flußabwärts auf den weiten, einsamen Flächen des Schwielow, der

Schlänitz und der Wublitz ein ander Ding sei, und eine erste Jagd

auf den großen Seen wurde abgehalten. Sie schlug ein. Hier war der

Schwan noch scheu, und speziell auf der stillen, abgelegenen Wublitz,

auf der bloß die gelben Mummeln und die weißen Schwäne zu Hause

sind, bot ein treffliches Jagdrevier. So oft das Boot durch Schilf

und Rohr heranschlich, horchte der Wildschwan auf, hier hatte er

noch den Instinkt der Gefahr, und wenn der erste Schuß fiel, erhoben

sich fünfzig der majestätischen Vögel und rauschten mit schwerem

Flügelschlage durch die Luft.

Die Schönheit und Poesie dieses Tieres aber, vor allem die mächtige

Schußfläche, die es bietet, werden sehr wahrscheinlich immer ein

Hindernis bleiben, die Schwanenjagd in Jägeraugen zu etwas besonders

Wünschenswertem zu machen. Es unterbricht nur einmal den gewöhnlichen

Lauf der Dinge. Ein Zwischengericht, das willkommen ist.

Die Schwäne der Havel bilden auch einen Versand-Artikel. Viele, von

näher gelegenen Punkten zu schweigen, gehen bis Petersburg und nach

den großen Städten der Union. Mannigfach sind die Versuche, ihn auch

an andern Stellen einzubürgern. Es mag indessen lange dauern, ehe der

Havel-Schwan übertroffen wird.

Der Limfjord, auf jenen weiten Wasserbassins, wo Tausende von Möven wie

weiße Nymphäen schwimmen, bietet ein ähnliches Bild. Aber doch nur ein

ähnliches. Die Möve ist eben kein Schwan.

Noch ist die Havel mit ihren zweitausend Schwänen unerreicht.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 71 / 149 题