Dann (_Friedrich Wilhelm_ II.):
Welcher ihm folgt, ahmt nach die bösen Sitten der Väter,
Hat nicht Kraft im Gemüth, noch eine Gottheit im Volke.
Wessen Hülf' er begehrt, der wird entgegen ihm stehen,
Und er im Wasser sterben, das Oberste kehrend zu unterst.
Dann (_Friedrich Wilhelm_ III.):
Der Sohn wird blühen; was er nicht gehofft, wird er besitzen.
Allein das Volk wird in diesen Zeiten traurig weinen;
Denn es scheinen Geschicke zu kommen sonderbarer Art,
Und der Fürst _ahnet nicht, daß eine neue Macht im Wachsen ist_.
Niemand, der vorurteilslos an diese Dinge herantritt, wird in Abrede
stellen können, daß ganz speziell in den letzten acht Zeilen Wendungen
anzutreffen sind, die von einer frappierenden Zutreffendheit sind, so
zutreffend, daß in der ganzen Weissagung nur eine einzige Stelle ist:
jene acht Zeilen, die sich auf Joachim I. und II. beziehen, die an
Charakterisierung von Zeit und Personen damit verglichen werden können.
Wenn auch hier ausweichend geantwortet ist, es handle sich in allen
dreien um bloße Allgemeinheiten, so ist das teils nicht richtig, teils
bezeichnet es den Charakter der ganzen Dichtung überhaupt, gleichviel,
ob dieselbe Nahes oder Zurückliegendes in Worte faßt.
Es ist nach dem allen nicht zu verwundern, daß der Streit über die
Echtheit nach wie vor schwebt, und daß die Weissagung, selbst unter den
Protestanten, die verschiedensten Urteile erfahren hat. _Küster_ nennt
das ~Vaticinium~ einfach ein „Spiel des Witzes“ (~lusus ingenii~);
_Guhrauer_ bezeichnet es als eine lakonisch-orakelmäßige Darstellung,
die, mit Rücksicht auf die einmal befolgte Tendenz, nicht ohne Geschick
angelegt und durchgeführt worden sei. Schulrat _Otto Schulz_ geht in
seinem Unmut schon weiter und in der festen Überzeugung, „daß der
gesunde Sinn des preußischen Volkes diese Weissagung als die Ausgeburt
eines hämischen Fanatikers zu würdigen wissen werde.“ Professor
_Trahndorff_ denkt noch schlimmer darüber, indem er sie geradezu für
Teufelswerk ausgibt; hält sie aber andererseits für eine wirkliche,
wenn auch diabolische Prophezeiung. „Diese hundert Verse,“ so sagt er,
„sind als eine echte _Prophezeiung_ anzusehen, aber zugleich wegen des
darin waltenden unevangelischen Geistes als das Werk des Lügengeistes
zu verwerfen.“ Von _Trahndorff_ zu _Meinhold_, dem Verfasser der
Bernsteinhexe, ist nur noch ein Schritt. Wenn jener die wirkliche
Prophezeiung zugegeben hat, so fragt es sich nur noch, ob nicht der
Lügengeist, den der eine darin findet, durch den andern ohne viele Mühe
in einen Geist der Wahrheit verkehrt werden kann. _Meinhold_ vollzieht
denn auch diese Umwandlung und versichert, „daß er beim Lesen dieser
Lehninschen Weissagung die Schauer der Ewigkeit gefühlt habe“.
So weichen selbst _protestantische_ Beurteiler im einzelnen und
gelegentlich auch im ganzen von einander ab.
Es wird also schwerlich jemals glücken, aus dem _Geist und Inhalt_ der
Prophezeiung, wie so vielfach versucht worden ist, ihre Unechtheit zu
beweisen. Diese Dinge appellieren an das Gefühl, und bei dem poetischen
Geschick, das aus dem ~Vaticinium~ unverkennbar spricht, empfängt
dieser Appell keine ungünstige Antwort. Es ist nicht zu leugnen, daß,
wenn man Geist und Ton der Dichtung durchaus betonen _will_, _beide_
mehr _für_ die Echtheit als gegen dieselbe sprechen. Beispielsweise die
Schlußzeilen:
Endlich führet das Scepter, der der Letzte seines Stammes sein wird,
Israel wagt eine unnennbare, nur durch den Tod zu sühnende That,
Und der Hirt empfängt die Heerde, Deutschland einen König wieder.
Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer Leiden
Und wagt die Ihrigen allein zu hegen, und kein Fremdling darf mehr
frohlocken,
Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden wieder erstehn,
Und die Geistlichkeit steht wieder da nach alter Weise in Ehren,
Und kein Wolf steht mehr dem edlen Schafstalle nach.
Selbst diese matte Übersetzung der volltönenden Verse des Originals hat
noch etwas von prophetischem Klang.
Die Frage wird nicht aus dem Inhalt, sondern umgekehrt einzig und
allein aus der _Form_ und aus äußerlich Einzelnem heraus entschieden
werden.
_Guhrauer_ hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß sich in der
Weissagung (Zeile 63) das Wort „Jehova“ vorfinde, und hat daran die
Bemerkung geknüpft, daß dieser Ausdruck „Jehova“ an Stelle des bis
dahin üblichen „Adonai“ überhaupt erst zu Anfang des sechzehnten
Jahrhunderts gebräuchlich geworden sei. Bis dahin habe man den
Ausdruck oder die Lesart „Jehova“ gar nicht gekannt. Ist diese
Bemerkung richtig, so ist sie mehr wert als alle andern Halb-Beweise
zusammengenommen. Gleichviel indes, ob richtig oder nicht, der _Weg_,
der in dieser _Guhrauerschen_ Bemerkung vorgezeichnet liegt, ist der
einzige, der zum Ziele führen kann. Nur Sprachforscher, Philologen,
die, ausgerüstet mit einer gründlichen Kenntnis aller Nüancen
mittelalterlichen Lateins, nachzuweisen imstande sind: „dies Wort,
diese Wendung waren im dreizehnten Jahrhundert unmöglich,“ nur sie
allein werden den Streit endgültig entscheiden.
Das Resultat einer solchen Untersuchung, wenn sie stattfände, würde
lauten: „unecht“. Darüber unterhalte ich, so wenig ich mich mit den
_bisherigen_ Verwerfungsbeweisen habe befreunden können, nicht den
geringsten Zweifel. Aber auch der gegenteilige Beweis würde das
alte Interesse an dieser Streitfrage nicht wiederbeleben können.
Denn die Ereignisse haben mittlerweile die Prophezeiung überholt.
Seit der Thronbesteigung _Friedrich Wilhelms_ IV. ist sie _falsch_
geworden, gleichviel ob sie _echt_ ist oder nicht. Diesen Unterschied
zwischen „unecht“ und „falsch“ ziemt es sich durchaus zu betonen.
Schon _Guhrauer_ hat sehr richtig darauf aufmerksam gemacht, daß der
_Text_ der Prophezeiung _echt_ und die Prophezeiung selber doch eine
_falsche_, d. h. eine unerfüllt gebliebene sein könne. „Eine unerfüllt
gebliebene -- so fügt er hinzu -- gleich so vielen anderen falschen
Prophezeiungen, deren _Authentizität_ von niemand bezweifelt worden
ist.“
_Friedrich Wilhelm_ III. war bereits der elfte Hohenzoller nach
_Joachim_ I.; der Zeiger an der Uhr ist über die verhängnisvolle Stunde
ruhig hinweggegangen, die Hohenzollern leben und nur die Weissagung,
echt oder nicht, ist tot.
[10] Aus der Epoche von vor 1690 sind auch (aus einem andern Grunde
noch, als aus dem eben bei _George Wilhelm_ angeführten) die vier
Zeilen merkwürdig, die sich auf Kurfürst Friedrich I., den ersten
Hohenzoller, beziehen. Sie lauten:
Wahrheit sprech ich: Dein Stamm, der zu langem Alter bestimmt ist,
Wird einst mit schwacher Gewalt die heimischen Gauen beherrschen,
Bis zu Boden gestreckt, die einst in Ehre gewandelt,
Städte verwüstet und frech beschränkt die Herrschaft der Fürsten.
In diesen vier Zeilen, wenn wir eine ~Post-fact~-Prophezeiung
annehmen wollen (was wir, schon hier sei es gesagt, wirklich tun),
erschwert sich der Dichter seine Aufgabe _freiwillig_, und anstatt
im Prophetenton Dinge über die Regierungszeit _Friedrichs_ I. zu
sagen, die er 1690 allerdings wissen konnte, _ohne_ ein Prophet zu
sein, verschmäht er diese bequeme Aushilfe völlig und knüpft vielmehr
Betrachtungen an die Erscheinung des ersten Hohenzollern, die, selbst
von 1690 ab gerechnet, noch in der Zukunft lagen. Er machte es
sich also nicht leicht, hatte vielmehr immer das Ganze im Auge und
prophezeite auch da noch _wirklich_ und aus eigenstem Antrieb (man
könnte sagen: „seine Mittel erlaubten es ihm“), wo das Prophezeien
~post fact~ einem Stümper in der Prophetie das bequemere und sichere
Auskunftsmittel gewesen sein würde.
[11] Die Prophezeiung geht von König _Friedrich_ I. gleich auf
_Friedrich_ II. über und überspringt also _Friedrich Wilhelm_ I. Man
hat daraus einen Beweis für die Unechtheit herleiten wollen, _aber
ganz mit Unrecht_. Der Prophet (so nehmen wir zunächst an) blickte in
die Zukunft, er sah wechselnde Gestalten, und den Soldatenkönig sah
_er nicht_. Das geistige Auge, -- dies müssen wir festhalten, -- kann
Gegenstände ebenso gut übersehen wie das leibliche. Ja, es läßt sich
aus dem Fehlen König _Friedrich Wilhelms_ I. viel eher, wenigstens
mittelbar, ein Beweis _für_ den wirklich prophetischen Gehalt der
Weissagung herleiten. Versucht man nämlich, wie einige getan haben,
das, was sich auf _Friedrich den Großen_ bezieht, auf _Friedrich
Wilhelm_ I. zu deuten, so entsteht ein völliger Nonsens, und werden
dadurch alle diejenigen schlagend widerlegt, die beweisen möchten, daß
diese Sätze überhaupt dunkle Allgemeinheiten seien, die schließlich,
bei einiger Interpretationskunst, auf _jeden_ paßten. Man kann aber
leicht die Probe machen, daß dies durchaus nicht zutrifft, und daß
bestimmte Verse auch nur auf bestimmte Personen passen.