Die Amtsführung des Abtes _Heinrich_ von 1399 bis etwa um 1432 war
in eine unruhige Zeit gefallen, und wir sehen all die Zeit über das
Kloster in seinen Verwickelungen nach _außen_; die Regierung des Abtes
_Arnold_ fällt in friedlichere Tage, und die Urkunden, aus jener
Zeit her, gönnen uns ausschließlich wieder einen Einblick _in innere
Streitigkeiten_. Sie berichten über Zerwürfnisse, die an die Zustände
unter Abt _Hermann_ erinnern, wie wir dieselben, in vorstehendem,
nach den Aussagen „_Dietrichs_ von Ruppin“ geschildert haben. Hier
wie dort begegnen wir Parteiungen und einem siegreichen Auftreten der
Majorität, nur mit dem Unterschiede, daß sich Abt _Hermann_, in seinem
Terrorismus, auf die Majorität des Konventes stützte, während Abt
_Arnold_ gegen diese Majorität ankämpfte und in diesem Kampfe unterlag.
Die Urkunden aus der etwa zehnjährigen Zeit seiner Verwaltung sind
ziemlich zahlreich und sprechen nicht gegen den Abt. Streitigkeiten
werden geschlichtet, Vergleiche getroffen, Ländereien empfangen oder
ausgegeben -- nirgends erhellt aus ihnen ein Zerwürfnis zwischen Abt
und Konvent. So verlaufen anscheinend die Dinge, bis wir, gleich aus
den ersten Urkunden, die in die Regierungszeit seines Nachfolgers
fallen, in Erfahrung bringen, daß Abt _Arnold_ „wegen unstatthafter
Veräußerung von Klostergütern“ abgesetzt und Prior _Gallus_ an seiner
Statt ernannt worden sei. Wir erfahren ferner, daß inzwischen das
Kloster Altenberg den Arnoldus zum Abte gewählt, und dieser letztere,
von seinem _jetzigen_, dem Altenberger Kloster aus, eine heftige
Schmähschrift (~libellum infamiae~) gegen den Prior und die Mönche
von Kloster Lehnin gerichtet, diese Schmähschrift auch zugleich als
Anklageschrift beim Generalkapitel in Cîteaux eingereicht hatte.
Diese Anklageschrift nun, von dem ehemaligen Abte des angeklagten
Klosters ausgehend, scheint, wie begreiflich, ihre Wirkung auf
das Generalkapitel nicht verfehlt zu haben, und so sehen wir denn
im März 1469 die Äbte von _Heilsbronn_ und _Erbach_ als ernannte
Untersuchungs-Kommissarien in Lehnin eintreffen. Aber gleichzeitig
mit ihnen treffen auch, als Zeugen in der Sache zur Begutachtung
vorgeladen, die Äbte dreier _märkischer_ Klöster, von Zinna, Chorin und
Himmelpfort ein und bezeugen durch ihre Aussage, daß Abt _Arnold_ in
der Tat willkürlich das Klostergut veräußert und somit die Absetzung
seitens des Klosterkonvents (der sich dabei lediglich innerhalb seiner
Befugnisse gehalten) durchaus verdient habe. „Was seine Schmähungen
aber gegen die sittliche Führung des Klosters angehe, dem er so lange
vorgestanden, so treffe ihn -- selbst wenn diese Schmähungen begründet
sein sollten -- die Hauptverantwortlichkeit, da es in zehnjähriger
Führung _seine_ Aufgabe gewesen sein würde, diesem Verfall der Sitte zu
steuern.“ Auch der Kurfürst _Friedrich_ der Eiserne, in einem an die
Kommissarien gerichteten Briefe, nimmt Partei _für_ den Konvent _gegen_
den abgesetzten Abt, und so sehen wir denn, ohne daß ein urkundliches
Urteil der Kommissare in dieser Streitsache vorläge, den neuen Abt in
seinem Amte verbleiben, -- eine Tatsache, die genugsam spricht. Über
den _Inhalt_ der Schmähschrift des „~libellum infamiae~“ erfahren wir
nichts; es wird ein Verzeichnis der alten Klostersünden gewesen sein,
wie sie entweder überall vorkamen oder doch überall berichtet wurden.
Wenn nun einerseits diese Absetzung Abt _Arnolds_ und seine darauf
geschriebene Schmähschrift abermals dartun, daß die Tage Kloster
Lehnins durchaus nicht so stillidyllisch verliefen, wie wohl jezuweilen
berichtet worden ist, so gewähren uns andrerseits die betreffenden
Urkunden noch ein besonderes Interesse dadurch, daß sie die Frage in
uns anregen: wer war dieser Abt _Arnold_? welchen Charakters? war er
im Recht oder im Unrecht? Freilich nur wenige Anhaltepunkte sind uns
gegeben, aber sie rechtfertigen die Vermutung, daß er eben so sehr
ein Opfer seiner geistigen _Überlegenheit_ wie seiner Übergriffe
war. Wahrscheinlich gingen diese Übergriffe zum Teil erst aus dem
Bewußtsein seiner Überlegenheit hervor. Er war, so schließen wir aus
einer Reihe kleiner Züge, das, was wir heutzutage einen genialischen,
aber querköpfigen Gelehrten nennen würden, sehr gescheidt, sehr
selbstbewußt, sehr eigensinnig, dabei lauteren Wandels, aber launenhaft
und despotisch von Gemüt. Wem schwebten, aus eigener Erfahrung,
nicht Beispiele dabei vor! Die Gelehrtenwelt, in ihren besten und
energischsten Elementen, war immer reich an derartigen Charakteren.
Was speziell unsern Abt _Arnold_ angeht, so scheint es, das Kloster
_wollte_ ihn los sein, weil er geistig und moralisch einen unbequemen
Druck auf den Konvent ausübte. Daß er, um seines Wissens wie um seines
Wandels willen, eines nicht gewöhnlichen Ansehens genoß, dafür spricht
nicht nur der Umstand, daß ihn die Urkunden einen ~sacrae theologiae
professor~ nennen, sondern mehr noch die Tatsache, daß er unmittelbar
nach seinem Austritt aus dem Lehniner Kloster zum Abt von Altenberg
erwählt wurde. Altenberg, seiner Zeit ein berühmtes Kloster, liegt in
der _Rheinprovinz_, in der Nähe von Koblenz. Wir möchten daraus beinahe
schließen, daß er ein _Rheinländer_, jedenfalls ein Fremder war und an
der märkischen Art eben so sehr Anstoß _nahm_, als Anstoß erregte.