Wo das Kloster aus der Mitte
Düstrer Linden sah.
* * *
Mit des Jammers stummen Blicken
Fleht sie zu dem harten Mann
Fleht umsonst, denn loszudrücken
Legt er schon den Bogen an.
=Schiller=
Die erste Gründung der Zisterzienser in der Mark -- Zinna war nicht
märkisch -- war Kloster Lehnin. Es liegt zwei Meilen südlich von
Brandenburg, in dem alten Landesteil, der den Namen „die Zauche“ trägt.
Der Weg dahin, namentlich auf seiner zweiten Hälfte, führt durch alte
Klosterdörfer mit prächtigen Baumalleen und pittoresken Häuserfronten,
die Landschaft aber, die diese Dörfer umgibt, bietet wenig Besonderes
dar, und setzt sich aus den üblichen Requisiten märkischer Landschaft
zusammen: weite Flächen, Hügelzüge am Horizont, ein See, verstreute
Ackerfelder, hier ein Stück Sumpfland, durch das sich Erlenbüsche,
und dort ein Stück Sandland, durch das sich Kiefern ziehen. Erst
in unmittelbarer Nähe Lehnins, das jetzt ein Städtchen geworden,
verschönert sich das Bild, und wir treten in ein Terrain ein, das einer
flachen Schale gleicht, in deren Mitte sich das Kloster selber erhebt.
Der Anblick ist gefällig, die dichten Kronen einer Baumgruppe scheinen
Turm und Dach auf ihrem Zweigwerk zu tragen, während Wiesen- und
Gartenland jene Baumgruppe und ein Höhenzug wiederum jenes Wiesen- und
Gartenland umspannt. Was jetzt Wiese und Garten ist, das war vor 700
Jahren ein eichenbestandener Sumpf, und inmitten dieses Sumpfes wuchs
Kloster Lehnin auf, vielleicht im Einklang mit jenem Ordensgesetz aus
der ersten strengen Zeit: daß die Klöster von Cisterz immer in Sümpfen
und Niederungen, d. h. in _ungesunden_ Gegenden gebaut werden sollten,
damit die Brüder dieses Ordens jederzeit den Tod vor Augen hätten.[6]
Die Sage von der Erbauung Kloster Lehnins nimmt jedoch keine solche
allgemeine Ordensregel in Aussicht, sondern führt die Gründung
desselben auf einen bestimmten Vorgang zurück. Diesen Vorgang erzählt
der böhmische Schriftsteller _Pulkava_ (wie er ausdrücklich beifügt,
„nach einer brandenburgischen Chronik“) wie folgt. _Otto_ ~I.~, der
Sohn _Albrechts_ des Bären, jagte einen Tag lang in den dichten
Waldrevieren der Zauche, und warf sich endlich müd und matt an eben der
Stelle nieder, wo später Kloster Lehnin erbaut wurde. Er schlief ein
und hatte eine Vision. Er sah im Traum eine Hirschkuh, die ihn ohne
Unterlaß belästigte. Endlich ergriff er Bogen und Pfeil und schoß sie
nieder. Als er erwachte, und seinen Traum erzählte, drangen die Seinen
in ihn, daß er an dieser Stelle eine _Burg_ gegen die heidnischen
Slaven errichten solle; -- die andrängende, immer lästiger werdende
Hirschkuh erschien ihnen als ein Sinnbild des Heidentums, das in
diesen Wäldern und Sümpfen allerdings noch eine Stätte hatte. Der
Markgraf erwiderte: „eine Burg werde ich gründen, aber eine Burg, von
der aus unsere teuflischen Widersacher durch die Stimmen _geistlicher_
Männer weit fortgescheucht werden sollen, eine Burg, in der ich ruhig
den jüngsten Tag erwarten will.“ Und sofort schickte er zum Abt des
Zisterzienser-Klosters _Sittichenbach_, im Mansfeldischen, und ließ ihn
bitten, daß er Brüder aus seinem Konvente, zur Gründung eines neuen
Klosters, senden möchte. Die Brüder kamen. Markgraf _Otto_ aber gab dem
Kloster den Namen Lehnin, denn Lanye heißt Hirschkuh im Slavischen. So
der böhmische Geschichtsschreiber.
Das Kloster wurde gebaut, vor allem die _Klosterkirche_. Sie bestand
in ihrer ursprünglichen Form bis zum Jahre 1262. Ja diesem Jahre ließ
die rasch wachsende Bedeutung des Klosters das, was da war, nicht
länger als ausreichend erscheinen, und ein Anbau wurde beschlossen.
Dieser Anbau fiel in die erste Blütezeit der Gotik, und mit der ganzen
Unbefangenheit des Mittelalters, das bekanntlich immer baute, wie
ihm gerade ums Herz war, und keine Rücksichtnahme auf den Baustil
zurückliegender Epochen kannte, wurde nunmehr das _romanische
Kurzschiff der ersten Anlage durch ein gotisches Längsschiff
erweitert_. Dieser Erweiterungsbau hat der Zeit und sonstigem Wirrsal
schlechter zu widerstehen vermocht als der ältere Teil der Kirche; das
Alte steht, der Anbau liegt in Trümmern. Unsere Schilderung führt uns
später auf ihn zurück.
Unsere nächsten Untersuchungen aber gehören der _Geschichte_ des
Klosters. Wir knüpfen die Aufzählung seiner Schicksale an eine
Geschichte seiner Äbte.
[6] Der Orden, ohne geradezu in Askese zu verfallen, war doch in
den ersten fünfzig Jahren seines Bestehens überaus rigorös, und
unterschied sich auch dadurch von den Benediktinern, die, gestützt auf
die Unterweisungen des heiligen Benedikt selber, diesen Rigorismus
vermieden. Schon im zehnten Jahrhundert hieß es deshalb spöttisch:
„die Regel des heiligen Benedikt scheine für _schwächliche_ Leute
geschrieben.“ Die Gründer des Zisterzienser-Ordens gingen von einer
verwandten Anschauung aus, und aus der ersten Zeit des Ordens her
finden sich folgende Vorschriften: