Sie spinnen.
Haben Linnen,
Sie regeln
Den Fluß und das Wehr,
Und mit Schiffen und Segeln
Sind sie zu Hause auf offnem Meer.
Die Frage ist oft aufgeworfen worden, ob die Wenden wirklich auf einer
viel niedrigeren Stufe als die vordringenden Deutschen gestanden
hätten, und diese Frage ist nicht immer mit einem bestimmten „Ja“
beantwortet worden. Sehr wahrscheinlich war die Superiorität der
Deutschen, die man schließlich wird zugeben müssen, _weniger_ groß, als
deutscherseits vielfach behauptet worden ist.
Die Wenden, um mit ihrer Wohnung zu beginnen, hausten keineswegs,
wie ein mir vorliegender Stich sie darstellt, in verpalisadierten
Erdhöhlen, um sich gleichzeitig gegen Wetter und Wölfe zu schützen;
sie hatten vielmehr Bauten mannigfacher Art, die durchaus wirklichen
Häusern entsprachen. Daß von ihren Gebäuden, öffentlichen und privaten,
kein einziges bestimmt nachweisbar auf uns gekommen ist, könnte dafür
sprechen, daß diese Bauten von einer inferioren Beschaffenheit gewesen
wären; wir dürfen aber nicht vergessen, daß die siegreichen Deutschen
natürlich alle hervorragenden Gebäude, die sämtlich Tempel oder Vesten
waren, sei es aus Rache oder sei es zu eigner Sicherheit, zerstörten,
während die schlichten Häuser und Hütten im Laufe der Jahrhunderte sich
natürlich eben so wenig erhalten konnten, wie _deutsche_ Häuser und
Hütten aus jener Zeit.
Die Wenden, so viel steht fest, hatten verhältnismäßig
wohleingerichtete Häuser, und die Frage bleibt zunächst nur, _wie_
waren diese Häuser. Wahrscheinlich sehr verschiedener Art. Wie wir
noch jetzt, oft bunt durcheinander, noch häufiger nach Distrikten
geschieden, Lehmkathen, Fachwerk-, Feldstein- und Backsteinhäuser
finden, der Stroh-, Schilf-, Schindel- und Ziegeldächer ganz
zu geschweigen, so war es auch in alten Wendenzeiten, nur noch
wechselnder, nur noch abhängiger von dem Material, das gerade zur
Hand war. In den Fischerdörfern an der Spree und Havel hin, in den
Sumpfgegenden, die kein anderes Material kannten als Elsen und Eichen,
waren die Dörfer mutmaßlich Blockhäuser, wie man ihnen bis diesen
Tag in den Spreewaldgegenden begegnet; auf dem Feldstein-übersäten
Barnim-Plateau richteten sich, wie noch jetzt vielfach in den dortigen
Dörfern geschieht, die Wohnungen höchstwahrscheinlich aus Feldstein
auf; in fruchtbaren Gegenden aber, wo der Lehm zu Tage lag, wuchs
das Lehm- und das Ziegelhaus auf, denn die Wenden verstanden sich
sehr wohl auf die Nutzung des Lehms und sehr wahrscheinlich auch auf
das Ziegelbrennen. Daß sie unter ihrem Gerät nachweisbar auch den
_Mauer_hammer hatten, deutet wenigstens darauf hin. Einzelne _dieser_
Dinge sind nicht geradezu zu beweisen, aber sie _müssen_ so gewesen
sein nach einem Naturgesetz, das fortwirkt bis auf diesen Tag. Armes
oder unkultiviertes Volk baut sich seine Wohnungen aus dem, was es
zunächst hat: am Vesuv aus Lava, in Irland aus Torf, am Nil aus
Nilschlamm, an den Pyramiden aus Trümmern vergangener Herrlichkeit. So
war es immer, wird es immer sein. Und so war es auch bei den Wenden.
Die Wenden aber hatten nicht nur Häuser, sie wohnten auch in Städten
und Dörfern, die sich zu vielen Hunderten durch das Land zogen. Die
wendischen Namen unserer Ortschaften beweisen dies zur Genüge. Manche
Gegenden haben nur wendische Namen. Um ein Beispiel statt vieler zu
geben, die Dörfer um Ruppin herum heißen: Karwe, Gnewikow, Garz,
Wustrau, Bechlin, Stöffin, Kränzlin, Metzeltin, Dabergotz, Ganzer,
Lenzke, Manker etc., lauter wendische Namen. Ähnlich ist es überall in
der Mark, in Lausitz und Pommern. Selbst viele deutsch klingende Namen
wie Wustrau, Wusterhausen etc. sind nur ein germanisiertes Wendisch.
Wie die Dörfer waren, ob groß oder klein, ob stark bevölkert oder
schwach, kann, da jegliche bestimmte Angabe darüber fehlt, nur
mittelbar herausgerechnet, nur hypothetisch festgestellt werden. Die
große Zahl der Totenurnen, die man findet, außerdem die Mitteilungen
Thietmars u. a., daß bei Lunkini 100 000 Wenden gefallen seien,
scheinen darauf hinzudeuten, daß das Land allerdings stark bevölkert
war.
Unsicher, wie wir über Art und Größe der wendischen Dörfer sind,
sind wir es auch über die _Städte_. Einzelne galten für bedeutend
genug, um mit den Schilderungen ihres Glanzes und ihres Unterganges
die Welt zu füllen, und wie geneigt wir sein mögen, der poetischen
Darstellung an diesem Weltruhme das beste Teil zuzuschreiben, so
kann doch das Geschilderte nicht ganz Fiktion gewesen sein, sondern
muß in irgend etwas Vorhandenem seine reale Anlehnung gehabt haben.
Besonderes Ansehen hatten die _Handels_städte am baltischen Meere.
Unter diesen war Jumne, wahrscheinlich am Ausfluß der Swine gelegen,
eine der gefeiertsten. Adam von Bremen erzählt von ihr: sie sei eine
sehr angesehene Stadt und der größte Ort, den das heidnische Europa
aufzuweisen habe. „In ihr -- so fährt er fort -- wohnen Slaven und
andere Nationen, Griechen und Barbaren. Und auch den dort ankommenden
Sachsen ist, unter gleichem Rechte mit den Übrigen, zusammen zu wohnen
verstattet, freilich nur, so lange sie ihr Christentum nicht öffentlich
kundgeben. Übrigens wird, was _Sitte_ und _Gastlichkeit_ anlangt,
kein Volk zu finden sein, das sich ehrenwerter und dienstfertiger
bewiese. Jene Stadt besitzt auch alle möglichen Annehmlichkeiten und
Seltenheiten. Dort findet sich der Vulkanstopf, den die Eingeborenen
das „griechische Feuer“ nennen; dort zeigt sich auch Neptun in
dreifacher Art, denn von drei Meeren wird jene Insel bespült,
deren eins von ganz grünem Aussehen sein soll, das zweite aber von
weißlichem; das dritte ist durch ununterbrochene Stürme beständig in
wutvoll brausender Bewegung.“
Diese Beschreibungen zeitgenössischer Schriftsteller, wie auch die
Beschreibung von Vineta oder Julin (die beide dasselbe sind) beziehen
sich auf wendische _Handels-_ und Küstenstädte. Es ist indessen
wahrscheinlich, daß die Binnenstädte wenig davon verschieden waren,
wenn auch vielleicht etwas geringer. An Handel waren sie gewiß
unbedeutender, _aber dafür standen sie dem deutschen Leben und seinem
Einfluß näher_.
Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, wie _lebten_ die Wenden in ihren
Dörfern und Städten, wie kleideten, wie beschäftigten sie sich, so
wird das Wenige, was wir bis hierher sagen konnten, auch ein gewisses
Licht auf _diese_ Dinge werfen. Wie beschäftigten sie sich? Neben der
Führung der Waffen, die Sache jedes Freien war, gab es ein mannigfach
gegliedertes Leben. Die Ausschmückung der Tempel -- Ausschmückungen,
wie man ihnen noch jetzt in altrussischen Kirchen begegnet und wie sie
in den alten Schriftstellern der Wendenzeit vielfach beschrieben werden
-- lassen keinen Zweifel darüber, daß die Wenden eine Art von Kunst,
wenigstens von Kunsthandwerk, kannten und übten. Sie schnitzten ihre
Götzenbilder in Holz oder fertigten sie aus Erz und Gold, sie bemalten
ihre Tempel und färbten das Schnitzwerk, das als groteskes Ornament die
Tempel zierte. Den Schiffbau kannten sie, wie die kühnen Seeräuberzüge
der Runen zur Genüge beweisen, und ihr Haus- und Kriegsgerät war
mannigfacher Art. Sie kannten den Haken zur Beackerung und die Sichel,
um das Korn zu schneiden. Die _feineren_ Wollen-Zeuge, so berichten
die Chronisten, kamen aus Sachsen; aber eben aus dieser speziellen
Anführung geht hervor, daß die minder feinen im Lande selber bereitet
wurden. Einheimische Arbeit war auch die Leinwand, in welche die
Nation sich kleidete und wovon sie zu Segeln und Zelten große Mengen
gebrauchte. Es ist also wohl nicht zu bezweifeln, daß der Webstuhl im
Wendenlande bekannt war wie im ganzen Norden bis nach Island, und daß
die Hände, welche den Flachs und den Hanf dem Erdboden abgewannen,
ihn auch zu verarbeiten verstanden. Die Hauptbeschäftigungen blieben
freilich Jagd und Fischerei, daneben die _Bienenzucht_. Das Land wies
darauf hin. Noch jetzt, in den slavischen Flachlanden Osteuropas,
auf den Strecken zwischen Wolga und Ural, wo weite Heiden mit
Lindenwäldern wechseln, begegnen wir denselben Erscheinungen, derselben
Beschäftigung. Die Honigerträge waren reich und wichtig, weil aus
ihnen der Met gewonnen wurde. Bier wurde aus Gerste gebraut. Die
Fische wurden frisch oder eingesalzen gegessen, denn man benutzte die
Soolquellen und wußte das Salz aus ihnen zu gewinnen. Vieles spricht
dafür, daß sie selbst Bergbau trieben und das Eisen aus dem Erze zu
schmelzen verstanden.
Noch ein Wort über die nationale _Kleidung_ der Wenden. Es liegen nur
Andeutungen darüber vor. Daß sie so gewesen sei, oder auch nur ähnlich,
wie die Wenden sie jetzt noch tragen, ist wohl falsch. Die wendische
Tracht entwickelte sich in den wendisch gebliebenen Gegenden unter dem
Einfluß wenn nicht der deutschen Mode, so doch des deutschen Stoffs
und Materials, und es bedarf wohl keiner Versicherung, daß die alten
ursprünglichen Wenden weder Faltenröcke noch Zwickelstrümpfe, weder
Manchestermieder noch Überfallkragen gekannt haben. All dies ist ein
in _spätern Kulturzeiten_ Gewordenes, an dem die Wenden-Überreste
nolens volens teilnehmen mußten. Giesebrecht beschreibt ihre Kleidung
wie folgt: „Zur nationalen Kleidung gehörte ein kleiner Hut, ein
Obergewand, Unterkleider und Schuhe oder Stiefel; barfuß gehen wurde
als ein Zeichen der äußersten Armut betrachtet. Die Unterkleider
konnten gewaschen werden; der Stoff, aus dem sie bestanden, war also
vermutlich Leinwand. Das Oberkleid war _wollen_.“ Über Schnitt und
Kleidung und die bevorzugten Farben wird nichts gesagt, doch dürfen wir
wohl annehmen, daß sich eine Vorliebe für das Bunte darin aussprach.
Der kleine Hut und die leinenen Unterkleider: Rock, Weste, Beinkleid,
finden sich übrigens noch bis diesen Tag bei den Spreewalds-Wenden vor.
Nur die Frauentrachten weichen völlig davon ab.
3.