Geographisch-Historisches

Lichthelle Götter,

Höret,

Höret unser Flehen um Sieg!

Wir kämpfen für Leben und Freiheit,

Für Weib und Kind.

Notschirmer Radigast,

Krieghelfer Svantevit,

Leidwahrer Triglaw,

O, verleihet uns Sieg!

=Karl Seidel=

Am Nordufer der Mittel-Havel, den ganzen Havelgau und südlich davon

die „Zauche“ beherrschend, lag die alte Wendenfeste _Brennabor_.

Ihre Eroberung durch Albrecht den Bären (1157) entschied über den

Besitz dieses und der benachbarten Landesteile, die von da ab ihrer

Christianisierung und, was insonderheit die Havelgegenden angeht, auch

ihrer Germanisierung rasch entgegen gingen. Diese Germanisierung,

soweit sie durch die Klöster erfolgte, soll uns in den nächsten

Kapiteln beschäftigen; unsere heutige Aufgabe aber wendet sich

ausschließlich der heidnischen Epoche _vor_ 1157 zu und versucht in

dieser Vorgeschichte der Mark eine Geschichte der märkischen Wenden

zu geben. Dieser Ausdruck ist nicht völlig korrekt. Es soll heißen:

Wenden, die, _noch ehe es eine „Mark“ gab_, in demjenigen Landesteile

wohnten, der später Mark Brandenburg hieß.

Zuerst ein Wort über die Wenden überhaupt. Sie bildeten den am meisten

nach Westen vorgeschobenen Stamm der großen slavischen Völkerfamilie;

hinter ihnen nach Osten und Südosten saßen die Polen, die Südslaven,

die Groß- und Klein-Russen.

Die Wenden rückten, etwa um 500, in die halb entvölkerten Lande

zwischen Oder und Elbe ein. Sie fanden hier noch die zurückgebliebenen

Reste der alten Semnonen, jenes großen germanischen Stammes, der vor

ihnen das Land zwischen Elbe und Oder inne gehabt und es -- entweder

einem Drucke von Osten her nachgebend, oder aber durch Abenteuerdrang

dazu getrieben -- im Laufe des fünften Jahrhunderts verlassen hatte.

Nur Greise, Weiber und Kinder waren teilweis zurückgeblieben und

kamen in Abhängigkeit von den vordringenden Wenden. _Diese_ wurden

nunmehr der herrschende Stamm und gaben dem Lande sein Gepräge, den

Dingen und Ortschaften ihre wendischen Namen. Als nach drei-, vier-

und fünfhundert Jahren die Deutschen zum ersten Male wieder mit diesem

Lande „zwischen Elbe und Oder“ in Berührung kamen, fanden sie, wenige

Spuren ehemaligen deutschen Lebens abgerechnet, ein völlig slavisches,

d. h. wendisches Land vor.

Das Land war wendisch geworden, ebenso die östlicheren Territorien

zwischen Oder und Weichsel. Aber das _westliche_ Wendenland war doch

die Hauptsache. Hier, zwischen Oder und Elbe, standen die berühmtesten

Tempel, hier wohnten die tapfersten und mächtigsten Stämme.

Dieser Stämme, wenn wir von kleineren Gemeinschaften vorläufig absehen,

waren drei: die _Obotriten_ im heutigen Mecklenburg, die _Liutizen_ in

Mark und Vorpommern und die _Sorben_ oder Serben im Meißnischen und der

Lausitz.

Unter diesen drei Hauptstämmen der Westwenden, ja vielleicht der Wenden

überhaupt, waren wiederum die _Liutizen_, denen also die märkischen

Wenden als wesentlicher Bruchteil zugehörten, die ausgedehntesten und

mächtigsten. Mit ihnen stand und fiel die Vormauer des Slaventums,

und der beste, zuverlässigste und wichtigste Teil der ganzen

Wendengeschichte ist die Geschichte dieses Stammes, die Geschichte

der _Liutizen_. Šafařik sagt von ihnen: „Unter den polabischen, d.

h. den an der Elbe wohnenden Slaven waren die Liutizen oder Lutizer

oder Weleten durch ihre Volksmenge und Streitbarkeit, wie durch ihre

Ausdauer bei alten Sitten und Gebräuchen, die berühmtesten. Ihr Name

wird in den deutschen Annalen von Karl dem Großen bis zu ihrer völligen

Unterwerfung (1157) öfter denn irgend ein anderer Volksname genannt;

er herrscht sogar in altdeutschen Sagen und Märchen. In russischen

Volkssagen wird er noch heutigestags vom Volke mit Schrecken erwähnt.“

So weit Šafařik. Ehe wir indessen zu einer kurzgefaßten Geschichte der

Liutizen überhaupt übergehen, schicke ich den Versuch einer politischen

Geographie des Liutizer-Landes voraus.

Die Liutizen, wie schon angedeutet, hatten ihre Sitze nicht bloß in der

Mark; einige ihrer hervorragendsten Stämme bewohnten Neu-Vorpommern,

noch andere das heutige Mecklenburg-Strelitz. Sie lebten innerhalb

dieser drei Landesteile: Mark, Strelitz, Vorpommern, in einer nicht

genau zu bestimmenden Anzahl von Gauen, von denen folgende die

wichtigsten waren oder doch die bekanntesten gewesen sind.

_In der Mark_: die _Brizaner_ in der Priegnitz; die _Morizaner_ in der

Gegend von Leitzkau, Grabow, Nedlitz; die _Stodoraner_ und Heveller in

Havelland und Zauche; die _Spriavaner_ im Teltow und Nieder-Barnim,

also zu beiden Seiten der Spree; die _Rizianer_ in der Nähe von

Wriezen, am Rande des Oderbruches hin; die _Ukraner_ in der Nähe von

Pasewalk.

In _Pommern_ und _Mecklenburg-Strelitz_: die _Chizziner_ in der Nähe

von Güstrow; die _Circipaner_ um Wolgast herum; die _Dolenzer_ um

Demmin und Stolp; die _Ratarer_ oder Redarier zwischen Ober-Havel,

Peene und Tollense; die _Woliner_ auf Wollin und Usedom; die _Rugianer_

oder _Ranen_ auf Rügen. Kleinere eingestreute Gaue waren: _Sitna_ oder

Ziethen; der _Murizzi_-Gau am Müritz-See; der _Dossaner_ Gau an der

Dosse bei Wittstock.

Unter allen diesen Völkerschaften, Stämmen und Stämmchen, man könnte

sie Clans nennen, waren wohl die Ranen und die Redarier am wichtigsten,

beide als Hüter der zwei heiligsten Tempelstätten Rethra[1] und

Arkona. Die Ranen außerdem noch ausgezeichnet als Seefahrer und

siegreich über die Dänen.

Die märkischen Wenden konnten nach dieser Seite hin mit den Wenden in

Pommern und Mecklenburg nicht wetteifern, aber andererseits fiel ihnen

die Aufgabe zu, in den jahrhundertelangen Kämpfen mit dem andringenden

Deutschtum beständig auf der Vorhut zu stehen, und in dem Mute, den

die Spree- und Havelstämme in diesen Kämpfen entwickelt haben, wurzelt

ihre Bedeutung. Wenn die Ranen, und namentlich auch die Retarier, wie

ein Stamm Levi, kirchlich vorherrschten, so prävalierten die märkischen

Wenden politisch. Brandenburg, das wir wohl nicht mit Unrecht als den

wichtigsten Punkt dieses märkischen Wendenlandes ansehen, wurde neunmal

erobert und wieder verloren, siebenmal durch Sturm, zweimal durch

Verrat. Die Kämpfe drehten sich mehr oder weniger um seinen Besitz.

Die ersten Berührungen mit der wendischen Welt, mit den Volksstämmen

zwischen Elbe und Oder, fanden unter Karl dem Großen statt; sie

führten zu nichts Erheblichem. Erst unter dem ersten Sachsenkaiser,

Heinrich dem Finkler, wurde eine Unterwerfung der Wenden versucht und

durchgeführt.

Diese Kämpfe begannen im Jahre 924 durch einen Einfall Heinrichs in

das Land der Stodoraner und durch Wegnahme Brennabors. Dieser Wegnahme

folgten Aufstände der Retarier, Stodoraner und Ukraner, woran sich dann

neue deutsche Siege reihten.

Es war eine endlos ausgesponnene Kette, in der jedes einzelne Glied

so Ursach wie Wirkung war. Die deutsche Grausamkeit schuf wendische

Aufstände, und den wendischen Aufständen folgten erneute Niederlagen,

die, von immer neuen Grausamkeiten des Siegers begleitet, das alte

Wechselspiel wiederholten. So war es unter Kaiser Heinrich, und so

war es unter Otto dem Großen. Zweimal wurden die Wenden in blutigen

Schlachten niedergeworfen, 929 bei Lunkini (Lenzen),[2] 935 am

Dosa-Fluß (an der Dosse), aber ihre Kraft war ungebrochen, und der Tag

kam heran, der bestimmt war, alle Niederlagen quitt zu machen. Dies war

die Schlacht am Tanger-Fluß 983. Da von dieser Zeit an das schon halb

tot geglaubte Wendentum einen neuen Aufschwung nahm und noch einmal in

aller Macht und Furchtbarkeit aufblühte, so mag es gestattet sein, bei

den Vorgängen einen Augenblick zu verweilen, die zu dieser Schlacht am

Tanger führten.

_Mistewoi_ war Obotritenfürst und bereits Christ geworden. Er hielt

zum Herzog Bernhard, der damals Markgraf von Nordmark war, und fühlte

sich demselben an Macht, Geburt und Ansehen nah genug, um um dessen

Nichte anzuhalten. Der Markgraf versprach sie ihm; _Mistewoi_ aber, um

ganz in die Reihe christlicher Fürsten einzutreten, zog zunächst mit

tausend wendischen Edelleuten nach Italien und focht an Kaiser Ottos

Seite in der großen Schlacht bei Basantello. Als er zurückgekehrt

war, erschien er vor Markgraf Bernhard und wiederholte seinen Antrag.

Dieser schwankte jetzt aber, und ein anderer deutscher Fürst, der

zugegen war, raunte dem Markgrafen zu: „Mit nichten; eines deutschen

Herzogs Blutsverwandte gehört nicht an die Seite eines _wendischen

Hundes_.“ Mistewoi hatte gehört, was der Nebenstehende halblaut vor

sich hin gesprochen hatte, und verließ die Halle. Bernhard, der

das nun Bevorstehende ahnen mochte, schickte dem tödlich verletzten

Wendenfürsten Boten nach, aber dieser ließ nur antworten: „Der

Tag kommt, wo die Hunde beißen.“ Er ging nun nach Rethra, wo der

Haupttempel aller wendischen Stämme stand, und rief -- die Obotriten

standen selbstverständlich zu ihm -- auch alle _liutizischen_ Fürsten

zusammen und erzählte ihnen die erlittene Schmach. Dann tat er sein

Christentum von sich und bekannte sich vor dem Bilde Radegasts aufs

neue zu den alten Göttern. Gleich darauf ließ er dem Sachsengrafen

sagen: „Nun hab acht, Mistewoi der Hund kommt, um zu bellen und wird

bellen, daß ganz Sachsenland erschrecken soll.“ Der Markgraf aber

antwortete: „Ich fürchte nicht das Brummen eines Bären, geschweige

das Bellen eines Hundes.“ Am Tangerfluß kam es zur Schlacht, und die

Sachsen wurden geschlagen. Das hatte Mistewoi der Hund getan. Die

Unterwerfung, die 924 begonnen hatte, hatte 983 wieder ein Ende.

Der Dom zu Brandenburg wurde zerstört, und aus dem Harlunger Berge

erhob sich das Bild des Triglaw. Von dort aus sah es noch wieder

einhundertundfünfzig Jahre lang in _wendische_ Lande hinein. Die

Liutizen waren frei.

Drei Generationen hindurch hielt sich, nach diesem großen Siege, die

Macht der Wenden unerschüttert; Kämpfe fanden statt, sie rüttelten an

der wiedererstandenen Wendenmacht, aber sie brachen sie nicht. Erst mit

dem Eintritt des zwölften Jahrhunderts gingen die Dinge einer Wandlung

entgegen; die Wendenstämme, unter einander in Eifersüchteleien sich

aufreibend, zum Teil auch uneins durch die rastlos weiter wirkende

Macht des Christentums, waren endlich wie ein unterhöhlter Bau,

der bei dem ersten ernsteren Sturme fallen _müßte_. Die Spree- und

Havellandschaften waren, so scheint es, die letzten Zufluchtsstätten

des alten Wendentums; Brennabor, nachdem rund umher immer weiteres

Terrain verloren gegangen war, war mehr und mehr der Punkt geworden,

an dessen Besitz sich die Frage knüpfte, wer Herrscher sein solle im

Lande, Sachse oder Wende, Christentum oder Heidentum. Das Jahr 1157,

wie eingangs schon bemerkt, entschied über diese Frage. Albrecht der

Bär erstürmte Brennabor, die letzten Aufstände der Brizaner und

Stodoraner wurden niedergeworfen, und mit der Unterwerfung des Spree-

und Havellandes empfing das Wendenland zwischen Elbe und Oder überhaupt

den Todesstoß. (Rethra war schon vorher gefallen, wenigstens seiner

höchsten Macht entkleidet worden. Nur der Swantewittempel auf Arkona

hielt sich um zwanzig Jahre länger, bis der Dänenkönig „Waldemar der

Sieger“ auch diesen zerstörte.)

Soviel in kurzen Zügen von der Geschichte des Wendenlandes zwischen

Elbe und Oder. Wir wenden uns jetzt einer mehr kulturhistorischen

Untersuchung zu und stellen zusammen, was wir über Charakter, über

Sitte, Recht und Kultur des alten Wendentums wissen.

[1] Darüber, wo Rethra oder Ratare stand, schwebt noch immer der

Streit. Man nennt folgende Orte: Stargard (Mecklenburg), Malchin, Röbel

(am Müritz-See), Rhesa, Strelitz, Prillwitz, Kuhschwanz. Der letztere

Ort, unpoetischen Klanges, hat zur Zeit die größten Chancen, als

„Rethra“ anerkannt zu werden.

[2] Von dieser Schlacht bei _Lunkini_ (Lenzen) findet sich in

„Widukinds sächsischen Geschichten“ eine ausführliche Beschreibung. Die

Christen belagerten Lunkini, als die Nachricht eintraf, daß ein großes

Wendenheer zum Entsatz der bedrängten Festung heranrücke und während

der Nacht das Lager der Christen überfallen wolle. Ein furchtbares

Unwetter indes, heftige Regengüsse hinderten den Angriff des Feindes.

So kam der Morgen, und die Christen schickten sich nun ihrerseits

zum Angriff an. Die Zahl der Wenden war so groß, daß, als die Sonne

jetzt hell auf die durchnäßten Kleider der hunderttausend Wenden

schien, ein Dampf zum Himmel aufstieg, der sie wie in eine Nebelwolke

hüllte, während die Christen in hellem Sonnenlicht heranzogen und ob

dieser Erscheinung voll Hoffnung und Zuversicht waren. Nach hartem

Kampfe flohen die Wenden; da ihnen aber eine Abteilung den Weg verlegt

hatte, so stürzten sie einem See zu, in dem Unzählige ertranken. Die

Chronisten geben das Wendenheer auf 200000 Mann an. „Die Gefangenen

wurden alle, wie ihnen verheißen, an einem Tage geköpft.“

2.

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland · 第 31 / 149 题