Das hängt von Stoff und Ton des Ganzen ab. Laß uns einmal den Gang
verschiedener Werke epischer Prosa auf diesen Umstand hin vergleichen:
Herodots Geschichten, den Don Quixote, den Wilhelm Meister und Tolstois
Krieg und Frieden.
Herodot besitzt die natürliche, persönliche Naivität, die dem Zeitalter
und einer jungen, aufsteigenden Kultur entsprechen. Er hat weder
Vorbilder, noch bedarf er ihrer. Er ist nicht bemüht, eine Kunstform zu
prägen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hält sich von allen Abstraktionen
fern. Er »erzählt«. Sein Ton ist der eines Mannes, der reich an
Erfahrungen und an Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie
wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt sein Werk eine feste
Stileinheit und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich: Die
Handlungen des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. Von dieser
Weltanschauung durchdrungen, erhält seine Schöpfung nicht nur sittliche
Größe, sondern auch künstlerische Macht.
Cervantes fußt natürlich bereits auf Traditionen. Aber er vernichtet
sie, indem er sich ihrer bedient. Die Sittenschilderung und die Aktion
ordnen sich äußerlich einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem er
gegen den pathetischen Heros des Katholizismus zu Felde zieht, findet er
jene hohe Form der Darstellung, welche wir Humor nennen und welche
seinen Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, als sie in der
Realität ihrer Existenz zu haben scheinen. Auch Cervantes ist ein (im
banalen Sinn) naiver Erzähler; aber an seiner Naivetät hat der
Kunstverstand schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht mehr
der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. Mit der Schöpfung einer
Phantasiewelt hat die unbefangene Freude am Ereignis und seiner
Wiedergabe ihr Ende erreicht. Dem Erzähler muß sich der Fabulist
beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen wie von selbst. Hier
ist alles schon _Kunst_: die Charaktere und ihre Gestaltung, die
planvoll geschürzten Fäden der Handlung, der Dialog und seine
motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren Instinkt hat all dies
wieder die Farbe der Natur erhalten, das täuschende Gewand der Wahrheit.
Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer großen
Persönlichkeit. Wenn der spanische Dichter Bilder entrollte, hinter
denen er wortlos verschwand, so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen
stehen und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebärde, durch seine
begleitenden Worte erst ins rechte Licht und zur rechten Geltung. Seine
Darstellung ist kühl und überlegen, philosophisch gemessen, und nie
vergißt man über den Figuren den Zauberer, der sie in Bewegung zu setzen
vermag. Cervantes ist groß durch Don Quixote; Wilhelm Meister ist groß
durch Goethe.
In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind Stoff und
Darstellung in eine unauflösliche Verbindung getreten. Der Schöpfer
selbst wird hier zu einem wesenlosen Etwas, ähnlich der Naturkraft, die
einem Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer Prägung.
Die Menschen darin sind so stark individuell und andererseits so sehr
von dem Schicksale ihres Temperaments getrieben, daß man die Illusion
hat, sie müßten, auch aus Milieu und Handlung losgelöst, doch zu
denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen gelangen, zu denen sie in der
Dichtung durch den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung,
nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, künstlerische Ruhe,
Einfachheit und Größe, alles verbindet sich zu klarster Wirkung. Der
Dialog hat keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische oder
tendenziöse, sondern lediglich charakterisierende.