DER ALTE:

Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie unbedacht er ist.

Die erzählende Kunst stellt Vergangenes dar. Es handelt sich um ein

Gelebt-Haben, Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Während das Drama auf der

Gegenwärtigkeit der Geschehnisse, der Leidenschaften beruht, ist das

Epos oder die Novelle ein Zurückgewandtes, Zurückschauendes, – ganz

natürlich, und so ist es durch seine Form zu einer größeren Ruhe und

Gemessenheit verurteilt, denn seine Wiedergabe setzt doch einen

Betrachter voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser.

Während das Drama ein scheinbar freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt

ist, weist die Erzählung beständig und auf jeder Zeile auf den Erzähler

zurück, und von dessen Haltung hängt alles ab. Es handelt sich also nur

um eine scheinbare Kälte und Ruhe, um ein Zurückhalten des Feuers. Der

Schöpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf angewiesen, seine

eigene Persönlichkeit zu verbergen, da er es doch selbst ist, der die

ganze Welt, die er hervorbringt, repräsentiert. Wenn er aufhört,

unsichtbar zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und die

scheinbare Ruhe enthält also für ihn alle Wirkungen seiner Kunst. Uns

dennoch aufs innigste mit dem Werk zu verknüpfen, uns alles mit seinem

eigenen Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung

erleben zu lassen, das hängt von seiner Person und seinem Dichterwert

ab. Seine Weltanschauung und geistige Kraft einerseits und die Ruhe

andrerseits, die ihn befähigt, Licht und Schatten zu verteilen, Bilder

zu erzeugen, Zeitperspektiven zu bilden, können die beiden Pole genannt

werden, zwischen denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt die

epische Kunst eine vollkommene Reife des Geistes.

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 65 / 106 题