Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle aus Wilhelm
Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heißt da: »Zwei bis drei Häuser standen
in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten können wegen
des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde,
weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu
verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte einige
Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoße
eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich
hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die
ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die
Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten
Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den
Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben einem
Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme. Der anbrechende Tag
brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, usw.« Du
siehst hier deutlich, wie keusch und zurückhaltend das außerordentliche
Ereignis in der allgemeinen erzählerischen Stimmung sich auflöst. Ruhig
schließt sich an die sparsame Ausmalung der überaus schönen Situation
von den am Aschenhaufen liegenden Personen der neue Vorgang, und im
Satzgefüge herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit
einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei Zola; Einzelheit drängt
sich an Einzelheit. Die ungeheure Flut der Einzelheiten vernichtet das
Bild und überschwemmt die Phantasie. Aus fünfzig Seiten eines
Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzählende Stil beruht
keineswegs auf der Ausmalung der Situationen, sondern er ruft die
Situation nur zu höherem Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe
vorübergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist darin Kleist, der
vielleicht das größte erzählerische Genie ist, das wir besitzen. Wie im
Volksmärchen, mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung um
Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die Lebendigkeit der Periode, es
wird ihr das Papierene genommen, das sie auch beim vollendetsten
Schilderer hat; sie besitzt plötzlich innere Kraft, das Blut des
atmenden Geschöpfes, und wie das Werk im Ganzen, ist sie für sich allein
ein Organismus mit Fleisch und Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen
Zellen zusammen; die Gesundheit seiner Früchte hängt ab von der
Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die Breite und Fülle der Periode
bedingt die Breite und Fülle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der
Vorgänge, nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die ausgesuchteste
psychologische Tüftelei, keine Neuartigkeit des Themas, keine äußere
Spannung, nicht Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann ein
Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer Breite und Ruhe mangeln,
zum Rang eines Kunstwerkes erheben.