DER ALTE:

Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige und gefahrvolle Reise

hinter dir, habest lebensgefährliche Abenteuer bestanden, habest

jahrelang als verschollen und verloren gegolten und seiest nun doch

zurückgekehrt. Alles ist gespannt zu hören, wie du das bewerkstelligt

hast und wie es dir ergangen ist. Du setzest dich in den Kreis der

Neugierigen und Teilnehmenden und erzählst, beginnst mit der Fahrt übers

Meer, der Aufzählung deiner Gefährten und kurzer Andeutung ihrer Art und

ihrer bisherigen Schicksale, fährst fort mit der Landung, dem Aufbruch

in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wäre es nun angebracht, das

Interesse der Zuhörer durch Beschreibungen von Landschaften, von Tieren,

von Pflanzen zu ermüden? Wenn du dies tätest, würde in ihnen ein leises

Mißtrauen gegen den Ernst und die Schwere deiner überstandenen

Schicksale entstehen. Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, nichts

weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, je glaubhafter werden

deine Erlebnisse klingen. Nicht mit einem Wort brauchst du zu schildern.

Das Bild der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst in der

Phantasie entstehen; je weniger du davon sprichst, je stärker wird die

Phantasie der Hörer es erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst.

Unwillkürlich gehen sie deinen Weg mit und sehen sie mit deinen Augen.

Es kommt ganz und gar nicht darauf an, daß das Bild der Wirklichkeit

entspricht, das sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, daß

durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese seelische

Bewegung bildet sich nun wieder durch die Bewegung der künstlerischen

Materie, und so siehst du abermals, wie Äußeres und Inneres verschmolzen

sind und sich verschmelzen müssen.

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 49 / 106 题