Ich sagte vorhin, daß die Elemente sich in dir nicht mischen wollen;
Stoff und Empfindung bleiben feindlich und unaufgelöst einander
gegenüber. Die Folge davon ist eine immerwährende und überall
ersichtliche Dissonanz. Du erzählst eigentlich nicht Ereignisse, sondern
du schilderst Situationen. Gerade das erscheint dir wichtig, was bei der
Erzählung unwichtig ist und sein muß. Du hüpfest von Situation zu
Situation, das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, wird zum
gezwungenen Bericht und enttäuscht durch seine Nüchternheit. Da du dies
Schwanken als Schaffender selbst sehr deutlich empfindest, drängt es
dich, Ausgleiche zu bringen, und du mußt zu pathetisch-lyrischen
Schilderungen greifen, in denen die Handlung um keinen Schritt weiter
kommt. Denn daran liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst
entsteht durch Bewegung. Damit hängt nun aufs Engste die Gestaltung
deiner Menschen zusammen. Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie
sind geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange sie mit der
Handlung verknüpft sind, aber davon losgelöst und als Eigenlebende
betrachtet, werden sie matt und hölzern. Sie wissen zu genau, was sie
sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner Welt. Es fehlt die höhere
Täuschungsabsicht und Täuschungsmacht. Eine Figur muß leben trotz der
Handlung, nicht durch die Handlung. Woher käme es sonst, daß bei allen
mittelmäßigen Schriftstellern gerade die Figuren am glaubhaftesten sind,
die am wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen verquickt sind,
die sogenannten Episodenfiguren? Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das
heißt Glaubwürdigkeit, weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. Wenn
man also sagen kann, Kunst entstehe durch Bewegung, so muß man
hinzufügen, sie wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung.