IV

In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig

das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu

verbrauchen, ohne ihn zu erwerben.

Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten Nachdruck auf die

Begriffe: Glück erzeugen und Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren

Nachdruck, als diese scheusälig entwürdigte und besudelte Welt um uns

so glücklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast

geschleift, daß sie in unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh

gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als

Gärtner und Baumeister schickte.

Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene

Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und

Versöhner, Former der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder,

Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in

der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glück sie

erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu

verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der Menge der zur

Produktion minder Befähigten zugute kommt.

Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glück der Sammler

von Büchern, Münzen, Teppichen, Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen

erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes

Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz

hörig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der

Mitteilung, in der schenkenden Kraft.

Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft

entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt

das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner

Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre sonderbar getäuscht, wenn

er alle Folge im Schicksalsverlauf überblicken könnte. Wie das endlich

Gedachte unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; in

irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit.

Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, die

gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers ruft Bewegung weit

über den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv

auf andere Individuen und verdichten sich außerdem im Objekt. Von da aus

schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen,

Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schönheit. Das Individuum und seine

Motive sind überwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von

ihnen wieder ausströmende Bewegung überwinden die Niedrigkeit und die

Endlichkeit des Individuums.

Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst

Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen

sich nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute infame Giftmörder

und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder

und Statuen zu sammeln.

Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den

Sammler, der als Figur erklärt hat, was zu erklären war. Wichtig ist die

Erzeugung von Glück, von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur

von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie umfaßt das ganze

Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte,

das brotlos, das Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und

Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am

Hals einer Frau, den Pomp des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die

Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die

Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen

Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab.

Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach der unmittelbaren

Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet werden: es ist verschwendeter

Besitz. Die Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach Glück

und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den Menschen versagt, für ein

anderes Ziel zu arbeiten als für die Befriedigung ihrer leiblichen

Bedürfnisse, mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche Behagen

auf Grund der Erfüllung der gemeinen Sinnengelüste; wären diese

gewährleistet und der Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr von

Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und Überflüssigem, so verwandelte

sich die Erde in ein düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck

kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in einen Stall satter,

verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen

in geheimnisvoller Tollwut überfallen und zerfleischen würde. Diese

Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, medusisch gewordenen

Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins

mörderische verkehrt werden.

Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur daß der Pakt

unzulänglich ist, daß die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein

und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande

gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt.

Nutzzweck heißt der Tiger, der uns in den Klauen hält, daß das edelste

Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was ihre

Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll starre Blicke, auf den

Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o

Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vögel, ihr

wißt nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist

gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem

Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der

Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte!

V

Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich

und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich

einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem

der Identität.

Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind äußerliche

Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit

erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe.

Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe.

So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? In der Tat

scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes »Welt«

den Begriff »Du«, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles

Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die

höchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die

Dichtung kein anderes Wort dafür als: einander besitzen.

Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu früh aus dem Auge zu

verlieren, so wird man einwenden, es heiße doch viel gefordert von der

Spannweite und dem Liebesvermögen der menschlichen Psyche, wenn man ihr

zumutet, daß sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll,

die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all

den Krücken und Behelfen, den Bindungen und Füllseln, deren Bestimmung

es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt

zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schließlich, das bei besserer

Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren

weichen oder bei herabgedrückten Umständen abermals dem Geringeren Raum

geben muß.

Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit des

subjektiven Kräfteverhältnisses und der individuellen Phantasiefähigkeit

ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine

gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu

trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen

teuern Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann

sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An

Dingen Haftende sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen

oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die

Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe für das Ding zur

Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer

Liebe ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die Blume, die

Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die

engen Herzen müssen mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn

es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles

drunter und drüber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften,

zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt,

darin Lüge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und

wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung.

In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir

in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaßen.

Ich liebte sie fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem

Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß auch war, erlahmte

die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen

Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie

entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, sie ernüchterten

die Augen, die im Traum alles an sich reißen konnten, im Traum der

Identität.

Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der

wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches

Ideal, sondern ein religiöses, kein europäisches, sondern ein

orientalisches, kein sentimental-humanitäres, sondern ein

unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man überhaupt

von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, führt nicht das

modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das

mythisch-buddhistische der Entäußerung.

»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflösung

von Bild und Begriff wird Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des

Bewußtseins wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild

und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des

sechsfachen Reiches wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung der

Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst

aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch

Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des

Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter und

Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn

zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes Auflösung zustande.

Auflösung, Auflösung!«[1]

[Fußnote 1: Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.]

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 8 / 106 题