In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig
das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu
verbrauchen, ohne ihn zu erwerben.
Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten Nachdruck auf die
Begriffe: Glück erzeugen und Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren
Nachdruck, als diese scheusälig entwürdigte und besudelte Welt um uns
so glücklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast
geschleift, daß sie in unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh
gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als
Gärtner und Baumeister schickte.
Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene
Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und
Versöhner, Former der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder,
Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in
der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glück sie
erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu
verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der Menge der zur
Produktion minder Befähigten zugute kommt.
Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glück der Sammler
von Büchern, Münzen, Teppichen, Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen
erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes
Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz
hörig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der
Mitteilung, in der schenkenden Kraft.
Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft
entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt
das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner
Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre sonderbar getäuscht, wenn
er alle Folge im Schicksalsverlauf überblicken könnte. Wie das endlich
Gedachte unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; in
irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit.
Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, die
gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers ruft Bewegung weit
über den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv
auf andere Individuen und verdichten sich außerdem im Objekt. Von da aus
schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen,
Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schönheit. Das Individuum und seine
Motive sind überwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von
ihnen wieder ausströmende Bewegung überwinden die Niedrigkeit und die
Endlichkeit des Individuums.
Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst
Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen
sich nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute infame Giftmörder
und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder
und Statuen zu sammeln.
Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den
Sammler, der als Figur erklärt hat, was zu erklären war. Wichtig ist die
Erzeugung von Glück, von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur
von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie umfaßt das ganze
Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte,
das brotlos, das Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und
Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am
Hals einer Frau, den Pomp des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die
Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die
Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen
Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab.
Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach der unmittelbaren
Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet werden: es ist verschwendeter
Besitz. Die Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach Glück
und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den Menschen versagt, für ein
anderes Ziel zu arbeiten als für die Befriedigung ihrer leiblichen
Bedürfnisse, mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche Behagen
auf Grund der Erfüllung der gemeinen Sinnengelüste; wären diese
gewährleistet und der Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr von
Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und Überflüssigem, so verwandelte
sich die Erde in ein düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck
kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in einen Stall satter,
verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen
in geheimnisvoller Tollwut überfallen und zerfleischen würde. Diese
Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, medusisch gewordenen
Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins
mörderische verkehrt werden.
Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur daß der Pakt
unzulänglich ist, daß die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein
und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande
gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt.
Nutzzweck heißt der Tiger, der uns in den Klauen hält, daß das edelste
Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was ihre
Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll starre Blicke, auf den
Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o
Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vögel, ihr
wißt nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist
gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem
Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der
Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte!
V
Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich
und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich
einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem
der Identität.
Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind äußerliche
Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit
erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe.
Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe.
So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? In der Tat
scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes »Welt«
den Begriff »Du«, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles
Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die
höchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die
Dichtung kein anderes Wort dafür als: einander besitzen.
Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu früh aus dem Auge zu
verlieren, so wird man einwenden, es heiße doch viel gefordert von der
Spannweite und dem Liebesvermögen der menschlichen Psyche, wenn man ihr
zumutet, daß sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll,
die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all
den Krücken und Behelfen, den Bindungen und Füllseln, deren Bestimmung
es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt
zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schließlich, das bei besserer
Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren
weichen oder bei herabgedrückten Umständen abermals dem Geringeren Raum
geben muß.
Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit des
subjektiven Kräfteverhältnisses und der individuellen Phantasiefähigkeit
ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine
gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu
trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen
teuern Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann
sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An
Dingen Haftende sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen
oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die
Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe für das Ding zur
Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer
Liebe ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die Blume, die
Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die
engen Herzen müssen mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn
es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles
drunter und drüber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften,
zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt,
darin Lüge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und
wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung.
In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir
in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaßen.
Ich liebte sie fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem
Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß auch war, erlahmte
die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen
Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie
entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, sie ernüchterten
die Augen, die im Traum alles an sich reißen konnten, im Traum der
Identität.
Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der
wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches
Ideal, sondern ein religiöses, kein europäisches, sondern ein
orientalisches, kein sentimental-humanitäres, sondern ein
unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man überhaupt
von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, führt nicht das
modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das
mythisch-buddhistische der Entäußerung.
»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflösung
von Bild und Begriff wird Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des
Bewußtseins wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild
und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des
sechsfachen Reiches wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung der
Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst
aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch
Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des
Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter und
Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn
zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes Auflösung zustande.
Auflösung, Auflösung!«[1]
[Fußnote 1: Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.]