Hamilton, Lord Strabane, einer der wenigen römisch-katholischen Peers
von Irland. Murray, der zum Obersten eines der acht Regimenter ernannt
war, in welche die Besatzung eingetheilt worden, ging hinaus vor das
Thor und es fand eine kurze Besprechung mit dem Parlamentair statt.
Strabane war ermächtigt, große Versprechungen zu machen. Die Bürger
sollten volle Verzeihung für alles Geschehene haben, wenn sie sich ihrem
rechtmäßigen Landesherrn unterwürfen. Murray selbst sollte ein
Oberstenpatent und tausend Pfund Sterling an Gelde bekommen. »Die Männer
von Londonderry,« antwortete Murray, »haben nichts gethan, was der
Verzeihung bedürfte, und erkennen keinen andren Souverain als König
Wilhelm und Königin Marie an. Es dürfte nicht rathsam für Eure
Lordschaft sein, noch lange hier zu verweilen oder in gleicher Absicht
wiederzukommen. Gestatten Sie mir die Ehre, Sie bis über die Linien
hinaus zu geleiten.«[92]
Jakob war versichert worden und hatte mit Bestimmtheit erwartet, daß die
Stadt sich ergeben würde, sobald sein Erscheinen vor den Mauern
derselben zur Kenntniß der Einwohner gelangte. Als er sich jedoch in
dieser Erwartung getäuscht sah, wollte er von Melfort's Rath nichts mehr
wissen und er beschloß, sofort nach Dublin zurückzukehren. Rosen
begleitete den König und die Leitung der Belagerung wurde Maumont
übertragen. Unter ihm standen Richard Hamilton als Zweiter, und Pusignan
als Dritter im Commando.
[Anmerkung 87: Siehe +The Character of the Protestants of Ireland,
1689+, und +The Interest of England in the Preservation of
Ireland, 1689.+ Erstere Flugschrift ist das Werk eines Feindes,
letztere das eines warmen Freundes.]
[Anmerkung 88: Es entspann sich nachher ein müßiger Streit über
die Frage, ob Walker wirklich Gouverneur gewesen sei oder nicht.
Mir scheint es vollkommen unzweifelhaft, daß er es war.]
[Anmerkung 89: +Mackenzie's Narrative+; +Funeral Sermon on Bishop
Hopkins, 1690.+]
[Anmerkung 90: +Walker's True Account, 1689.+ Siehe auch +The
Apology for the True Account+ und +The Vindication of the True
Account+, beide in dem nämlichen Jahre erschienen. Ich habe diesen
Mann mit dem Namen bezeichnet, unter welchem er in Irland bekannt
war. Sein wirkliche Name aber war Houstoun. Er wird häufig in dem
wunderlichen Buche, betitelt: +Faithful Contendings Displayed+,
erwähnt.]
[Anmerkung 91: +A View of the Danger and Folly of being
publicspirited, by William Hamill, 1721.+]
[Anmerkung 92: Siehe +Walker's True Account+ und +Mackenzie's
Narrative.+]
[_Londonderry belagert._] Die Operationen begannen nun ernstlich.
Die Belagerer fingen damit an, daß sie die Stadt beschossen, und bald
brannte sie an mehreren Stellen. Dächer und obere Stockwerke stürzten
ein und erschlugen die Hausbewohner. Eine kurze Zeit lang schien die
Besatzung, von der Viele noch niemals die Wirkung eines Bombardements
gesehen, durch das Gekrach der einstürzenden Schornsteine und durch den
Anblick der mit entstellten Leichnamen vermischten Trümmerhaufen
entmuthigt zu werden. Aber das Vertrautwerden mit Gefahr und Greueln
brachte binnen wenigen Stunden die natürliche Wirkung hervor. Der Muth
des Volks steigerte sich bis zu einem solchen Grade, daß seine Anführer
es für zweckmäßig hielten, die Offensive zu ergreifen. Am 21. April
wurde unter Murray's Commando ein Ausfall gemacht. Die Irländer hielten
ihrerseits entschlossen Stand und es kam zu einem heftigen und blutigen
Kampfe. Maumont eilte an der Spitze eines Reitertrupps nach der Stelle,
wo das Gefecht wüthete. Eine Flintenkugel traf ihn am Kopfe und streckte
ihn todt nieder. Die Belagerer verloren außerdem noch mehrere andere
Offiziere und ungefähr zweihundert Mann, bevor es gelang, die Colonisten
in die Stadt zurückzuwerfen. Murray entkam mit knapper Noth. Sein Pferd
war ihm unter dem Leibe getödtet worden und er war von Feinden umringt,
aber er vertheidigte sich noch so lange gegen dieselben, bis einige von
seinen Freunden, mit dem greisen Walker an der Spitze, aus dem Thore
heraus stürzten und ihn befreiten.[93]
Da Maumont gefallen war, übernahm Hamilton wieder das Commando der
irischen Armee. Seine Thaten als Befehlshaber trugen keineswegs zur
Erhöhung seines Ruhmes bei. Er war ein eleganter Cavalier und ein
tapferer Soldat, aber auf den Titel eines großen Feldherrn konnte er
keinen Anspruch machen; auch hatte er noch nie in seinem Leben eine
Belagerung gesehen.[94] Pusignan besaß mehr Kenntniß und Energie, aber
er überlebte Maumont um wenig mehr als vierzehn Tage. Am 6. Mai um vier
Uhr Morgens unternahm die Besatzung einen zweiten Ausfall, eroberte
mehrere Fahnen und tödtete viele von den Belagerern. Pusignan, welcher
tapfer focht, wurde durch den Leib geschossen; die Wunde war von der
Art, daß ein geschickter Chirurg sie wohl hätte heilen können; aber
einen solchen gab es im irischen Lager nicht und die Verbindung mit
Dublin war langwierig und unregelmäßig. So starb der Unglückliche unter
bitteren Klagen über die rohe Unwissenheit und Nachlässigkeit, die seine
Tage abgekürzt hatten. Ein Arzt, der expreß aus der Hauptstadt abgesandt
worden, traf erst nach der Beerdigung ein. Wahrscheinlich in Folge
dieses beklagenswerthen Unglücks richtete Jakob eine tägliche
Postverbindung zwischen dem Schlosse von Dublin und Hamilton's
Hauptquartier ein. Doch selbst auf diese Art wurden die Briefe nicht
rasch befördert, denn die Couriere gingen zu Fuß und machten,
wahrscheinlich aus Furcht vor den Enniskillenern, einen Umweg von einem
Militärposten zum andren.[95]
Der Mai verging, der Juni kam heran, und Londonderry hielt sich noch
immer. Es hatten viele Ausfälle und Scharmützel mit verschiedenem
Erfolge stattgehabt; im Ganzen aber war der Vortheil auf Seiten der
Garnison gewesen. Mehrere hohe Offiziere waren als Gefangene in die
Stadt gebracht worden, und zwei französische Fahnen, welche den
Belagerern nach hartem Kampfe entrissen worden, waren als Trophäen in
der Altarstätte der Kathedrale aufgehängt. Es schien nothwendig, die
Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Ehe man aber die Hoffnung
aufgab, die Stadt durch Waffengewalt zu nehmen, beschloß man noch einen
energischen Versuch zu machen. Der zum Sturm ausersehene Punkt war ein
Außenwerk, nicht weit vom südlichen Thore, welches der Windmühlenhügel
hieß. Religiöse Anfeuerungsmittel wurden angewendet, um den gesunkenen
Muth zu beleben. Viele Freiwillige verpflichteten sich eidlich in die
Festungswerke einzudringen oder bei dem Versuche umzukommen. Kapitain
Buttler, ein Sohn Lord Mountgarret's, übernahm es, die Eidgenossen zum
Angriff zu führen. Die Colonisten waren in drei Reihen auf den Wällen
aufgestellt. Die Hinteren hatten nur die Musketen der Vorderen zu laden.
Die Irländer rückten kühn und mit einem entsetzlichen Geschrei heran,
wurden aber nach einem langen und heißen Kampfe zurückgeschlagen. Im
dichtesten Kugelregen sah man die Frauen von Londonderry, ihren Gatten
und Brüdern Wasser und Munition reichend. An einer Stelle, wo der Wall
nur sieben Fuß hoch war, gelang es Buttler und einigen seiner
Eidgenossen, das Plateau zu erreichen; aber sie wurden sämmtlich
getödtet oder gefangen genommen. Endlich, nachdem vierhundert Irländer
gefallen waren, ließen ihre Anführer zum Rückzug blasen.[96]
[Anmerkung 93: Walker; Mackenzie; Avaux, 26. April (6. Mai) 1689.
Unter den Protestanten von Ulster herrscht die traditionelle
Meinung, Maumont sei von Murray's Hand gefallen; allein über
diesen Punkt ist der Bericht des französischen Gesandten an seinen
Gebieter entscheidend. In der That existiren über die Belagerung
von Londonderry fast eben so viele märchenhafte Geschichten wie
über die Belagerung von Troja. Die Sage von Murray und Maumont
datirt von 1689. In +The Royal Voyage+, welches Stück in jenem
Jahre aufgeführt wurde, wird der Kampf zwischen den beiden Helden
in folgenden wohlklingenden Strophen geschildert:
»Sie trafen sich, und auf den ersten Streich
Fiel Monsieur fluchend auf den staub'gen Grund
Und sterbend biß er noch in's Gras.«]
[Anmerkung 94: +Si c'est celuy qui est sorti de France le dernier,
qui s'appelloit Richard, il n'a jamais veu de siège, ayant
toujour's servi en Roussillon.+ -- Louvois an Avaux, 3.(13.) Juni
1689.]
[Anmerkung 95: Walker; Mackenzie; Avaux an Louvois, 2.(12.),
4.(14.) Mai 1689; Jakob an Hamilton vom 28. Mai (8. Juni) in der
Bibliothek der Royal Irish Academy. Louvois schrieb sehr entrüstet
an Avaux: +»La mauvaise conduite que l'on a tenue devant
Londonderry a cousté la vie à M. de Maumont et à M. de Pusignan.
Il ne faut pas que sa Majesté Britannique croye qu'en faisant tuer
des officiers generaux comme des soldats, on puisse ne l'en point
laisser manquer. Ces sortes de gens sont rares en tout pays et
doivent estre menagez.«+]
[Anmerkung 96: Walker; Mackenzie; Avaux, 16.(26.) Juni 1689.]
[_Die Belagerung in eine Blokade verwandelt._] Es blieb nun nichts
weiter übrig als die Wirkung des Hungers zu versuchen. Man wußte, daß
die Lebensmittelvorräthe der Stadt nur gering waren, ja man wunderte
sich sogar, daß sie so lange ausgereicht hatten. Jetzt wurden alle
Maßregeln getroffen, um die fernere Zufuhr von Lebensmitteln
abzuschneiden. Alle zur Stadt führenden Landwege wurden auf das
Sorgfältigste bewacht. Auf der Südseite am linken Ufer des Foyle
lagerten die Reiter, welche Lord Galmoy aus dem Barrowthale begleitet
hatten. Ihr Anführer war von allen irischen Offizieren derjenige, den
die Protestanten am meisten fürchteten und verabscheuten. Denn er hatte
seine Mannschaft mit seltener Geschicklichkeit und Sorgfalt
disciplinirt, und man erzählte sich haarsträubende Geschichten von
seiner Grausamkeit und Perfidie. Lange Reihen Zelte, bedeckt mit der
Infanterie Buttler's und O'Neils, Lord Slane's und Lord Gormanstown's,
den Leuten aus Westmeath unter Nugent, den Leuten aus Kildare unter
Eustace und den Leuten aus Kerry unter Cavanagh.[97] Der Fluß war mit
Forts und Batterien besäumt, welche kein Schiff ohne große Gefahr
passiren konnte. Nach einiger Zeit beschloß man, zur noch größeren
Sicherheit ungefähr anderthalbe Meile unterhalb der Stadt eine Barrikade
quer durch den Strom aufzuwerfen. Zu dem Ende wurden mehrere mit Steinen
beladene Böte versenkt und eine Reihe Pfähle in den Grund des Flusses
eingerammt. Starke Fichtenstämme, fest an einander gebunden, bildeten
einen über eine Viertelmeile langen Sperrbaum, der mit fußdicken Tauen
an beiden Ufern wohl befestigt war.[98] Ein großer Steinblock, an
welchem das Tau am linken Ufer befestigt war, wurde viele Jahre später
fortgeschafft, um behauen und zu einer Säule verarbeitet zu werden. Die
Idee wurde jedoch wieder aufgegeben und die rohe Steinmasse liegt noch
jetzt nicht weit von ihrem ursprünglichen Platze unter den Bäumen,
welche ein reizendes Landhaus, Boom Hall genannt, beschatten. Dicht
daneben befindet sich der Brunnen, aus dem die Belagerer tranken, und
ein Stück weiter hin ist der Begräbnißplatz, wo sie ihre Gefallenen
beerdigten und wo noch in unseren Tagen der Spaten des Gärtners in
geringer Tiefe unter dem Rasen und den Blumen auf zahlreiche Schädel und
Gebeine gestoßen ist.
[Anmerkung 97: Über die Disciplin der Galmoy'schen Reiter siehe
Avaux' Brief an Louvois vom 10.(20.) September. Entsetzliche
Geschichten von der Grausamkeit des Obersten sowohl wie seiner
Leute werden in der +Short View, by a Clergyman, 1689+, und in
mehreren anderen Flugschriften aus diesem Jahre erzählt. In Bezug
auf die Vertheilung der irischen Truppen sehe man die damals
erschienenen Pläne der Belagerung. Eine Liste der Regimenter, die
vermuthlich ein Seitenstück zu der im zweiten Buche der Iliade
vorkommenden Liste bilden sollte, findet man in der Londeriade.]
[Anmerkung 98: +Life of Admiral Sir John Leake, by Stephen M.
Leake, Clarencieux King at Arms, 1750.+ Von diesem Buche wurden
nur funfzig Exemplare gedruckt.]
[_Seegefecht in der Bantry-Bai._] Während diese Ereignisse im Norden
stattfanden, hielt Jakob seinen Hof in Dublin. Bei seiner Wiederankunft
daselbst von Londonderry erhielt er die Nachricht, daß die französische
Flotte unter dem Commando des Grafen von Chateau Renaud in der
Bantry-Bai vor Anker gegangen sei und eine große Masse von
Kriegsvorräthen sowie eine Geldsendung ans Land geschafft habe. Herbert,
der eben mit einem englischen Geschwader nach jenen Gewässern abgegangen
war, um die Verbindung zwischen der Bretagne und Irland abzuschneiden,
erfuhr wo der Feind lag und segelte in die Bucht mit der Absicht, eine
Schlacht zu liefern. Doch der Wind war ihm ungünstig, die feindliche
Flotte war der seinigen weit überlegen, und nach einem kurzen Feuer,
das auf keiner Seite erhebliche Verluste herbeiführte, hielt er es für
rathsam, die hohe See wieder zu gewinnen, während die Franzosen sich
tiefer in den Hafen zurückzogen. Er steuerte nach Scilly, wo er
Verstärkungen zu finden hoffte, und Chateau Renaud, zufrieden mit dem
Ruhme, den er sich erworben, und besorgt, daß er denselben durch
längeres Verweilen wieder verlieren möchte, eilte trotz der dringenden
Aufforderung Jakob's, nach Dublin zu kommen, nach Brest zurück.
Beide Theile machten Anspruch auf den Sieg. Die Gemeinen zu Westminster
beschlossen albernerweise ein Dankvotum für Herbert, Jakob ließ, nicht
minder albernerweise, Freudenfeuer anzünden und ein Te Deum singen. Aber
diese Freudenbezeigungen befriedigten Avaux keineswegs, denn seine
Nationaleitelkeit war selbst noch stärker als die Klugheit und
Courtoisie, durch die er sich auszeichnete. Er beschwerte sich, daß
Jakob so ungerecht und undankbar sei, den Ausgang des kürzlichen
Gefechts dem Widerstreben zuzuschreiben, mit dem die englischen Seeleute
gegen ihren rechtmäßigen König und ihren alten Commandeur gefochten
hätten, und daß Se. Majestät eben nicht sehr erfreut gewesen zu sein
scheine, als er gehört habe, daß sie, von den siegreichen Franzosen
verfolgt, über den Ocean flüchteten. Auch Dover sei ein schlechter
Franzos. Er scheine sich eben so wenig über die Niederlage seiner
Landsleute gefreut zu haben, und man habe ihn äußern hören, daß das
Gefecht in der Bantry-Bai den Namen einer Schlacht nicht verdiene.[99]
[Anmerkung 99: Avaux, 8.(18.) Mai, 26. Mai (5. Juni) 1689; London
Gazette vom 9. Mai; +Life of James, II. 370+; +Burchet's Naval
Transactions+; +Commons' Journals May 18, 21.+ Aus den Memoiren
der Frau von la Fayette ersieht man, daß dieses unbedeutende
Treffen in Versailles nach Gebühr gewürdigt wurde.]
[_Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin._] Den Tag darauf,
nachdem in Dublin zu Ehren dieses unentschiedenen Gefechts ein Te Deum
gesungen worden war, eröffnete das von Jakob zusammenberufene Parlament
seine Sitzungen. Die Zahl der weltlichen Peers von Irland betrug bei
seiner Ankunft in diesem Königreiche ungefähr hundert. Davon kamen nicht
mehr als vierzehn seiner Aufforderung nach, und von diesen vierzehn
waren zehn Katholiken. Durch Umstoßen früherer Verurtheilungen und durch
neue Creirungen wurden noch siebzehn Lords, sämmtlich Katholiken, ins
Oberhaus gebracht. Die protestantischen Bischöfe von Meath, Ossory, Cork
und Limerick erschienen, ob aus der aufrichtigen Überzeugung, daß sie
rechtmäßigerweise selbst einem Tyrannen den Gehorsam nicht verweigern
könnten, oder in der eitlen Hoffnung, daß selbst das Herz eines Tyrannen
durch ihre Geduld erweicht werden möchte, in der Mitte ihrer Todfeinde.
Das Haus der Gemeinen bestand fast ausschließlich aus Irländern und
Papisten. Zugleich mit den königlichen Ausschreiben hatten die
Wahlbeamten von Tyrconnel Briefe erhalten, in denen die Personen namhaft
gemacht waren, die er gewählt zu sehen wünschte. Die größten Wahlkörper
des Königreichs waren damals sehr klein, denn außer den Katholiken wagte
kaum Jemand sein Gesicht zu zeigen, und katholische Freisassen gab es
damals sehr wenige, in manchen Grafschaften nicht mehr als zehn bis
zwölf. Selbst in so bedeutenden Städten wie Cork, Limerick und Galway
überstieg die Zahl Derer, welche nach den neuen Städteordnungen
stimmberechtigt waren, nicht vierundzwanzig. Ungefähr zweihundertfunfzig
Mitglieder nahmen ihre Sitze ein, und davon waren nur sechs
Protestanten.[100] Die Namenliste giebt hinreichenden Aufschluß über die
politische und religiöse Gesinnung der Versammlung. Es war das einzige
irische Parlament jener Zeit, das mit Dermots und Grohagans, mit O'Neils
und O'Donovans, mit Macmahons, Macnamaras und Macgillicuddies angefüllt
war. Die Führung übernahmen einige Männer, deren Fähigkeiten durch
juristische Studien oder durch in fremden Ländern erworbene Erfahrung
entwickelt worden waren. Dem Generalfiskal, Sir Richard Nagle, der die
Grafschaft Cork vertrat, gaben selbst die Protestanten das Zeugniß eines
scharfsinnigen und gelehrten Juristen. Franz Plowden, der Commissar für
die Staatsrevenüen, der für Bannow im Parlamente saß und als erster
Finanzbeamter fungirte, war ein Engländer, und da er ein Hauptagent des
Jesuitenordens in Geldangelegenheiten gewesen, läßt sich wohl annehmen,
daß er ein ausgezeichneter Geschäftsmann war.[101] Oberst Heinrich
Luttrell, Mitglied für die Grafschaft Carlow, hatte lange in Frankreich
gedient und von dort in sein Heimathland einen geschärften Verstand und
verfeinerte Sitten, eine glatte Zunge, einige Geschicklichkeit im Kriege
und sehr viel Geschicklichkeit im Intriguiren mitgebracht. Sein älterer
Bruder, Oberst Simon Luttrell, Vertreter der Grafschaft Dublin und
Militärgouverneur der Hauptstadt, hatte ebenfalls in Frankreich gelebt
und spielte, obwohl er seinem Bruder Heinrich an Talent und Thätigkeit
nachstand, doch eine sehr hervorragende Figur unter den Anhängern
Jakob's. Das andre Mitglied für die Grafschaft Dublin war Oberst Patrick
Sarsfield. Diesen tapferen Offizier betrachteten die Eingebornen als
einen der Ihrigen, denn seine Vorfahren von Vaters Seite waren zwar
ursprünglich Engländer, gehörten aber zu den ersten Colonisten, von
denen man sprüchwörtlich sagte, daß sie irischer geworden seien als
Irländer. Seine Mutter war von edlem celtischen Geblüt und er war ein
treuer Anhänger des alten Glaubens. Als der Erbe eines Vermögens, das
ihm etwa zweitausend Pfund jährlicher Einkünfte gewährte, war er einer
der reichsten Katholiken des Landes. Von den Höfen und Feldlagern besaß
er eine Kenntniß wie nur wenige seiner Landsleute. Er war lange Offizier
bei der englischen Leibgarde gewesen, hatte viel mit Whitehall verkehrt
und hatte unter Monmouth auf dem Continente und gegen Monmouth bei
Sedgemoor tapfer gefochten. Er hatte, wie Avaux schrieb, mehr
persönlichen Einfluß als irgend Jemand in Irland und war wirklich ein
Gentleman von ausgezeichneten Verdiensten, tapfer, bieder, ehrenwerth,
auf das Wohlbefinden seiner Leute im Quartier bedacht und am Tage der
Schlacht stets an ihrer Spitze. Seine Unerschrockenheit, seine
Freimüthigkeit, seine grenzenlose Gutherzigkeit, seine Statur, welche
die gewöhnlicher Menschen hoch überragte, und die Körperkraft, welche er
im Einzelkampfe entwickelte, hatten ihm die Zuneigung und Bewunderung
der Massen erworben. Es ist bemerkenswerth, daß die Engländer ihn
allgemein als einen tapferen, geschickten und hochherzigen Feind
achteten und daß er selbst in den rohesten Possen, welche von gemeinen
Comödianten in Smithfield aufgeführt wurden, stets von den entehrenden
Beschuldigungen ausgenommen ward, welche man damals auf die irische
Nation zu schleudern gewohnt war.[102]
Doch solcher Männer waren nicht viele in dem Hause der Gemeinen, das
sich zu Dublin versammelt hatte. Es ist kein Vorwurf für die irische
Nation, eine Nation, welche seitdem ihr volles Contingent von beredten
und gebildeten Senatoren gestellt hat, wenn man sagt, daß von allen
Parlamenten, welche je auf den britischen Inseln zusammengetreten sind,
Barebone's Parlament nicht ausgenommen, es dem von Jakob einberufenen am
meisten an den Eigenschaften gebrach, die eine Legislatur besitzen muß.
Die strenge Herrschaft einer feindlichen Kaste hatte die Geisteskräfte
des irischen Gentleman gelähmt. War er so glücklich Grundeigenthum zu
besitzen, so hatte er sein Leben in der Regel unter Jagd, Fischfang,
Trinkgelagen und Liebeshändeln mit seinen Unterthanen zugebracht. War
sein Vermögen confiscirt worden, so war er von Schloß zu Schloß und von
Hütte zu Hütte gewandert, um kleine Geldbeiträge zu erheben und auf
Kosten Anderer zu leben. Er hatte nie im Hause der Gemeinen gesessen,
hatte niemals thätigen Antheil an einer Wahl genommen, und war nie
Magistratsbeamter gewesen; kaum daß er einmal Mitglied einer großen Jury
gewesen war. Daher fehlte es ihm an aller und jeder Erfahrung in
öffentlichen Angelegenheiten. Der englische Squire war zwar auch kein
besonders gelehrter und erleuchteter Politiker, aber im Vergleich mit
dem katholischen Squire von Munster oder Connaught war er ein Staatsmann
und Philosoph.
Die Parlamente Irland's hatten damals kein bestimmtes Versammlungslocal.
Sie kamen in der That so selten zusammen und gingen so bald wieder
auseinander, daß es kaum der Mühe werth gewesen wäre, einen Palast zu
ihrem ausschließlichen Gebrauche zu erbauen und einzurichten. Erst als
die hannöversche Dynastie schon lange auf dem Throne saß, erstand in
College Green ein Senatshaus, das mit den schönsten Bauwerken von Inigo
Jones einen Vergleich aushält. An der Stelle wo jetzt der Porticus und
die Kuppel der Four Courts auf den Liffey herniedersehen, stand
im siebzehnten Jahrhundert ein altes Gebäude, das einst ein
Dominikanerkloster gewesen, seit der Reformation aber den Männern des
Gesetzes zur Benutzung angewiesen worden war und den Namen King's Inns
führte. Dieses Gebäude war zur Aufnahme des Parlaments eingerichtet
worden. Am 7. Mai nahm Jakob, in königliche Gewänder gekleidet und eine
Krone tragend, seinen Sitz auf dem Throne im Hause der Lords ein und
ließ die Gemeinen vor die Schranken entbieten.[103]
Er sprach hierauf den Eingebornen Irland's seinen Dank dafür aus, daß
sie treu zu ihm gehalten, als das Volk seiner anderen Königreiche ihn
verlassen habe. Seinen Entschluß, alle religiösen Disabilitäten in allen
seinen Landen abzuschaffen, erklärte er für unerschütterlich
feststehend. Er forderte das Haus auf, die Ansiedelungsacte in Erwägung
zu ziehen und die Beeinträchtigungen zu redressiren, über welche die
alten Eigenthümer des Bodens sich zu beschweren Ursache hätten. Zum
Schluß erkannte er in warmen Ausdrücken an, wie sehr er dem Könige von
Frankreich verpflichtet sei.[104]
Nach beendeter Thronrede ersuchte der Kanzler die Gemeinen, sich in ihre
Kammer zurück zu begeben und einen Sprecher zu wählen. Sie wählten den
Generalfiscal Nagle, und die Wahl wurde vom Könige bestätigt.[105]
Die Gemeinen votirten nun zunächst Resolutionen, welche sowohl Jakob als
Ludwig innigen Dank darbrachten. Es wurde sogar vorgeschlagen, durch
eine Deputation Avaux eine Adresse überreichen zu lassen; der Sprecher
aber setzte die grobe Unziemlichkeit eines solchen Schrittes
auseinander, und sein Dazwischentreten hatte bei dieser Gelegenheit den
gewünschten Erfolg.[106] Sonst war jedoch das Haus selten geneigt, auf
Vernunftgründe zu hören. Die Debatten waren eitel Geschrei und Tumult.
Der Richter Daly, ein Katholik, aber ein rechtschaffener und begabter
Mann, konnte nicht umhin, die Unschicklichkeit und Thorheit zu beklagen,
mit der die Mitglieder seiner Kirche das Werk der Gesetzgebung
betrieben. Diese Herren, sagte er, seien kein Parlament, sondern ein
bloßer Pöbelhaufen; sie glichen auf ein Haar den Fischern und
Gemüsehändlern, welche in Neapel zu Ehren Masaniello's brüllten und die
Mützen emporwarfen. Es sei schmerzlich, ein Mitglied nach dem andren
tollen Unsinn über seine Verluste schwatzen und nach dem geraubten
Vermögen schreien zu hören, während das Leben Aller und die
Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaterlandes in Gefahr seien. Diese Worte
wurden privatim gesprochen, aber einige Ohrenbläser hinterbrachten sie
den Gemeinen. Es brach ein heftiger Sturm los. Daly wurde vor die
Schranken gefordert, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß man mit
Strenge gegen ihn verfahren würde. In dem Augenblicke aber als er die
Schwelle überschritt, stürzte ein Mitglied mit dem Ausrufe herein: »Gute
Nachrichten! Londonderry ist genommen!« Das ganze Haus erhob sich, alle
Hüte flogen in die Luft, und drei laute Hurrahs ertönten. Jedes Herz
wurde durch die frohe Botschaft zur Milde gestimmt. Niemand wollte in
einem solchen Augenblick etwas von Bestrafung hören. Der Befehl zu
Daly's Erscheinen wurde unter dem Rufe: »Keine Unterwürfigkeit! keine
Unterwürfigkeit! wir verzeihen ihm!« wieder aufgehoben. Wenige Stunden
später erfuhr man, daß Londonderry sich noch so hartnäckig hielt wie je
zuvor. Dieser an sich unbedeutende Vorfall verdient erwähnt zu werden,
weil er beweist, wie sehr es dem Hause der Gemeinen an den Eigenschaften
fehlte, die in dem großen Rathe eines Landes gefunden werden müssen.
Und diese Versammlung, die weder Erfahrung noch würdevollen Ernst, noch
Mäßigung besaß, sollte jetzt über Fragen entscheiden, welche dem
Scharfsinne der größten Staatsmänner viel zu schaffen gemacht haben
würden.[107]
[Anmerkung 100: +King, III. 12+; +Memoirs of Ireland from the
Restoration, 1716.+ Listen beider Häuser findet man im Anhang zu
King.]
[Anmerkung 101: Beweise für Plowden's Connection mit den Jesuiten
fand ich in einem Briefbuche des Schatzamts unterm 12. Juni 1689.]
[Anmerkung 102: +»Sarsfield«+, schrieb Avaux unterm 11.(21.)
October 1689 an Louvois, +»n'est pas un homme de la naissance de
mylord Galloway«+ (vermuthlich Galmoy) +»ny de Makarty; mais c'est
un gentilhomme distingué par son mérite, qui a plus de crédit dans
ce royaume qu'aucun homme que je connaisse. Il a de la valeur,
mais surtout de l'honneur et de la probité à toute épreuve ...
homme qui sera toujours à la tête de ses troupes, et qui en aura
grand soin.«+ -- Leslie sagt in seiner +Answer to King+, daß die
irischen Protestanten Sarsfield's Rechtschaffenheit und Ehre
Gerechtigkeit widerfahren ließen. In der That wird Sarsfield
selbst in rohen Possen, wie die +Royal Flight+, gebührende
Anerkennung zu Theil.]
[Anmerkung 103: +Journal of the Parliament in Ireland, 1689.+ Der
Leser darf nicht glauben, daß dieses Tagebuch einen officiellen
Character habe. Es ist eine bloße Compilation von einem
protestantischen Pamphletisten und in London gedruckt.]
[Anmerkung 104: +Life of James, II. 335.+]
[Anmerkung 105: +Journal of the Parliament in Ireland.+]
[Anmerkung 106: Avaux, 20. Mai (5. Juni) 1689.]
[Anmerkung 107: +A True Account of the Present State of Ireland,
by a Person that with Great Difficulty left Dublin, 1689+; Brief
aus Dublin vom 12. Juni 1689; +Journal of the Parliament in
Ireland.+]
[_Es wird eine Toleranzacte erlassen._] Jakob bestimmte sie zur
Beschließung einer Acte, welche ihm und ihnen zur größten Ehre gereicht
haben würde, hätte man nicht zahlreiche Beweise dafür, daß sie nur ein
todter Buchstabe sein sollte. Es war dies eine Acte, welche allen
christlichen Secten volle Gewissensfreiheit gewährte. Bei dieser
Gelegenheit wurde eine Proklamation erlassen, welche in hochtrabenden
Worten dem englischen Volke ankündigte, daß sein rechtmäßiger König
jetzt augenfällig die Verleumder widerlegt habe, welche ihn beschuldigt
hätten, nur um eines einzelnen Zweckes willen Eifer für die
Glaubensfreiheit erheuchelt zu haben. Wenn er im Herzen zur Verfolgung
geneigt wäre, würde er dann nicht die irischen Protestanten verfolgt
haben? Es fehle ihm weder an Macht noch an Herausforderungen dazu.
Dennoch habe er sowohl in Dublin, wo die Mitglieder seiner Kirche in der
Majorität seien, wie auch in Westminster, wo sie in der Minorität
gewesen, fest an den Grundsätzen gehalten, die er in seiner viel
geschmähten Indulgenzerklärung ausgesprochen habe.[108] Zu seinem
Unglück brachte der nämliche Wind, der seine schönen Reden nach England
trug, zu gleicher Zeit auch den Beweis hinüber, daß seine Erklärungen
nicht aufrichtig waren. Ein einzelnes, eines Turgot oder Franklin
würdiges Gesetz nahm sich gar zu lächerlich aus inmitten einer Menge von
Gesetzen, die einem Gardiner oder Alva Schande gemacht haben würden.
[Anmerkung 108: +Life of James, II. 361--363.+ Es wird dort
gesagt, die Proklamation sei ohne Vorwissen Jakob's erlassen
worden, er habe sie aber nachher gebilligt. Siehe Melwood's
+Answer to the Declaration, 1689.+]
[_Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten._] Ein
nothwendiger Vorläufer zu dem großen Beraubungs- und Mordwerke, das
die Gesetzgeber von Dublin beabsichtigten, war eine Acte, welche die
Autorität annullirte, die das englische Parlament als höchste Legislatur
wie als höchster Appellhof bisher über Irland ausgeübt hatte.[109]
Diese Acte wurde rasch angenommen und ihr folgten in schneller
Aufeinanderfolge Confiscationen und Proscriptionen in gigantischem
Maßstabe. Das persönliche Vermögen der Abwesenden,[110] welche über
siebzehn Jahr alt waren, wurde dem Könige zugeschrieben. Wenn man sich
in solcher Weise an Laieneigenthum vergriff, so stand nicht zu erwarten,
daß die Dotationen, welche im Widerspruch mit jedem gesunden Prinzip an
die Kirche der Minorität verschwendet worden waren, geschont werden
würden. Diese Dotationen ohne Nachtheil für bestehende Interessen zu
verringern, würde eine Reform gewesen sein, die eines guten Fürsten und
eines guten Parlaments würdig gewesen wäre. Aber eine solche Reform
genügte den rachsüchtigen Bigotten nicht, welche in King's Inns saßen.
Durch eine summarische Acte wurde der größte Theil der Zehnten von der
protestantischen auf die katholische Geistlichkeit übertragen, und die
bisherigen Inhaber ohne einen Farthing Entschädigung dem Hungertode
preis gegeben.[111] Ferner wurde eine Bill, welche die Ansiedlungsacte
aufhob und viele tausend Quadratmeilen Landes von sächsischen auf
celtische Grundeigenthümer übertrug, eingebracht und durch Acclamation
angenommen.[112]
Über eine solche Gesetzgebung kann man nicht streng genug urtheilen;
aber für die Gesetzgeber lassen sich Entschuldigungen anführen, welche
der Geschichtschreiber zu erwähnen verpflichtet ist. Sie handelten
unbarmherzig, ungerecht und unklug; aber es wäre ungereimt, wollte man
Erbarmen, Gerechtigkeit oder Weisheit von einer Klasse von Menschen
erwarten, welche erst durch jahrelange Unterdrückung erniedrigt und dann
durch die Freude über ihre plötzliche Erlösung der Besinnung beraubt und
mit unwiderstehlicher Macht bewaffnet worden war. Die Vertreter der
irischen Nation waren, mit wenigen Ausnahmen, roh und unwissend. Sie
hatten in einem Zustande beständiger Gereiztheit gelebt, mit
aristokratischen Gefühlen hatten sie eine knechtische Stellung
eingenommen, mit dem höchsten Geburtsstolze waren sie tagtäglich
Beleidigungen ausgesetzt gewesen, die den Zorn des geringsten Plebejers
gereizt haben würden. Angesichts der Felder und Schlösser, die sie als
ihr Eigenthum betrachteten, hatten sie froh sein müssen, wenn ein Bauer
sie einlud, seine Milch- und Kartoffelmahlzeit zu theilen. Die heftigen
Regungen von Haß und Habsucht, welche die Lage des eingebornen Gentleman
fast nothwendig hervorrufen mußte, erschienen ihm in dem glänzenden
Gewande des Patriotismus und der Frömmigkeit. Denn seine Feinde waren
die Feinde seiner Nation, und die nämliche Tyrannei, welche ihn seines
Erbes beraubt, hatte auch seine Kirche des großen Reichthums beraubt,
den die Frömmigkeit einer früheren Zeit ihr gespendet. Welchen Gebrauch
der Gewalt konnte man von einem ungebildeten und unerfahrenen Manne
erwarten, der von heftigen Wünschen und Rachegelüsten erfüllt war,
welche er irrig für heilige Pflichten ansah? Und was konnte man von
einer Versammlung von einigen Hundert solcher Leute anders erwarten,
als daß die Leidenschaften, welche jeder Einzelne so lange im Stillen
genährt hatte, durch den Einfluß der Sympathie plötzlich zu einer
furchtbaren Kraftäußerung heranreifen würden?
Jakob hatte mit seinem Parlamente wenig mehr gemein als den Haß gegen
die protestantische Religion. Er war ein Engländer. Der Aberglaube hatte
nicht alles Nationalgefühl in seinem Herzen völlig erstickt und das
Übelwollen, womit seine celtischen Anhänger den Volksstamm betrachteten,
dem er entsprossen war, mußte ihm nothwendig mißfallen. Der
Gesichtskreis seines Verstandes war klein. Da er jedoch in England
regiert hatte und fortwährend dem Tage entgegensah, wo er wieder in
England regieren würde, war es unmöglich, daß er den Horizont seiner
Politik nicht mehr erweiterte als Diejenigen, welche nichts Andres als
nur Irland im Auge hatten. Die wenigen irischen Protestanten, die ihm
noch anhingen, und die britischen Edelleute, protestantische sowohl als
katholische, die ihn ins Exil begleitet hatten, baten ihn dringend, die
Heftigkeit des raubgierigen und rachsüchtigen Parlaments zu zügeln, das
er zusammenberufen hatte. Ganz besonders drangen sie in ihn, daß er die
Aufhebung der Ansiedlungsacte nicht zugeben solle. Mit welcher
Sicherheit, fragten sie, könne Jemand sein Geld anlegen oder seinen
Kindern einen Vermögensantheil zuschreiben, wenn er sich nicht auf
bestimmte Gesetze und auf einen jahrelangen ununterbrochenen Besitz
verlassen könne? Die militärischen Abenteurer, unter welche Cromwell den
Grund und Boden vertheilt, könnten vielleicht als Unrechthandelnde
betrachtet werden. Aber ein wie großer Theil ihrer Güter sei durch
rechtsgültigen Kauf in andere Hände übergegangen! Wieviel Geld hätten
die Grundbesitzer auf Hypothek, auf gesetzmäßige, gerichtlich vidimirte
Verschreibung geliehen! Wie viele Kapitalisten seien im Vertrauen auf
gesetzliche Bestimmungen und königliche Versprechungen von England
herübergekommen und hätten ohne die mindeste Besorgniß wegen des
Rechtstitels in Ulster und Leinster Land gekauft! Welche Summen hätten
diese Kapitalisten während eines Vierteljahrhunderts auf Bauten,
Drainirungen, Einhegungen und Anpflanzungen verwendet! Die Bedingungen
des von Karl II. sanctionirten Compromisses möchten allerdings wohl
nicht in jeder Beziehung gerecht sein; aber sollte eine Ungerechtigkeit
durch eine noch monströsere Ungerechtigkeit wieder gut gemacht werden?
Und welchen Eindruck würde voraussichtlich in England der Wehschrei von
Tausenden unschuldiger englischer Familien hervorrufen, die ein
englischer König zu Grunde gerichtet? Die Klagen einer solchen Masse von
Duldern könnten die Restauration, der jeder loyale Unterthan mit
Sehnsucht entgegensehe, verzögern, ja ganz verhindern, und selbst wenn
Se. Majestät trotz dieser Klagen glücklich wieder eingesetzt werden
sollte, würde er doch bis ans Ende seines Lebens die nachtheiligen
Folgen der Ungerechtigkeit verspüren, zu deren Ausübung ihn schlimme
Rathgeber jetzt drängten. Er würde finden, daß er durch den Versuch eine
Klasse von Unzufriedenen zu beschwichtigen, eine andre geschaffen habe.
Wenn er in Dublin dem Geschrei nach Aufhebung der Ansiedlungsacte
nachgäbe, würde er sicherlich von dem Augenblicke an, wo er nach
Westminster zurückkehre, mit einem eben so lauten und beharrlichen
Geschrei nach Widerrufung dieser Aufhebung bestürmt werden. Er müsse
doch wohl einsehen, daß kein auch noch so loyales englisches Parlament
solche Gesetze fortbestehen lassen könne, wie sie jetzt vom irischen
Parlament erlassen würden. Sei er entschlossen, die Partei Irland's
gegen die allgemeine Stimme England's zu ergreifen? Wenn dies wäre, so
könnte er sich nur auf eine abermalige Verbannung und Entsetzung gefaßt
machen. Oder wolle er, wenn er das größere Königreich wieder habe, die
Geschenke zurücknehmen, durch die er sich in seiner Noth die Hilfe des
kleineren erkauft habe? Die bloße Vermuthung, daß er den Gedanken an
eine solche unfürstliche und unmännliche Perfidie hegen könne, müsse
schon als eine Beleidigung gegen ihn erscheinen. Allein was würde ihm
Andres übrig bleiben? Und sei es nicht besser für ihn, er verweigere
jetzt unbillige Zugeständnisse, als daß er diese Zugeständnisse nachher
in einer Weise widerrufe, die ihm Vorwürfe zuziehen würden, welche einem
edlen Character unerträglich sein müßten? Seine Lage sei allerdings
kritisch; aber in diesem, wie in anderen Fällen, werde es sich zeigen,
daß der Pfad der Gerechtigkeit auch der Pfad der Weisheit sei.[113]
Obgleich sich Jakob in seiner Rede bei Eröffnung der Session gegen die
Ansiedlungsacte erklärt hatte, sah er doch ein, daß diese Argumente
unwiderleglich waren. Er hatte mehrere Conferenzen mit den leitenden
Mitgliedern des Hauses der Gemeinen und empfahl dringend Mäßigung. Aber
seine Vorstellungen stachelten die Leidenschaften, die er beschwichtigen
wollte, nur noch mehr auf. Viele Mitglieder der eingebornen Gentry
führten eine laute und heftige Sprache. Es sei unverschämt, sagten sie,
von Rechten der Käufer zu sprechen. Wie könne Recht aus Unrecht
hervorgehen? Leute, welche unrechtmäßig erworbenes Eigenthum kaufen
könnten, müßten auch die Folgen ihrer Thorheit und Habsucht tragen. Es
lag klar am Tage, daß das Unterhaus völlig unlenksam war. Vier Jahre
früher hatte Jakob sich geweigert, dem dienstwilligsten Parlamente, das
jemals in England getagt, das geringste Zugeständniß zu machen, und man
hätte erwarten sollen, daß die Hartnäckigkeit, an der es ihm nie
gefehlt, wenn sie ein Laster war, ihm auch jetzt nicht fehlen würde, wo
sie eine Tugend gewesen wäre. Eine kurze Zeit lang schien er wirklich
entschlossen, gerecht zu handeln. Er sprach sogar davon, das Parlament
aufzulösen. Auf der andren Seite erklärten die Häupter der alten
celtischen Familien ganz öffentlich, daß sie, wenn er ihnen ihr Erbe
nicht zurückgebe, nicht für das seinige fechten würden. Seine eigenen
Soldaten schmähten ihn in den Straßen von Dublin. Endlich beschloß er,
sich, nicht mit Königsmantel und Krone, sondern in der Kleidung, in
welcher er früher den Berathungen zu Westminster beizuwohnen pflegte,
selbst ins Haus der Peers zu begeben und persönlich die Lords zu
ersuchen, die Heftigkeit der Gemeinen zu zügeln. Aber als er eben zu
diesem Zwecke in seinen Wagen steigen wollte, wurde er von Avaux
zurückgehalten. Avaux nahm sich so eifrig wie nur irgend ein Irländer
der Bills an, deren Einbringung die Gemeinen betrieben. Es war ihm
genug, daß diese Bills Aussicht darauf eröffneten, die Feindschaft
zwischen England und Irland unversöhnlich zu machen. Seine Vorstellungen
bewogen Jakob, sich der offenen Opposition gegen die Aufhebung der
Ansiedlungsacte zu enthalten. Indessen nährte der unglückliche Fürst
doch noch immer eine schwache Hoffnung, daß das Gesetz, dessen Annahme
die Gemeinen so eifrig wünschten, von den Peers verworfen oder
wenigstens modificirt werden würde. Lord Granard, einer von den wenigen
protestantischen Edelleuten, welche in diesem Parlamente saßen,
verwendete sich energisch zu Gunsten des öffentlichen Vertrauens und der
vernünftigen Politik. Der König ließ ihm seinen Dank dafür aussprechen.
»Wir Protestanten,« sagte Granard zu Powis, der im Auftrage des Königs
zu ihm kam, »sind gering an Zahl. Wir können wenig thun. Se. Majestät
sollte seinen Einfluß bei den Katholiken aufbieten.« -- »Se. Majestät«,
entgegnete Powis mit einem Schwure, »wagt nicht zu sagen was er denkt.«
Wenige Tage darauf begegnete Jakob Lord Granard, als dieser eben nach
dem Parlamentshause ritt. »Wohin wollen Sie, Mylord?« fragte der König.
»Sire«, antwortete Granard, »ich will meinen Protest gegen die Aufhebung
der Ansiedlungsacte einreichen.« -- »Sie haben Recht,« versetzte der
König, »aber ich bin in die Hände von Leuten gefallen, die mir das und
noch vieles Andre aufzwingen werden.«[114]
Jakob fügte sich dem Willen der Gemeinen; aber der ungünstige Eindruck,
den sein kurzer und schwacher Widerstand auf sie gemacht, war durch
seine Unterwerfung nicht zu verwischen. Sie betrachteten ihn mit großem
Mißtrauen, sie waren überzeugt, daß er im Herzen ein Engländer sei und
es verging kein Tag ohne ein Anzeichen von dieser Gesinnung. Sie
beeilten sich nicht, ihm eine Geldunterstützung zu bewilligen. Eine
Partei unter ihnen beabsichtigte eine Adresse, die ihn dringend
auffordern sollte, Melfort als einen Feind ihrer Nation zu entlassen.
Eine andre Partei entwarf eine Bill zur Absetzung aller protestantischen
Bischöfe, selbst der vier, welche damals gerade im Parlamente saßen.
Nicht ohne Mühe gelang es Avaux und Tyrconnel, deren Einfluß im
Unterhause den des Königs bei weitem überwog, den Eifer der Majorität zu
dämpfen.[115]
[Anmerkung 109: +Light to the Blind+; +An Act declaring that the
Parliament of England cannot bind Ireland against Writs of Error
and Appeals+, gedruckt in London, 1690.]
[Anmerkung 110: Das heißt derjenigen Irländer, welche nicht in
ihrem Vaterlande wohnten. -- Der Übersetzer.]
[Anmerkung 111: +An Act concerning Appropriate Tythes and other
Duties payable to Eclesiastical Dignitaries. London 1690.+]
[Anmerkung 112: +An Act for repealing the Acts of Settlement and
Explanation, and all Grants, and Certificates pursuant to them or
any of them. London 1690.+]
[Anmerkung 113: Siehe die Schrift, welche der Oberrichter Keating
dem König Jakob überreichte, und die Rede des Bischofs von Meath.
Beide befinden sich im Anhange zu King. +Life of James, II.
357--361.+]
[Anmerkung 114: +Leslie's Answer to King+; Avaux, 26. Mai
(3. Juni) 1689; +Life of James, II. 358.+]
[Anmerkung 115: Avaux, 28. Mai (7. Juni) und 30. Juni (10. Juli).
Der Verfasser von +Light to the Blind+ verwirft entschieden die
den protestantischen Bischöfen, welche Jakob anhingen, bewiesene
Nachsicht.]
[_Prägung schlechten Geldes._] Es ist bemerkenswerth, daß der König,
während er das Vertrauen und die Zuneigung der irischen Gemeinen dadurch
verlor, daß er auf der einen Seite die Institution des Eigenthums
schwach gegen sie vertheidigte, auf einer andren Seite diese Institution
mit einer Rücksichtslosigkeit angriff, welche womöglich noch stärker war
als die ihrige. Er sah bald, daß kein Geld in seinen Schatz floß.
Die Ursache war augenfällig genug. Mit dem Handel war es vorbei. Das
bewegliche Kapital war in großen Massen aus der Insel weggezogen worden;
von dem festen Kapital war viel zerstört, und das übrige lag todt da.
Tausende von den Protestanten, welche den betriebsamsten und
intelligentesten Theil der Bevölkerung bildeten, waren nach England
ausgewandert. Tausend Andere hatten sich in die Städte geflüchtet, die
sich noch für Wilhelm und Marien tapfer hielten. Von den in der Blüthe
des Lebens stehenden katholischen Landleuten war die Mehrzahl in die
Armee eingetreten oder hatte sich Plündererhorden angeschlossen. Die
Armuth des Schatzes war die nothwendige Folge der Armuth des Landes;
dem öffentlichen Wohlstande konnte nur durch Wiederherstellung des
Privatwohlstandes aufgeholfen werden, und der Privatwohlstand konnte nur
durch Jahre der Ruhe und Sicherheit wiederhergestellt werden. Jakob war
einfältig genug zu glauben, daß es ein rascheres und wirksameres Mittel
gebe. Er glaubte sich ganz einfach dadurch mit einem Male aus seinen
finanziellen Verlegenheiten reißen zu können, daß er einen Farthing
einen Schilling nannte. Das Recht, Geld zu schlagen, war unstreitig eine
Perle der Prärogative, und seiner Ansicht nach schloß das Recht, Geld zu
schlagen, auch das Recht in sich, die Münzen zu verschlechtern. Töpfe,
Pfannen, Thürhämmer, Kanonen, welche seit langer Zeit unbrauchbar waren,
wurden in die Münze geschickt, und in Kurzem waren Massen geringhaltigen
Geldes im Nominalwerthe von einer Million Pfund Sterling, die aber in
Wirklichkeit nicht den sechsten Theil dieser Summe werth waren, in
Circulation gesetzt. Ein königliches Edict erklärte diese Münzen als
gesetzliches Zahlungsmittel bei allen Vorkommnissen. Eine Hypothek von
tausend Pfund wurde durch einen Sack voll Rechenpfennige, die aus alten
Kesseln verfertigt waren, abgelöst. Den Gläubigern, die sich beim
Kanzleigerichtshofe beschwerten, sagte Fitton, sie sollten ihr Geld
nehmen und stillschweigen. Von allen Klassen aber hatten die
Kleinhändler von Dublin, welche größtentheils Protestanten waren, die
schwersten Verluste. Zuerst erhöhten sie natürlich ihre Preise; aber die
Magistratsbehörde der Stadt begegnete dieser ketzerischen Machination
durch Ausgabe eines die Preise regulirenden Tarifs. Jeder, der der jetzt
dominirenden Kaste angehörte, konnte in einen Laden gehen, ein drei
Pence werthes Geldstück auf den Ladentisch legen und dafür Waaren im
Werthe von einer halben Guinee mitnehmen. Von gesetzlicher Abhilfe war
keine Rede. Die Leidenden schätzten sich sogar glücklich, wenn sie durch
Aufopferung ihres Geschäftsvermögens Sicherheit für ihre Glieder und ihr
Leben erkaufen konnten. Es gab keinen Bäckerladen in der Stadt, der
nicht beständig von zwanzig bis dreißig Soldaten belagert gewesen wäre.
Einige Personen, die das schlechte Geld nicht nehmen wollten, wurden von
Soldaten festgenommen und vor den Generalprofoß geführt, der sie mit
Flüchen und Verwünschungen überhäufte, sie in dunkle Zellen einsperren
ließ und durch die Drohung, sie an ihren eigenen Thüren aufhängen zu
wollen, ihren Widerstand bald besiegte. Von allen Plagen der damaligen
Zeit machte keine einen tieferen und nachhaltigeren Eindruck auf die
Gemüther der Protestanten Dublin's als die Plage des Kupfergeldes.[116]
Den Erinnerungen an die Bestürzung und Noth, welche Jakob's Münzen
verursacht hatten, muß zum Theil der beharrliche Widerstand
zugeschrieben werden, den fünfunddreißig Jahre später zahlreiche, dem
Hause Hannover treuergebene Klassen in der Angelegenheit des Wood'schen
Patents der Regierung Georg's I. entgegensetzten.
Es kann nicht bestritten werden, daß Jakob, indem er so aus eigner
Machtvollkommenheit die Bedingungen aller Contracte im ganzen
Königreiche umstürzte, sich eine Befugniß anmaßte, welche nur der
gesammten Legislatur zukam. Dennoch remonstrirten die Gemeinen
nicht dagegen. Es gab keine Befugniß, mochte sie auch noch so
verfassungswidrig sein, die sie ihm nicht zuzugestehen bereit waren,
so lange er sie zur Mißhandlung und Ausplünderung der englischen
Bevölkerung anwendete. Dagegen respectirten sie keine auch noch so
alte, noch so gesetzliche und noch so heilsame Prärogative, wenn sie
besorgten, daß er sich derselben bedienen könnte, um die verabscheute
Race zu beschützen. Sie ruhten nicht eher, als bis sie ihm die mit
Widerstreben ertheilte Genehmigung eines empörenden Gesetzes, eines
Gesetzes, das in der Geschichte der civilisirten Länder seines Gleichen
nicht hat, der großen Verurtheilungsacte (+Bill of attainder+) erpreßt
hatten.
[Anmerkung 116: +King, III. 11+; +Brief Memoirs by Haynes, Assay
Master of the Mint+, unter den Lansdownmanuscripten im britischen
Museum, Nr. 801. Ich habe mehrere solche Münzen gesehen. Die
Ausführung ist, in Berücksichtigung aller Umstände, überraschend
gut.]
[_Die große Verurtheilungsacte._] Es wurde eine Liste zusammengestellt,
welche zwischen zwei- und dreitausend Namen enthielt. An der Spitze
standen die Hälfte der Peers von Irland. Dann kamen Baronets, Ritter,
Geistliche, Squires, Kaufleute, Landwirthe, Handwerker, Frauen und
Kinder. Eine Untersuchung fand nicht statt. Jedes Mitglied, das sich
eines Gläubigers, eines Nebenbuhlers, eines Privatfeindes entledigen
wollte, gab dem Sekretär den Namen an, und er wurde in der Regel ohne
Discussion in die Liste eingetragen. Die einzige Debatte, von der eine
Nachricht auf uns gekommen ist, bezog sich auf den Earl von Strafford.
Er hatte Freunde im Hause, die es wagten, etwas zu seinen Gunsten
anzuführen. Doch wenige Worte aus dem Munde Simon Luttrell's entschieden
die Sache. »Ich habe,« sagte er, »den König einige harte Äußerungen über
diesen Lord thun hören.« Dies wurde für genügend erachtet, und der Name
Strafford nimmt in der langen Liste der Proscribirten die fünfte Stelle
ein.[117]
Es wurden bestimmte Tage festgesetzt, bis zu welchen Diejenigen, deren
Namen auf der Liste standen, sich einer Justiz stellen mußten, wie sie
damals gegen die englischen Protestanten in Dublin ausgeübt wurde.
Befand sich die proscribirte Person in Irland, so mußte sie sich am 10.
August stellen. War sie seit dem 5. November 1688 von Irland abwesend,
so mußte sie sich am 1. September stellen. Hatte sie Irland vor dem 5.
November 1688 verlassen, so mußte sie sich am 1. October stellen.
Erschien sie an dem festgesetzten Tage nicht, so sollte sie ohne Prozeß
aufgehängt, geschleift und geviertheilt und ihr Vermögen confiscirt
werden. Es konnte einem Proscribirten physisch unmöglich sein, sich bis
zu der durch die Acte festgesetzten Zeit zu stellen. Er konnte
bettlägerig sein, er konnte sich in Westindien aufhalten oder er konnte
im Gefängniß sitzen. Solche Fälle waren in der That notorisch vorhanden.
Unter den verurtheilten Lords befand sich auch Mountjoy. Er war durch
Tyrconnel's Niederträchtigkeit bewogen worden, vertrauensvoll nach
Saint-Germains zu gehen, war in die Bastille geworfen worden, wo er noch
saß, und das irische Parlament schämte sich nicht zu verfügen, daß, wenn
er nicht binnen wenigen Wochen aus seiner Zelle entkommen und sich in
Dublin stellen könne, er hingerichtet werden solle.[118]
Da man nicht einmal vorgab, daß die Schuld der so Geächteten untersucht
worden sei, da nicht ein Einziger unter ihnen zu seiner Vertheidigung
angehört worden war, und da es ausgemacht war, daß es Vielen physisch
unmöglich sein würde, rechtzeitig zu erscheinen, so lag es auf der Hand,
daß nur eine umfassende Ausübung des königlichen Begnadigungsrechts die
Verübung von so haarsträubenden Ungerechtigkeiten verhüten konnte, die
selbst in der traurigen Geschichte der irländischen Wirren ohne Beispiel
dastehen. Daher beschlossen die Gemeinen, daß das königliche
Begnadigungsrecht beschränkt werden solle. Es wurden verschiedene
Formalitäten ersonnen, welche die Erlangung von Begnadigungen erschweren
und kostspielig machen sollten, und schließlich wurde verordnet, daß
jede Begnadigung, die Se. Majestät nach dem letzten November 1689 irgend
einer der vielen Hundert ohne Prozeß zum Tode verurtheilten Personen zu
Theil werden ließe, durchaus ungültig und wirkungslos sein sollte. Sir
Richard Nagle erschien im Ornate vor den Lords und überreichte die Bill
mit einer der Gelegenheit würdigen Rede. »Viele von den hier
Proscribirten,« sagte er, »sind durch uns genügende Beweise als
Verräther überführt. In Betreff der Anderen haben wir den allgemeinen
Ruf, in dem sie stehen, für maßgebend erachtet.«[119] Die Liste war mit
so rücksichtsloser Barbarei zusammengestellt, daß selbst fanatische
Royalisten, die zu der nämlichen Zeit ihr Vermögen, ihre Freiheit und
ihr Leben für Jakob auf's Spiel setzten, nicht sicher vor der
Proscription waren. Der gelehrteste Mann, dessen die jakobitische Partei
sich rühmen konnte, war Heinrich Dodwell, Camdenianischer Professor an
der Universität Oxford. In der Vertheidigung der erblichen Monarchie
scheute er kein Opfer und keine Gefahr. Mit Bezug auf ihn sprach Wilhelm
die denkwürdigen Worte aus: »Er hat sich vorgenommen ein Märtyrer zu
werden, und ich habe mir vorgenommen, sein Vorhaben zu vereiteln.« Aber
Jakob war gegen Freunde grausamer als Wilhelm gegen Feinde. Dodwell war
Protestant und besaß etwas Grundeigenthum in Connaught; diese Verbrechen
waren hinreichend, um ihn in die lange Liste Derer aufzunehmen, welche
zum Galgen und zum Viertheilen verurtheilt waren.[120]
Daß Jakob seine Zustimmung zu einer Bill geben werde, die ihm das
Begnadigungsrecht entzog, hielten viele Leute für unmöglich. Er war vier
Jahre früher lieber mit dem loyalsten Parlamente zerfallen, als daß er
eine Prärogative aufgegeben hätte, die ihm nicht einmal gehörte. Es ließ
sich daher wohl erwarten, daß er jetzt Alles daran setzen würde, um eine
Prärogative zu behalten, die seine Vorgänger seit dem Bestehen der
Monarchie zu allen Zeiten besessen hatten und die von den Whigs niemals
bestritten worden war. Die strenge Miene und die erhobene Stimme, womit
er die Torygentlemen zurechtgewiesen, die ihn in der Sprache der
tiefsten Ehrerbietung und der innigsten Zuneigung beschworen, sich der
Beobachtung der Gesetze nicht zu entziehen, würden jetzt an ihrem Platze
gewesen sein. Er hätte wohl sehen können, daß der rechte Weg der
weiseste war. Hätte er bei dieser hochwichtigen Gelegenheit den Muth
gehabt, zu erklären, daß er unschuldiges Blut nicht vergießen und selbst
bezüglich der Schuldigen sich des Rechts nicht entäußern wolle, die
Verurtheilungen durch Gnade zu mildern, so würde er in England mehr
Herzen gewonnen haben, als er in Irland verloren hätte. Aber sein
Unstern wollte jederzeit, daß er widerstand, wo er hätte nachgeben
sollen, und daß er nachgab, wo er hätte widerstehen sollen. Das
abscheulichste aller Gesetze erhielt seine Sanction, und seine Schuld
wird nur sehr wenig dadurch gemildert, daß er diese Sanction mit einigem
Widerstreben gab.
Damit nichts fehlen möchte, um dieses große Verbrechen vollkommen zu
machen, war man sorgfältig darauf bedacht zu verhüten, daß die
verurtheilten Personen ihre Verurtheilung früher als nach Ablauf der in
der Acte festgesetzten Gnadenfrist erfuhren. Die Liste der Namen wurde
nicht veröffentlicht, sondern in Fitton's Cabinet sorgfältig
verschlossen gehalten. Einige Protestanten, die es noch mit Jakob
hielten, aber gern wissen wollten, ob einer ihrer Freunde oder
Verwandten proscribirt war, gaben sich alle mögliche Mühe, um Einsicht
in die Liste zu erlangen; aber Bitten, Vorstellungen und selbst
Bestechungen waren erfolglos. Nicht ein einziges Exemplar kam ins
Publikum, bis es für die Tausende, welche ohne Prozeß verurtheilt waren,
zu spät war, Begnadigung zu erlangen.[121]
[Anmerkung 117: +King III. 12.+]
[Anmerkung 118: +An Act for the Attainder of divers Rebels and for
preserving the Interest of loyal Subjects, London 1690.+]
[Anmerkung 119: +King III. 13.+]
[Anmerkung 120: Sein Name steht in der ersten Columne auf Seite 30
derjenigen Ausgabe der Liste, welche am 26. März 1690 die
Druckerlaubniß erhielt. Ich hatte geglaubt, der Proscribirte müsse
ein andrer Heinrich Dodwell gewesen sein. Aber Bischof Kennet's
zweiter Brief an den Bischof von Carlisle vom Jahre 1716 hebt
jeden Zweifel über diesen Gegenstand.]
[Anmerkung 121: +A list of most of the Names of the Nobility,
Gentry and Commonalty of England and Ireland (amongst whom are
several Women and Children) who are all, by an Act of a Pretended
Parliament assembled in Dublin, attainted of High Treason, 1699+;
+An Account of the Transactions of the late King James in Ireland,
1690+; +King, III. 13+; +Memoirs of Ireland 1716+.]
[_Jakob prorogirt sein Parlament._] Gegen Ende des Monats Juli
prorogirte Jakob die beiden Häuser. Sie waren aber zehn Wochen
versammelt gewesen, und während dieses Zeitraums hatten sie auf das
Vollständigste bewiesen, daß, so groß auch die Übel gewesen sind, welche
das Übergewicht der Protestanten in Irland hervorgerufen, die durch das
Übergewicht der Papisten erzeugten Übel noch größer gewesen sein würden.
Daß die Colonisten, als sie den Sieg errungen hatten, ihn gröblich
mißbrauchten und daß ihre Gesetzgebung viele Jahre lang ungerecht und
tyrannisch war, ist sehr wahr. Aber nicht minder wahr ist es, daß sie
das entsetzliche Beispiel, das ihr besiegter Feind während des kurzen
Zeitraums gab, wo er im Besitz der Macht war, nie ganz erreichten.
[_Verfolgung der Protestanten in Irland._] In der That, während Jakob
sich laut rühmte, ein Gesetz erlassen zu haben, das allen
Religionsgesellschaften völlige Gewissensfreiheit gewährte, wüthete in
allen Provinzen, die seine Autorität anerkannten, eine eben so grausame
Verfolgung wie die im Languedoc. Diejenigen, welche eine Entschuldigung
für ihn zu finden wünschten, sagten, daß fast alle Protestanten, die
sich noch in Munster, Connaught und Leinster aufhielten, seine Feinde
seien und daß er sie nicht als Schismatiker, sondern als Rebellen von
Gesinnung, denen es nur an einer Gelegenheit fehlte, Rebellen der That
zu werden, der Unterdrückung und Beraubung preis gebe, und dieser
Entschuldigung hätte man einiges Gewicht zugestehen können, wenn er sich
ernstlich bemüht hätte, die wenigen Colonisten zu beschützen, welche
zwar dem reformirten Glauben treu anhingen, aber doch noch immer an den
Lehren vom Nichtwiderstande und von dem unveräußerlichen Erbrechte
festhielten. Aber selbst diese ergebenen Royalisten sollten erfahren,
daß ihre Ketzerei in seinen Augen ein Verbrechen war, das durch keine
Dienste und durch keine Opfer gesühnt werden konnte. Einige Cavaliere,
Mitglieder der anglikanischen Kirche, die ihn in Irland willkommen
geheißen und in seinem Parlamente gesessen hatten, stellten ihm vor,
daß, wenn die Verordnung, welche jedem Protestanten den Besitz irgend
einer Waffe verbot, streng durchgeführt werden sollte, ihre Landhäuser
den Rapparees preisgegeben sein würden, und erlangten von ihm die
Erlaubniß, soviel Waffen behalten zu dürften, als sie für einige Diener
brauchten. Allein Avaux machte Gegenvorstellungen. Die Erlaubniß, sagte
er, werde gröblich gemißbraucht, man dürfe diesen protestantischen Lords
nicht trauen, sie verwandelten ihre Häuser in Festungen, und Se.
Majestät werde bald Ursache haben, seine Güte zu bereuen. Diese
Vorstellungen gewannen die Oberhand und es wurden katholische Truppen in
den verdächtigen Wohnungen einquartiert.[122]
Noch härter war das Loos derjenigen protestantischen Geistlichen, welche
mit verzweifelter Treue der Sache des Gesalbten des Herrn anhingen. Von
allen anglikanischen Geistlichen scheint Cartwright derjenige gewesen zu
sein, der sich der Gewogenheit Jakob's im bedeutendsten Maße erfreute.
Ob Cartwright lange hätte ein Günstling bleiben können, ohne Apostat zu
werden, steht zu bezweifeln. Er starb wenige Wochen nach seiner Ankunft
in Irland, und von diesem Augenblicke an besaß seine Kirche keinen
Verfechter ihrer Sache mehr. Indessen fuhren einige von ihren Prälaten
und Priestern noch fort diejenigen Lehren zu predigen, die sie in den
Tagen der Ausschließungsbill gepredigt hatten. Aber sie verrichteten
ihre Functionen mit Gefahr ihres Lebens oder ihrer Glieder. Jeder, der
einen Priesterrock trug, war eine Zielscheibe für die Beleidigungen und
Gewaltthätigkeiten der Soldaten und Rapparees. In der Provinz wurde sein
Haus geplündert, und er konnte von Glück sagen, wenn es ihm nicht über
dem Kopfe angezündet wurde. In den Straßen von Dublin wurde er mit dem
Rufe verfolgt: »Da geht so ein Teufel von Ketzer!« Bald wurde er zu
Boden geschlagen, bald mit Stockprügeln regalirt.[123] Die Vorsteher der
Universität zu Dublin, welche in der anglikanischen Lehre vom passiven
Gehorsam erzogen waren, hatten Jakob bei seiner ersten Ankunft im
Schlosse begrüßt und von ihm die Zusicherung erhalten, daß er sie im
Genusse ihres Eigenthums und ihrer Vorrechte schützen werde. Sie wurden
jetzt, ohne Prozeß, ohne Anklage, aus ihrem Hause geworfen. Die
Communiongeräthe der Kapelle, die Bücher der Bibliothek, ja selbst die
Stühle und Betten der Collegiaten wurden weggenommen. Ein Theil des
Gebäudes wurde in ein Magazin, ein andrer in eine Kaserne, ein dritter
in ein Gefängniß verwandelt. Simon Luttrell, welcher Gouverneur der
Hauptstadt war, wurde mit großer Mühe und nur durch mächtige Fürsprache
bewogen, die vertriebenen Fellows und Studenten ungehindert abziehen
zu lassen. Er gestattete ihnen endlich in Freiheit zu bleiben unter
der Bedingung, daß bei Todesstrafe nicht drei von ihnen sich
versammelten.[124] Kein protestantischer Geistlicher wurde härter
betroffen als Doctor Wilhelm King, Dechant zu St. Patrick. Er hatte sich
seit langer Zeit durch die glühende Begeisterung ausgezeichnet, mit der
er die Pflicht des passiven Gehorsams selbst gegen die schlechtesten
Regenten eingeschärft. Zu einer späteren Zeit, als er eine Vertheidigung
der Revolution geschrieben und von der neuen Regierung eine Mitra
angenommen hatte, erinnerte man ihn daran, daß er die göttliche Rache
auf die Usurpatoren herabgerufen und erklärt hatte, lieber hundert Mal
den Tod erleiden zu wollen, ehe er der Sache des erblichen Rechts untreu
würde. Er hatte gesagt, daß die wahre Religion wohl oft durch Verfolgung
gekräftigt worden sei, aber nie durch Rebellion gekräftigt werden könne,
daß der Tag, an welchem ein ganzer Karren voll von Geistlichen der
Kirche von England für die Lehre vom Nichtwiderstande zum Galgen ginge,
ein glorreicher Tag für diese Kirche sein würde, und daß es sein
höchster Ehrgeiz sei, zu einer solchen Gesellschaft zu gehören.[125] Es
ist nicht unwahrscheinlich, daß er, als er dies sagte, auch dachte wie
er sprach. Aber wenn auch seine Grundsätze vielleicht gegen die Strenge
und die Versprechungen Wilhelm's Stand gehalten haben würden, gegen
Jakob's Undankbarkeit waren sie nicht probefest. Die menschliche Natur
machte endlich ihre Rechte geltend. Nachdem King von der Regierung,
deren fester Anhänger er war, zu wiederholten Malen ins Gefängniß
geworfen, nachdem er in seiner eignen Kirche von den Soldaten insultirt
und bedroht, nachdem ihm untersagt worden, auf seinem Kirchhofe zu
begraben und auf seiner Kanzel zu predigen, nachdem er einem auf der
Straße gegen ihn abgefeuerten Flintenschusse kaum mit dem Leben
entronnen war, fing er an, die whiggistische Regierungstheorie für
weniger unvernünftig und unchristlich zu halten, als sie ihm früher
vorgekommen war, und er überredete sich, daß die unterdrückte Kirche mit
Fug und Recht die Befreiung annehmen dürfe, wenn es Gott gefiele, ihr
solche, gleichviel durch welche Mittel, zu senden.
[Anmerkung 122: Avaux, 27. Juli (6. August) 1689.]
[Anmerkung 123: +King's State of the Protestants in Ireland, III.
19.+]
[Anmerkung 124: +King's State of the Protestants in Ireland, III.
15.+]
[Anmerkung 125: +Leslie's Answer to King.+]
[_Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England._] Es zeigte
sich bald, daß Jakob wohlgethan haben würde, wenn er auf diejenigen
Rathgeber gehört hätte, die ihm gesagt hatten, die Maßregeln, durch
welche er sich in einem seiner drei Königreiche beliebt zu machen
versuchte, würden ihn in den anderen verhaßt machen. Es war in mancher
Hinsicht ein Glück für England, daß er, nachdem er aufgehört hatte,
daselbst zu regieren, noch über ein Jahr in Irland regierte. Auf die
Revolution war ein Umschwung der öffentlichen Meinung zu seinen Gunsten
gefolgt. Hätte diese Reaction ihren ungestörten Fortgang genommen, so
würde sie vielleicht angehalten haben, bis er wieder König war; aber sie
wurde durch ihn selbst gewaltsam unterbrochen. Er wollte sein Volk
nichts vergessen und nichts hoffen lassen; während es sich bemühte,
Entschuldigungen für seine vergangenen Fehler aufzufinden, und sich
einzureden suchte, daß er nicht wieder in diese Fehler verfallen werde,
zwang er den Leuten gegen ihren Willen die Überzeugung auf, daß er
unverbesserlich sei, daß die härtesten Strafen des Mißgeschicks ihn
nichts gelehrt, und daß, wenn sie schwach genug sein sollten, ihn
zurückzurufen, sie ihn bald wieder würden absetzen müssen. Umsonst
schrieben die Jakobiten Pamphlets über die Grausamkeit, mit der er von
seinen nächsten Blutsverwandten behandelt worden sei, über den
herrschsüchtigen Character und die schroffen Manieren Wilhelm's, über
die den Holländern zu Theil gewordenen Begünstigungen, über die
drückenden Abgaben, über die Suspension der Habeas-Corpusacte und über
die Gefahren, welche der Kirche von Seiten der Feindschaft der Puritaner
und der Latitudinarier drohten. Jakob widerlegte diese Pamphlete viel
wirksamer als die gewandtesten und beredtesten whiggistischen
Schriftsteller zusammengenommen es vermocht haben würden. Jede Woche kam
die Nachricht, daß er eine neue Acte zur Beraubung oder Ermordung der
Protestanten erlassen hatte. Jeder Colonist, dem es gelang, von Leinster
über das Meer nach Holyhead oder Bristol zu entkommen, brachte
entsetzliche Berichte mit von der Tyrannei, unter der seine
Glaubensbrüder seufzten. Welchen Eindruck diese Berichte auf die
Protestanten unsrer Insel machten, kann man leicht aus der Thatsache
schließen, daß sie den Unwillen Ronquillo's, eines Spaniers und bigotten
Mitgliedes der römischen Kirche, erregten. Er schrieb seinem Hofe, daß,
obwohl die englischen Gesetze gegen den Papismus streng erscheinen
möchten, sie doch durch die Besonnenheit und Humanität der Regierung so
sehr gemildert würden, daß sie ruhigen Leuten nicht lästig fielen, und
er versicherte dem heiligen Stuhle, daß die Leiden eines Katholiken in
London nichts seien im Vergleich zu den Leiden eines Protestanten in
Irland.[126]
Die englischen Flüchtlinge fanden in England herzliche Theilnahme und
freigebige Unterstützung. Viele wurden in den Häusern von Freunden oder
Verwandten aufgenommen; viele Andere aber verdankten die Mittel zu ihrem
Unterhalt der Freigebigkeit von Fremden. Unter Denen, die sich an diesem
Werke der Barmherzigkeit betheiligten, trug Niemand in reicherem Maße
und mit weniger Ostentation dazu bei als die Königin. Das Haus der
Gemeinen stellte dem Könige funfzehntausend Pfund zur Unterstützung
derjenigen Flüchtlinge zur Verfügung, die derselben am dringendsten
bedurften, und ersuchte ihn, den zum Militärdienste Befähigten
Offizierspatente in der Armee zu geben.[127] Auch wurde eine Acte
erlassen, welche bepfründete Geistliche, die aus Irland entflohen waren,
zur Anstellung in England befähigt erklärte.[128] Doch die Theilnahme,
welche die Nation diesen unglücklichen Gästen schenkte, war lau im
Vergleich zu der Theilnahme, welche derjenige Theil der sächsischen
Colonie erweckte, der in Ulster noch immer einen verzweifelten Kampf
gegen eine erdrückende Übermacht unterhielt. Über diesen Gegenstand ließ
sich auf unsrer Insel kaum eine einzige abweichende Stimme vernehmen.
Whigs und Tories, ja selbst diejenigen Jakobiten, in denen der
Jakobitismus noch nicht alles patriotische Gefühl erstickt hatte,
priesen den Ruhm von Enniskillen und Londonderry. Das ganze Haus der
Gemeinen war eines Sinnes. »Es ist jetzt nicht Zeit, die Kosten zu
berechnen,« sagte der wackere Birch, der sich noch sehr wohl der Art der
Kriegführung Olivers gegen die Irländer erinnerte. »Sollen wir diese
braven Leute in Londonderry im Stich lassen? Wird nicht die ganze Welt
Schimpf und Schande über uns rufen, wenn wir sie dem Untergange preis
geben? Man hat die Einfahrt in den Fluß versperrt! Warum haben wir den
Sperrbaum nicht längst zertrümmert? Sollen unsere Brüder fast angesichts
England's, wenige Stunden Wegs von unseren Küsten umkommen?«[129] Howe,
der Heftigste der einen Partei, erklärte, daß die Herzen des Volks für
Irland schlügen. Seymour, das Haupt der andren Partei, erklärte, daß,
obwohl er an der Einsetzung der neuen Regierung nicht Theil genommen,
er sie von Herzen gern in Allem, was zur Erhaltung Irland's für nöthig
erachtet werden möchte, unterstützen werde.[130] Die Gemeinen ernannten
einen Ausschuß, der die Ursache der Verzögerungen und Fehlgriffe
untersuchen sollte, welche den englischen Bewohnern von Ulster fast zum
Verderben gereicht hätten. Die Offiziere, deren Verrätherei oder
Feigheit das Publikum die Calamitäten Londonderry's zuschrieb, wurden
gefänglich eingezogen. Lundy wurde in den Tower, Cunningham in das Gate
House geschickt. Die öffentliche Aufregung wurde einigermaßen
beschwichtigt durch die Ankündigung, daß noch vor Ablauf des Sommers
eine Armee von hinreichender Stärke, um das englische Übergewicht
wiederherzustellen, über den St. Georgskanal geschickt und daß Schomberg
das Commando erhalten sollte. Vor der Hand wurde ein Armeecorps, das man
zum Entsatz von Londonderry für genügend hielt, unter Kirke's Commando
von Liverpool abgesandt. Die finstre Hartnäckigkeit, mit der dieser
Mann, trotz königlicher Bitten, an seinem Glauben festgehalten, und der
Antheil, den er an der Revolution genommen, hatten ihm vielleicht
Anspruch auf eine Amnestie für frühere Verbrechen verschafft. Aber es
ist schwer zu begreifen, warum die Regierung zu einem Posten von
höchster Wichtigkeit einen Offizier wählte, der allgemein und mit Recht
verhaßt war, der nie ein eminentes Feldherrntalent gezeigt und der, in
Afrika sowohl wie in England, unter seinen Soldaten erwiesenermaßen eine
nicht nur die Humanität empörende, sondern auch mit der Disciplin
unverträgliche Zügellosigkeit geduldet hatte.
[Anmerkung 126: +»En comparazion de lo que se hace in Irlanda con
los Protestantes, es nada.«+ 29. April (9. Mai) 1689. -- +»Para
que vea Su Santitad que aqui estan los Catolicos mas benignamente
tratados que les Protestantes in Irlanda.«+ 19.(29.) Juni.]
[Anmerkung 127: +Commons' Journals, June 15. 1689.+]
[Anmerkung 128: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 29.+]
[Anmerkung 129: +Grey's Debates, June 19. 1689.+]
[Anmerkung 130: +Ibid. June 22. 1689.+]
[_Thaten der Enniskillener._] Am 16. Mai wurden Kirke's Truppen
eingeschifft, und am 20. gingen sie unter Segel; aber widrige Winde
verzögerten die Überfahrt und zwangen das Geschwader, lange vor der
Insel Man liegen zu bleiben. Unterdessen vertheidigten sich die
Protestanten von Ulster mit unerschütterlichem Muthe gegen eine große
Übermacht. Die Enniskillener hatten nicht aufgehört, einen energischen
Parteikrieg gegen die eingeborne Bevölkerung zu führen. Anfangs Mai
marschirten sie einem starken Truppencorps aus Connaught entgegen, das
in Donegal eingefallen war. Die Irländer wurden bald geschlagen und
flohen mit einem Verlust von hundertzwanzig Todten und sechzig
Gefangenen nach Sligo. Zwei kleine Geschütze und mehrere Pferde fielen
den Siegern in die Hände. Durch diesen Sieg ermuthigt, fielen die
Enniskillener bald darauf in die Grafschaft Cavan ein, trieben
funfzehnhundert Mann von Jakob's Truppen vor sich her, nahmen und
zerstörten das Schloß Ballincarrig, das für das festeste in diesem
Theile des Königreichs galt, und nahmen die Piken und Gewehre der
Besatzung mit sich. Der nächste Einfall erfolgte in Meath. Hier wurden
dreitausend Rinder und zweitausend Schafe mit fortgeführt und auf der
kleinen Insel des Ernesees in Sicherheit gebracht. Diese kühnen Thaten
verbreiteten Schrecken bis vor die Thore Dublin's. Der Oberst Hugo
Sutherland erhielt Befehl, mit einem Regiment Dragonern und zwei
Regimentern Infanterie gegen Enniskillen zu marschiren. Er nahm Waffen
für das eingeborne Landvolk mit und Viele schlossen sich seiner Fahne
an. Die Enniskillener marschirten ihm entgegen. Er nahm jedoch keine
Schlacht an, sondern zog sich zurück und ließ seine Vorräthe unter der
Obhut eines Detachements von dreihundert Soldaten in Belturbet. Die
Protestanten griffen Belturbet kräftig an, besetzten ein hochgelegenes
Haus, das die Stadt beherrschte, und eröffneten von hier aus ein so
wirksames Feuer, daß nach Verlauf von zwei Stunden die Besatzung sich
ergab. Siebenhundert Flinten, eine bedeutende Quantität Schießpulver,
eine Menge Pferde, viele Säcke Zwieback und viele Fässer Mehl wurden
erbeutet und nach Enniskillen geschickt. Die Böte, welche diese
werthvolle Beute brachten, wurden freudig bewillkommnet. Die Besorgniß
vor einer Hungersnoth war dadurch beseitigt. Während die eingeborne
Bevölkerung in vielen Grafschaften, wahrscheinlich in der Erwartung, daß
sich das Maraudiren als eine unerschöpfliche Hilfsquelle erweisen werde,
die Bodencultur völlig vernachlässigte, hatten die Colonisten, treu dem
vorsorgenden und betriebsamen Character ihres Stammes, mitten im Kriege
nicht versäumt, den Boden in der Umgebung ihrer Besten sorgfältig zu
bebauen. Die Ernte war jetzt nicht mehr fern und bis zur Ernte reichten
die dem Feinde abgenommenen Lebensmittel vollkommen aus.[131]
[Anmerkung 131: +Hamilton's True Relation+; +Mac Cormick's Further
Account+. Von der Insel im Allgemeinen sagt Avaux: +»On n'attend
rien de cette recolte cy, les paysans ayant presque tous pris les
armes.«+ -- Brief an Louvois vom 19.(29.) März 1689.]
[_Noth in Londonderry._] Doch inmitten des Sieges und des Überflusses
wurden die Enniskillener von ängstlicher Besorgniß um Londonderry
gequält. Sie waren mit den Vertheidigern dieser Stadt nicht allein durch
religiöse und nationale Sympathie, sondern auch durch ein gemeinsames
Interesse verbunden. Denn es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß,
wenn Londonderry fiel, die ganze irische Armee augenblicklich mit
unwiderstehlicher Macht gegen den Ernesee vorrücken würde. Doch was
konnte man thun? Einige tapfere Männer waren dafür, einen verzweifelten
Versuch zum Entsatz der belagerten Stadt zu machen; aber die Übermacht
war zu groß. Es wurden indessen Detachements abgesandt, welche die
Nachhut des Belagerungsheeres beunruhigten, die Zufuhren abschnitten und
einmal die Pferde von drei ganzen Reitertrupps wegnahmen.[132] Die
Postenkette aber, welche Londonderry auf der Landseite einschloß, war
noch nicht durchbrochen, und auch der Fluß war noch immer versperrt und
sorgfältig bewacht. In der Stadt war die Noth auf's höchste gestiegen.
Schon am 8. Juni war fast kein andres Fleisch mehr zu haben als
Pferdefleisch und selbst davon war der Vorrath nur gering. Dem Mangel
mußte mit Talg abgeholfen werden, und auch dieser wurde mit karger Hand
vertheilt.
[Anmerkung 132: +Hamilton's True Account.+]
[_Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee._] Am 15. Juni
zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Die Schildwachen auf dem Thurme
der Kathedrale erblickten in einer Entfernung von neun Meilen Segel in
der Bucht des Foylesees. Man zählte dreißig Fahrzeuge verschiedener
Größe. Man gab auf den Thürmen Signale, welche von den Mastspitzen
erwiedert, aber auf beiden Seiten nur unvollkommen verstanden wurden.
Endlich umging ein Bote von der Flotte die irischen Schildwachen,
schwamm unter dem Sperrbaum hindurch, und benachrichtigte die Besatzung,
daß Kirke mit Truppen, Waffen, Munition und Lebensmitteln zum Entsatz
der Stadt aus England angelangt sei.[133]
Mit der ängstlichsten Spannung harrte man in Londonderry der kommenden
Dinge; aber auf wenige Stunden fieberhafter Freude folgten Wochen des
größten Elends. Kirke hielt es nicht für gerathen, weder zu Lande noch
zu Wasser einen Angriff auf die feindlichen Linien zu unternehmen und
zog sich an die Einfahrt des Foylesees zurück, wo er mehrere Wochen
unthätig vor Anker lag.
Jetzt steigerte sich die Hungersnoth mit jedem Tage. Alle Häuser der
Stadt wurden auf das Genaueste durchsucht, und einige Lebensmittel,
welche von Leuten, die seitdem gestorben oder geflüchtet, in den Kellern
verborgen worden waren, wurden entdeckt und in die Magazine geschafft.
Der Vorrath von Kanonenkugeln war fast erschöpft, und man bediente sich
anstatt derselben schon mit Blei überzogener Backsteine. Krankheiten
stellten sich, wie immer, im Gefolge des Hungers ein. An einem Tage
starben funfzehn Offiziere am Fieber und der Gouverneur Baker selbst
gehörte zu Denen, die der Krankheit erlagen. Seine Stelle wurde durch
den Obersten Johann Mitchelburne ersetzt.[134]
Inzwischen wurde es in Dublin bekannt, daß Kirke mit seinem Geschwader
an der Küste von Ulster lag. Die Bestürzung war groß im Schlosse. Schon
vor dem Eintreffen dieser Nachricht hatte Avaux sich dahin
ausgesprochen, daß Richard Hamilton den Schwierigkeiten der Situation
nicht gewachsen sei. Es war daher beschlossen worden, daß Rosen den
Oberbefehl übernehmen sollte, und er war unverzüglich nach dem
Kriegsschauplatze abgegangen.[135]
[Anmerkung 133: Walker.]
[Anmerkung 134: Walker und Mackenzie.]
[Anmerkung 135: Avaux, 16.(26.) Juni 1689.]
[_Grausamkeit Rosen's._] Am 19. Juni kam er im Hauptquartier des
Belagerungsheeres an. Zuerst versuchte er die Wälle zu unterminiren;
aber sein Vorhaben wurde entdeckt und er gezwungen, es nach einem
hitzigen Gefecht, in welchem über hundert seiner Leute fielen, wieder
aufzugeben. Jetzt stieg seine Wuth auf eine unglaubliche Höhe. Er, ein
alter Soldat, ein zukünftiger Marschall von Frankreich, in der Schule
der größten Generäle erzogen und seit vielen Jahren an eine
kunstgerechte Kriegführung gewöhnt, sollte sich von einem Hausen von
Landjunkern, Pächtern und Krämern beschämen lassen, welche nur durch
einen Wall geschützt waren, den jeder gute Ingenieur auf den ersten
Blick für unhaltbar erklären mußte! Er tobte und fluchte in einer nur
ihm eigenen Sprache, zusammengesetzt aus allen Dialecten, welche vom
baltischen bis zum atlantischen Meere gesprochen wurden. Er wollte die
Stadt der Erde gleich machen, kein lebendes Wesen sollte geschont
werden, nichts, selbst die Mädchen und Säuglinge nicht. Für die Anführer
sei der Tod eine zu milde Strafe, die sollten gefoltert und lebendig
gebraten werden. In seiner Wuth ließ er eine Bombe mit einem Schreiben,
das eine furchtbare Drohung enthielt, in die Stadt werfen. Er sagte
darin, er werde alle Protestanten, welche zwischen Charlemont und dem
Meere auf ihren Wohnsitzen geblieben wären, Greise, Frauen und Kinder,
von denen viele durch Bande des Blutes und der Freundschaft den
Vertheidigern von Londonderry nahe standen, zu einem Haufen
zusammentreiben. Kein Schutz, von welcher Autorität er auch ausgehen
möge, solle respectirt werden. Die so zusammengeholte Menge solle unter
die Mauern von Londonderry getrieben und hier angesichts ihrer
Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Verwandten, dem Hungertode preis
gegeben werden. Dies war keine leere Drohung. Es wurden sofort nach
allen Richtungen hin Truppenabtheilungen entsendet, um Schlachtopfer
herbeizuholen. Am Morgen des 2. Juli bei Tagesanbruch wurden Hunderte
von Protestanten, welche keines Vergehens beschuldigt, welche unfähig
waren Waffen zu tragen und von denen viele Schutzbriefe besaßen, welche
Jakob selbst ihnen gewährt hatte, vor die Thore der Stadt geschleppt.
Man hoffte, der jammervolle Anblick werde den Muth der Colonisten
brechen; aber er brachte keine andre Wirkung hervor, als daß er ihren
Muth zu noch größerer Energie aufstachelte. Es wurde auf der Stelle ein
Tagesbefehl erlassen, daß Niemand, bei Todesstrafe, das Wort Übergabe
aussprechen solle, und Keiner sprach dieses Wort aus. Es befanden sich
mehrere Gefangene hohen Ranges in der Stadt. Sie waren bis dahin gut
behandelt worden und hatten die nämlichen Rationen erhalten, wie die
Besatzung. Jetzt wurden sie in strenge Haft gebracht. Auf einer der
Bastionen wurde ein Galgen errichtet und an Rosen ein Schreiben gesandt,
das ihn aufforderte, sogleich einen Beichtvater in die Stadt zu
schicken, der seine Freunde zum Tode vorbereiten sollte. Die Gefangenen
schrieben ihrerseits in großer Angst an den wilden Liefländer, erhielten
aber keine Antwort. Hierauf wendeten sie sich an ihren Landsmann,
Richard Hamilton. Sie seien bereit, sagten sie, für ihren König ihr Blut
zu vergießen, aber es scheine ihnen hart, in Folge der Barbarei ihrer
eigenen Waffengefährten den schimpflichen Tod der Diebe zu sterben.
Hamilton war, obwohl ein Mann von laxen Grundsätzen, nicht grausam.
Rosen's Unmenschlichkeit hatte seinen tiefen Abscheu erregt, da er aber
nur der Zweite im Commando war, so durfte er es nicht wagen, Alles offen
auszusprechen was er dachte. Er machte jedoch energische Vorstellungen.
Einige irische Offiziere fühlten bei dieser Gelegenheit wie es braven
Männern ziemte, und erklärten unter Thränen des Mitleids und Unwillens,
daß sie zeitlebens das Geschrei der unglücklichen Frauen und Kinder
hören würden, welche mit der Lanzenspitze herbeigetrieben worden waren,
um zwischen dem Lager und der Stadt Hungers zu sterben. Rosen beharrte
zweimalvierundzwanzig Stunden in seinem Plane, viele unglückliche
Geschöpfe kamen in dieser Zeit um; aber Londonderry hielt sich so tapfer
als je, und er sah ein, daß sein Verbrechen nur Haß und Schmähungen
erzeugen werde. So gab er endlich nach und ließ die noch Lebenden wieder
abziehen. Die Besatzung entfernte in Folge dessen alsbald den Galgen,
der auf der Bastion errichtet worden war.[136]
Als die Nachricht von diesen Vorgängen nach Dublin gelangte, entsetzte
sich Jakob, obwohl durchaus nicht zum Mitleid geneigt, über eine
Grausamkeit, von der die Bürgerkriege England's noch kein Beispiel
aufzuweisen hatten, und vernahm mit großem Mißfallen, daß von ihm
gewährte und mit seinem Ehrenwort verbürgte Schutzbriefe öffentlich für
null und nichtig erklärt worden waren. Er beklagte sich darüber gegen
den französischen Gesandten und äußerte mit einer durch die Gelegenheit
vollkommen gerechtfertigten Entrüstung, daß Rosen ein barbarischer
Moskowiter sei. Melfort konnte sich nicht enthalten hinzuzusetzen, daß,
wenn Rosen ein Engländer gewesen wäre, er gehängt worden sein würde.
Avaux begriff diese weibische Sentimentalität nicht. Seiner Ansicht nach
war durchaus nichts Verwerfliches geschehen, und es wurde ihm schwer
sich zu beherrschen, als er den König und den Sekretär einen Act
heilsamer Strenge in starken Ausdrücken tadeln hörte.[137] Der
französische Gesandte und der französische General waren einander in der
That würdig. In der äußeren Erscheinung und den Manieren war allerdings
ein großer Unterschied zwischen dem hübschen, eleganten und
feingebildeten Diplomaten, dessen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit an
den elegantesten Höfen Europa's in hohem Rufe gestanden, und dem
militärischen Abenteurer, dessen Aussehen und Stimme Alle, die mit ihm
in Berührung kamen, daran erinnerte, daß er in einem halbwilden Lande
geboren war, daß er sich vom gemeinen Soldaten emporgeschwungen hatte
und daß er einmal wegen Marodirens zum Tode verurtheilt worden war.
Rosen wurde nach Dublin zurückberufen, und Richard Hamilton erhielt
wieder den Oberbefehl. Er versuchte mildere Mittel als die, welche
seinem Vorgänger so harten Tadel zugezogen. Keine List, keine Lüge, von
der sich erwarten ließ, daß sie die ausgehungerte Garnison entmuthigen
würde, ward gespart. Eines Tages erscholl durch das ganze irische Lager
ein allgemeines Freudengeschrei. Die Vertheidiger von Londonderry
erfuhren bald, daß die Armee Jakob's wegen des Falles von Enniskillen in
so freudiger Aufregung sei. Man sagte ihnen, daß sie nun keine Aussicht
auf Entsatz mehr hätten, und ermahnte sie durch Kapituliren ihr Leben zu
retten. Sie willigten ein zu unterhandeln. Allein sie verlangten freien
Abzug unter Waffen und in militärischer Ordnung zu Wasser oder zu Lande
nach ihrer Wahl. Für die Einhaltung dieser Bedingungen verlangten sie
Geiseln und bestanden darauf, daß diese Geiseln auf die im Foylesee
liegende Flotte gebracht werden sollten. Auf solche Bedingungen durfte
Hamilton nicht eingehen; die Gouverneurs aber wollten davon nichts
nachlassen; die Unterhandlung wurde abgebrochen und der Kampf begann von
neuem.[138]
[Anmerkung 136: +Walker+; +Mackenzie+; +Light to die Blind, King,
III. 13+; +Leslie's Answer to King+; +Life of James, II. 366.+ Ich
muß sagen, daß King bei dieser Gelegenheit ungerecht gegen Jakob
ist.]
[Anmerkung 137: +Leslie's Answer to King+; Avaux, 5.(15.) Juli
1689. +»Je trouvay l'expression bien forte: mais je ne voulois
rien répondre, car le Roy s'estoit desja fort emporté.«+]
[Anmerkung 138: Mackenzie.]
[_Die Hungersnoth in Londonderry steigt auf's Höchste._] So war
inzwischen der Juli weit vorgerückt und die Lage der Stadt wurde von
Stunde zu Stunde fürchterlicher. Die Einwohner waren mehr durch Hunger
und Krankheit, als durch das feindliche Feuer gelichtet worden. Doch war
dieses Feuer jetzt heftiger und anhaltender als je. Eines der Thore und
eine der Bastionen waren in Trümmer geschossen, aber die am Tage
gemachten Breschen wurden des Nachts mit rastloser Thätigkeit wieder
ausgebessert und jeder Angriff noch immer zurückgeschlagen. Aber die
kämpfende Mannschaft der Besatzung war so erschöpft, daß sie sich kaum
noch auf den Füßen halten konnte. Einige fielen im Gefecht gegen den
Feind aus bloßer Schwäche zu Boden. Es war nur noch ein ganz kleines
Quantum Getreide vorhanden, das mundvollweise vertheilt wurde. Dagegen
hatte man einen beträchtlichen Vorrath gesalzener Häute, und durch Nagen
an denselben beschwichtigte die Garnison die Qualen des Hungers. Hunde,
mit dem Blute der Gefallenen gemästet, welche unbeerdigt rings um die
Stadt lagen, waren ein Luxus, den nur Wenige bezahlen konnten. Der Preis
einer einzigen Pfote war fünf Schilling sechs Pence. Neun Pferde waren
noch am Leben, aber eben nur noch am Leben. Sie waren so abgemagert, daß
man nur wenig Fleisch von ihnen zu erhalten hoffen durfte. Man beschloß
jedoch sie zu schlachten, um sie zu verzehren. Die Leute starben so
massenhaft, daß es den Überlebenden unmöglich war, sie ordentlich zu
begraben. Es gab kaum einen Keller, in dem nicht ein Leichnam verweste.
Die Noth war so gräßlich, daß man auf die Ratten, welche in diese
grauenvollen Höhlen kamen, um zu schmausen, eifrig Jagd machte und sie
gierig verschlang. Ein im Flusse gefangener kleiner Fisch war nicht mit
Geld zu erkaufen; der einzige Preis, für den ein solcher Schatz zu
erlangen war, waren einige Händevoll Hafermehl. Der Aussatz, wie er
durch ungewohnte und ungesunde Kost erzeugt wird, machte das Leben zu
einer fortwährenden Qual. Die ganze Stadt wurde durch den Gestank
verpestet, den die Körper der Todten und Halbtodten verbreiteten.
Daß unter Leuten, welche solches Elend erduldeten, Beispiele von
Unzufriedenheit und Insubordination vorkamen, war unvermeidlich. Einmal
hatte man Walker in dem Verdachte, daß er irgendwo Lebensmittel
versteckt halte und im Geheimen schwelge, während er Andere ermahnte,
für die gute Sache muthig zu leiden. Eine genaue Durchsuchung seines
Hauses erwies seine vollkommene Unschuld; er erlangte seine Popularität
wieder, und die Garnison, mit dem Tode vor Augen, drängte sich nach der
Kathedrale, um ihn predigen zu hören, sog mit Wonne seine eindringlichen
Worte ein und verließ das Gotteshaus mit leichenhaften Gesichtern und
schwankenden Schritten, aber mit noch ungebrochenem Muthe. Es wurden
allerdings einige geheime Complotte geschmiedet; einige obscure
Verräther setzten sich mit dem Feinde in Verbindung. Aber solches
Treiben mußte sorgfältig verborgen gehalten werden, und Niemand wagte
öffentlich andere Worte als Worte des Trotzes und der hartnäckigen
Entschlossenheit auszusprechen. Selbst in dieser entsetzlichen Noth war
der allgemeine Ruf: »Keine Übergabe!« Und es fehlte nicht an Stimmen,
welche leise hinzusetzten: »Zuerst die Pferde und die Häute, dann die
Gefangenen, dann Einer den Andren!« Es wurde später halb scherzweise,
aber nicht ohne eine fürchterliche Beimischung von Ernst erzählt, daß
ein wohlbeleibter Bürger, dessen Körperumfang mit den ihn umgebenden
Skeletten seltsam contrastirte, es für rathsam hielt, sich vor den
zahlreichen Augen zu verbergen, die ihn mit cannibalischen Blicken
verfolgten, sobald er sich auf der Straße zeigte.[139]
Die Leiden der Garnison wurden nicht wenig dadurch vermehrt, daß die
englischen Schiffe während dieser ganzen Zeit weit draußen im Foylesee
zu sehen waren. Jede Communication zwischen der Flotte und der Stadt war
fast unmöglich. Ein Taucher, der den Sperrbaum zu passiren versucht
hatte, war ertrunken. Ein Andrer wurde ergriffen und aufgehängt. Die
Signalsprache war kaum verständlich. Am 13. Juli jedoch kam ein in einen
Rockknopf genähtes Stück Papier in Walker's Hände. Es war ein Brief von
Kirke und enthielt die Zusicherung baldiger Erlösung. Aber mehr als
vierzehn Tage des größten Elends waren seitdem verstrichen, und die
Herzen auch der Sanguinischsten begannen zu verzweifeln. Keine Kunst
vermochte es einzurichten, daß die Lebensmittel noch zwei Tage
ausreichten.[140]
[Anmerkung 139: +Walker's Account.+ »Der fette Mann in
Londonderry« wurde eine sprüchwörtliche Bezeichnung für eine
Person, deren Wohlstand den Neid und die Habgier seiner minder
glücklichen Nebenmenschen erweckte.]
[Anmerkung 140: So lautete, nach Narcissus Luttrell, der Bericht
des Kapitains Withers, eines Offiziers, der sich später sehr
auszeichnete und auf den Pope eine Grabschrift machte.]
[_Angriff auf den Sperrbaum._] Gerade in diesem Augenblicke erhielt
Kirke eine Depesche aus England mit dem bestimmten Befehl, Londonderry
zu entsetzen. In Folge dessen entschloß er sich endlich einen Versuch zu
machen, den er, soweit es sich beurtheilen läßt, schon sechs Wochen
früher mit mindestens gleicher Aussicht auf Erfolg hätte unternehmen
können.[141]
Unter den Kauffahrteischiffen, welche unter seinem Geleite in den
Foylesee gekommen waren, befand sich eines, welches der Mountjoy hieß.
Der Patron desselben, Micajah Browning, gebürtig aus Londonderry, hatte
eine bedeutende Ladung Lebensmittel aus England mitgebracht. Er hatte
sich zu wiederholten Malen sehr nachdrücklich über die Unthätigkeit des
Geschwaders ausgesprochen; endlich erbot er sich, den gefährlichen
Versuch, seinen Mitbürgern Unterstützung zu bringen, zuerst zu
unternehmen, und sein Anerbieten wurde angenommen. Andreas Douglas,
Kapitain des Phönix, der eine große Quantität Mehl aus Schottland an
Bord hatte, erklärte sich bereit, die Gefahr und die Ehre zu theilen.
Die Fregatte Dartmouth von sechsunddreißig Kanonen, unter den Befehlen
des Kapitains Johann Leake, der später ein berühmter Admiral wurde,
sollte die beiden Kauffahrer begleiten.
Es war der 30. Juli. Die Sonne war eben untergegangen, die Abendpredigt
in der Kathedrale war vorüber und die muthlose Versammlung war
auseinandergegangen, als die Schildwachen auf dem Thurme die Segel der
drei Schiffe den Foyle heraufkommen sahen. Das irische Lager gerieth
bald in Alarm. Mehrere Meilen weit auf beiden Ufern des Flusses waren
die Belagerer auf den Beinen. Die Schiffe waren in der größten Gefahr,
denn der Wasserstand war niedrig und das einzige schiffbare Fahrwasser
zog sich sehr nahe am linken Ufer hin, wo sich das Hauptquartier des
Feindes befand und wo die Batterien am zahlreichsten waren. Leake
erfüllte seine Pflicht mit einer Geschicklichkeit und einem Muthe, die
seines edlen Berufes würdig waren, setzte seine Fregatte dem feindlichen
Feuer aus, um die Kauffahrer zu decken und ließ seine Geschütze sehr
wirksam spielen. Endlich erreichte das kleine Geschwader die
gefährlichste Stelle. Hier segelte der Mountjoy voran und fuhr gerade
auf den Sperrbaum los. Die mächtige Barrikade krachte und brach; aber
der Stoß war so heftig gewesen, daß der Mountjoy zurückprallte und im
Schlamme festsaß. Ein Triumphgeschrei erscholl auf beiden Ufern und die
Irländer eilten zu ihren Böten, um das gestrandete Schiff zu entern;
aber der Dartmouth schickte ihnen eine wohlgezielte Breitseite zu, die
sie in Unordnung brachte. In diesem Augenblicke fuhr der Phönix gegen
die Bresche an, welche der Mountjoy gemacht hatte, und war im Nu auf der
andren Seite der Sperrung. Mittlerweile stieg die Fluth rasch, der
Mountjoy wurde wieder flott und bald hatte auch er die zerbrochenen
Balken und schwimmenden Sparren wohlbehalten passirt. Aber sein wackerer
Kapitain war nicht mehr. Eine Kugel von einer der Batterien hatte ihn
getroffen, und er starb den beneidenswerthesten Tod, angesichts der
Stadt, die sein Geburts- und Wohnort war und die er so eben durch seinen
Muth und seine Selbstverleugnung von der fürchterlichsten Art des
Unterganges gerettet hatte. Die Dunkelheit war schon vor dem Beginn des
Kampfes am Sperrbaum hereingebrochen; aber die abgemagerte,
geisterbleiche Menge, welche die Wälle der Stadt bedeckte, sah den Blitz
und hörte den Donner der Geschütze. Als der Mountjoy auf den Grund lief
und das Triumphgeschrei der Irländer auf beiden Ufern ertönte, brach den
armen Belagerten das Herz. Einer, der die namenlose Angst jenes
Augenblicks ertragen hatte, erzählt uns, daß sie einander leichenblaß
vor Entsetzen anstarrten. Und selbst nachdem die Barrikade passirt war,
durchlebten sie noch eine fürchterliche halbe Stunde angstvoller
Ungewißheit. Es war zehn Uhr, als die Schiffe am Quai anlangten. Die
ganze Bevölkerung hatte sich hier versammelt, um sie zu bewillkommnen.
Eine Verschanzung von mit Erde gefüllten Fässern wurde eiligst
errichtet, um den Landungsplatz vor den Batterien des andren Flußufers
zu schützen, und dann ging es an's Ausladen. Zuerst wurden Fässer,
welche sechstausend Bushels Mehl enthielten, an's Ufer gerollt. Dann
kamen große Käse, Tonnen voll Rindfleisch, Speckseiten, Kübel mit
Butter, Säcke mit Erbsen, und Zwieback und Branntweingebinde. Einige
Stunden vorher war jedem der Kämpfer ein halbes Pfund Talg und
dreiviertel Pfund gesalzene Haut mit karger Genauigkeit zugewogen
worden. Die Ration, welche nun Jeder erhielt, bestand aus drei Pfund
Mehl, zwei Pfund Fleisch und einer Pinte Erbsen. Man kann leicht denken,
mit welchen Thränen der Freude bei den Mahlzeiten dieses Abends das
Tischgebet gesprochen wurde. Von Schlaf war auf beiden Seiten des Walles
wenig die Rede. Die Freudenfeuer flackerten lustig den ganzen Wallgürtel
entlang. Die irischen Geschütze brüllten die ganze Nacht durch, und die
ganze Nacht hindurch antworteten die Glocken der geretteten Stadt den
irischen Geschützen mit herausforderndem Geläute. Auch noch den ganzen
31. Juli spielten die feindlichen Batterien. Aber bald nach
Sonnenuntergang sah man im Lager Flammen auflodern und als der Morgen
des 1. Augusts zu grauen begann, bezeichnete nur noch eine Reihe
rauchender Trümmer die Stätte, welche die Zelte der Belagerer kürzlich
eingenommen, und die Bürger sahen in weiter Ferne die lange Colonne von
Piken und Standarten, die sich das linke Ufer des Foyle entlang auf
Strabane zurückzog.[142]
[Anmerkung 141: Die Depesche, welche Kirke den bestimmten Befehl
brachte, den Sperrbaum anzugreifen, war von Schomberg
unterzeichnet, der bereits zum Oberbefehlshaber sämmtlicher
englischen Streitkräfte in Irland ernannt war. Eine Abschrift
davon befindet sich unter den Nairne'schen Manuscripten in der
Bodlejanischen Bibliothek. Wodrow schreibt auf keine andre
Autorität hin als das Gerede einer Landgemeinde in Dumbartonshire,
den Entsatz Londonderry's den Ermahnungen eines heldenmüthigen
schottischen Predigers, Namens Gordon zu. Ich möchte glauben,
daß ein peremtorischer Befehl von Schomberg weit mehr Einfluß auf
Kirke hatte, als die vereinte Beredtsamkeit einer ganzen Synode
von presbyterianischen Geistlichen.]
[Anmerkung 142: +Walker+; +Mackenzie+; +Histoire de la Revolution
d'Irlande, Amsterdam 1691+; +London Gazette, Aug. 5.(15.) 1689+;
Brief von Buchan unter den Nairne'schen Manuscripten; +Life of Sir
John Leake+; +The Londeriad+; +Observations on Mr. Walker's
Account of the Siege of Londonderry, licensed Oct. 4. 1689.+]
[_Die Belagerung von Londonderry aufgehoben._] So endete diese große
Belagerung, die denkwürdigste in den Annalen der britischen Inseln.
Sie hatte hundertfünf Tage gedauert und die Garnison war von einem
Effectivbestande von ungefähr siebentausend Mann auf etwa dreitausend
reducirt worden. Der Verlust der Belagerer kann nicht genau angegeben
werden. Walker schätzte ihn auf achttausend Mann. Aus den Depeschen
Avaux' geht mit Gewißheit hervor, daß die Regimenter, welche von der
Blokade zurückkehrten, dergestalt zusammengeschmolzen waren, daß viele
von ihnen nicht mehr als zweihundert Mann zählten. Von sechsunddreißig
französischen Artilleristen, welche die Kanonade geleitet hatten, waren
einunddreißig getödtet oder dienstunfähig gemacht.[143] Die Angriffs-
wie die Vertheidigungsmittel waren unzweifelhaft von der Art, daß sie
die großen Heerführer des Continents zum Lachen gereizt haben würden;
aber eben dieser Umstand verleiht der Geschichte des ganzen Kampfes ein
so eigenthümliches Interesse. Es war ein Kampf nicht zwischen
Ingenieuren, sondern zwischen zwei Nationen, und der Sieg blieb der
Nation, welche zwar an Zahl der andren nachstand, ihr aber in
Civilisation, in Fähigkeit zur Selbstherrschaft und in Beharrlichkeit
überlegen war.[144]
Sobald es bekannt wurde, daß die irische Armee abgezogen war, eilte eine
Deputation aus der Stadt in den Foylesee und lud Kirke ein, das Commando
zu übernehmen. Er kam in Begleitung eines zahlreichen Gefolges von
Offizieren und wurde mit militärischem Gepränge von den beiden
Gouverneurs empfangen, welche ihm die Autorität abtraten, die sie im
Drange der Nothwendigkeit auf sich genommen hatten. Er verweilte nur
wenige Tage, zeigte aber in dieser kurzen Zeit genug von den
unverbesserlichen Fehlern seines Characters, um sich die Achtung einer
durch strenge Moralität und glühenden Gemeinsinn ausgezeichneten
Bevölkerung zu verscherzen. Es erfolgte jedoch kein offener Ausbruch,
denn die Stadt war in der heitersten Stimmung. Von der Flotte waren
solche Massen Lebensmittel gelandet worden, daß in allen Häusern ein nie
gekannter Überschuß herrschte. Wenige Tage vorher wäre man froh gewesen,
wenn man für zwanzig Pence einen Bissen halbverfaultes, von den Knochen
eines verhungerten Pferdes losgekratztes Fleisch bekommen hätte. Jetzt
wurde ein Pfund Rindfleisch für anderthalb Pence verkauft. Unterdessen
waren alle Hände damit beschäftigt, die nur leicht mit Erde bedeckten
Leichname zu entfernen, die Löcher auszufüllen, welche die Bomben in den
Erdboden gerissen hatten, und die zerschossenen Dächer der Häuser
auszubessern. Die Erinnerung an die überstandenen Gefahren und
Entbehrungen und das Bewußtsein, sich um die englische Nation und um
alle protestantischen Kirchen verdient gemacht zu haben, erfüllte die
Herzen der Bewohner mit einem ehrenwerthen Stolze. Dieser Stolz ward
noch erhöht, als sie von Wilhelm ein Schreiben erhielten, welches in den
wohlwollendsten Ausdrücken die Verpflichtung anerkannte, die er den
wackeren und getreuen Bürgern seiner guten Stadt schulde. Die ganze
Einwohnerschaft strömte nach dem Diamantplatze, um die königliche
Zuschrift verlesen zu hören. Am Schlusse gaben sämmtliche Kanonen auf
den Wällen eine Freudensalve, welche von allen auf dem Flusse liegenden
Schiffen erwiedert wurde, dann wurden Alefässer aufgeschlagen und unter
lautem Jubel und Gewehrsalven auf die Gesundheit Ihrer Majestäten
getrunken.
Fünf Generationen sind seitdem vorübergegangen und noch immer ist den
Protestanten von Ulster der Wall von Londonderry das was die Trophäe von
Marathon den Athenern war. Auf weite Entfernung den Foyle hinauf und
hinunter sieht man eine hohe Säule auf einer Bastion, welche viele
Wochen lang das heftigste Feuer des Feindes auszuhalten hatte. Auf der
Spitze dieser Säule steht die Statue Walker's, wie er zur Zeit der
letzten und furchtbarsten Noth durch seine Beredtsamkeit den sinkenden
Muth seiner Brüder wieder belebte. In der einen Hand hält er eine Bibel,
die andre zeigt hinaus auf den Fluß und scheint die Blicke seiner
ausgehungerten Zuhörer auf die englischen Mastspitzen in der fernen
Bucht hinlenken zu wollen. Ein solches Denkmal war wohlverdient, doch
kaum nöthig, denn die ganze Stadt ist bis auf diesen Tag ein Denkmal der
großen Befreiung. Der Wall ist sorgfältig erhalten und keine Rücksicht
der Gesundheit oder Zweckmäßigkeit würde von den Einwohnern für
ausreichend gehalten werden, um die Zerstörung dieser geheiligten Mauern
zu rechtfertigen, die in schlimmer Zeit ihrem Stamme und ihrer Religion
Schutz gewährten.[145] Der Kamm der Festungswerke bildet einen
angenehmen Spaziergang. Die Bastionen sind in kleine Gärten verwandelt,
und hier und da blicken unter den Blumen und Sträuchern die alten
Feldschlangen hervor, welche mit Blei überzogene Backsteinkugeln in die
irischen Reihen sendeten. Ein alterthümliches Geschütz, ein Geschenk der
londoner Fischhändlergilde, zeichnete sich während der hundertfünf
denkwürdigen Tage durch seinen lauten Knall aus und führt noch jetzt den
Namen +Roaring Meg+ (brüllende Margarethe). Die Kathedrale ist mit
Reliquien und Trophäen angefüllt. In der Vorhalle befindet sich eine
riesige Bombe, eine von den vielen hunderten, welche in die Stadt
geworfen wurden. Über dem Altare sieht man noch die französischen
Fahnenstöcke, welche bei einem verzweifelten Ausfalle von der Garnison
erobert wurden. Die weißen Feldzeichen des Hauses Bourbon sind längst in
Staub zerfallen; aber sie sind durch neue Banner, das Werk der schönsten
Hände von Ulster, ersetzt. Der Tag, an welchem die Thore geschlossen und
der Tag, an welchem die Belagerung aufgehoben wurde, sind bis auf unsre
Zeit alljährlich durch Geschützsalven, Umzüge, Festmahle und Predigten
gefeiert worden. Lundy ist +in effigie+ hingerichtet und das Schwert,
das der Sage nach das Schwert Maumont's sein soll, bei feierlichen
Gelegenheiten im Triumphe umhergetragen worden. Noch heute giebt es
einen Walkerclub und einen Murrayclub. Die einfachen Gräber der
protestantischen Anführer sind sorgfältig ausgesucht, wiederhergestellt
und verschönert worden. Es ist unmöglich, die Gesinnung nicht zu achten,
welche aus diesen Zeichen von Pietät spricht. Es ist eine Gesinnung,
welche dem edleren und reineren Theile der menschlichen Natur angehört
und welche die Stärke der Staaten nicht wenig vermehrt. Ein Volk, das
nicht stolz ist auf die großen Thaten ferner Vorfahren, wird nie etwas
vollbringen, was würdig wäre, von fernen Nachkommen mit Stolz in
Andenken gehalten zu werden. Doch kann der Moralist oder der Staatsmann
unmöglich mit ungetrübtem Wohlgefallen die Festlichkeiten, durch welche
Londonderry das Gedächtniß seiner Befreiung feiert, sowie die Ehren
betrachten, die es seinen Befreiern erzeigt. Leider haben sich zugleich
mit dem Ruhme seiner tapferen Kämpfer auch deren Animositäten
fortgeerbt. Die Fehler, welche man gewöhnlich bei herrschenden Kasten
und Secten findet, haben sich bei seinen Festlichkeiten nicht selten
unverhohlen gezeigt, und selbst in die Ausdrücke frommer Dankbarkeit,
welche von seinen Kanzeln herab erschollen, haben sich nur zu oft Worte
des Zornes und des herausfordernden Trotzes gemischt.
Die irische Armee, die sich nach Strabane zurückgezogen hatte, blieb
dort nur sehr kurze Zeit. Der Muth der Truppen war durch den ungünstigen
Ausgang der Belagerung von Londonderry schon niedergedrückt und wurde
bald völlig gebrochen durch die Nachricht von einem anderweitigen harten
Schlage.
[Anmerkung 143: Avaux an Seignelay, 18.(28.) Juli; an Ludwig,
9.(19.) August.]
[Anmerkung 144: »Man sieht hieraus, wie man es die ganze Zeit her
hat sehen können, daß die Kaufleute von Londonderry zu ihrer
Vertheidigung mehr Geschick hatten, als die berühmten Offiziere
der irischen Armee zu ihren Angriffen.« +Light to the Blind.+ Der
Verfasser dieses Werkes ist wüthend auf die irischen Kanoniere. Er
ist der Meinung, daß der Sperrbaum nie durchbrochen worden wäre,
wenn sie ihre Pflicht gethan hätten. Waren sie betrunken? oder
waren sie Verräther? Er kommt zu keiner Entscheidung über seinen
Punkt. »Herr,« ruft er aus, »der Du in den Herzen der Menschen
liesest, wir überlassen es Deiner Barmherzigkeit, in dieser
Angelegenheit zu richten.« Inzwischen stürzten jene Kanoniere
Irland ins Verderben.]
[Anmerkung 145: In einer vor mehr als sechzig Jahren unter dem
Titel +»Derriana«+ erschienenen Sammlung findet sich ein
interessanter Brief über diesen Gegenstand.]
[_Operationen gegen die Enniskillener._] Drei Wochen vor dieser Zeit
hatte der Herzog von Berwick über eine Abtheilung der Enniskillener
einen Vortheil errungen und, nach ihrem eignen Eingeständniß, mehr als
funfzig von ihnen getödtet oder gefangen genommen. Sie hofften auf
einige Unterstützung von Kirke, an den sie eine Deputation abgesandt
hatten, und beharrten noch immer auf der Zurückweisung aller vom Feinde
angebotenen Bedingungen. Es wurde daher in Dublin beschlossen, sie von
mehreren Seiten zu gleicher Zeit anzugreifen, Macarthy, der für seine in
Munster geleisteten Dienste mit dem Titel eines Viscount von Mountcashel
belohnt worden war, marschirte von Osten her mit drei Regimentern
Infanterie, zwei Regimentern Dragoner und einigen Reitertrupps gegen den
Ernesee. Ein andres starkes Truppencorps, das unweit der Mündung des
Flusses Drowes lagerte, sollte gleichzeitig vom Westen her vorrücken,
und der Herzog von Berwick sollte mit soviel Reitern und Dragonern, als
das Belagerungsheer von Londonderry entbehren konnte, von der Nordseite
kommen. Die Enniskillener waren über den ganzen Plan, der zu ihrem
Verderben angelegt worden, nicht vollständig unterrichtet; aber sie
wußten, daß Macarthy mit einer größeren Streitmacht, als sie je in's
Feld stellen konnten, unterwegs war. Ihre Angst wurde einigermaßen
gemildert durch die Zurückkunft der Deputation, die sie an Kirke
abgeschickt hatten. Kirke konnte keine Soldaten entbehren, aber er
sandte ihnen etwas Waffen und Munition nebst einigen erfahrenen
Offizieren, unter denen der Oberst Wolseley und der Oberstleutnant Berry
die vornehmsten waren. Diese Offiziere sollten zur See um die Küste von
Donegal herum und den Ernesee heraufkommen. Am Sonntag, den 29. Juli
erfuhr man, daß ihr Boot sich der Insel Enniskillen nähere. Die ganze
männliche und weibliche Bevölkerung kam an's Ufer, um sie zu
bewillkommnen. Nur mit Mühe erreichten sie das Schloß durch die sich um
sie drängenden Menschenmassen, welche Gott dafür dankten, daß das theure
alte England die Engländer nicht ganz vergessen hatte, die im Herzen von
Irland seine Sache gegen eine große Übermacht aufrecht erhielten.
Wolseley scheint für seinen Posten in jeder Hinsicht wohlbefähigt
gewesen zu sein. Er war ein unerschütterlicher Protestant, hatte sich
unter den Leuten von Yorkshire ausgezeichnet, welche für den Prinzen von
Oranien und ein freies Parlament aufgestanden waren, und hatte, wenn
anders dies auf Wahrheit beruht, seinen Eifer für die Freiheit und den
reinen Glauben dadurch bethätigt, daß er den Mayor von Scarborough,
der eine Rede zu Gunsten des Königs Jakob gehalten, auf den Marktplatz
führen und hier in einem Betttuche tüchtig prellen ließ.[146] Dieser
heftige Haß gegen den Papismus war in den Augen der Enniskillener die
erste aller Qualificationen für das Commando, und Wolseley hatte deren
noch andere und gewichtigere. Obgleich er eine regelmäßige militärische
Ausbildung genossen hatte, scheint er doch vorzugsweise zur Führung
irregulärer Truppen befähigt gewesen zu sein. Kaum hatte er das
Obercommando übernommen, so erhielt er die Nachricht, daß Mountcashel
das Schloß Crum belagert habe. Crum war die Grenzfeste der Protestanten
von Fermanagh. Die Trümmer der alten Festungswerke gehören jetzt zu den
Zierden eines schönen Parks, der auf einem den Ernesee beherrschenden
waldigen Vorgebirge angelegt ist. Wolseley beschloß, den belagerten
Platz zu entsetzen. Er schickte Berry mit soviel Truppen als
augenblicklich aufbrechen konnten, voraus und versprach, baldigst mit
einem stärkeren Corps nachzufolgen.
[Anmerkung 146: +Bernardi's Life of Himself, 1787.+]
[_Schlacht bei Newton Butler._] Nachdem Berry einige Meilen weit
marschirt war, stieß er auf dreizehn Compagnieen von Macarthy's
Dragonern unter dem Commando Anton Hamilton's, des Glänzendsten und
Gebildetsten von allen seines Namens, aber als Soldat viel weniger
glücklich denn als Hofmann, als Liebesheld und als Schriftsteller.
Hamilton's Dragoner ergriffen beim ersten Feuer die Flucht; er wurde
schwer verwundet, und sein Nachfolger im Commando wurde todtgeschossen.
Macarthy eilte Hamilton sofort zu Hülfe und zu gleicher Zeit kam
Wolseley zur Unterstützung Berry's an. Die beiden feindlichen Armeen
standen einander nun gegenüber. Macarthy hatte ungefähr fünftausend Mann
und mehrere Geschütze. Die Enniskillener zählten nicht dreitausend Mann,
und sie waren so eilig ausgerückt, daß sie nur auf einen Tag
Lebensmittel mitgenommen hatten. Es war daher durchaus nothwendig,
daß sie entweder sofort losschlugen oder sich zurückzogen. Wolseley
beschloß, die Meinung seiner Leute darüber zu hören, und dieser
Entschluß, der unter gewöhnlichen Verhältnissen eines Generals höchst
unwürdig gewesen wäre, war vollkommen gerechtfertigt durch die
eigenthümliche Zusammensetzung und Stimmung der kleinen Armee, welche
aus Gentlemen und Freisassen bestand, die nicht um Sold, sondern für ihr
Grundeigenthum, ihre Frauen, ihre Kinder und ihren Gott kämpften.
Die Mannschaften wurden unter's Gewehr gerufen und ihnen die Frage
vorgelegt: »Vorrücken oder Zurückgehen?« Die Antwort war der einstimmige
Ruf: »Vorrücken!« Hierauf gab Wolseley das Feldgeschrei: »Kein
Papismus«, das mit lautem Beifall begrüßt wurde, und traf dann sofort
seine Anstalten zum Angriff. Als er vorrückte, begann der Feind zu
seinem großen Erstaunen sich zurückzuziehen. Die Enniskillener wollten
ihn mit aller Hast verfolgen, aber ihr Anführer, der eine Schlinge
vermuthete, zügelte ihren Eifer und verbot ihnen auf das Bestimmteste,
ihre Reihen aufzulösen. So zog sich die eine Armee in guter Ordnung
durch das Städtchen Newton Butler zurück und die andre folgte in eben so
guter Ordnung. Ungefähr eine Meile jenseit dieser Stadt machten die
Irländer Front und Halt. Ihre Stellung war gut gewählt. Sie waren auf
einer Anhöhe aufgestellt, an deren Fuße sich ein tiefer Sumpf befand.
Eine schmale gepflasterte Hochstraße war der einzige Weg, auf dem die
Reiterei der Enniskillener vorgehen konnte, denn zur Rechten und Linken
waren Sumpflachen und Torfgruben, welche den Pferden keinen festen Grund
darboten. Macarthy postirte seine Kanonen so, daß ihr Feuer diesen Weg
bestrich.
Wolseley commandirte seine Infanterie zum Angriff. Sie arbeitete sich
durch den Sumpf, gewann wieder festen Boden und warf sich auf die
Geschütze. Hier entspann sich nun ein kurzer und verzweifelter Kampf.
Die irischen Kanoniere hielten tapfer bei ihren Feldstücken aus, bis sie
sämmtlich niedergehauen waren. Jetzt kamen die Enniskillener Reiter,
welche nicht mehr Gefahr liefen, durch das Feuer der Artillerie
niedergemäht zu werden, rasch den Dammweg herauf. Die irischen Dragoner,
welche schon am Morgen Reißaus genommen hatten, wurden abermals von
einem panischen Schrecken ergriffen und galoppirten, ohne einen Schlag
gethan zu haben, vom Schlachtfelde. Die schwere Reiterei folgte ihrem
Beispiele. Das Entsetzen der Fliehenden war so groß, daß viele von ihnen
ihre Pferde so lange spornten, bis sie stürzten und dann die Flucht zu
Fuß fortsetzten, nachdem sie Carabiner, Säbel und selbst Waffenröcke als
beim Laufen hinderlich weggeworfen hatten. Als die Infanterie sich so
verlassen sah, warf sie ebenfalls Piken und Gewehre fort und suchte ihr
Heil in der Flucht. Die Sieger gaben sich nun der blutdürstigen Wildheit
hin, welche gewöhnlich die Bürgerkriege Irland's befleckt hat. Das
Gemetzel war fürchterlich. Nahe an funfzehnhundert der Besiegten wurden
niedergemacht. Etwa fünfhundert Andere schlugen, da sie die Gegend nicht
kannten, einen Weg ein, der nach dem Ernesee führte. Der See war vor
ihnen, der Feind im Rücken; sie sprangen in's Wasser und ertranken.
Macarthy, von seinen Truppen verlassen, stürzte sich mitten unter die
Verfolger und war nahe daran, den Tod zu finden, den er suchte. Er war
an mehreren Stellen verwundet und zu Boden geschlagen; noch einen
Augenblick, und ein Flintenkolben würde ihm das Lebenslicht ausgeblasen
haben, wäre er nicht erkannt und gerettet worden. Die Colonisten hatten
nur zwanzig Todte und fünfzig Verwundete. Sie machten vierhundert
Gefangene und erbeuteten sieben Kanonen, vierzehn Fässer Schießpulver,
sowie sämmtliche Trommeln und Fahnen des besiegten Feindes.[147]
[Anmerkung 147: +Hamilton's True Account+; +Mac Cormick's Further
Account+; +London Gazette, Aug. 22. 1689+; +Life of James+; Avaux
an Ludwig vom 4.(14.) August, und an Lourois von dem nämlichen
Datum. Story erwähnt eines Gerüchts, daß der panische Schrecken
unter den Irländern durch das Versehen eines Offiziers verursacht
worden sei, welcher »Rechts um kehrt Euch!« (+Right about face+)
anstatt »Augen rechts!« (+Right face+) commandirte. Weder Avaux
noch Jakob hatten etwas von diesem Versehen erfahren. In der That,
die Dragoner, welche das Beispiel der Flucht gegeben hatten, waren
nicht gewohnt, erst das Commando zu erwarten, ehe sie einem Feinde
den Rücken kehrten. Sie waren schon einmal an dem nämlichen Tage
davon gelaufen. Avaux giebt eine sehr einfache Erzählung der
Niederlage. +»Ces mesmes dragons qui avoient fuy le matin
laschèrent le pied avec lout le reste de la cavalerie, sans tirer
un coup de pistolet; et ils s'enfuirent tous avec une telle
épouvante qu'ils jettèrent mousquetons, pistolets, et espées; et
la plupart d'eux, ayant erevé leurs chevaux, se deshabillèrent
pour aller plus viste à pied.«+]
[_Bestürzung der Irländer._] Die Schlacht bei Newton Butler wurde an
demselben Nachmittage gewonnen, an welchem die durch den Foyle geworfene
Barrikade durchbrochen wurde. In Strabane traf die Nachricht die auf dem
Rückzuge von Londonderry begriffene celtische Armee. Der Schrecken und
die Verwirrung waren groß; die Zelte wurden abgebrochen, ganze
Wagenladungen Kriegsvorräthe wurden in den Mourne geworfen, und die
entsetzten Irländer flohen unter Zurücklassung vieler Kranker und
Verwundeter, die sie der Gnade der siegreichen Protestanten preisgaben,
nach Omagh und von da weiter nach Charlemont. Sarsfield, welcher in
Sligo commandirte, sah sich gezwungen, diese Stadt aufzugeben, welche
alsbald von einer Abtheilung Kirke'scher Truppen besetzt wurde.[148]
Dublin war in großer Bestürzung. Jakob ließ Äußerungen fallen, welche
seine Absicht verriethen, nach dem Continent zu fliehen. Schlimme
Nachrichten stürmten in der That rasch hintereinander auf ihn ein. Fast
zu der nämlichen Zeit, als er erfuhr, daß eine seiner Armeen die
Belagerung von Londonderry aufgehoben hatte und daß eine andre bei
Newton Butler geschlagen worden war, empfing er kaum minder
entmuthigende Botschaften aus Schottland.
Es wird jetzt nöthig, den Gang der Ereignisse zu erzählen, denen
Schottland seine politische und religiöse Freiheit, seinen Aufschwung
und seine Civilisation verdankt.
[Anmerkung 148: +Hamilton's True Account.+]
Stereotypie und Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.
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