Das schönste Fest der Christen, Weihnachten, kam. Harteck brachte den
heiligen Abend auf dem Bette liegend zu. Er fühlte sich recht unwohl
und sein körperliches Mißbefinden wurde durch den an hohen Feiertagen
üblichen strengen Kirchendienst noch gesteigert. Die Seinen hatten ihm
Geschenke und Briefe geschickt und das Schreiben seiner Mutter fing mit den
Worten an: »Ich bete zu Gott, dem Allmächtigen, daß Du das neue Jahr
mit besseren Vorsätzen beginnen möchtest als das alte ...« Er hatte
den Brief kaum zu Ende gelesen. Uschei schlug die Hände über dem Kopf
zusammen und jammerte sehr, als sie hörte, daß er den heiligen Abend in
seinem Zimmer zubringen wollte: am Weihnachtabend werde so gut gegessen und
getrunken und wäre alle Welt so fröhlich ... Er tröstete das Mädchen.
Ihm liege am Essen und Trinken nicht viel und er wäre ganz gern allein.
»Wirklich?« fragte sie ungläubig. »I' tät' dem Herrn gern oa bissal
G'sellschaft leisten, ... aber beim Bärenwirt unten warten's auf mich.«
»Wer? Vielleicht Ihr Schatz?«
Sie wurde sehr rot und spielte mit den Zipfeln ihrer Schürze. »Ja, ...
der jüngere Sohn vom Bärenwirt sieht mich halt gern, ... i bin jung und
er is a jung ... Es is ja koa Sünd' net, wenn zwoa junge Leut' sich gern
haben.«
»Nein, das ist keine Sünde,« sagte er, das Gesicht abwendend. »Gehen
Sie nur und seien Sie recht vergnügt.«
Sie schaute ihn an, gutherzig und mitleidig zugleich. Beim Lampenschein
sah er in seinem schwarzen Kleid so bleich und traurig aus ... »Bischt ja
dächt' a jung und därfst koa Diandl gern haben!« dachte sie. »Herrgott!
muß dös z'wider[9] sein!«
»Lassen Sie's gut sein, Hochwürden,« sagte sie dann. »Sie wer'n
scho' wieder g'sund wer'n und dann kimmt der Fasching und da geht's lusti
her ...«
»Ich tanze ja nicht,« warf er lächelnd ein.
»Aber zuschau'n kinnen's ... und unsere Leut' machen Musik, ... da wern's
oa bissal Kurzweil haben.«
»Freilich,« sagte er still.
»Net oamal tanzen!« dachte Uschei, als sie ihn verließ. »Noa! und wenn
i zehn Buam hätt', ... Geistlich dürft mir koaner wer'n.«
Allein gelassen, drückte Harteck das Gesicht in das Kopfkissen und seufzte
schwer. Es sah und hörte ihn ja niemand, er brauchte nicht Komödie zu
spielen ... Cäsar war verschwiegen und würde nicht ausplaudern, daß er
seinen Herrn schwach gesehen. Der Hund stellte sich zwar an dem Bette auf,
beschnupperte das Haar des jungen Priesters und stieß ein heiseres Bellen
aus ... Harteck richtete sich in die Höhe und liebkoste das Tier.
»Du hast recht!« sagte er. »Wir wollen stark sein. -- Was gibt es
denn?«
Cäsar hatte die Ohren gespitzt. An die Tür des Nebenzimmers war gepocht
worden. Harteck erhob sich und ging öffnen. Der junge Mönch stand auf der
Schwelle.
»Treten Sie ein,« sagte Harteck. »Was führt Sie zu mir?«
Benediktus gehorchte der Aufforderung und setzte sich auf den Stuhl, den
Harteck ihm anbot. Der Priester blieb stehen. Aufmerksam betrachtete der
Mönch seine zerdrückten Kleider, sein verwirrtes Haar und seine leicht
geröteten Augenlider.
»Wollen Sie nicht hinunterkommen zum Herrn Dekan?« fragte er. »Das Essen
ist aufgetragen.«
»Ich danke Ihnen herzlich, ... aber ich kann wirklich nicht, ... mir ist
sehr unwohl.«
»Was fehlt Ihnen?«
»Ich habe mich erkältet, ... in der Kirche, glaube ich.«
Der Pater zog die Stirn kraus.
»Warum gerade in der Kirche?« versetzte er. »Dort gewiß nicht, ... weit
eher auf Ihren -- entschuldigen Sie -- unsinnigen Spaziergängen. Sie sind
nicht kräftig. Wer zwingt Sie, bei jedem Wetter auszugehen?«
»Niemand. Sie haben recht. Ich werde künftighin zu Hause bleiben.«
»Trachten Sie, bis zum Silvesterabend gesund zu werden,« sagte der Mönch
nach einer Pause. »An diesem Abend wird im Gasthause zur Post ein großes
Fest veranstaltet, ... sie nennen es ein Konzert; die Einnahme -- denn
es wird Entréegeld gefordert -- soll zum Besten der Kirche verwendet
werden, ... sie bedarf, wie Sie wissen, einer teilweisen Restaurierung.
Der Schullehrer, der der Vorstand des hiesigen Musikvereines ist, soll sich
dagegen gesträubt haben, ... aber die Bauern wollen dieses Fest durchaus
veranstalten, um den gnädigen Herrn halbwegs zu versöhnen, und so hat der
freigeistige Herr Schullehrer nachgeben müssen. Der Herr Dekan hat
sein Erscheinen bereits huldvollst in Aussicht gestellt und es wird ihm
jedenfalls lieb sein, wenn Sie ihn begleiten.«
»Werden Sie ebenfalls hinkommen?«
»Ich? O nein! Für mich existieren solche Dinge nicht.«
Diesen Worten folgte eine kurze Stille.
»Sie wollen also wirklich hierbleiben?« fragte der Mönch dann und stand
auf.
»Ich werde mich zu Bett legen. Entschuldigen Sie mich freundlichst bei dem
Herrn Dekan und dem gnädigen Fräulein ... Ich fühle mich so elend, daß
ich ein trauriger Gesellschafter wäre und nur stören würde.«
»Dann wünsche ich Ihnen Besserung und Schlaf.«
»Gute Nacht, und seien Sie vielmals bedankt dafür, daß Sie sich zu mir
bemüht haben,« sagte Harteck und reichte ihm die Hand hin.
»Ist gern geschehen,« sagte der Mönch, berührte flüchtig seine Hand
und ging. --
Der Silvesterabend kam. In den leidlich geräumigen Zimmern des Gasthauses
zur »Post« herrschte reges Leben und Treiben. Die Mehrzahl der Gäste
hatte sich bereits eingefunden und der kleine Musikverein, bestehend aus
neun Mann, mit dem Schullehrer an der Spitze, begann schon zu stimmen. Die
Zimmer waren mit Tannenzweigen geschmückt, kunterbunt saß das Bauernvolk,
alle im Sonntagsstaat, durcheinander. An einer langen Tafel, die in
der Mitte des Saales stand, hatten die Honoratioren des Ortes und die
vornehmeren Gäste aus der Umgebung Platz genommen; viele Herren aus dem
Nachbarstädtchen waren gekommen, teils allein, teils mit ihren Familien.
An diesem Tische saß auch Paula, zwischen zwei jungen Bahnbeamten, die
sich bemühten, ihr angenehm zu sein. Toni, in einem weißen Kleidchen und
mit leicht gewelltem Haar, saß neben ihrem Vater und sah kindlich erregt
aus. Ein einziger Tisch war noch unbesetzt; der war für die »Herren«
bestimmt. Der Herr Dekan ließ auf sich warten, und bevor er eingetroffen,
durften die Produktionen nicht beginnen. Das Publikum war laut und lustig.
Jetzt schon wurde viel getrunken und geraucht. Die Kellnerinnen rannten
mit brennenden Wangen hin und her, ein ewiges Schreien nach Bier und
Wein erscholl von allen Tischen und mancher Bauer klopfte mit seinem
Taschenmesser ungeduldig an das geleerte Glas ... Da entstand plötzlich
tiefe Stille. Der Herr Dekan war eingetreten. Alle Anwesenden erhoben sich
von ihren Sitzen. Der gnädige Herr führte Fräulein Aurelie am Arm,
die, eine Lorgnette vor den Augen, herablassend grüßend an den Tischen
vorbeischritt. Den beiden folgten Harteck und mehrere Geistliche aus
den Nachbarorten und endlich Wirt und Wirtin. Der Dekan nahm auf dem
Ehrenfauteuil Platz, rechts von ihm setzte sich das Fräulein und ihr zur
Seite ließ sich Harteck nieder. Die übrigen Herren setzten sich
ebenfalls und sagten den Wirtsleuten ein paar verbindliche Reden über die
geschmackvolle Dekorierung des Saales; einer der Geistlichen bot dem Wirt
sogar eine Prise an, die dieser annahm und sogleich heftig nieste.
Die Unterhaltung begann hierauf aufs neue, wenn auch in stillerer Art.
Fräulein Aurelie, die in ihrem blaß lilafarbenen Seidenkleid magerer denn
je aussah, lehnte sich zurück, fächelte sich Kühlung zu und tat sehr
geziert.
»Hier ist es zum Ersticken heiß,« lispelte sie. »Ich bin begierig, was
für komisches Zeug zur Aufführung gelangen wird.«
»Sie dürfen eben keine hohen Ansprüche stellen, gnädiges Fräulein,«
sagte Harteck zerstreut und blickte nach der Tafel in der Mitte. Paula
kehrte ihm den Rücken zu; wenn sie den Kopf einem ihrer Nachbarn
zuwendete, war ihm vergönnt, ihr reines Profil zu sehen. Sie trug
ein schwarzes, mit Spitzen besetztes Kaschmirkleid, das ihre blasse
Gesichtsfarbe prächtig hob; ihr Haar war zu einem einfachen Knoten
verschlungen und die Scheitel an der Stirn bedeckten halb die kleinen
Ohren. Der junge Priester sah lang nach ihr hin; sehnsüchtig glitt sein
Auge über ihre sanft abfallenden Schultern, den fein gebogenen Nacken, die
kleinen Locken am Halse, das dunkle Haar, und er konnte nicht umhin,
die beiden jungen Herren zu beneiden, die ihr zur Seite sitzen, mit ihr
sprechen, ihre Stimme hören durften ... Diese Glücklichen! Er wendete den
Blick von dem Mädchen ab und starrte trübselig vor sich nieder.
Die musikalischen Produktionen begannen. Der Schullehrer, in einem
altmodischen Frack, schlug aufgeregt den Takt. Allerdings hieß es bei
diesem »Kunstgenuß« mehr mit dem guten Willen der Künstler vorlieb
nehmen; und die wenig verwöhnten Bauern waren von den Leistungen _ihres_
Musikvereins entzückt und klatschten lauten Beifall. Fräulein Aurelie
fuhr nicht selten nervös zusammen, machte sogar Miene, sich die Ohren
zuzuhalten ... Sie amüsierte sich nicht. An ihrem Tische ging es viel
stiller zu als an den übrigen. Ihr Oheim war schweigsam, die fremden
Geistlichen sprachen untereinander und ihr Nachbar tat den Mund nicht auf;
an den Nebentischen hingegen wurde gelacht, gescherzt, in derber Weise der
Hof gemacht. Darüber ärgerte sich Aurelie. Verdrießlichen Gesichtes saß
sie da, klappte den Fächer auf und zu und gähnte absichtlich ... Dann
fing sie an, sich in Klagen zu ergehen: es sollte nicht erlaubt sein zu
rauchen, ... kaum Atem holen könne man in dieser Atmosphäre; die Leute
lärmten zu viel und die Produktionen wären abscheulich, ohrenzerreißend;
wenn man an Wiener Konzerte gewöhnt wäre, erscheine einem solche Musik
barbarisch, ... und in dieser Weise ging es fort.
»Wien ist eben Wien und ein Dorf ein Dorf,« sagte Harteck, dem endlich
die Geduld riß.
»Wirklich?« entgegnete das Fräulein höhnisch. »Ich danke für die
gütige Aufklärung. Das hatte ich bis jetzt nicht gewußt.«
Harteck ließ diese Rede ohne Antwort. Er hatte keine Lust zu streiten, und
überdies bemerkte er, daß Paula sich, wie suchend, umwendete. Er vergaß,
daß es auf dieser Welt eine Aurelie gab und blickte unverwandt nach dem
jungen Mädchen hin ... Wen suchte sie? Vielleicht -- ihn? Am lauten Pochen
seines Herzens fühlte er, wie lebhaft er das wünschte, wie sehr er geizte
nach einem einzigen Blick ihrer schönen Augen ... O diese großen Augen
mit dem noch größeren Blick! Sie suchten und fanden ihn und schauten ihn
an, so sanft und bittend, als wenn sie sagen wollten: »Warum sind Sie so
traurig? Im Geiste bin ich ja doch bei Ihnen, bei Ihnen allein ...« Dieser
einzige Blick tröstete ihn wundersam. Er wurde heiterer und gab sich
fortan Mühe, seine verdrießliche Nachbarin zu unterhalten. Paula sollte
ihn nicht traurig wähnen.
Die Produktionen zogen sich in die Länge. Gesang, Zither- und Flötenspiel
wechselten mit den Vorträgen der kleinen Kapelle ab. Dem jungen Dirigenten
standen helle Schweißtropfen auf der Stirn, sein langes Haar war feucht
und aus seinen Augen leuchtete stolze Befriedigung ... Laut und lauter
wurde die Unterhaltung; eine gewisse weinselig-übermütige Stimmung fing
an, sich kundzugeben. »Oan Tanz aufspielen!« rief eine heisere Stimme aus
einer Ecke; sie wurde niedergezischt, aber der hübsche Bauernbursche, der
das Wort gesprochen, versteckte den Kopf unter dem Tische und schrie noch
lauter: »Oan Tanz aufspielen, ös[10] Sappermenter! Im Winter wollen
mir[11] tanzen!«
»Bischt net stad, Du Sakra? Die Herren sein ja noch da!«
»Jessas! Die Herren! Die wer'n eppes[12] was dagegen haben, wenn mir
luschti[13] sein!«
»Halt's Maul!«
»I mag aber net, -- i möcht' tanzen!«
Und: »Tanzen! Tanzen!« ertönte es von verschiedenen Seiten. Die Burschen
und Dirnen erhoben sich halb von ihren Sitzen und schwenkten ihre Gläser.
Vergebens mahnten die Alten zur Ruhe und wiesen mit den Augen auf
den gnädigen Herrn, der mit sehr reservierter Miene in sein Weinglas
blickte ... Nichts half. Die liebe Jugend lärmte weiter.
Der Herr Dekan hielt es für geraten, sich zurückzuziehen. Fräulein
Aurelie wollte noch bleiben, wollte ein wenig dem Tanze zusehen ...
»Daraus wird nichts!« sagte ihr Oheim streng. »Das schickt sich nicht
für Dich. Zahlen, Herr Wirt.«
Er zahlte und erhob sich dann; die übrigen der Gesellschaft folgten seinem
Beispiel. Der Dekan reichte seiner Nichte den Arm und schritt voran, die
Geistlichen schlossen sich ihm an; alle, die im Saale waren, standen auf
und grüßten. Das Fortgehen der »Herren« erregte sichtlich allgemeine
Befriedigung.
»Jetzt ruckt's die Tisch weg und die Sesseln! Jetzt wird's erst luschti
wer'n!«
Und kecke »G'stanzeln« ertönten ... Die Katze war fort, die Mäuse
wagten zu tanzen.
»Da Tanzen und Liaben
Verbieten die Herr'n ...
Sie sein uns halt neidi' ...
Taten's selber recht gern!«
sang einer.
»Und jedem Buam sei' Diandl,
Gott hat's so bestellt --
Und dem Pfarrer sei' Köchin ...
So geht's in der Welt!«
antwortete ein anderer.
»Kinnt's net Euer Maul halten, ös verflixten Buam!« rief die Wirtin
ernstlich böse. »Wann die Herren das hören!«
»Na, ... so hörn's halt oanmal ... Net harb sein, Poschtwirtin[14]. Mir
sein schon stad[15]. Aber, Musikleut', jetzt spielt's was auf! I kann mi
schon nimmer darhalten[16], ... i _muaß_ tanzen!«
Die »Herren« waren einstweilen schon weit und, minder fröhlich als
diejenigen, die sie verlassen, schritten sie schweigend durch das Dorf.
Am Pfarrhof angelangt, stiegen die fremden Geistlichen in ihre schon
bereitstehenden Wagen und fuhren nach Hause. Harteck wünschte dem Dekan
und Aurelien eine gute Nacht und tat, als ob er die Absicht hätte, in
seine Wohnung zu gehen. In Wahrheit aber wartete er auf der Treppe, bis er
die Hausgenossen in ihren Schlafstuben wußte, bis alles im Pfarrhof ruhig
war; dann stieg er geräuschlos die Stufen hinab, verließ das Haus und
schlug den Weg nach dem Wirtshause zur Post ein.
Was wollte er dort? An der Freude jener Menschen durfte er ja doch
nicht teilnehmen; das wußte er, wußte es nur zu gut ... Aber mit
unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn dorthin, wo fröhliche Menschen waren,
dorthin, wo Paula weilte. Sie wenigstens sehen, aus der Ferne bewundern
dürfen, war ja auch ein Glück. Er zog den Hut an die Augen herab und
schritt unverdrossen durch den kalten Schnee. Ging jemand hinter ihm? Ihm
war, als ob er leise, leise Schritte hörte ... Er stand still und blickte
zurück. Undurchdringliche Finsternis lag über der Erde; am Himmel war
kein Stern zu sehen. Er horchte und spähte eine Zeitlang; nichts rührte
sich. »Ich muß mich geirrt haben,« dachte er und setzte seinen Weg fort.
Da lag das Gasthaus. Durch die Fenster strahlte Lichterglanz; Musik,
Johlen, Fußgetrampel ertönten. Der Priester drückte sich an die Wand
und lugte durch eines der Fenster in den Saal hinein. Das Zimmer war
ausgeräumt, tanzende Paare glitten auf und nieder. Nebenan tanzten die
Bauern; dort ging es lärmend zu, ... hier war es stille, hier hielt die
bessere Gesellschaft sich auf. Er gewahrte auch Paula. Sie tanzte noch
nicht; in der Tür lehnend, sah sie dem Treiben der Bauern zu und beachtete
wenig den Schullehrer und einige andere Herren, die sich augenscheinlich
bemühten, sie zum Tanze zu überreden; der Arzt schien die Bitte
der jungen Leute zu unterstützen; Paula schüttelte bloß das Haupt.
Unzufrieden und verlegen standen der Arzt und die Herren um das Mädchen
herum und sprachen in sie hinein ... Paula gab endlich -- mit Widerstreben,
wie es den Anschein hatte, -- den vereinten Bitten nach. Sie lehnte sich
an die Brust des Schullehrers und fing mit ihm zu walzen an. Dem außen und
ausgeschlossen dastehenden Manne stieg das Blut zu Kopf bei diesem Anblick.
Daran hatte er nicht gedacht; er hatte gehofft, daß Paula standhaft
bleiben, daß sie nicht tanzen würde, ... und nun lag sie in den Armen
des fremden Mannes und ihm -- ihm hatte sie untersagt, das Wort an sie zu
richten, wenn er sie zufällig auf der Straße träfe. Aber freilich, --
was war er im Vergleich zu den anderen? Diese Männer durften sich ihr
offen nähern, durften um sie werben, konnten ihr Herz und Hand anbieten;
ihm aber war nichts gestattet von alledem, -- er hatte einem Mädchen
nichts zu bieten, als eine sich vor den Augen der Welt scheu verkriechende
Liebe ... Worüber also murrte er? Er hatte kein Recht dazu.
Vielleicht, wenn sie gewußt hätte, daß er draußen stand, in der
Winterkälte, die Füße im harten Schnee, so ganz ausgestoßen von jeder
Freude und jedem Glück, das Herz gefoltert von Eifersucht, -- vielleicht,
daß sie dann Erbarmen gehabt und vom Tanze abgelassen haben würde. War
ihm doch, als ob er hineinstürzen, sie bei der Hand packen und ihr zurufen
müßte: »Du darfst nicht lachen noch Dich freuen, während ich so elend
bin!« ... Jedes Wort, jedes Lächeln, jeder Blick, die sie einem ihrer
Tänzer schenkte, fuhren wie ein Messerstich durch seine Brust. Wie durfte,
wie konnte sie --! Unverwandt starrte er das Mädchen an. Ist's noch nicht
genug? ... Gott sei Dank! Jetzt lehnte sie eine neue Aufforderung ab,
setzte sich -- gerade ihm gegenüber -- und ließ die Hände in den Schoß
sinken. Sie war erschöpft vom Tanze; ihre Lippen waren halb geöffnet, sie
atmete rasch. Glücklich sah sie nicht aus; sie lächelte kaum und sprach
sehr wenig. Langsam glitten ihre Blicke durch den Saal und blieben mit
einem Male an einer Stelle haften ... Sie fuhr zusammen, erblaßte und sah
angestrengt nach jener Stelle hin ... Harteck wich jählings vom Fenster
zurück. Sie hatte ihn gesehen, mußte ihn gesehen haben, ihre Augen hatten
sich getroffen ... Dicht an die Wand gedrängt, spähte er in den Saal
hinein. Paula erhob sich, legte ein schwarzes Tuch um Kopf und Schultern,
sagte ihrem Vater ein paar Worte ins Ohr ... Das Herz des unglücklichen
Mannes schlug plötzlich sehr laut ... Er sah das Mädchen festen Schrittes
dem Ausgang zuschreiten und den Tanzsaal verlassen.
Was hatte sie vor? Doch nicht --? Kaum wagte er diesen Gedanken
auszudenken. Als er jetzt das Geräusch näher kommender Schritte vernahm,
erfaßte ihn etwas wie Schreck. Die Schritte hörten plötzlich auf. Von
dem Dunkel hoben sich die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt
ab. Also doch, doch!
An allen Gliedern bebend, lehnte er sich an die Mauer und umklammerte mit
der Hand das mit Schnee bedeckte Fenstergesimse.
»Was wollen Sie von mir?« stieß er mit Anstrengung heraus.
»Daß Sie nach Hause gehen,« antwortete eine vertraute Mädchenstimme.
»Wo sind Sie? Es ist so finster, ... ich sehe Sie nicht.«
Er streckte ihr die Hand entgegen. Paula ergriff sie und er zog das
Mädchen an seine Seite.
»Ich sah Sie von drinnen hier stehen,« fuhr Paula fort, »in dieser
Kälte ... und erschrak zu Tode, ... ich mußte hinaus zu Ihnen ... Was, um
Jesu willen, tun Sie hier?«
An ihrer Stimme, an ihren Fingern fühlte er, daß sie zitterte.
»Sie dürfen nicht hier bleiben,« sagte er hastig. »Sie sind vom Tanz
erhitzt und nun setzen Sie sich der eisigen Winterluft aus. Den Tod können
Sie sich holen.«
»Was liegt daran!« sprach sie in sich hinein.
»_Mir_ liegt daran,« entgegnete er heftig, zog seinen Überrock aus und
warf ihn um ihre Schultern.
»Welche Torheit!« rief Paula unwillig. »Nun werden _Sie_ sich erkälten.
Ich beschwöre Sie, gehen Sie nach Hause.«
»Mich schicken Sie immer fort. Andere dürfen mit Ihnen tanzen und ich
soll Sie nicht einmal ansehen. Nein, ich bleibe.«
»Wozu? Bloß um mich zu quälen?«
»Ich will Sie nicht quälen, Paula,« sagte er und haschte nach ihren
Händen. »Ich will Ihnen gehorchen ... Versprechen Sie mir aber, daß auch
_Sie_ nach Hause gehen werden ... Sie wissen nicht, was Neid heißt und
Eifersucht,« murmelte er mit hilfloser, fast weinender Stimme, »was ich
gelitten habe, als ich Sie in den Armen fremder Männer sah ...«
»Mein Gott! Ich will tun, was Sie begehren,« sagte Paula erschreckt.
»Regen Sie sich doch nicht so auf! Wie könnte _ich_ Sie kränken
wollen, ... _ich_!« Sie brach in ein bitteres Gelächter aus.
»Verzeihen Sie mir,« sagte er. Er wußte nicht, was er sprach noch was
er tat. Er hatte das Haupt entblößt und den Hut in den Schnee fallen
lassen, ... die kalte Dezemberluft zog schneidend durch sein Haar.
»Sie zittern ja,« bemerkte Paula, befreite ihre Hände aus den seinen,
nahm seinen Rock von den Schultern und hängte ihn dem Priester, trotz
seinem Sträuben, um; ihre Arme, ihre Brust berührten ihn dabei, ...
der Rock glitt zur Erde, die Arme des Mannes faßten nach dem schlanken,
bebenden Leib des Mädchens.
»Lassen Sie mich!« rief Paula mit rauher Stimme. »Haben Sie nicht
gehört ...?«
»Was?«
»Es hat jemand in unserer Nähe gehustet ...«
»Ich habe nichts gehört.«
»Sehen Sie ... dort, ...« sie drängte sich atemlos, Schutz begehrend, an
seine Brust ... »dort an der Wand, ... sehen Sie nichts?«
»Nein,« sprach er verstört. »Ist jemand da?«
Niemand antwortete. Aber verhallende Schritte schlugen an sein Ohr.
»Ich muß erfahren, wer es ist,« sagte er und legte die Hand an die
Stirn. »Kehren Sie zu Ihrem Vater zurück. Ich muß diesem Menschen
folgen.«
Paula zog das Tuch fester um ihre Schultern.
»Wohin haben Sie mich gebracht!« sprach sie, sich zum Gehen wendend.
»Paula!« rief er außer sich. »Ich töte mich, wenn auch Sie mich
anklagen!«
»Ich klage Sie nicht an. Ich, ich allein bin die Schuldige; ich hätte
stärker sein sollen. Leben Sie wohl.«
»Auf immer? Ich lasse Sie nicht.«
»Denken Sie jetzt nicht daran, ... jetzt können wir nichts beschließen.
Gehen Sie dem dort nach und schreiben mir morgen, wer es gewesen und wie
alles abgelaufen ist.«
Er hielt sie nicht länger zurück. Mit gesenktem Kopfe und schwankendem
Schritt ging das Mädchen in das Haus hinein. Der Priester stürzte durch
Nacht und Nebel dem Unbekannten nach.
Erst in der Nähe des Pfarrhofes erreichte er ihn. Dort brannte eine
Laterne. Harteck packte den Fremden bei den Schultern und kehrte dessen
Gesicht dem Laternenlicht zu. Er erkannte den Mönch.
»Woher kommen Sie?« fragte er ihn mit heiserer Stimme.
»Woher kommen _Sie_?« wiederholte der Mönch und sah ihm fest in die
Augen.
Harteck gab keine Antwort.
»Wußten Sie, daß ich vom Hause fort war?« fragte er dann.
Der Pater nickte.
»Sahen Sie mich das Haus verlassen?«
»Ja.«
»Und sind mir gefolgt?«
»So ist es.«
»Weshalb? Zu welchem Zwecke?«
»Weil ich Verdacht hatte ... Sie sehen, daß mein Verdacht nicht grundlos
war.«
»So haben Sie alles gesehen und gehört?«
»Alles.«
Eine Pause trat ein.
»Aber warum ... warum,« begann Harteck wieder; sein Atem stockte. »Warum
haben Sie das getan?« brach er wütend los.
»Mäßigen Sie sich. Ich hatte den Auftrag dazu; ich bin weder neugierig
noch liebe ich es, zu spionieren. Aber Sie wissen ja, was unsere Pflicht
ist: den Vorgesetzten zu gehorsamen in allem und jedem.«
»Und Sie werden -- natürlich! -- dem Dekan alles erzählen?«
»Ich muß.«
»Und wenn Sie dadurch -- nicht mich -- an mir ist wenig gelegen -- wenn
Sie dadurch ein unbescholtenes Mädchen zugrunde richten?«
»Jetzt ist sie nicht mehr unbescholten,« entgegnete der Mönch mit hart
klingender Stimme.
»Aber ich schwöre Ihnen, daß heute zum erstenmal ... Sie sind doch auch
jung und sind nicht schlecht« ... Der Verzweiflung nahe, ergriff er beide
Hände des Mönches: »Wälzen Sie alle Schuld auf mich, ... machen Sie
mich so schlimm, wie Sie wollen, ... aber schonen Sie das unglückliche
Mädchen. Gott im Himmel! Stehen Sie nicht so stumm und starr da, als ob
ich zu einem Steine redete ... Soll ich mich noch mehr demütigen? Mich vor
Ihnen auf die Kniee werfen? Würde vielleicht das Sie rühren?«
Der Mönch schüttelte den Kopf.
»Ich bin nicht hart,« sagte er. »Glauben Sie mir, ... Sie tun mir leid,
trotz Ihrem Vergehen ... Ich will Ihnen auch versprechen, das Mädchen zu
schonen, soviel ich kann.«
»Ich danke Ihnen,« sagte Harteck und atmete erleichtert auf.
»Und nun lassen Sie uns nach Hause gehen,« sprach Benediktus weiter.
»Sie sind erschöpft und Ihre Hände fühlen sich wie Eis an. Auch fällt
es mir erst jetzt auf ... Wo haben Sie Ihren Überrock und Hut gelassen?«
»Ich weiß es nicht, ... ich glaube, sie liegen vor dem Gasthaus, irgendwo
im Schnee ...«
»Gehen Sie schleunigst nach Hause und legen sich zu Bett ... Ihre Sachen
werde ich holen und sie Ihnen morgen übergeben. Gute Nacht.«
Am nächsten Tage hatte der Mönch eine kurze, geheime Unterredung mit dem
Dekan und dieser reiste bald darauf nach Salzburg ab.