LIEBESGEDICHT

Ich wußte es, sie hatte mich betrogen — — —.

Betrogen? Nein. Sie hatte nur vergessen, es mir zu sagen, es mir

mitzuteilen — — —.

Denn ich hätte es ihr gestattet; wie einem Kindchen

Kugler-Gerbeaud-Bonbons, von denen man nicht wissen kann, wie zart sie

schmecken — — —.

Das Stubenmädchen brachte mir ihren, meinen armseligen Ring, zehn

Kronen, den sie auf Zimmer 109, im Bett gefunden hatte.

Dann ging ich in die Bergwiesen, in den Wald, zu unserem heiligen

Ruheplätzchen.

Hochgelbe Arnika wuchs, weißer Klee, braune Schuppenwurz, lila

Orchideen, ein Liebesteppich.

Sie hatte mich betrogen. Nein.

Dort, siehe, war es ein weißes Bett gewesen wie tausend Betten — — —.

Ein weißes, weißes, nichtssagendes Bett.

Hier aber war Bergwiesen-Liebesteppich, in Gottes bunter Pracht! Hier

blieb sie mir treu!

"Semmering 1912" · 第 286 / 325 题