WERTE

Ich finde, daß die Dichter so „ästhetisch-sentimentale“ und übertrieben

eingebildete, und von ihrer sogenannten Aufgabe, rekte „idée fixe“,

besessene „Erzieher der Menschheit“ sind, die doch bis heute durch sie

nicht um ein Stückchen _vorwärtsgekommen_, das heißt, _von irgendeinem

Leid befreit_ worden ist! Die wirklichen großen Wohltaten jedoch

übersieht man, hält sie für nichts und ist vor allem nicht dankbar. Als

mein geliebter Vater 69 Jahre alt geworden war, gaben ihn sämtliche

Professoren infolge von unheilbaren Alterserscheinungen für verloren,

und meine Mama, die seit zehn Jahren tot ist, weinte sich die Augen aus.

Da sandte ich meinem Vater zwei Schachteln „Tamar Indien Grillon“, mit

der Aufforderung, _jeden Morgen_ vor dem Frühstück _unbedingt_ eine

Pastille zu nehmen.

Seitdem ist er ein _Jüngling_ geworden, ist 83 Jahre alt, hat nicht eine

einzige Beschwerde des Alters. Verdauung jünglingshaft, ewiger Appetit,

rosige Laune, Schlaf zehn Stunden ohne Unterbrechung. Er fühlt nicht,

daß er alt ist. Sein einziger Kummer ist, daß er nicht mittags und

abends, aus ökonomischen Gründen, besondere Leckerbissen haben kann, wie

Rebhühner, Rehrücken kalt, kalte Poularden, Straßburger

Gänseleberpastete, Kaviar, Krebse usw. usw. Er liest von morgens bis

abends französische Romane (deutsche versteht er nicht, sie sind ihm zu

„vertrackt“), ohne Augenglas, geht _nie_ aus seinem Zimmer, und bedarf

_absolut keiner Bewegung_. Schmerzen, Melancholie, Schwächegefühle und

Langeweile kennt er nicht. Jetzt schrieb er mir kurz: „Du, ich nehme

noch immer pünktlich Dein berühmtes „Tamar“. Es ist besser als Deine

Dichtungen; die sind für mich ganz unverdaulich. Du hättest doch

vielleicht Mediziner werden sollen!“

"Semmering 1912" · 第 251 / 325 题