WAGENPARTIE

Herr Dr. P. sagte vormittags zu mir: „Darf ich Sie für den Nachmittag zu

einer Wagenpartie einladen in Ihren geliebten Ort ‚Mürzzuschlag‘?!“

„Bitte sehr,“ erwiderte ich.

Nachmittags sagte der Hotelportier: „Soll ich Ihren Jagdhund in den

Wagen bringen, Herr Doktor?!?“

„Selbstverständlich, wegen dem Hund mach’ ich ja überhaupt nur den

Ausflug — — —.“

Ich hatte bisher gedacht, er mache den Ausflug „wegen dem anderen Hund“.

Im Wagen sagte ich: „Sie, Ihr fetter Hund nimmt mir zuviel Platz ein,“

worauf ich demselben mit der vernickelten Spitze meines Bergstockes

einen Stich in die Brust gab. Der Herr sagte: „Was tun Sie meinem armen

Hunde?! Es ist ein echter englischer Pointer!“ Ich erwiderte, daß er

zuviel Platz einnehme trotz alledem. Wir kamen an einem braunen Felde

vorbei, begrenzt von kahlen grauen Buchenbäumen. Hier grasten fünf

herrlich schillernde Fasanhähne. „Willy,“ sagte der Herr zu seiner

Jagdhündin, eine Abkürzung für Wilhelmine, „Willy, da schau hin,

Fasane!“ Willy schaute überall hin, nur nicht auf die vor ihm grasenden

Fasanhähne. Wahrscheinlich sagt man von diesen Viechern nicht „grasen“,

sondern irgend einen manirierten Jägerausdruck. „Dieser Willy ist ein so

feuriger Jagdhund,“ sagte sein Herr entschuldigend, „daß ihn alles

ablenkt. Sehen Sie dort in der Ferne die Krähe?! Die lenkt seine ganze

Aufmerksamkeit auf sich, weg von den Fasanen!“ Ich dachte: „Er zahlt den

Wagen, er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen — —.“

Wir fuhren an einsamen Schmiedewerken vorüber, in welchen geschmiedet

wurde, an Holzsägewerken, in denen Holz zersägt wurde, an Mühlen, in

denen gemühlt, pardon gemahlen wurde. Ich fühlte: „Hier sollte ein

_Landerziehungsheim_ erstehen für die _moderne reifere Jugend_,

Koedukation, wo man in der Natur selbst Anschauungsunterricht genießen

könnte während einer Spazierfahrt. Zum Beispiel eine feuchte Wiese mit

einem Graben lehrt uns das so wichtige „Drainage-System“ spielend leicht

kennen. Denn wenn die Feuchtigkeit der Wiese sich in dem Graben

ansammelt, so wird die Wiese selbst trocken. Eine Art von Wiesen-pot de

chambre.“

Ich sagte dem Herrn Doktor, daß er, auch ohne ein echter englischer

Pointer zu sein, im Wagen mir viel zu viel Platz einnehme, und ich ein

nächstes Mal eine Einladung zu einer Wagenfahrt nur annehmen könne,

falls er und sein Hund zuhause blieben. Er sagte, ich hätte reizende

Einfälle und ich sei ein großer Künstler und Menschenkenner. Dies

bestätigte ich. In Mürzzuschlag angelangt, fragte uns der alte Kutscher,

der schon 50 Jahre lang hier fuhr und die Gegend nicht kannte, oder sich

in Beantwortung nichtiger Fragen über Bergnamen usw. usw. nicht

einlassen wollte, ob er „den Rosserln“ eine Jause verabreichen dürfe.

Merkwürdigerweise figurierte die Jause dann bei der Verrechnung im „Café

Semmering“ als Kaffee mit drei Stück Gugelhupf. Abends bei der Rückfahrt

war es natürlich finsterer als bei der Hinfahrt nachmittags, was der

Landschaft einen „eigenen, neuartigen, undefinierbaren“ Reiz verlieh,

den zu schildern ich aber modernen Dichtern überlassen muß.

Indem alles im Nebel verschwamm, wurde es zusehends undeutlicher. Wir

sprachen nun über das Wesen der „Frauenseele“, und ich behauptete, daß

mir eine noch so sehr geliebte und verehrte Frau durch die Bezahlung

bereits eines Kalbsgullasch mit Reis momentan unsympathisch werde. Er

nannte mich infolgedessen „exzentrisch“, während ich es mehr auf

„Lebenskunst“ zurückführen möchte. Beim Anlangen in unserem heiligen

Berghotel sagte ich: „Also, es bleibt dabei, morgen einen Wagen ohne Sie

und Ihren echten englischen Pointer — — —.“

„Nein!“ erwiderte er kurz und bündig.

"Semmering 1912" · 第 214 / 325 题