GEDENKBLATT

Es ist merkwürdig in meinem Leben. Immer dasselbe. Als ob ich nicht

älter, nicht reifer würde. Und ich bin doch schon uralt und todeskrank.

In meinem 35. Lebensjahr, an meinem heißgeliebten Gmundener See,

schlossen sich zwei Kinder, von 9 und 11 Jahren, mit ihren zarten Seelen

leidenschaftlich an mich an. Dadurch entstand meine überhaupt erste

Skizze, die ich je geschrieben habe, in der Nacht nach dem Abschied der

Kinder von mir, „9 _und_ 11“. Eines Abends erklärte die 9jährige unter

Tränen, indem sie das Nachtessen verweigerte, sie würde nichts mehr

essen, bis ich nicht zu ihnen ins Haus zöge. Daraufhin schrieb mir der

Vater, er verbitte sich von nun an jeglichen mündlichen und brieflichen

Verkehr, ja sogar den Gruß auf der Straße, da er meinetwegen doch nicht

auswandern wolle. Und so geschah es, strikte nach seinem Befehl. Acht

Jahre später erschien nach einer Burgtheaterpremiere der Vater mit

seinen, zu herrlichen Geschöpfen erblühten Töchtern an meinem Stammtisch

im „Löwenbräu“. „Ich komme zu Ihnen, denn mein Töchterchen A. hat sich

gerade so, von selbst, entwickelt, als ob Sie wirklich, ihrem heißen

Wunsch gemäß, damals zu uns gezogen wären; eine weltenferne Träumerin!“

Drei Tage später traf sie in der Kärntnerstraße, bei „Schwarz und

Steiner“, der Gehirnschlag. Sie hatte gerade vorher gesagt: „Da geht

mein Loge-Sänger „Schmedes“, mit seinem gazellenfüßigen, herrlichen

Töchterchen...!“ Sie wankte und war tot.

Ich fuhr mit den Eltern im Trauerwagen.

Da sagte der weinende Vater, der nun auch schon tot ist: „Wenn ich das

hätte ahnen können, hätten Sie vor acht Jahren unbedingt zu uns ziehen

müssen — — —!“

„Nein“, erwiderte ich, „auch wenn Sie das hätten ahnen können, wäre

Ihnen eine _tote Tochter_ lieber gewesen als eine, die den _Dichter

verehrt_!“

"Semmering 1912" · 第 187 / 325 题