11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit
auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht
mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer
Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige
Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber
mit der Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen,
was ohnedies vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe
Schneelöcher, die Dächer trieften vor glänzender Nässe, ebenso die
eisernen Straßengeländer. Schneerosenknospen wuchsen überall, man
stellte sie in Gefäße, aber sie erblühten nicht, aus irgendeinem
versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel nicht mehr, Krähen und
Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten wie im starren
Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das noch
überstehen. „Ein miserables Wetter“, sagen alle, obzwar es in seiner
Miserablität gerade _rührend schön_ ist. Die Menschen ziehen sich
zurück, wie vor einem Menschen, der nicht mehr „sein Bestes“ leistet. Es
ist nicht Fisch, nicht Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist
_rührendes Patschwetter_. Ich finde es nicht, daß es weniger anziehend
ist als der starre Winter und der helle, klingende Frühling. Der
zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig, so
unerbittlich, so zäh-fest. Die „Champions“ liebten ihn, nun sind sie von
ihm abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr
an ihm erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in
Bächlein abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr
geliebt, direkt verhätschelt, als er noch _brauchbar_ war. Jetzt könnte
man singen:
„Schnee, du wirst grau und schmutzig — — —
was ist mit dir?!
Zu nichts mehr bist du nütze — — —.
Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen
bringen?!? Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr,
verschwinde!“ Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn, und
ich werde sie pflücken und sie dir nicht geben, das heißt _äußerlich_,
vor den Menschen. Aber _vor Gott_!