Ich bin „radikal“ geworden. Ich mache mit einer mir sympathischen Dame
eine Eisenbahnfahrt von 25 Minuten nach M. Wenn sie nicht am Fenster
lehnt und in die Landschaft hinausstarrt, bin ich bereits enttäuscht,
nicht mehr ganz „à mon aise“. Sie erwartet also „anregende
Konversation“, pfui! Wenn sie sagt: „Es zieht, machen Sie, bitte, das
vis-a-vis-Fenster zu“, bin ich mit ihr fertig. Rheumatismus zieht nicht
bei mir, das ist schlechtrassig, so 1870, zur Krachzeit. Wenn ich ihr in
M. das herzige, brausende, dunkle Flüßchen zeige, muß sie entzückt sein,
ja sie muß, sie muß, sie muß! Wenn ich ihr den Frieden der langen
Dorfstraße zeige, muß sie selbst „friedevoll“ werden! Wenn ich ihr das
niedere, schneeweiße Haus zeige mit den schwarzen Eisengittern und den
vergoldeten Schleifen und sage: „Hier hatten die Generäle Napoleons des
Ersten Quartier!“, so muß es ihr wie heiliger Schauer über ihren rosigen
Rücken laufen! Billiger gebe ich es nicht. Es sind schlechte Zeiten
angebrochen für wirklich zarte Seelen, und daher muß man prüfen, ehe man
ewig Landpartien macht! Wenn sie in dem kleinen, traulichen
Dorf-Kaffeehaus ihren Tee selbst bezahlt, ist es gut. Wenn nicht, ist es
bedenklich. Wenn sie den Sonnenuntergang nicht beachtet, sondern lieber
von einem erzählt, der sie einst sehr, sehr geliebt hat, ist es
vollkommen verfehlt. Auch der Rauch der Lokomotiven sogar hat sie zu
interessieren. Wenn sie sagt: „Ich möchte nicht gar zu spät nach Hause
kommen“, so ist es falsch. Mit mir kommt man immer _zu früh_, und nie zu
spät nach Hause. Auf der Rückfahrt hat sie eine andere zu sein wie auf
der Hinfahrt! Wie sie das macht, ist _ihre_ Sache! In dem „langen
Tunnel“ hat _nichts_ zu geschehen! Aber sie hat es innerlich zu
bedauern, _daß_ es so war! Ich bin „radikal“ geworden. Eine Fahrt von 25
Minuten; Aufenthalt; retour — und ich weiß alles!