Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind
gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis
alles geschehen sein wird, der _geordnete sichere_ Frühling, dann erst
werden sie ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter
den Gewächsen, so Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu
hoffnungsvoll, stecken den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon
machen, zum Teufel!, und, hast du nicht gesehen, sie verwelken! Aber die
Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal anfangen, grün zu werden, dann,
dann gibt es _kein Zurück mehr_, verstanden?! Und dann bis in den
Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht etwas Ähnliches,
erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten Vogelbeeren,
die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!
Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft:
„Zum Essen!“ Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die
„gewöhnlichen Ausgaben“ übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So
hatten wir in unserer Kindheit Sonntags stets „Juliennesuppe“, Poulard
mit Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft
war nie gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn
meine Mama hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu
blamieren, indem sie erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft,
direkt aus der Originalflasche, _unverdünnt_ serviert! Viele Damen
hielten sie infolgedessen für verschwenderisch, ja sogar in gewisser
Hinsicht für exzentrisch. Andere aber bewunderten sie als eine Art von
zwar unverständlichem, aber dennoch höherem Wesen; Himbeersaft direkt
aus der Originalflasche!?
Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein
Plakat für „Wildreichtum der umliegenden Waldungen“! Es schnuppert wie
eine Ziege, es denkt: „Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich
wenigstens kulinarisch genießen!“
Im „Kino“ schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel
geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom
Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: „Ist der
Lüster jetzt gestorben?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „er hat sich nur ein
bißchen weh getan!“
Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es
nach dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger
Geburtstag. Aber ich darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die
Herren Eltern es nicht erlauben, zweitens, weil ich weder ihren Namen
noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe sie gehen gesehen, das genügt für
meinen _Turmfalkenblick_! Ich würde ihr schreiben: „Dante Alighieris
Beatrice, 1912“! Aber wozu?! Bin ich Dante?! Nach 500 Jahren soll man
sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele hat _Zeit_, über
ihren eigenen Tod hinaus zu _warten_! —