Ich hielt diese Fünfzehnjährige wirklich für ein Ideal slawischer
Schönheit, Stumpfnase natürlich, aschblondes Haar, hechtgraue oder
taubengraue Augen. Alles an ihr gefiel mir, und nichts an ihr mißfiel
mir. Ihr Schweigen war düster-merkwürdig, ihre Interesselosigkeit an den
Dingen des Lebens erschien mir wie die versteckte Weisheit eines
vorausahnenden, gleichsam seherischen jungen Geschöpfes, an das doch
heutzutage, wie die Dinge einmal stehen und liegen, sich in jedem
Augenblick _irgendeine Niederträchtigkeit_ heranschleichen könnte! Aber
vorläufig war sie geborgen, beschützt, geborgen! Nun, trotz alledem war
ich nur ein kühler Beobachter, den das alles absolut gar nichts anging,
und der sich höchstens einmal zu einem Veilchensträußchen für 60 Heller
aufschwang. Ich sagte zwar, es habe eine Krone gekostet, aber mit gutem
Recht, da die Prozente, die mir die Blumenhändlerin als einem Dichter
gab, eine Privatangelegenheit bilden für sämtliche Beteiligte. Nun,
eines Tages bat mich die Süße, ob sie für ein Stündchen in meinem
Zimmerchen ausruhen dürfe, während ich auf dem Spaziergang befindlich
wäre. Ich erlaubte es ihr. Als ich abends mein Zimmer betrat, lagen,
nett angeordnet im Kreise, sieben Haarnadeln auf der weißen Marmorplatte
meines Nachtkästchens, als stiller Dank für die Beherbergung. Seitdem
bin ich ein anderer Mensch geworden. Diese kindlich-zarte,
spielerisch-nette Romantik hat mich gerührt. Diese sieben Haarnadeln
sind etwas Positives von ihr, sie befanden sich vordem in ihren
aschblonden seidenweichen Haaren. Ich empfand es als eine kolossale
Belohnung, ich bewahrte die Haarnadeln in Seidenpapier und schrieb das
Datum darauf. Ich nehme sie oft heraus und betrachte sie. Ich bin kein
objektiver Beurteiler mehr seitdem. Ich denke immer, wie nett sie diese
sieben Haarnadeln im Kreise angeordnet hatte, wie eine Zeichnung für
Anfänger, strahlender Stern. Ich werde mich schon wieder „zur
Objektivität“ durchringen, denn es ist das Einzige, was man hat, wenn
man gar nichts hat!