MEIN GRAUER HUT

Der Märzwind klagt durch die winter-erfrorenen rostroten Gebüsche. Über

die grauen Wiesen bürstet er grauen Märzstaub auf, zieht in die Wälder

hinauf, um rotes starres Laub zum Rascheln zu bringen, zum

Vorfrühling-Tanze!

Neben mir liegt mein geliebter grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hütchen.

Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe, an _Alles_! Ich habe

ihn in Mürzzuschlag gekauft, nach langem Suchen, er ist mein Ideal-Hut.

Nun blicke ich ihn an, in tiefster Zärtlichkeit, als ob er noch die

hellen scharfen Lüfte und Düfte vom Semmering-Paradiese in seinem

Filzgewebe berge. Ja, _für mich_ birgt er sie, alle die Schätze, die

mein Auge dort droben in der lichten scharfen Luft in sich

hineingetrunken hat, auf der Beton-Terrasse, 6 Uhr morgens, mit sonnigem

Wiesennebel und dem Mürz-Nebel-Strom ins Haidbachtal, weiß und

leuchtend, ein Märchen-Strom! Und abends die goldenen Wolken im Mürztal;

und immer, immer war es _noch_ schöner als am Vortage, und meine Seele

war reich durch Begeisterung. Nichts entging mir von Gottes Pracht.

Nun denke ich an das Holdeste, Klara und Franziska Panhans, Magda

Simon, Eva Leopold, Frau Machlup, ebenfalls Gebilde der

gütigen edel-gestaltenden Natur! Für alle hatte ich den Blick

fanatisch-zärtlicher Begeisterung! Nun aber bleibt mir nur mein kleiner

grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hut; er liegt vor mir, unscheinbar,

nichtssagend. Mir aber scheint die untergegangene Sonnenwelt „Semmering“

daraus entgegen, und sagt mir „adieu“, adieu für immer — — —. Weshalb

dieses Schicksal?! Ich weiß es nicht — — —.

"Semmering 1912" · 第 161 / 325 题