SO SIND WIR

Wir wollen aufrichtig sein, vor allem diesmal ich, Sophie B.; vielleicht

für alle meine Mitschwestern. Nichts ist rätselhafter für uns, als es zu

sehen, wie jemand uns gar nicht mehr lieb hat! Gar nicht mehr ein

bißchen. Wir machen da sozusagen _nachträglich_ alle seine Qualen mit,

und alle unsere _vollkommen unnötig gewesenen_ Grausamkeiten,

Ungezogenheiten, Rücksichtslosigkeiten usw. usw. Wie ein schreckliches

Bild zieht es an uns vorüber, nebelhaft, und dennoch schreckhaft

_deutlich_! Ja, wir waren Königinnen, wie Chinas mysteriöse

Beherrscherin einst, und nun sind wir entthront! Man bittet uns nicht

mehr um Gottes willen um eine Haarlocke, man versucht es nicht mehr,

unser Knie unter dem Tisch sanft zu berühren! Wir sind entthront,

_entwertet_ und verstoßen! Wir haben uns „Herzen“ entfremdet; und Gott

will das nicht. Das heißt, Er hat nichts dagegen, falls es sein muß,

aber es soll _in Seiner Milde, in göttlicher Milde_ vor sich gehen, so

zart behutsam, daß wir alle Tränen trocknen, die seit Monaten um uns

geflossen sind! Mit Kranken schreit man nicht herum! Wir haben nie seine

Briefe verstanden, in denen er uns doch _ganz verständlich_ mitteilte,

er habe _unseretwegen_ die ganze Nacht geweint. _Jetzt_ verstehen wir

diese Briefe, die wir bereits zerrissen haben!

Also, da sitzt er nun vor uns, der einst ein Narr in unseren Augen war,

und unsere ausgespuckten Traubenschalen liebevollst in seinen Mund nahm!

Da sitzt er nun vor uns. Wir sind ihm nichts. Er schaut, und ist selbst

verständnislos geworden!

Oh — — — oh — — —! Wie schade!

Unser Atem ist ihm nicht mehr süß — — — vielleicht ekelt er ihn sogar

— — —!

"Semmering 1912" · 第 160 / 325 题