Meine Mama wollte „ein großes Haus“ führen, um ihre wunderschönen
Töchter reich zu verheiraten. Das nahm ich ihr übel. Denn, wenn es
gelingt, ist es wie ein Haupttreffer auf eine in der Tabaktrafik
gekaufte Promesse. Ich bin gegen das „Spiel“ im Leben. Man riskiert zu
viel. Das ist es. Also, wie gesagt, ich war sehr dagegen. Aber in meiner
Kindheit hatte ich einen vollkommen krankhaften Fanatismus für sie, und
meine Liebe zu ihr war keine ruhig-selbstverständliche eines guten
anhänglichen Kindes, sondern zehrte an mir, wie wenn ich ein unglücklich
Liebender wäre, der an „inneren Zärtlichkeitsgefühlen“ zugrunde geht,
während doch Mama mich sehr, sehr, sehr lieb hatte und meinen
„kindlichen begeisterten Blick“ zu würdigen verstand. Oft sagte sie: „Du
dummer Kerl, was willst du denn, ich hab’ dich ja so wie so riesig gern
und außerdem bin ich mit dir sehr zufrieden, der Hofmeister, die
Gouvernante, der Violinlehrer und Mr. Palotta, alle, alle loben und
lieben dich — — —.“ Aber meine Zärtlichkeit für Mama _zehrte_ an mir.
Vor ihr niederknien und den Saum ihres Kleides mit den Lippen berühren,
daran dachte ich nicht. Ich sah sie an und war voll übertriebener
Zärtlichkeit, als ob ich noch überhaupt bewußtlos in ihrem Schoße läge,
von ihren Kräften innerlichst behütet, genährt, gepflegt, so vorzeitig
herausgestellt in eine Welt, in die ich _noch nicht_ hineingehörte!
Mama! Mama! Als ich mit zehn Jahren, gerade der Primus im Gymnasium, an
einer Fußbeinhautentzündung schwer erkrankte, hatte sie ein Jahr lang
ihr Bett neben dem meinen und nahm nächtelang meine Seufzer in ihr Herz
auf. Nachmittags sang sie im Nebenzimmer Schubertlieder. „Ihre Stimme
klingt etwas ermüdet!“ sagte der liebevolle junge Gesangsmeister. „Mein
Sohn hat heute Nacht wieder sehr gestöhnt“ erwiderte sie. Eines Tages
sagte Professor Dittel: „Es muß geschnitten werden, der Fuß ist ganz in
Eiterung.“ Da saß sie nachmittags an meinem Bette und zupfte aus
Leinwandfetzen Charpiewolle. „Was machst du da, Mama?!“ — „Daß die Zeit
vergeht“ erwiderte sie. Am nächsten Tage sagte Professor Billroth: „Ich
pflege in einem solchen Falle noch nicht zu schneiden, es wird sich
aufsaugen!“ Da kniete meine Mama vor meinem Bette nieder, aber nur für
einen Augenblick. Dann ging sie ins Nebenzimmer und spielte und sang am
Klavier die „Forelle“ von Schubert. Der Gesangsmeister sagte: „Heute
klingt Ihre Stimme frischer, Sie dürften gestern eine ruhigere Nacht
gehabt haben!“ — „Nein,“ sagte sie, „aber ich werde sie heute nacht
haben!“