Ich hatte mein ganzes Leben lang von den _Dolomiten_ gehört, einem
„Märchen der Natur“. Nun kam ich, per Auto, halb 8 Uhr abends, 11.
August, in Toblach an. Eine riesige ungepflegte, ja verwahrloste
Bergwiese, die ein feenhafter Berggarten leicht hätte sein können. Ich
ging ein paar Schritte die Fahrstraße entlang, die ins Gebirge, Monte
Cristallo, führt. Ich sah in die weiße Waldstraße hinein, und war ganz
ergriffen. Jahrelang im „Café Central“, Ecke Herrengasse—Strauchgasse,
und nun am Eingang in die „Dolomiten“! Ich sah Wälder im Abendschatten
und in der Ferne einen leuchtenden riesigen Felsen. Ich kehrte zurück
und dachte mir die riesige schrecklich ungepflegte Bergwiese vor dem
Riesenhotel, bewachsen mit Zirbelkiefer, Rhododendron, Speik, so ein
botanischer Berggarten, mit Murmeltieren und Schneehasen. Aber Toblach
begnügt sich, ein „Eingang“ zu sein, und selbst die Geschäftsläden
erinnern an „Praterbuden“. Nur irgendwo sah ich in einer
Ansichtskartenbude eine 14jährige Verkäuferin. Ich blickte sie an: „Du,
du allein paßt in diesen Dolomiten-Märchen-Eingang!“ Da ich den schönen
grauen Gems-Kaiser-Lodenhut auf hatte und sehr gebräunt war, blickte sie
mich freudig-erstaunt an. Ich wollte etwas sagen, das heißt, ich wollte
eben gar nichts sagen, aber als die Ansichtskartengeschäfte abgewickelt
waren, blickte ich sie noch immer gerührt an. Sie sagte auch nichts,
aber sie spürte ihre Wirkung auf mich. Es war nicht sehr lange, und doch
vielleicht oder wahrscheinlich eine besondere Welt, die nie nie mehr
wiedererstehen wird. Es ging nicht an, sie länger anzublicken. Und
infolgedessen ging ich. Ich lüftete nicht den Hut, damit sie nicht sehe,
daß ich kahlköpfig sei; denn ich mußte auf ihre Träumereien Rücksicht
nehmen, daß ein verhältnismäßig apart aussehender Herr sie beim
Ansichtskartenverkaufe liebevollst angeblickt hatte — — —. So wie wenn
er ihr Glück wünschte zu ihrem künftigen Schicksale und sie getreulich
segnete mit seinen Augen. Sie hat gewiß niemand davon erzählt, was gäb’
es auch darüber zu erzählen?! Und doch blieb es in ihr. Und doch wird
sie, unmittelbar vor einem ersten Kuß der Jugendsinne fühlen: „Nein! Ich
sehe nicht auf Deinem Antlitz, Mann, den Zug von Rührung, den der fremde
Herr mit dem grauen Gemsjagd-Kaiser-Lodenhute damals hatte — — —.“ Am
nächsten Morgen ging es nach Cortina. Rotgraue Bergwelt, sei bedankt,
gesegnet! Es türmt sich auf, lichtgrau und rosig, es wächst ins
Himmelblau hinein und überall ist Friede — — —.